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Für eine materialistische Wende

200 Jahre nach Marx’ Geburt bestimmt das Sein immer noch das Bewusstsein - aber es ist alles nicht so einfach.

Der Lehrbuch-Marxismus hat dafür gesorgt, dass der Begriff des „historischen Materialismus“ heute nur noch als Karikatur herumgeistert. Die Argumentation ging in etwa folgendermaßen: Die Abfolge der Gesellschaftsformationen – Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus, bürgerliche Gesellschaft, Sozialismus –  gehorcht einem Entwicklungsgesetz, kulturelle und politische Umgangsformen lassen sich aus der ökonomischen Basis ableiten, letztere wiederum ist Ausdruck des technischen Entwicklungsstandes. Ein deterministisches Geschichtsverständnis und ökonomistischer Reduktionismus waren Ausdruck dieses verstümmelten Materialismus. Hinterher geschoben wurden dann gern auch noch ein weiterer völlig verkürzter Lehrsatz: Das Sein bestimmt das Bewusstsein.

Dass das alles so simpel nicht sein kann, lag vermutlich schon im 19. Jahrhundert auf der Hand. Schon damals folgten die Produktionsverhältnisse in vielen Ländern keineswegs mechanisch der Entwicklung der Produktivkräfte. China etwa war Europa technologisch über Jahrhunderte voraus gewesen, hatte sich aber dennoch die alten feudalen Verhältnisse bewahrt. Und auch das mit dem vom Sein determinierten Bewusstsein musste komplizierter sein, sonst hätte sich der Fabrikantensohn Friedrich Engels kaum der Arbeiterinnenbewegung verschrieben. Doch worauf zielte die materialistische Methode dann ab? Um das zu begreifen, muss man reflektieren, wovon Marx sich abgrenzte. Gut nachvollziehen lässt sich das anhand der früh, nämlich 1846 verfassten „Deutschen Ideologie“, in der Marx und Engels ihr philosophisches Programm umrissen. Sie wenden sich darin gegen die – damals ausgesprochen progressive – Religionskritik der Junghegelianerinnen und werfen diesen vor, an der falschen Stelle anzusetzen.

Nina Prader © 2017 Poster Series

Der Philosoph Ludwig Feuerbach und seine Mitstreiterinnen glaubten, die Gesellschaft ändern zu können, indem sie Religion und Ideen attackierten. Tatsächlich jedoch müsse eine Gesellschaftskritik von einer Kritik der Lebensverhältnisse ausgehen, schrieben Marx/Engels. Sie  umreißen ihr Projekt so: „Ganz im Gegensatz zur deutschen Philosophie, welche vom Himmel auf die Erde herabsteigt, wird hier von der Erde zum Himmel gestiegen. D.h., es wird nicht ausgegangen von dem, was die Menschen sagen, sich einbilden, sich vorstellen, auch nicht von den gesagten, gedachten, eingebildeten, vorgestellten Menschen, um davon aus bei den leibhaftigen Menschen anzukommen; es wird von den wirklich tätigen Menschen ausgegangen und aus ihrem wirklichen Lebensprozess auch die Entwicklung der ideologischen Reflexe und Echos dieses Lebensprozesses dargestellt. (…)

Die Moral, Religion, Metaphysik und sonstige Ideologie und die ihnen entsprechenden Bewusstseinsformen behalten hiermit nicht länger den Schein der Selbständigkeit. Sie haben keine Geschichte, sie haben keine Entwicklung, sondern die ihre materielle Produktion und ihren materiellen Verkehr entwickelnden Menschen ändern mit dieser ihrer Wirklichkeit auch ihr Denken und die Produkte ihres Denkens. Nicht das Bewusstsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewusstsein.“ (Marx / Engels 1958, S.26f)

Es ist kompliziert(er)

Diese Thesen könnten auch heute geschrieben sein und sich gegen die Flut diskursanalytischer Forschungen richten – vieles an dem Einwurf wäre  immer noch richtig. Doch umgekehrt gibt es auch Einwände: Die Bewusstseinsformen prägen auch die „materielle Produktion und ihren materiellen Verkehr“. Max Webers Beobachtungen zur protestantischen Ethik sind der wahrscheinlich prominenteste Nachweis davon, dass die Beziehungen von Ideen und ökonomischen Verhältnissen wechselseitig oder, ‚marxistisch‘ ausgedrückt, dialektisch sind.

»Machte es sich Marx mit seiner materialistischen Methode also zu einfach?«

Machte es sich Marx mit seiner materialistischen Methode also zu einfach? Man muss sich erneut vergegenwärtigen, wogegen er Mitte des 19. Jahrhunderts anschrieb. Er hatte die Aufklärerinnen vor Augen, die die politische Form aus den Entscheidungen freier denkender Subjekte herleiteten und dabei nicht hinterfragten, wie das Handeln und das Denken der Einzelnen von den gesellschaftlichen Bedingungen konditioniert wurden. „Meine Untersuchung mündete in dem Ergebnis, dass Rechtsverhältnisse wie Staatsformen weder aus sich selbst zu begreifen sind noch aus der sogenannten allgemeinen Entwicklung des menschlichen Geistes, sondern vielmehr in den materiellen Lebensverhältnissen wurzeln, deren Gesamtheit Hegel, nach dem Vorgang der Engländer und Franzosen des 18. Jahrhunderts, unter dem Namen ‚bürgerliche Gesellschaft‘ zusammenfasst, dass aber die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft in der politischen Ökonomie zu suchen sei. (…) Das allgemeine Resultat, das sich mir ergab und, einmal gewonnen, meinen Studien zum Leitfaden diente, kann kurz so formuliert werden: In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen.“ (Marx 1971, S.8)

Das Erbe der Aufklärung

Die schematische Geschichtsvorstellung, die den Marxismus so negativ begleiten sollte, war also durchaus angelegt, doch die Untersuchungsabsicht von Marx war viel komplexer als der Lehrbuch-Marxismus: Die Aufklärerinnen, zu deren unmittelbaren Erben Marx zählte, hatten geglaubt, dass sich der historische Fortschritt durch die Bildung der Individuen und die Entwicklung der politischen Regierungskunst einstellt. Marx kritisierte das als naiv und machte deutlich, dass es die Lebens- und im Besonderen die Eigentumsverhältnisse waren, die die politischen Formen der bürgerlichen Gesellschaft bestimmten und in ihr beständig für Unmündigkeit und Unfreiheit sorgten. Seine materialistische Methode sollte also aufzeigen, dass sich erstens die Gesellschaft nicht durch gute oder schlechte Ideen weiterentwickelt, sondern durch soziale Konflikte, und dass zweitens der Einzelne kein freies Subjekt darin ist, sondern ebenfalls gesellschaftlich „produziert“ wird, also Ergebnis und Ausdruck der Verhältnisse ist. Schon in der „Deutschen Ideologie“ hat Marx ein komplexes, sprich: dialektisches Verständnis von den Zusammenhängen.

Marx leitet die gesellschaftliche Entwicklung und ihre politisch-kulturelle Form nämlich nicht einfach von der Ökonomie ab, sondern nimmt in den Blick, wie der technische Entwicklungsstand (die Produktionskraft), die gesellschaftliche Organisationsform (die Produktionsverhältnisse) und das Bewusstsein der Menschen in Widerspruch zueinander geraten.

Computer Arbeit Nina Prader
Nina Prader © 2017 Poster Series

Zentrale Bedeutung hatte für ihn dabei die Existenz von Klassen. Die eigentliche Kernaussage des „historischen Materialismus“ ist also, dass die Widersprüche zwischen oben und unten, zwischen technischer Produktionskraft und Eigentumsordnung, zwischen arbeitsteiliger, vergesellschafteter Lebensweise und dem individualisierten Bewusstsein, die Gesellschaft unablässig zerreißen und damit eine ungeheure Dynamik in Gang setzen. Oder im O-Ton: „Wir erhalten aus diesem ganzen Dreck nur das eine Resultat, dass diese drei Momente, die Produktionskraft, der gesellschaftliche Zustand und das Bewußtsein, in Widerspruch untereinander geraten können und müssen, weil mit der Teilung der Arbeit die Möglichkeit, ja die Wirklichkeit gegeben ist, dass die geistige und materielle Tätigkeit – dass der Genuss und die Arbeit, Produktion und Konsumtion, verschiedenen Individuen zufallen, und die Möglichkeit, dass sie nicht in Widerspruch geraten, nur darin liegt, dass die Teilung der Arbeit wieder aufgehoben wird.“ (Marx / Engels 1958, S.32)

Die Macht der Sprache

Der kritische Marxismus – in den Linien von Antonio Gramsci, Louis Althusser oder Nicos Poulantzas, aber auch der Frankfurter Schule – hat im Anschluss daran immer das Konzept von wechselseitigen Verschränkungen stark gemacht. Die Entwicklung der Gesellschaft ist nicht ökonomisch oder technisch determiniert, sondern konditioniert; angetrieben wird sie durch soziale Konflikte. Die kulturellen und politischen Strukturen besitzen dabei gegenüber der materiellen Basis eine „relative Autonomie“ und können auch fortbestehen, wenn die materiellen Voraussetzungen, die sie ermöglichten, längst wieder verschwunden sind. Ein derartiger Materialismus kann dialektische Beziehungen zwischen Bewusstsein und Tätigkeit, zwischen Idee und materieller Produktion sehr gut beschreiben.

»Die Entwicklung der Gesellschaft ist nicht ökonomisch oder technisch determiniert, sondern konditioniert; angetrieben wird sie durch soziale Konflikte«

Doch warum sollte man sich überhaupt bemühen, den materialistischen Ansatz zu rehabilitieren? Ich würde das mit der Wende begründen, die die kritischen Gesellschaftswissenschaften in den 1980er Jahre erfasste und die ich vereinfachend unter dem Stichwort linguistic turn fassen möchte. Damals setzte sich in einem wichtigen Teil der wissenschaftlichen Linken der Ansatz durch, Geschichte nicht mehr als Abfolge ökonomischer Formationen zu beschreiben, sondern anhand von Wissenssystem und diskursiven Regeln, die darüber entscheiden, was in einer Gesellschaft wie und von wem gesagt wird und gesagt werden kann.

Der verschwundene Horizont

Als zentrale Figuren in dieser Wende hin zu einem sprachwissenschaftlichen Fokus kann man neben Michel Foucault, zumindest was ihre Relevanz für politische Debatten auch außerhalb der Universitäten angeht, sicherlich Jacques Derrida, Judith Butler oder in den letzten Jahren Ernesto Laclau und Chantal Mouffe nennen. Auch der linguistic turn ist komplexer und vielschichtiger als seine Lehrbuchzusammenfassungen. Foucault etwa ging von der politischen Frage aus, warum sich Zwangseinrichtungen wie Gefängnis, Irrenhaus oder Schule in den sozialistischen Ländern so wenig von denen im Kapitalismus unterschieden und wollte die „Mechanik der Macht“ analysieren. Dementsprechend ging es ihm keineswegs in erster Linie um Sprache oder Wissenssysteme. Sein Interesse war viel breiter angelegt – er beschäftigte sich mit Gefängnisarchitekturen, dem Funktionieren der Justiz, physischen Züchtigungsinstrumenten zur Erziehung der Körper, merkantilistischer Wirtschaftspolitik und vielem anderen mehr.

Und doch lässt sich durchaus konstatieren, dass der linguistic turn, wie er im Wissenschaftsbetrieb wirkungsmächtig wurde, dazu geführt hat, dass Studierende und Wissenschaftlerinnen heute auf sehr hohem Abstraktionsniveau darüber sprechen, wie sie sprechen und inwiefern dieses Sprechen Macht reproduziert, gleichzeitig aber ökonomische Kategorien, die zum Verständnis von Herrschafts- und Ungleichheitsverhältnisse unverzichtbar sind, bei ihnen spürbar an Bedeutung verloren haben. Dazu kommt außerdem, dass sich so etwas wie eine diffuse Perspektive einstellt. Ich möchte das anhand eines Essays des französische Philosophen Geoffroy de Lagasnerie illustrieren, der mir repräsentativ dafür erscheint, wie sich die Abkehr von der materialistischen Methode auswirkt.

De Lagasnerie (2017), der in Frankreich als eine wichtige Stimme engagierter Wissenschaft gilt, schreibt: „Wir leben in einer inkohärenten Welt. Das Wichtigste, was wir in den siebziger Jahren von Foucault gelernt haben, ist, dass die Macht zerstreut ist. Es gibt keine grundlegende Einheit der Gesellschaft. Es gibt nicht einmal eine Gesellschaft . Es gibt keine zentrale Macht, die jeden Aspekt unserer Existenz beherrscht (…) Die Rhetorik von «Commons», Besetzung und Volk, von «Konvergenz der Kämpfe» schafft einen höchst paradoxen politischen Rahmen. Sie bildet einen Horizont, der radikale Politik definiert und ein einziges Ziel festlegt, für das jede politische Bewegung kämpfen sollte. Doch ein solch einheitlicher Horizont ist unmöglich, und zwar nicht, weil er unerreichbar wäre oder ein zu ambitioniertes Ziel darstellt. Es gibt diesen einheitlichen Horizont schlichtweg nicht, er kann gar nicht existieren!“

Es geht ums Ganze

So oder so ähnlich argumentieren heute viele kritische Gesellschaftswissenschaftlerinnen. Sie untersuchen eine Vielzahl von Machtverhältnissen, aber erkennen keinen Gesamtzusammenhang mehr. Eine komplexe, plurale, ausdifferenzierte Gesellschaft mit vielfältigen Lebensweisen – so sieht sich auch die aufgeklärte bürgerliche Gesellschaft selbst gern. Aber stimmt das? Das Charakteristische an der Lage heute scheint mir doch eher darin zu bestehen, dass wir zwar unsere Differenz – Nationalität und Religion, Kultur und Milieu, sexuelle Identität oder Präferenz – betonen wie noch nie, gleichzeitig aber unsere Lebensweise auf nie dagewesene Weise homogenisiert ist.

»Die Finanzkrise ab 2008 stürzte hunderte Millionen Menschen weltweit in die Armut«

Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte leben wir in einem echten Weltsystem, das den Globus umspannt und die Handlungen von Menschen in fast allen Lebensbereichen strukturiert. Auf der Fahrt im SUV zum Shopping Center unterscheidet sich der saudiarabische Fundamentalist nicht vom Trump-Anhänger in den USA, während sich die ökonomisch Überflüssigen der industriellen Überproduktion dort wie hier mit kleinen Dienstleistungen, wie Scheibenputzen, über Wasser zu halten versuchen. Die Finanzkrise ab 2008 stürzte hunderte Millionen Menschen weltweit in die Armut, und die Güter, die wir konsumieren, sind in weltumspannenden Produktionsketten hergestellt. Gibt es wirklich keine grundlegende Einheit der Gesellschaft?

Das Zeitgemäße an der materialistischen Methode von Marx besteht nicht zuletzt darin, dass sie aufzeigt, wie hinter unserem Rücken und ohne unser Bewusstsein ein Gesamtzusammenhang produziert wird, den wir in der Krise fürchterlich zu spüren bekommen. Sie macht sichtbar, dass der Kapitalismus einerseits universell ist, andererseits fortlaufend soziale Spaltungen produziert. Und dass diese Spaltungen – werden sie ethnisch, religiös oder national kanalisiert – regelmäßig zu tragischen gewaltsamen Auseinandersetzungen führen, wenn sie nicht emanzipatorisch gewendet werden. In dieser Hinsicht scheint mir die materialistische Methode bestens geeignet, um unsere Lage im 21. Jahrhundert zu beschreiben: 1) Die sich verschärfenden sozialen Ungleichheiten und den allgemeinen Trend zur Intensivierung von Verteilungskämpfen, 2) die globale Zunahme von „Überflüssigen“ im Windschatten der weiterhin rasant steigenden Produktivitätszuwächse, 3) den sich immer deutlicher abzeichnenden Widerspruch zwischen der begrenzten Natur des Planeten und der auf Unendlichkeit angelegten Verwertungsspirale, 4) die wachsende Spannung zwischen der Einebnung der Differenz im Rahmen des Weltmarkts und seiner Produktionsnetzwerke und der Hervorhebung von Differenz zur Legitimation der sozialen Spaltung.

Meine These wäre, dass wir diese ökologischen, sozialen, militärischen und politischen Krisen der Gegenwart nur mit einem materialistic turn verstehen können. Zwar sind die vielfältigen Krisen keineswegs alle vom Kapitalismus verursacht (selbstverständlich haben Bürgerkriege im Nahen Osten auch politische und religiöse Dimensionen, selbstverständlich ist die ökologische Krise auch Ausdruck eines utilitaristischen Naturkonzepts), aber sie werden doch alle von diesem verschärft. Eine materialistische Wende würde uns erlauben, den Gesamtzusammenhang zu erkennen und zu begreifen, dass es materielle Interessen konkreter gesellschaftlicher Gruppen (und nicht in erster Linie falsche Ideen) sind, die uns davon abhalten, diesen Zusammenhang zu benennen.

Raul Zelik

Raul Zelik ist Schriftsteller, Politikwissenschaftler und Aktivist