Being von Gayling

Der Adlige rennt über den englischen Rasen. Hinter ihm die Staatsgewalt. Sie ruft. Er springt. Seine Hände suchen an der Schlossmauer Halt, doch finden ihn nicht. Dies ist die Geschichte von Wilhelm Nikolaus von Gayling-Westphal – und von der menschlichen Freiheit.

In seiner gewohnt motzigen Art schrieb der Philosoph Theodor Adorno vor 70 Jahren: „Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen.“ Er beklagte damit Veränderungen im Prozess der Selbstwerdung. Während in der Philosophie des 19. Jahrhunderts das „Ich“ noch als Ort der Wahrheit und Ursprung der Kreativität galt, so scheint sich mittlerweile jenes „Ich“ vollends in eng definierte Rollen aufgelöst zu haben.

Wir Mütter, Studis, unzufriedene Männer

Die meisten von uns sind Menschen, die in ihren sozialen Rollen völlig aufgehen: ach so individuelle Hipster, deren kollektive Individualität zur öden Gleichförmigkeit verkommen ist. Oder Hausfrauen und Mütter, die außerhalb ihrer biologischen Funktionen nach eigenen Interesse suchen und dann doch alle im selben Yogakurs landen. Oder diese netten Studis, die von nichts reden als vom Büffeln und krassen Klausuren, und deren Lebensziel sich zum Lebenslauf verkürzt. Und nicht vergessen wollen wir die verängstigten Platzhirsche, die mit den verschiedensten Dingen unzufrieden sind: sei es  Deutschland, die eigene Ehe, dass das Schutzblech der Fahrradfahrerin klappert oder dass Muslime „unsere Frauen“ begrapschen, wo dies bisher ihnen selbst vorbehalten blieb.

Machen wir uns nichts vor, wir sind eben doch die gewöhnlichen Hipster, Mütter, Studis oder unzufriedenen Männer – spezifisch definierte Sozialtypen. Und es scheint, als könnte man unser Verhalten mit Hilfe von Sozialpsychologie, Kognitionswissenschaft und Soziologie voraussagen.

»Wir machen uns zu Charaktermasken und wir werden zu solchen gemacht«

Wie aus einer Studie der Bertelsmann Stiftung hervorgeht, werden bei einigen US-Unternehmen die Jobbewerbungen automatisch durch algorithmische Entscheidungsbäume, sogenannte AMDs, vorsortiert und damit bis zu 70 Prozent der Bewerbungen ausgesiebt. Dabei entsteht, wenig überraschend, eine starke Benachteiligung für Menschen aus ärmeren Wohngegenden oder mit der „falschen“ Hautfarbe. Da diese AMDs mit den bisherigen Bewerberinnen-Daten trainiert werden, streben sie an, die bisher gemachten Entscheidungen schlicht zu wiederholen. Ähnliches gilt auch für die Rankings zur Kreditwürdigkeit von Privatpersonen oder bei der Studienplatzvergabe. Wir übernehmen soziale Kategorien also nicht bloß selbst, wir werden auch in sie hineingedrängt. „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“, wie Karl Marx schrieb. Wir machen uns zu Charaktermasken und wir werden zu solchen gemacht. Charaktermasken, denen genau jenes Ich fehlt, das Ausdruck für das menschlichste des Menschen ist: seine Subjektivität.

Doch führen wir wirklich tagtäglich nur das aus, zu dem uns das Koordinatensystem aus Schule, Arbeit und Google bestimmt? Nein. Natürlich ist es möglich, sich der Fremdbestimmung entgegenzustellen und für die eigene Freiheit, für die Subjektivität zu kämpfen. Und damit möchte ich keineswegs Marx widerlegen, sondern ihn vielmehr bestätigen: denn dass das Sein, also die Gesellschaft, das Bewusstsein bestimmt, ist ja gerade das Problem, das Marx ansprechen wollte.

»Es gibt noch einen dieser einzigartigen Menschen, der ohne Umschweife, in purem Eigensinn „Ich“ sagen kann«

Doch wie ist es möglich, den gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnissen die Stirn zu bieten? Wo sind die Spielräume, die noch nicht von Big Data und Konsum-Statistiken berechnet wurden? Wo gibt es noch Menschen, die mehr sind als sanft geführte Schäfchen der algorithmischen Hirten? Wo liegen die Grenzen kämpferischer Subjektivität?

Ihr, die ihr solche Fragen stellt, sucht nicht länger: Denn es gibt noch einen dieser einzigartigen Menschen, der ohne Umschweife, in purem Eigensinn „Ich“ sagen kann. Er ist ein Kämpfer der Menschlichkeit, ein Verteidiger der Subjektivität, ein Heros des Ichs, vielleicht der letzte lebende Beweis der menschlichen Freiheit. Sein Name: Wilhelm Nikolaus von Gayling-Westphal.

Der tapfere Schlossherr von Gayling

Nikolaus von Gayling, am liebsten Niki genannt, wuchs unweit des grünen Freiburgs auf, bei seiner Großtante im Barockschloss zu Ebnet. Der junge von Gayling zeichnete sich vor allem durch eines aus: Sex, Drugs and Rock’n’Roll. In einem Interview erzählt von Gayling, dass er damals, mit 17, 18, ein wilder Kerl gewesen sei, ein Draufgänger, der Autos klaute, einmal einfach nach Schweden abgehauen ist, kurz davor war, sich der Fremdenlegion anzuschließen und sowieso einen Scheiß auf Konventionen gab.

Nun, das kennt man. Verwöhnte Kinder aus adligem Hause, deren Eltern selten Zeit haben, aber zugleich viel verlangen und gerade deswegen den Nachwuchs zur Rebellion aufstacheln. Nicht umsonst trug Prinz Harry den Spitznamen Royal Bad-Boy. Nach der jugendlichen Hau-drauf-Karriere bleiben dann nur zwei Auswege: Entweder man bleibt das schwarze Schaf der reichen Familie und versorgt die Boulevardblätter mit Skandalgeschichten; oder das jugendliche Temperament kühlt ab, die „Hörner werden abgestoßen“ und der Weg ins Schloss wird nunmehr nüchtern, im sauberen Anzug, stilvoll, mit einem glänzenden Lächeln beschritten.

Schloß Ebnet bei Freiburg. Foto: Flickr / sbamueller

So zunächst auch von Gayling. Als er mit zarten 19 Jahren seine große Liebe kennenlernte und heiratete, kühlte sein Temperament ab, der Traum von der Fremdenlegion verging und Freiburger Autobesitzerinnen mussten nicht mehr um ihre Karren fürchten. Ende des Lieds vom jungen wilden Adligen? Wer das glaubte, hatte sich in von Gayling getäuscht.

Die Zehennägel von Liberalen kräuseln sich

Nach seiner Heirat wurde der Schlossherr zum lebenden Einspruch gegen den Satz, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt. Denn anders als die meisten Adligen fürchtet sich von Gayling nicht vorm Bürgertum oder fängt wie seine Vorfahren zu zittern an, wenn er die Marseillaise hört; nein, der „rote Baron“ von Gayling arbeitet produktiv im Gemeinderat als Stadtrat der FDP-Fraktion.

Sicherlich muss die FDP als Partei der Unternehmerinnen und Reichen quasi zwangsweise die Heimat von einem sein, der über Wiesen und Wälder verfügt, wie andere über Mietschulden und Überstunden. Doch trotz seiner langjährigen Mitgliedschaft in der Spaßpartei FDP, weiß Gayling, was ernste Politik bedeutet. Deshalb unterstützte er bei den Bürgermeisterwahlen 2018 nicht den langweiligen Sozen Horn, den neoliberalen grünen Salomon oder den rechten Wermter, sondern die linke Kandidatin Monika Stein. Zu Steins Kernthemen zählten bezahlbarer Wohnraum, kostenloser Nahverkehr sowie kostengünstige Kulturangebote – Forderungen, bei denen sich sonst die Zehennägel von Liberalen kräuseln.

»Der Souverän schritt ein und untersagte das blaublütig-linksradikale Bündnis«

Doch allein mit Unterstützung ist es bei Gayling nicht getan. Wenn es darauf ankommt, dann kämpft er für seine politischen Überzeugung. Durchtränkt vom Pathos der Freiheit weiß von Gayling, dass sich die Wahrheit des Denkens nur in der Praxis beweisen kann (Marx), weshalb er grundsätzlich nie einen Parkschein für seinen Wagen löst und auch gerne mal im Halteverbot parkt. Parkscheine und Halteverbot sind schließlich Disziplinierungstechniken der juridischen Macht (Foucault), welche die freie Entfaltung der Gaylingschen Subjektivität untergräbt.

 

Foto: Flickr / sbamueller

Aus den selben Gründen unterbreitete der Schlossherr Gayling auch der linksradikalen Wägler-Gruppe „Kommando Rhino“ 2011 den Vorschlag, sie könnten mit ihren Wohnwagen doch einfach auf einer seiner zahlreichen Wiesen leben. Doch der Souverän über den Ausnahmezustand, die Stadt Freiburg, schritt ein und untersagte das blaublütig-linksradikale Bündnis.

Paläste für alle

Und auch Gaylings subversive Park-Praxis prallte an die Grenze der materiellen Verhältnisse. Als eines Abends die Polizei aufgrund unzähliger Bußgeldforderungen an der Pforte des Schlosses stand, sich Eingang verschaffte und damit den abendlichen Empfang störte, ergriff Hausherr von Gayling die Initiative und rannte unter den Augen der guten Gesellschaft über den gepflegten Rasen des Schlossgartens davon.

Wir kennen das traurige Ende der Chose. Lediglich zeigte sich auch hier, wie die materiellen Verhältnisse in letzter Instanz das Bewusstsein bestimmen. Gaylings Freiheitstraum zerschellte an der materiellen Wucht seiner eigenen Schlossmauer, über die selbst er nicht steigen konnte, und so wurde der Erbauer der Mauer von den Schergen des Staates gestellt. So scheiterte auch von Gayling, Held der Subjektivität und entschlossener Freiheitskämpfer, gerade an jener materiellen Kraft, die sonst die Masse abhalten sollte. Ein Meisterstück materialistischer Dialektik.

„Krieg den Hütten, Paläste für alle“, bleibt uns zu sagen. Dann braucht es keine Schlossmauern, die unsere Subjektivität begrenzen und wir können wieder „Ich“ sagen.

Steffen Wasko

Steffen Wasko ist Philosoph und lebt in Freiburg.