Die Unterhosen-
Wichtel-Linke

Die radikale Linke weiß, was sie heute und was sie übermorgen tun will, aber für morgen hat sie keinen Plan. Genau wie die Unterhosenwichtel aus South Park.

Ich liebte South Park. Wie viele junge Amerikaner (und zu einem gewissen Grad auch Amerikanerinnen) war der krude, pubertäre Humor der TV-Serie für mich Ende der 90er und Anfang der 2000er eine Art Offenbarung. Die Bereitschaft, mit den Tabus des etablierten Fernsehens zu brechen, indem sie die vulgäre Alltagssprache des Schulhofs verwendete und Ikonen aus Kultur und Politik aggressiv verarschte, sprach mir als 12-Jährigem aus der Seele. Das vage Gefühl, dass so gut wie alle Figuren im amerikanischen Establishment alberne, scheinheilige Schwindlerinnen waren, wurde Woche für Woche bekräftigt, und bestärkte mein Vertrauen in die eigenen gesellschaftskritischen Instinkte. Es wäre nicht ganz übertrieben zu behaupten, ich sei mit South Park groß geworden.

Es dauerte bis ich kapierte, dass die Macher von South Park keine Linken waren und die Serie gleichermaßen konservative wie fortschrittliche Inhalte verspottete. Es wurde schwieriger, meine eigene sozialistische Gesinnung mit den rechts-libertären, oft chauvinistischen Einstellungen der Serie zusammen zu bringen, und ich wandte mich anderen, aufgeklärteren Unterhaltungsmedien zu. Doch was man als Teenager konsumiert, prägt bekanntlich den eigenen Geschmack und die Weltanschauung für den Rest des Lebens. Vielleicht ist das der Grund, warum ich bei der heutigen radikalen Linken immer noch an South Park denken muss.

»Unterhosen einsammeln ist nur die erste Phase«

Genauer gesagt lassen mich die „Unterhosenwichtel“ nicht los – die Zwerge aus der zweiten Staffel, die Nacht für Nacht in die Schlafzimmer der South Park-Jungs schleichen, um, wie der Name schon sagt, deren Unterhosen zu klauen.

Um herauszufinden, warum ihre Unterhosen ständig verschwinden, folgen die Jungs eine Nacht einem der Wichtel in ihre Höhle, wo diese einen immer größer werdenden Berg von Unterhosen anhäufen. Gefragt, warum sie eigentlich Unterhosen sammeln, erklärt einer der Wichtel selbstbewusst: „Unterhosen einsammeln ist nur die erste Phase!“ Als die Jungs nachbohren, was dann die zweite Phase sein soll, geraten die Zwerge ins Stocken. Den Rest der Szene kennt ihr vielleicht schon: nach einem kurzen, aufgebrachten Hin und Her zwischen den Wichteln, erklärt ihr Chef: „Also, Phase 3 ist Profit, kapiert?“. Um die Strategie bildlich zu untermalen, entrollen die Wichtel eine große Karte, auf der sie ihren Plan aufgeschrieben haben. Phase 1: Unterhosen sammeln. Phase 3: Profit. Phase 2 besteht aus einem großen Fragezeichen.

Die Folge war damals als Satire auf die frühen Internet-Startups vor dem ersten Dot-Com-Crash um die Jahrtausendwende geschrieben und traf in diesem Kontext absolut zu. Wahrscheinlich trifft sie auf die neuen Startups, die die Landschaften von Berlin-Mitte und Friedrichshain zunehmend prägen, genauso gut zu. Doch als jemand, der sich nie für die Luftschlösser des digitalen Kapitalismus interessiert hat und relativ früh mit dem Sozialismus sympathisierte, spüre ich trotzdem eine gewisse Betroffenheit, wenn ich mir diese Szene 20 Jahre später anschaue.

„Und… wie lautet Phase 2?“

Plump gesagt: die sozialistische bzw. “radikale” Linke in ihren verschiedenen Nischen pflegt oft ein verblüffend ähnliches Verständnis von Politik. Tauscht man das Sammeln von Unterhosen gegen die nächste Demonstration, antifaschistische Techno-Party oder sozialistischen Zeitungsverkauf aus, und “Profit” gegen das große Ziel einer antikapitalistischen Umwälzung, muss man ernüchtert feststellen, dass wir selten eine Phase 2 vor Augen haben. Wir wissen, was wir heute machen, und wir wissen, wo es übermorgen hingehen sollte, aber haben wir eine plausible Erklärung dafür, wie Phase 1 und Phase 3 zusammenhängen? Nicht wirklich.

Fragt man die traditionelle Linke leninistischer, trotzkistischer oder maoistischer Couleur, dann geht es darum, durch die geduldige Rekrutierung von einzelnen Individuen nach und nach zu einer kritischen Masse zu werden, die sich irgendwann in die revolutionäre Massenpartei umtauft. Dass historisch betrachtet eine solche Massenpartei noch nie durch diese Praxis entstanden ist, ist nebensächlich, denn schließlich haben wir die „Lehren“ der Geschichte auf unserer Seite, die die Zwangsläufigkeit der revolutionären Zuspitzung und Notwendigkeit einer entsprechend ausgerichteten Partei beweisen. Und bis dahin? Mehr Unterhosen sammeln, Genossin, und abwarten, bis die Geschichte uns Recht gibt.

Der ausgebildete Universitätsbibliothekar und nebenberufliche marxistische Theoretiker Hal Draper, der leider kaum ins Deutsche übersetzt wurde, nahm diesen politischen Habitus bereits 1973 in seiner Abrechnung mit der eigenen politischen Karriere auseinander: Was die Kleingruppen-Logik ausmacht, ist die Entgegenstellung ihrer (formell betrachtet vielleicht sogar richtigen) programmatischen Punkte vis-a-vis der “realen Bewegung der Arbeiterinnen im Klassenkampf” – schön und gut mit euren Reförmchen, aber wenn ihr wirklich den Sozialismus wollt, müsst ihr euch uns anschließen. Diese Praxis “sterilisiert den Boden, in dem die Samen der Bewegung auskeimen könnten”, weil sie durch ihren eingeübten, disziplinierten Gruppenhabitus kaum Raum zulässt für Diskussionen, Experimente und Lernprozesse. Weil sie oft extrem viel Zeit und Engagement einfordern, sind diese Gruppen für die meisten Menschen, die vielleicht andere Verpflichtungen, eine 50-Stunden-Woche, oder gar ein paar Hobbys haben, schlicht unvereinbar mit dem realen Leben, und tendieren unter anderem deswegen dazu, einen sehr hohen Durchlauf der Mitgliedschaft zu haben.

Bei den „undogmatischen Linken“ – also Autonomen oder Post-Autonomen – sieht es zugegeben etwas anders aus. Hier variieren die Praxen so sehr, dass es schwieriger ist, sie auf ein einheitliches Bild zu bringen. Aber auch hier kann man sagen, dass Phase 2 im besten Falle diffus bleibt. Phase 1 lautet meistens: wir schaffen gegenkulturelle, herrschaftsfreie Räume, vielleicht in Form eines besetzten Hauses oder eines Techno-Clubs, wo gemeinsam gegen Deutschland geraved wird. Diese Nischen werden sich vergrößern, bis sie irgendwann den Mainstream übernehmen – der Unterhosenberg wird so groß, dass ihm niemand mehr entkommt.

Diese Strategie war in der Tat mal ziemlich erfolgreich, vor allem in den 1970er und 80er Jahren, als es in westdeutschen Städten leerstehende Häuser zu besetzen gab und das politische Kräfteverhältnis ein anderes war. Doch in den letzten 15 Jahren wurden die autonomen Zentren nicht mehr, sondern weniger. Der Unterhosenberg schrumpft und der Weg zur dritten Phase erscheint immer nebulöser. Dies liegt vor allem daran, dass die ökonomischen und politischen Bedingungen andere sind, für die nun neue Strategien gesucht werden müssen. Es gibt kurzfristig weniger Unterhosen zu sammeln und weniger Wichtel, die Zeit fürs Sammeln finden.

»Ist unser imaginiertes Zielpublikum wirklich so scharf auf Unterhosen wie wir?«

Die bisherige Antwort darauf scheint zu sein: wir machen große, spektakuläre Demonstrationen, am besten ausgestattet mit bunten Regenschirmen und Glitzer, um eine Welle der Solidarisierung innerhalb der Bevölkerung auszulösen und den spontanen Widerstand voranzutreiben. Stichwort: G8, Blockupy, ihr kennt die Geschichten.

Zweifelsohne waren diese Mobilisierungen zum Teil sehr beeindruckend und für die Beteiligten bewegende Ereignisse, aber sind wir damit einen Schritt Richtung Phase 3 gekommen? Haben wir, abgesehen von den Studiengebühren, irgendeine neoliberale Maßnahme verhindert oder einen realen Erfolg verbucht? „Dafür müssen wir mehr werden“ – ja, aber wie werden wir mehr? Und was machen wir mit den Leuten, wenn sie dazukommen sollten? Einfach eine weitere, noch größere Demonstration, die noch mehr Menschen mobilisiert? Werden sie nicht irgendwann müde, wenn dabei keine wirklichen Verbesserungen herausspringen? Ist unser imaginiertes Zielpublikum wirklich so scharf auf Unterhosen wie wir?

Zurück in die Zukunft (oder so ähnlich)

Die alte sozialistische Arbeiterinnenbewegung – als Inbegriff einer gesellschaftlichen Linken, die wirklich einen Großteil der Gesellschaft umfasste – war unterm Strich in der Lage, die kapitalistische Gesellschaftsordnung sowohl ideell als auch praktisch herauszufordern, in ihren besten Momenten sogar vor sich her zu treiben. Dies lag, vereinfacht gesagt, daran, dass sie ihre Utopie mit einer Verankerung in den alltäglichen Lebensrealitäten von Millionen von Menschen verbinden konnte. Auch wenn die allermeisten Angehörigen der Bewegung nicht wirklich die Schriften von Marx, Engels und Kautsky lasen: die Organisationen, die sie gründeten, konnten in den entscheidenden Momenten Massen von Menschen auf die Straßen bringen, die kapitalistische Wirtschaft zum Stillstand bringen und (manchmal) sogar die Streitkräfte des bürgerlichen Staates spalten und Teile davon für sich und ihre Ziele gewinnen. Diese Fähigkeit gab ihr eine Durchsetzungskraft, von der wir heute nur noch träumen können.

Dazu hatten sie eine reale, plausible zweite Phase vor Augen: Mehrheiten erringen, um entweder durchs Parlament oder durch eine Revolution das kapitalistische System zu überwinden. Und sie haben in der Tat durch eine Kombination von Erzwingung, Kompromiss und Zugeständnis ziemlich viel durchgesetzt, wovon viele Generationen (inklusiv unsere) profitierten. Diese Erfolge bestärkten das Gefühl, dass es sich lohnt zu kämpfen. Sie banden Menschen langfristig an die Bewegung, nicht nur als ideologischer Zusammenschluss oder spannende Gegenkultur, sondern als Garant der Menschenwürde und des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Diese Situation ist bekanntlich nicht mehr vorhanden. Die Arbeiterinnenbewegung bzw. die Arbeiterinnen gibt es nach wie vor. Sie wurden aber durch den Faschismus und den Antikommunismus der Bundesrepublik von sozialistischen Einflüssen nachhaltig entkoppelt, so dass sozialistische Ideen seit gut 80 Jahren in Deutschland kaum über eine Anhängerschaft bei den Arbeiterinnen verfügen. Die Öde des “real existierenden Sozialismus” trug sicherlich auch viel zu diesem Zustand bei, war aber längst nicht alleine dafür verantwortlich.

In Phasen des Aufschwungs wie 1968 oder (im wesentlich kleineren Maßstab) der globalisierungskritische Bewegung der 90er und frühen 2000er wurden zwar viele Menschen erreicht und den Strukturen der Linken zeitweise neuen Schwung verliehen, sie waren aber nicht tiefgehend und nachhaltig genug, um strukturelle Mehrheiten zu organisieren. Mehrheiten, die in der Lage sind, neoliberale Angriffe oder imperialistische Kriege abzuwehren, geschweige denn positive Reformen in unserem Sinne zu forcieren. Das Ergebnis ist bekannt: Irak-Krieg, Hartz IV, die Erpressung der Syriza-Regierung, der Aufstieg der AfD und so weiter.

Ein Weiter-so reicht nicht aus

Wir – also diejenigen, die bisher Unterhosen gesammelt haben, weil uns Phase 3 wirklich am Herzen liegt und nicht, weil wir nichts Besseres zu tun haben (solche Wichtel gibt es in der radikalen Linken durchaus auch) – brauchen dringend eine Vision für Phase 2. Ansätze davon sind zum Teil schon vorhanden: die Gründung der Linkspartei Mitte der 2000er und der Interventionistischen Linken einige Jahre später waren Ergebnisse solcher Umdenkprozesse, die wir nicht einfach abschreiben dürfen, nur weil sie unserem ideologischen Weltbild nicht zu 100 Prozent entsprechen. Meines Erachtens sind wir aber wieder an einem Punkt, an dem ein “Weiter so” nicht ausreicht. Neue Strategien, neue Allianzen und vor allem eine plausible, sozialistische Vision müssen her.

Der Kapitalismus, wie wir ihn heute kennen, ist dem System, das Karl Marx vor 150 Jahren beschrieb, so nah wie noch nie. Wir haben die materiellen Mittel dazu, dass niemand in Europa (und wahrscheinlich auf der ganzen Welt) verhungern, obdachlos, oder arbeitslos sein müsste. Andererseits ist der moderne Kapitalismus hoch raffiniert und extrem komplex, gespalten nicht nur entlang von Geschlecht und Ethnie, sondern Produktionsketten, Klassenfraktionen und Regionen. Moderne Kommunikationsmittel geben uns die Möglichkeit, mehr zu publizieren und zu lesen als je zuvor, bedeuten aber gleichzeitig, dass die Menschen sich in millionenfach fragmentierten Subsphären und Echo-Kammern befinden, in die eine verbindende politische Erzählung kaum durchbrechen kann.

Während die alte Sozialdemokratie darauf zählen konnte, dass die Arbeiterinnen in den gleichen Fabriken arbeiteten, in den gleichen Vierteln wohnten und durch die alltägliche Erniedrigung erkennen konnten, dass sie in der gleichen Lage steckten und die gleichen Interessen hatten, muss dies heute alles neu ausbuchstabiert und artikuliert werden – und zwar in einer Sprache, die die Menschen von heute verstehen.

»Die allermeisten Menschen erwarten Ergebnisse von der politischen Beteiligung und wenn sie keine sehen, werden sie in ihre eigene Welt zurückkehren«

Ungeachtet aller berechtigter Kritik bieten die Kampagnen um Bernie Sanders oder Jeremy Corbyn ein paar Anhaltspunkte, wie es klappen könnte. Durch eine populäre Sprache und die Zuspitzung auf eine Handvoll Forderungen, die eine gesellschaftliche Mehrheit ansprechen und gleichzeitig die Gegnerinnen dieser Interessen klar erkenntlich machen, haben sie eine neue Diskussion über Sozialismus entfacht und die politischen Verhältnisse in ihren Ländern stark herausgefordert.

Gleichzeitig haben sie die Notwendigkeit der Politik innerhalb des bestehenden Systems bewiesen, um überhaupt die Mehrheit der Menschen zu erreichen. Wir sind uns zwar den Grenzen dieses Systems bewusst, werden aber kaum unsere noch-nicht-radikalen Freundinnen und Geschwister überzeugen, wenn wir auf diese Arena von Anfang an verzichten oder sie als reine Propagandabühne betrachten. Die allermeisten Menschen erwarten Ergebnisse von der politischen Beteiligung und wenn sie keine sehen, werden sie in ihre eigene Welt zurückkehren. Beispiele davon gibt es in der Geschichte genug.

Die sozialistische Umwälzung unserer Generation wird nicht wie 1917 ablaufen, und auch nicht wie 1968 oder 1987. Gesellschaftliche Transformationen und revolutionären Prozesse werden von ihren räumlichen und zeitlichen Bedingungen bestimmt und können nicht wiederholt werden – eine Einsicht, die jede kompetente Sozialwissenschaftlerin bereits im Bachelor-Studium lernt, große Teile der Linken aber scheinbar nicht. Was wir aber aus diesen historischen Erfahrungen ziehen können, ist die Notwendigkeit der gesellschaftlichen Zuspitzung, der populären und kollektiven Sprache, der utopischen Vision gepaart mit konkreten Vorschlägen und dem Aufbau von nachhaltigen Institutionen in Form von Parteien, Organisationen und Publikationen, die der Bewegung eine Form geben und sie ideell und praktisch weiterentwickeln.

In Deutschland haben wir den relativen Luxus, dass der Unterhosenberg vergangener Generationen einigermaßen groß geblieben ist und wir nicht bei Null anfangen müssen. Doch vielleicht weil wir vergleichsweise groß sind, spüren wir nicht, wie klein wir eigentlich geworden sind. Eine zeitgemäße sozialistische Bewegung darf sich nicht mit den bestehenden Verhältnissen zufrieden geben, indem die alten Praxen und jährlichen Rituale aufrecht erhalten und wiederholt werden bis es irgendwann kracht. Sie muss aktiv darüber nachdenken, welche Schritte wir Richtung Phase 2 unternehmen können, um aus den ganzen Unterhosen endlich ein bisschen Profit zu schlagen.

Loren Balhorn

Loren Balhorn ist Redakteur bei Ada