Fußball WM in Russland Quelle: Depositphotos / Mikdam

»Pack die Fahne wieder ein, Alice«

Die Fußball-WM geht los und die AfD wartet schon darauf, sie demagogisch auszuschlachten. Wie jedes Mal gibt es Streit, wo die Grenze liegt zwischen Sportbegeisterung und Nationalismus. Ingar Solty meint: Machen wir die WM zu einem Ereignis, bei dem die Deutschen gewinnen und nicht die AfD.

»Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen«

Mit diesem legendären Satz kommentierte der englische Stürmerstar Gary Lineker am 4. Juli 1990 die Niederlage seiner Mannschaft im WM-Halbfinale gegen die DFB-Auswahl. Am Ende wurde die deutsche Nationalmannschaft, nur ein Jahr nach dem Mauerfall und noch nicht gespickt mit DDR-Fußballern, tatsächlich Weltmeister. Der DFB-Bundestrainer Franz Beckenbauer triumphierte hiernach: „Wir sind jetzt die Nummer 1 in der Welt, wir sind schon lange die Nummer 1 in Europa. Jetzt kommen die Spieler aus Ostdeutschland noch dazu. Ich glaube, dass die deutsche Mannschaft über Jahre hinaus nicht zu besiegen sein wird. Es tut mir leid für den Rest der Welt, aber wir werden in den nächsten Jahren nicht zu besiegen sein.“

Also redete Franz Beckenbauer, der Volkskaiser des 20. Jahrhunderts, dem chauvinistischen Nationalismus das Wort, während der SPD-Vorsitzende und Volkskaiser des 19. Jahrhunderts, August Bebel, noch die internationale Völkergemeinschaft gepredigt hatte.

Die Kombination aus nationalistischem Taumel plus schockprivatisiertem Volkseigentum mit Massenarbeitslosigkeit in Ostdeutschland ergaben kurze Zeit später einen mörderischen (Molotov-)Cocktail: Deutsche mit Namen wie Gartmann, Köhnen, Reher und Buchholz  verfolgten und verbrannten in Hoyerswerda, Hünxe, Rostock, Mölln und Solingen jetzt andere Deutsche mit Namen wie Arslan, Yılmaz, Genç und Öztürk. Und als Reaktion auf bundespolitischer Ebene schuf die konservativliberale Bundesregierung mit Unterstützung der SPD das Asylrecht weitgehend ab, den Mördern damit auch noch Recht gebend. Die unbesiegbaren Deutschen schieden indes bei der Fußball-WM vier Jahre später in den USA sang- und klanglos im Viertelfinale mit 1:2 gegen Bulgarien aus, obwohl mittlerweile durch die ostdeutschen Spieler wie Matthias Sammer und Ulf Kirsten verstärkt.

Sport ist immer auch Politik

Nun lässt sich der schöne Sport leider nie ganz von der schnöden Politik trennen. 1990 wirkte der Weltmeistertitel zum Beispiel wie ein Durchlauferhitzer für existierende nationalistische Gefühle. Traurige Berühmtheit erlangte auch die populistische Ausschlachtung der Olympischen Spiele 1936 durch die Nazis: Nach innen nutzten sie die Spiele, um das – am Medaillenspiegel bemessene – Herrenrassedenken zu füttern, mit dem sich fünf Jahre später der Vernichtungskrieg gegen den russischen „Untermenschen“ reibungsloser führen ließ, und nach außen, um der Welt ein heiles Kraft-durch-Freude-Deutschland vorzuspielen.

In jedem Fall köcheln im Windschatten von sportlichen Großveranstaltungen nationalistische Kräfte stets ihr Süppchen. Dass sie das ganz erfolgreich tun, zeigen Studien von Sozialpsychologinnen wie Julia Becker von der Universität Osnabrück, die über die Jahre untersucht hat, ob und wie solche Veranstaltungen Auswirkungen auf die Akzeptanz nationalistischer Selbstaufwertung und Abwertung anderer Gruppen haben. Sie stellt dabei immer wieder fest, dass die sportlichen Großereignisse nicht unbedingt nationalistische Gefühle erzeugen, dass sie diese aber verstärken können und vor allem bei national-stolzen Menschen das Gefühl begünstigen, ihr offener Hass auf Andere sei legitim. Auch in diesem Jahr wird es diese Dynamik zweifellos wieder geben.

»Sportliche Großereignisse erzeugen keine nationalistischen Gefühle, aber erzeugen bei national-stolzen Menschen das Gefühl ihr offener Hass auf Andere sei legitim«

Die WM 2018 ist nun allerdings eine mit einem als Bundestagspartei Fleisch gewordenen Chauvinismus in Form der AfD – die Basis für nationalistischen Hass auf „die Anderen“ ist also bereits geschaffen. Darauf muss man sich vorbereiten. Denn wir können sicher sein, dass die AfD die WM ausschlachten wird, egal, wie gut oder schlecht die Mannschaft aus Deutschland spielt.

Varianten der AfD-Logik

Wenn wir uns auf die demagogischen Ausfälle der AfD vorbereiten wollen, müssen wir sie verstehen. Wir müssen nachvollziehen, wie sie den Fußball in den Dienst ihres Ethnonationalismus, ihrer Homophobie und ihrer allgemeinen Rückwärtsgewandtheit stellen wird. Spielen wir darum mal einige mögliche Varianten durch: Gewinnt die, endlich die multiethnische Wirklichkeit in Deutschland widerspiegelnde, Fußball-Nationalmannschaft, wird die AfD im Windschatten des gewachsenen „Patriotismus“ von deutschen Überlegenheitsgefühlen gegenüber dem Rest der Welt zu profitieren suchen. Die Überlegenheit gegenüber den unterlegenen Mannschaften wir dann recht ungefiltert auf die politische Ebene übertragen werden.

Verliert die deutsche Mannschaft dagegen, vielleicht wie 1998 im Viertelfinale gegen Kroatien 3:0, dann wird die AfD das in den Dienst ihrer kulturrassistischen Demagogie stellen. Alexander „Vogelschiss“ Gauland hat das ja schon bei der WM vor vier Jahren am Beispiel des afrodeutschen Innenverteidigers Jerome Boateng durchexerziert, den man seiner Meinung nach ja „nicht als Nachbarn haben“ wolle. Die AfD wird dann die Enttäuschung der Bevölkerung über den sportlichen Misserfolg gegen die inneren Feinde der AfD lenken – „die Ausländer“ und ihre linken Freunde. AfDler werden dann argumentieren, dass die multiethnische DFB-Mannschaft – mit den Naivlingen Mesut Özil und Ilkay Gündogan als (Erdogan-)Aushängeschilder voran – ja aus „vaterlandslosen Gesellen“ bestünde, deren Kultur oder mangelnde Deutschlandidentifikation sie nicht zu „deutschen Tugenden“ befähige.

Dabei wird sich die Partei auch nicht lange mit dem Widerspruch herumschlagen, dass es gerade diese multiethnische Mannschaft war, die vor vier Jahren trotz ihrer behaupteten Minderwertigkeit und ganz ohne deutsche Tugenden den Weltmeistertitel errang.

Sollte die deutsche Mannschaft dagegen sogar schon in der Vorrunde ausscheiden, dann wird die AfD zur demagogischen Verbreitung und Untermauerung ihrer Ressentiments auch die „Biodeutschen“ im Team wie die Müllers und Goretzkas heranziehen und an den Pranger des AfD-Kulturkampfes stellen. Neben der ‘genetischen Unterlegenheit’ der Spieler die sie nicht als Deutsche definiert, wird die AfD dann wohl argumentieren, dass „wir“ verloren haben, weil „linksgrünversiffte Pädagogik“ und „Gender-Wahnsinn“ die echten Kerle verweiblicht habe. Weil man, na klar, mit fünf Lasoggas und sechs Großkreutzs, den letzten Ernst-Jünger-Style-kriegsverwendungsfähigen Männern, nicht (schon wieder) in Russland verloren hätte.

Und Jetzt?

Kurzum, wie man’s dreht oder wendet, wird die AfD die Fußball-WM demagogisch auszuschlachten versuchen, so wie dies andere Kräfte vom DFB bis Lidl auf ihre kommerzielle Weise tun. Und wir, die schweigende, mehr oder weniger fußballbegeisterte Mehrheit, was bleibt uns da zu tun?

Nun, vielleicht machen wir uns vier Dinge klar:

Dass erstens das wenig teures Equipment erfordernde Mannschaftsspiel Fußball als globales Volksmassenphänomen mit einer aktiven Fankultur im Gegensatz zu Snowboarden, Mountaineering, Tennis oder Paragliding Grenzen überwinden kann: die Grenzen unserer ständigen Vereinzelung in der kapitalistischen Marktkonkurrenz und die Grenzen zwischen den Völkern der Welt.

Dass es zweitens eine große Freude ist, Reus und Ronaldo, Messi und Mohamed Salah, Neymar und Pogba beim Kicken zuzuschauen.

Dass drittens manche in Deutschland sich über eine Titelverteidigung der DFB-Auswahl freuen mögen, weil sie hier leben oder weil sie vielleicht selber mal mit hunderttausenden Anderen im deutschen Jugendfußball gekickt haben und die DFB-Auswahl für sie darum das logische (Aufstiegs-)Ziel war, während anderen die Weltmeisterschaft eher schnuppe oder sogar angesichts von Kommerz und Nationalismus zuwider sein wird.

Und dass viertens am Ende, weil man ja alles immer selber machen muss, auch ein Weltmeistertitel keinen Mindestlohn erhöht, keinen Job entfristet, die Rente nicht armutsfest macht und auch das Klima nicht retten wird. Denn ansonsten gewinnen am Ende nicht immer die Deutschen, sondern immer nur die AfD.

 

Ingar Solty

Ingar Solty arbeitet am Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung.