Quelle: Privat · 6. November 2018

Dozentin ohne Campus

Wie ist es, in der Türkei eine Oppositionelle zu sein? Till Manderbach spricht mit Zeynep Tül Akbal Süalp über die staatlichen Repressionen gegen Akademikerinnen – und wie es trotzdem weitergeht.

„Wir werden nicht Teil dieses Verbrechens sein“, so lautete im Januar 2016 die Überschrift einer Petition der Akademikerinnen für den Frieden gegen die massiven Menschenrechtsverletzungen durch die türkische Armee in den kurdischen Gebieten der Ost-Türkei, die von mehr als 2000 Wissenschaftlerinnen unterzeichnet wurde. Im Rahmen einer großen Diffamierungskampagne wurden daraufhin hunderte von ihnen entlassen und juristisch belangt, vielen wurde außerdem der Reisepass entzogen.

Zeynep Tül Akbal Süalp ist eine von ihnen. Bevor sie entlassen wurde, lehrte sie an der Bahçeşehir Universität in Istanbul. Ihre Schwerpunktthemen sind Kommunikationssoziologie, Filmwissenschaften, Urban Studies und der öffentliche Raum. Gemeinsam mit anderen hat sie die Gruppe Kampussüzler (dt. „Die ohne Campus“) ins Leben gerufen, in deren Rahmen autonome akademische Aktivitäten organisiert werden – wie zum Beispiel die Summer School, an deren Rande dieses Interview stattfand. Sie ist außerdem an der Koordination von Solidaritätsakademien beteiligt, die in verschiedenen Städten der Türkei als Antwort auf die Repression entstanden sind. In diesen von Institutionen unabhängigen Zusammenschlüssen finden sich Wissenschaftlerinnen, die von Entlassungen betroffen sind, in Arbeitsgruppen zusammen und organisieren Seminare für interessierte Studierende.

Till: Du bist Teil der Kampussüzler, eine Akademikerin ohne Campus. Kannst du erzählen, wie es dazu kam?

Zeynep Tül Akbal Süalp: Nach der Petition im Januar 2016 ging es los. Erdoğan fing an zu erzählen, dass wir Ungläubige und Terroristen seien, die bestraft werden müssten. Auch einige faschistische Gruppen und deren Anhänger – alle haben angefangen über uns zu reden. Wir hatten dann im Februar ein großes Treffen in Ankara, um zu diskutieren, was passiert ist und was wir nun tun werden. Und dort haben wir gesagt: wir müssen über alternative Akademien reden, eine andere Art von Bildungsinstitutionen als die, die wir jetzt haben.

Dann jedoch, im März, haben sie vier unserer Freunde nach einer Pressekonferenz festgenommen. Einige unserer Freunde wurden rausgeschmissen wegen der Petition. Also sagten wir, das führt zu nichts, wir werden weiter unterrichten und bei unseren Studentinnen sein. Aber nachdem sie die vier Wissenschaftlerinnen festgenommen haben, die diese Pressekonferenz gegeben haben, hat das unseren Weg unterbrochen, also unsere Suche nach alternativen Wegen, eine andere Bildungsstätte außerhalb des bestehenden Systems, aufzubauen. In dieser Zeit haben wir angefangen eine Gefängnisbeobachtung zu organisieren und die dortigen Bedingungen genauer zu studieren. Wir hatten also erstmal keine Zeit an alternativen Bildungsangeboten zu arbeiten, weil wir zu den Gefängnissen gegangen sind und dort rumgesessen und gewartet haben, jeden Tag.

Und danach, im April und Anfang Mai, haben wir in Istanbul Kampussüzler gegründet,  als eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen, die zusammenarbeiten und studieren. Wir gehörten neben der Uni in Eskişehir zu den ersten Solidaritätsakademien.

Während des ganzen Sommers studieren wir und arbeiten daran, autonome Seminare vorzubereiten, wir diskutieren über die Produktion von Wissen, wie wir uns in Beziehung setzen mit der Gesellschaft und verschiedenen ihrer Teile. Wir waren dann im September soweit, unser erstes Seminar über „Sozialgeschichte des Kapitalismus“ zu geben. Mittlerweile gibt es verschiedene weitere Module, eines zu Soziale Räumen und Problemen der Stadt, dann gibt es ein Modul zur Gender Problematik, eines zu Kino und eines zu kritischem Denken. Wir haben die ersten autonomen Seminare gleich nach dem 15. Juli abgehalten, als der Putschversuch passiert ist. Sie haben danach dieses Dekret KHK verabschiedet, im Rahmen des Ausnahmezustands, und einige unserer Freunde wurden plötzlich von den öffentlichen Universitäten entlassen.

Du wurdest davor schon gekündigt.

Ja, mich haben sie schon vor dem 15. Juli gefeuert.

Also, um das mal zu ordnen: erst war da die Friedenspetition…

…und dann haben Sie uns aus den Stiftungsuniversitäten rausgeschmissen.

Die Privatunis, ja. Dann war da der Coup am 15. Juli 2016 und sie haben auch die Leute aus den staatlichen Unis entlassen.

Ja.

Es gab also so etwas wie eine Intensivierung der Repression?

Ja, genau.

Vielleicht könntest du beschreiben, wie du die Kampagne gegen euch in den breiteren Kontext der jüngsten Ereignisse in der Türkei einordnest. Es gab Krieg in den Kurdengebieten, dann gab es den Coup und dann – mal wieder – eine Wahl. Und nun stecken wir tief in einer Wirtschaftskrise. Wie hängt eure Situation mit all dem zusammen?

Verglichen damit ist das, was mit den Wissenschaftlerinnen passiert, keine sonderlich weitreichende und interessante Sache, es ist ein kleiner Teil davon. So viele Dinge passieren und manches passiert eben auch hier, mit den Wissenschaftlerinnen. Überall geht es bergab und wir sind ein Teil davon, kein sonderlich großer, aber wir sind ein Teil davon.

Also du sagst, dass es bergab geht. Würdest du das generell so sagen, oder gibt es auch Chancen für die Opposition?

Das ist vielleicht der stärkere Teil von unserer Seite. Ja, das ist ein wirklich undemokratisches, autokratisches und unterdrückerisches Regime, fast schon eine faschistische Situation. Einige von uns streiten darüber, ob das jetzt Bonapartismus oder Faschismus ist, aber, naja, wie auch immer, es ist doch ganz gleich, das sind nun mal die Bedingungen. Aber zum Glück gibt es auch sowas wie Solidarität. Nicht sonderlich groß und stark, aber: Die Leute machen weiter, was auch immer sie genau auf die Beine stellen. Das zeigt, wir haben keine Angst vor euch. Keine Ahnung ob das romantisierend ist, aber es ist zumindest nicht so, dass wir uns alle zurückziehen, uns in unseren Häusern einschließen und auf das Ende – von was auch immer das hier ist – warten. Einige Leute versuchen Widerstand zu leisten, Sachen zu machen und das stimmt einen hoffnungsvoll.

Also es mag nicht so sichtbar sein, man sieht etwa nicht so oft Demonstrationen.

Ja, das ist fast unmöglich zur Zeit. Aber, weißt du, die sozialen Bewegungen haben so ihr eigenes Temperament: du weißt nie wann sie tatsächlich kommen und wie. Ich meine, zum Beispiel,  waren da die Gezi-Proteste und unmittelbar vor Gezi sah die Lage absolut hoffnungslos aus, es war deprimierend. Und doch es ist passiert! Vielleicht wird es nie wieder passieren, aber soziale Bewegungen sind eine Möglichkeit, sie können wiederkommen. Vielleicht sind wir zurzeit nicht in der Lage rauszugehen und zu demonstrieren, auf der Straße zu sein – aber wir wissen nicht, wie es morgen aussieht, das kann man nicht vorhersagen. Ich bin studierte Soziologin und habe mich mit urbanen Räumen auseinandergesetzt, aber es ist schwer vorherzusagen, wann und wie etwas passiert. Es passiert einfach. Natürlich gibt es Möglichkeiten sowas zu planen, aber offensichtlich nicht im jetzigen Moment, weil die meisten Leute wirklich Angst haben, unter enormem Druck stehen. Deswegen geht es vielleicht nicht auf diese Weise, aber es könnte von selbst geschehen.

Als Beobachter von außen habe ich mich gefragt, ob die Wirtschaftskrise nun vielleicht etwas ändert, die Lira verliert täglich an Wert und ich dachte, dass vielleicht selbst AKP-Anhängerinnen wenn sie sich einfach Sorgen um ihr Geld machen, anfangen würden Sachen in Frage zu stellen. Wie siehst du das?

Wenn so etwas zu einer anderen Zeit passieren würde – selbst in der Türkei – die Regierung wäre gescheitert und abgesetzt. Überall auf der Welt wäre das so. Es ist wirklich verheerend, was hier gerade passiert, eine große Sache. Aber aus irgendwelchen Gründen passiert nichts, da ist eine Stille, eine eigenartige Stille.

Und was steckt hinter dieser Stille?

Was steckt dahinter? Das ist schwer zu analysieren, ich meine, wir befinden uns gerade mittendrin. Wir wissen, dass die Wahlen nicht fair ablaufen, also nicht unter normalen demokratischen Bedingungen durchgeführt werden. Wir wissen, dass sie betrügen, Sachen drehen und so weiter. Und die Leute schweigen, sie wissen das, aber sie schweigen. Ich meine dieser Typ, der Präsident, der hat diese Gesellschaft so oft an den Rande des Bürgerkriegs gebracht, meiner Ansicht nach, aber das ist auch nicht passiert, zum Glück. Das ist das Lustige an dieser Gesellschaft, sie machen nichts, sie bleiben ruhig und warten.

Vielleicht können wir noch einmal auf deine persönliche Situation zu sprechen kommen. Du hast über Jahrzehnte als Wissenschaftlerin  gearbeitet, als du die Nachricht erhalten hast, dass du deinen Job verlieren würdest. Wie hat das deine alltägliche Lebensführung berührt?

Ja, das ist natürlich eine große Sache, natürlich verändert das dein Leben. Also ich meine (lacht) zumindest dein Budget, du musst lernen auf kleinerem Fuß zu leben – was für mich aber in Ordnung geht. Ich meine, für mein Alter und den Status, den ich habe, ist es OK. Aber es ist hart für die jungen Wissenschaftlerinnen, die gerade angefangen haben. Weißt du, ich habe Dinge erlebt, Erfahrungen gesammelt. Da waren durchaus Erfolgserlebnisse, Momente, in denen es mir großartig ging und… naja, das ist jetzt die Situation im Land. Ich habe das bestehende akademische System ohnehin nie sonderlich gemocht. Es war gewissermaßen eine Erleichterung, ich habe mich befreit gefühlt, als sie mich rausgeworfen haben – aber das war natürlich nicht das gleiche bei den Jüngeren. Es geht natürlich auch um finanzielle Ressourcen. Ich habe meine eigene Wohnung, muss also keine Miete zahlen, das macht vieles einfacher. Also mich persönlich hat es nicht so sehr berührt, ich dachte mir: Ich kann jetzt vieles anders machen.

Viele sind ja auch ausgewandert. Du erwähntest, dass du mit der Situation besser umgehen könntest, weil du entsprechende Ressourcen hast. Wie beeinflusst soziales, kulturelles und ökonomisches Kapital wie gut Leute mit dieser Situation umgehen können?

Also wie ich gesagt habe, es ist hart, für viele von uns: Du bist nicht mehr bei deinen Studierenden, du hast keine Forschungsprojekte mehr – die haben sie nämlich auch gestrichen – und so weiter. Du bist also abgeschnitten vom gesamten akademischen Leben. Sie müssen also irgendwie zurechtkommen und viele gehen ins Ausland, um weiterarbeiten zu können. Viele von uns sind aber auch hier geblieben, um die Situation mit zu bewältigen und Dinge auf eine andere Art zu machen.

Was mich am meisten geschockt hat war die Haltung ehemaliger Kolleginnen. Die hatten eine solche Angst, die haben plötzlich aufgehört mit dir zu reden, die haben dir noch nicht einmal mehr in die Augen geschaut. Das war wirklich traurig und hat wehgetan. Aber davon abgesehen sind wir miteinander solidarisch, wir werden überleben.

Zum Ende würde ich gerne fragen, wie es um eure weiteren Pläne steht. Du hast mir erzählt, dass ihr Solidaritätsakademien in verschiedenen Städten habt und die Gruppe Kampussüzler. Was plant ihr als nächstes zu tun?

Fast alle von uns sind zurzeit aktiv, aber wir arbeiten mit unterschiedlichen Methoden, wir machen nicht alle dasselbe. Was Kampussüzler betrifft, so arbeiten wir an Modulen mit Vorträgen und Workshops zu verschiedenen thematischen Schwerpunkten. Dieses Jahr planen wir es anders zu machen: Zum Beispiel hier bei der Summer School gibt es sieben Tage voll mit Programm, aber wir entwerfen auch ein Programm für das gesamte Jahr. Außerdem arbeiten wir zusammen mit Promovierenden, die von derselben Situation betroffen sind. Wir nennen das ein Schatten-Beratungskomitee, wir arbeiten dort mit deren Abschlussarbeiten. Wir treffen uns einmal wöchentlich. Damit werden wir weitermachen. Wir werden zu verschiedenen Themen Arbeitsgruppen bilden, die sind wir gerade dabei zu planen, für das ganze nächste Jahr.

Also gründet ihr ein Schattensystem?

Ja, genau! (lacht)

Zeynep Tül Akbal Süalp

Zeynep Tül Akbal Süalpist Soziologin und Mitbegründerin der Kampussüzler

Till Manderbach