Quelle: YouTube · 26. Juni 2018

Die Youtube-Mütter

Eine digitale Generation wird erwachsen. Und macht vor laufenden Kameras selbst das Schwanger-Sein zu einem Produkt.

Meine Twitter-Timeline wird regelmäßig von Donald Trump und Jens Spahn erschüttert. Kürzlich schaffte es aber auch eine ganz profane Angelegenheit in diesen Mikrokosmos: Bibi ist schwanger! Bibi, das ist eine junge Frau, die seit 2012 auf einem Youtube-Kanal Schminktipps gibt und mehr als 5 Millionen Abonnentinnen hat. Schon einige Male hatte sie ihren Freund, Julian, in einem Video gepranked und vorgegeben, schwanger zu sein. Jetzt ist es also tatsächlich soweit.

Bianca „Bibi“ Heinicke ist 1993 geboren und gehört damit zu denjenigen, die den Altersdurchschnitt für Schwangerschaften nach unten treiben. Aktuell stellt sich für Bibi und Julian natürlich die Frage, ob sie heiraten werden. Sicher wird es ein Video über die Hochzeitsdeko und über das Kleid geben. Gerade in unsicheren Zeiten gehen die Statistiken fürs Heiraten und Kinderkriegen nach oben. Das macht sich natürlich auch im Netz bemerkbar, wo sich seit Jahren eine ganz eigene Industrie entwickelt: unzählige junge Frauen halten ihren Drogerieeinkauf in die Kamera und „testen“ bereitwillig Produkte, sprich: sie machen günstige Werbung für die Firmen.

Win-Win könnte man sagen, denn die Produkte kommen „authentischer“ rüber und die Videomacherinnen erhalten die Produkte umsonst und/oder zusätzlich ein Honorar. Für die Konsumentinnen, die zur Beauty-Bloggerin ein quasi-freundschaftliches oder fan-mäßiges Verhältnis aufbauen, ist es deshalb schon eine Frage der Ehre, jetzt auch diese Gesichtsmaske oder jenes Make-Up zu kaufen. Der Umsatz für Kosmetik steigt in Deutschland Jahr für Jahr, insbesondere bei Jugendlichen. Sicher nicht nur wegen der YouTube-Videos, aber sie erreichen die Zielgruppe junger Frauen mittlerweile besser als jedes andere Medium.

»Meine ganze Generation kommt in den zwiespältigen Genuss alles, aber auch wirklich alles für Mutter und Kind kaufen zu können«

Nun ist Bibi nicht die einzige, die sich von der  Beauty-Bloggerin zur Mutter mausert. Schon Saskia aus Saskias Beauty Blog, die ehemalige Germany’s Next Topmodel-Teilnehmerin Anna Maria Damm oder Isabell Horn, Schauspielerin aus Gute Zeiten Schlechte Zeiten, haben ihre gesamte Schwangerschaft plus Geburtsbericht und erste Wochen mit dem Baby in Videos festgehalten. Dadurch öffnet sich auch eine Tür in eine neue Industrie: Bio-Babysachen, französisches Spielzeug, nachhaltige Windeln, Designer-Kinderwagen im Wert eines kleinen gebrauchten Autos. Die Produktpalette ist riesig und der Online-Handel boomt. Meine Generation kommt in den zwiespältigen Genuss alles, aber auch wirklich alles für Mutter und Kind kaufen zu können. Dabei gibt es keine Unterscheidung mehr zwischen dem, was wirklich gebraucht wird und dem, was als neues Bedürfnis durch die Werbung überhaupt erst produziert wird.

Den frischgebackenen YouTube-Müttern kann man nicht vorhalten, dass sie ihr Geschäft schlicht weitertreiben – nur eben mit anderen Produkten. Für die Millionen Zuschauerinnen allerdings gibt es kein Honorar, sie sind als Konsumentinnen der willkürlichen oder gekauften Meinung ihrer liebsten Youtuberin „ausgeliefert“. Ausgeliefert insofern, als dass eben aufgrund der schlechten Betreuungssituation kaum besserer Rat verfügbar ist. In Deutschland herrscht akuter Hebammen-Mangel. Zum einen, weil die Geburtenrate steigt und zum anderen, weil die zumeist freiberuflich tätigen Hebammen oft nur in Teilzeit arbeiten und sich in den vergangenen zehn Jahren die Haftpflichtprämien verfünffacht haben, was den Beruf nicht attraktiver macht. Zudem ist die Wochenbettbetreuung extrem knapp kalkuliert: Die Krankenkassen gehen für die Betreuung von 20 Minuten aus, was in der Realität ein Witz ist. Wie viele Mütter sitzen dann ohne Hilfe beim Stillen, Wickeln usw. Anstelle der professionellen Betreuung gibt es eine Schwemme an Informationen durch mehr oder weniger fundierte Ratgeber oder eben durch die Videos und Blogs, deren Expertise letztendlich auf die Popularität der Person, die den Kanal betreibt, begrenzt ist.

Das ist als neue Bewegung nicht nur zu verteufeln: wie viel unprofessionellen Rat bekam man vorher eben von der Mutter, Schwiegermutter oder Freundin? Die Expertise, die solchen Tipps zugrunde liegt, ist auch nicht unbedingt  weitreichender. Ich habe meinen Geburtsvorbereitungskurs übrigens auch durch ein Youtube-Videos ersetzt und das Problem mit der schlechten Versorgung so umgangen (außerdem graute mir vor der schrecklichen sozialen Situation, dort mit anderen Paaren auf einer Matte prusten zu müssen). Das ist kein Appell gegen die Arbeit von Hebammen – ganz und gar nicht – nur können wir natürlich auch überlegen, welche Informationen gut über ein Video transportiert werden können, und welche vielleicht besser nicht.

Zum Beispiel machte die vorhin genannte GZSZ-Schauspielerin auch Frage-Videos mit ihrer Hebamme zusammen. Dort sprachen sie – wie viele andere Youtuberinnen übrigens auch – die unangenehmen Dinge nach der Geburt an, die sich sonst die wenigsten trauen ihrer Frauenärztin oder Hebamme zu stellen. Hier hilft die Anonymität des Netzes durchaus. Überrascht kann man sein, wie ungefiltert und gnadenlos die Frauen über Schmerzen, Unsicherheiten und körperliche Veränderungen sprechen. „10 Dinge, die dir vorher niemand über die Geburt gesagt hat“ ist deshalb ein beliebtes Format. Das kann auch aufklärerisch wirken, gerade für die Frauen, für die bis zur eigenen Schwangerschaft die Geburt ein einziges großes Loch des Nichtwissens ist.

Am Ideal der Familie wird nicht gerüttelt

Gleichzeitig macht diese digitale Generation, die nun erwachsen wird, genau das, was ihre Eltern auch taten: sie verklären das romantische Familienbild bis ins Mark. Youtuberinnen sind meistens perfekt geschminkt vor der Kamera, haben einen sauberen Haushalt, schicke Wohnungen, kümmern sich manchmal noch um Haustiere und bemühen sich um gute Laune. Eigentlich verkörpern sie, was viele als Schreckgespenst der 50er Jahre gern ausblenden würden, weil sie selbst nicht so leben oder leben wollen. Tatsache ist allerdings, dass in den Videos das Familienleben von Millionen Menschen dargestellt wird, verzerrt natürlich durch das Vor- und Nachbereiten für die Kamera. Dennoch: obwohl sie von den Schmerzen berichten, von der ungerechten Arbeitsteilung mit den Männern, von der ständigen Überforderung, am Ende sagen sie fast alle: und jetzt ist das nächste Kind in Planung. Als sei es ein Naturgesetz. Und dieser Vorstellung von einem richtigen und einem guten Leben müssen sich Linke stellen.

Denn für die meisten Linken ist die Kritik an diesem Familienbild in der Theorie ziemlich klar, doch die eigenen Lebensrealitäten ändern sich mit der Mutterschaft rasant. Genau wie bei den Youtube-Müttern wird das Leben – selbst bei ausreichender Unterstützung – zumindest für eine gewisse Zeit ziemlich einseitig. Zuverlässigkeit und Verantwortung werden auch hier plötzlich neu diskutiert. Manch eine Beziehung ist dem eben geschilderten Schreckgespenst dann plötzlich nicht mehr so unähnlich, ob man sich das eingestehen mag oder nicht. Was wiederum strukturelle Gründe hat, die wir privat nicht nur durch ein gelingendes Wohnprojekt lösen können: auch wir müssten also Mutterschaft (wieder) stärker politisieren und die mangelnde Versorgung und die Aufteilung von Verantwortung und Zeit als ein gesamtgesellschaftliches Thema begreifen.

»Eine Mischung aus Information und Werbevideos darf die öffentliche Fürsorge durch Hebammen oder Stillberaterinnen nicht ersetzen«

Kurz- bis mittelfristig müssen wir außerdem damit leben, dass es diese Youtube-Formate gibt und sie ernster nehmen. Eine Mischung aus Information und Werbevideos darf die öffentliche Fürsorge durch Hebammen oder Stillberaterinnen nicht ersetzen. Wir landen sonst dabei, wie junge Mütter sich eher eine mehrere Hundert Euro teure Milchpumpe zulegen als mit der nötigen Geduld und Ruhe gelernt zu haben zu stillen – oder sich informiert und bewusst dagegen entschieden zu haben. Das Bedürfnis nach sozialen Netzwerken und Austausch rund um das Thema Mutterschaft ist offenbar da. Nur wird es momentan stärker als je zuvor mit Kommerz gemischt. Dabei ist das richtige Produkt allein nie die Lösung für ein soziales Problem. Kümmern wir uns also um Austausch und gegenseitige Sorge, die nicht vom Gewinn bestimmt werden.

Ines Schwerdtner

Ines Schwerdtner ist Redakteurin bei Ada