Quelle: Polina Godz / Jacobin Magazine · 1. September 2018

Tech-Arbeiterinnen
gegen das Pentagon

Arbeiterinnen bei Google ist vor Kurzem ein beeindruckender Sieg gegen den US-Militarismus gelungen. Unsere Gesprächspartnerin „Kim“ war dabei.

Monatelang führten Angestellte bei Google eine Kampagne durch, in der sie das Unternehmen dazu aufforderten, dessen Vertrag mit dem Pentagon für das „Project Maven“ aufzulösen. Project Maven ist ein Programm, das computergestütztes Lernen einsetzt, um die Zielerfassung bei Drohnenangriffen zu verbessern. Fast 5.000 Google-Mitarbeiterinnen unterschrieben eine interne Petition, in der sie die Beendigung des Projektes forderten. Dutzende kündigten.

Am 1. Juni hatten die Arbeiterinnen es geschafft: Google gab bekannt, dass es den Vertrag für Project Maven nicht verlängern wird und gab damit dem Druck seiner Angestellten nach. Diese Kehrtwende ist ein großer Sieg gegen den US-Militarismus und spiegelt die neuen politischen Strömungen wider, die sich seit der Wahl von Donald Trump in der Tech-Branche gebildet haben.

Ben Tarnoff sprach mit einer der Google-Mitarbeiterinnen, die die Kampagne initiiert und gestaltet haben (in diesem Interview verwendet sie das Pseudonym „Kim“). Ein Gespräch über die Ursprünge der Kampagne, wie sie groß wurde, und welche Lehren für zukünftige Organisationsarbeit innerhalb der Tech-Industrie daraus gezogen werden können.

Wie die Kampagne organisiert wurde

Kannst du die Ursprünge der Kampagne erklären? Wie hat sie angefangen?

Schon als Google den Vertrag für Project Maven unterschrieb, gab es internen Widerspruch. Das ging ungefähr im September 2017 los und nahm im Oktober an Fahrt auf. Im Januar 2018 wussten bereits mindestens ein Dutzend unterschiedliche Teams von Project Maven. Eine ganze Reihe von Google-Mitarbeiterinnen aus verschiedenen Teilen des Unternehmens – unter anderem von Cloud, AI, der Kommunikationsabteilung, dem Google Brain Team und von DeepMind – waren stark dagegen. Sie kamen zusammen und versuchten durch offizielle Kanäle und gegenüber Diane Greene, der Chefin von Google Cloud, ihre Bedenken zu äußern.

Doch die HR-Abteilung und das Ethikteam lehnten die Beschwerden ab. Innerhalb weniger Monate wurde deutlich, dass die Bemühungen der Googlerinnen zu nichts führten. Das Unternehmen machte einfach weiter. Deshalb entschieden sie sich für einen anderen Ansatz. Sie schrieben auf der internen Social Media-Plattform des Unternehmens einen Eintrag über Project Maven, in dem sie erklärten worum es ging und ihre Bedenken umrissen.

Der Eintrag zog eine unglaubliche Anzahl an Antworten nach sich. Die Arbeiterinnen wandten sich sehr deutlich gegen Project Maven. Diane Greene schritt ein und versuchte die Bedenken zu zerstreuen, indem sie betonte, dass Project Maven nur nicht-offensiven Zwecken dienen würde. Doch davon ließen sich die Leute nicht überzeugen. Viele widersprachen Diane Greene in den Kommentaren ganz direkt.

Waren diese überwältigenden Reaktionen der Arbeiterinnen überraschend?

Definitiv. Doch nachdem sie die Reaktionen gesehen hatten, fühlten sich die Googlerinnen, die den ursprünglichen Post verfasst hatten, bestärkt. Sie bemerkten, dass sie starken internen Rückhalt hatten. Also schrieben sie gemeinsam einen offenen Brief an Googles CEO Sundar Pichai, den sie intern verbreiteten. Darin baten sie darum, den Vertrag für Project Maven zu widerrufen.

Wie war die Antwort auf diesen Brief?

In der Nacht erhielt er nur einige hundert Unterschriften. Doch am nächsten Tag explodierte die Zahl. In weniger als 24 Stunden kamen 1.000 Unterschriften zusammen.

Am selben Tag kam es zu einer Vollversammlung. Diane Green machte eine Sonderankündigung und antwortete auf die Kritik der Arbeiterinnen gegenüber Project Maven. Sie war nicht vorbereitet und ihre Antwort war nicht beruhigend.

»Nur, weil die Tech-Industrie aus dem Militär entsprungen ist, bedeutet das nicht, dass sie ihm für immer verschrieben sein muss«

Während der Fragerunde gab es verschiedene Fragen zu Project Maven. Die Führung wurde enorm kritisiert. Es war völlig ungeplant und ich denke, dass niemand eine so heftige Reaktion der Arbeiterinnen erwartet hatte. Eine Frau stand auf und sagte in etwa: „Hey, ich habe das Verteidigungsministerium verlassen, damit ich genau so etwas nicht machen muss. Welche Stimme haben wir abseits von dieser Fragerunde, um klar zu machen, dass dieses Projekt nicht in Ordnung ist?“

Sergey Brin, einer der Mitbegründer von Google, antwortete zuerst. Und seine Antwort hätte für uns nicht besser sein können. Seine Worte waren in etwa folgende: „Diese Frage zu stellen ist die Stimme, die du hast. Nur sehr wenige Unternehmen würden dir überhaupt erlauben, das zu tun.“

Das stimmt tatsächlich. Googles interne Kultur ist offener als die vieler anderer Unternehmen. Es gibt eine etablierte Tradition, Unternehmensentscheidungen zu kritisieren. Doch seine Bemerkung hörte sich für so gut wie jede Googlerin, die sie hörte, taktlos und abgehoben an.

War die Vollversammlung ein Wendepunkt für die Kampagne?

Sie hat zweifellos geholfen. Ich denke, sie zeigte, dass es eine ganze Menge interne Unterstützung dafür gab, in Bezug auf dieses Thema Druck auf das Unternehmen auszuüben.

Nach der Versammlung stieg die Zahl der Unterschriften noch einmal deutlich an. Allein an diesem Tag erhielten wir noch einmal fünf- oder sechshundert Unterschriften. Am nächsten Tag waren 1.000 weitere hinzugekommen. Der Brief verbreitete sich wie ein Lauffeuer.

Die Kampagne entwickelte ein Eigenleben. Leute organisierten ihre eigenen Initiativen in Büros auf der ganzen Welt, von Mountain View über Seattle, New York, Montreal, Dublin bis Zürich.

Wie sahen diese Initiativen aus?

Sie nahmen ganz unterschiedliche Formen an. Eine Gruppe begann, eine Liste derjenigen Angestellten zu erstellen, die aufgrund ihrer Ablehnung von Project Maven zurückgetreten waren. Eine andere Gruppe verfolgte die mediale Berichterstattung zu Project Maven, die vor allem durch die Arbeit von Kate Conger bei Gizmodo zu wachsen begann. Wieder eine andere Gruppe sorgte dafür, dass Arbeiterinnen zu jeder Vollversammlung Fragen zu Project Maven einreichten und bewegte andere Arbeiterinnen dazu, diese zu unterstützen, sodass sie auch wirklich gestellt wurden.

Es gab außerdem eine Gruppe, welche die Chronologie von Project Maven dokumentierte, von den ersten Treffen zwischen der Unternehmensführung und dem Verteidigungsministerium an. Eine andere Gruppe bat Kolleginnen um persönliche Statements zu Project Maven. Und noch eine Gruppe erstellte ein Profilbild für die Kampagne, das von den Arbeiterinnen auf der internen Social Media Plattform des Unternehmens verwendet werden konnte.

Schließlich entwarf eine der Gruppen einfach Memes. Google hat einen beliebten internen Meme-Generator namens Memegen. Jeden Tag erstellte diese Gruppe mit Hilfe von Memegen Memes zu Project Maven und verbreitete sie so weit wie möglich. Sie waren lustig, voller schwarzem Humor und kritisierten oftmals die Unternehmensführung direkt. Wir wissen, dass diese Memes einen großen Einfluss hatten, da die Google-Spitze sie als einen Gradmesser für die Intensität und Verbreitung der internen Unterhaltungen zum Projekt verwendete.

Gab es eine Koordinierung dieser verschiedenen Projekte? Oder entwickelten sie sich eher unabhängig voneinander?

Sie waren großteils autonom, doch es gab auch einen durchgängigen Austausch über die Taktik. Jede Person, die den Brief unterschrieben hatte, bekam außerdem eine Liste mit Ankündigungen, auf der über die Entwicklungen der verschiedenen Initiativen berichtet wurde, um dazu anzuregen, sich an einer von ihnen zu beteiligen.

Es gab auch Unterstützung von außerhalb.

Richtig. Im April startete die Tech Workers Coalition eine Petition auf Coworker.org, wo Arbeiterinnen verschiedener Technologieunternehmen wie Amazon, IBM und Microsoft Google dazu aufriefen, Project Maven zu beenden und die Industrie als Ganze dazu aufforderten, die Zusammenarbeit mit dem Pentagon abzulehnen.

Im Mai veröffentlichte das International Committee for Robot Arms Control (ICRAC) einen offenen Brief, geschrieben von den Akademikerinnen Peter Asaro, Lilly Irani und Lucy Suchman, der unsere Kampagne gegen Project Maven unterstützte. Er wurde von einer ganzen Reihe bekannter Forscherinnen der Künstlichen Intelligenz und der Computerwissenschaften unterschrieben, wie etwa Terry Winograd, der Larry Pages’ Doktorvater in Stanford war.

Das hatte einen massiven Einfluss. Die Forscherinnen gaben uns Glaubwürdigkeit. Wirkliche Expertinnen läuteten die Alarmglocken und sagten: „Hey, das hat mehr mit dem Bau einer Atombombe zu tun als mit der Erschaffung von so etwas wie Gmail.“ Ich weiß, dass dieser Brief auf Fei-Fei Li, Googles AI-Chefin, die auch Professorin an der Stanford Universität ist, deren AI-Labor sie leitet, enormen Druck ausübte.

Wie hat die Führung auf diesen erhöhten Druck reagiert?

Ihre hauptsächliche Strategie bestand darin, mehr Versammlungen abzuhalten.

Einige Wochen nach der Vollversammlung entschieden sie sich, zu drastischeren Maßnahmen zu greifen. Sie kündigten an, dass sie drei zweistündige Versammlungen abhalten würden, um Project Maven zu diskutieren – je eine Versammlung für die Büros in Europa, Asien und Amerika – und dass an diesen Versammlungen alle Beschäftigten teilnehmen könnten.

Das hatte enorme Bedeutung. Sowas hatte es zuvor noch nie gegeben: eine offene Einladung für jede Googlerin, sich zu einer Entscheidung zu äußern, die auf der obersten Ebene getroffen wurde.

»Tech-Arbeiterinnen haben keine Entschuldigung. Es ist Zeit, dass wir uns der neuen Arbeiterinnenbewegung anschließen«

Die Versammlungen begannen damit, alle in Kleingruppen aufzuteilen. Sie sagten: „Wir wollen, dass alle Meinungen gehört werden – auch die unbeliebten“. Der Tonfall dieser Ansage machte deutlich, dass sie wussten, dass ihre Meinung die unbeliebte war, doch sie hofften, dass einige Arbeiterinnen für sie die Fackel tragen würden.

Doch das passierte nicht. Es passierte einfach gar nicht! Alle waren sehr aufgebracht. Die zweite Stunde der Versammlung war eine erneute Fragerunde, in der jede eine Frage stellen konnte. Und die Führung wurde komplett in die Ecke gedrängt.

Eine Frau, die seit 13 Jahren bei Google arbeitete, stellte eine Frage. Sie sagte: „Ich arbeite schon so lange für euch. Doch das ist das erste Mal, dass ich sagen kann, dass ich euch nicht vertraue. Warum habt ihr uns Angestellte nicht angesprochen? Warum habt ihr uns nicht gefragt, was wir denken?

Wie reagierte die Führung auf diese Art der Kritik?

Sie sagten so etwas wie „Ethik ist kompliziert. Ethik ist schwierig.“ Das war eine Argumentationslinie, die sie immer und immer wieder vorbrachten. Sie behaupteten, dass sie eine Art ethischen Rahmenkatalog erarbeiten würden, der die die Zusammenarbeit mit dem Militär regeln sollte. „Es ist eine Grauzone“, sagten sie dann. „Wir versuchen noch, herauszufinden, wo die ethische Grenze verläuft – doch wir können das Geschäft nicht auf Eis legen, bis wir das herausgefunden haben.“

Außerdem versuchten sie die Reichweite des Projektes und die Einbindung von Google herunterzuspielen. Doch diese Rhetorik löste sich im Nichts auf, als wir herausbekamen, dass die Führung gelogen hatte.

Worüber hatte sie gelogen?

Sie hatten von Anfang an behauptet, dass Project Maven nur ein kleiner Vertrag sei, der ausschließlich nicht-offensiven Zielen diene. Sie behaupteten, dass wir keine Sonderanfertigungen herstellen würden. Sie sagten, es sei ein einmaliges Projekt, das nur 9 Millionen Dollar einbringen würde und nicht Teil einer weitergehenden Zusammenarbeit mit dem Pentagon sei.

All diese Behauptungen stellten sich als Lügen heraus. Am 12. April veröffentlichte DefenseOne einen Artikel, der innerhalb des Unternehmens wie eine Bombe einschlug. Nach Unterredungen mit Mitarbeiterinnen des Pentagons stellte sich heraus, dass Project Maven eigentlich ein Pilotprojekt für die zukünftige Zusammenarbeit zwischen Google und dem Militär war. Insbesondere war Project Maven ein Teil von Googles Versuch, sich den Joint Enterprise Defense Infrastructure (JEDI) Vertrag zu sichern.

JEDI ist die neue Cloud-Generation des US-Militärs, welche amerikanische Truppen auf der ganzen Welt miteinander vernetzen und sie durch künstliche Intelligenz integrieren soll. Im Grunde genommen ist es Skynet. Alle großen Cloud-Anbieter wollen diesen Vertrag, weil er 10 Milliarden Dollar wert ist.

Als wir herausfanden, dass Project Maven eine Bewerbung für JEDI war, begannen die Leute wirklich, sich Sorgen zu machen. Mit steigender medialer Aufmerksamkeit lernten wir mehr und mehr über das Projekt. So hatte uns Diane Greene beispielsweise erzählt, dass der Project Maven-Vertrag nur 9 Millionen Dollar wert war. Intern erwarteten sie aber, dass er sich auf 250 Millionen Dollar pro Jahr erhöhen würde. Ebenso gaben sie dem Pentagon nicht nur Zugang zu Open-Source Software – sie wollten ein massives Überwachungssystem herstellen, welches Militäranalytikerinnen Echtzeitinformationen über Menschen, Fahrzeuge und Gebäude in einem Google Earth-artigen Interface liefern sollte.

Dass diese Lügen öffentlich wurden, schadete der Führung – mindestens so sehr wie alles, was wir bisher getan hatten. Dieser Vertrauensverlust war enorm schädlich für sie.

Nach der Versammlung vom 1. Juni kündigte Diane Greene an, dass Google den Vertrag mit Project Maven nicht verlängern würde, wenn der bisherige ausgelaufen ist.

Kam das überraschend?

Es war eine große Überraschung. Bei solchen Organisierungsprozessen sieht man manchmal nicht, wie nah man dran ist, zu gewinnen – bis es tatsächlich passiert. Zu diesem Zeitpunkt begannen einige, die Moral zu verlieren. Unsere Kampagne lief schon seit Monaten und es fühlte sich nicht so an, als würden wir wirkliche Fortschritte machen. Und dann erhielten wir plötzlich dieses riesige Zugeständnis.

Es ist eine historische Errungenschaft. Doch wir sind noch nicht am Ende. Project Maven könnte noch bis März 2019 weiterlaufen. Wenn Google keine weiteren Verträge anstrebt, sollte die Führung den aktuellen Vertrag aufkündigen. Sie sollten zugeben, dass es ein Fehler war. Und sie sollten ihren Arbeiterinnen danken, dass sie sie dazu gebracht haben, das Richtige zu tun.

Analyse der Kampagne

Du sagtest vorhin, dass die interne Opposition gegen Project Maven von Anfang an sehr stark war. Doch Silicon Valley hat eine lange Geschichte der engen Zusammenarbeit mit dem Militär – schließlich sind Militärausgaben der Grund, warum es das Silicon Valley überhaupt gibt. Wieso wehren sich Tech-Arbeiterinnen jetzt gegen das Pentagon? Was hat sich verändert?

Nach der Wahl von Trump politisierten sich viele Tech-Arbeiterinnen. Insbesondere der Gedanke, dass Trump gemeinsam mit Tech-Unternehmen ein „Musliminnen-Register“ erstellen würde – eine Datenbank aller Muslime in den Vereinigten Staaten, wie er es während seines Wahlkampfes versprochen hatte – sorgte für Besorgnis.

Dies führte zum Never Again“-Versprechen vom Dezember 2016. Mehr als 3.000 Tech-Arbeiterinnen unterschrieben es und versprachen damit, niemals eine Datenbank aufzubauen, die Menschen anhand ihrer Ethnizität, Religion oder nationaler Herkunft identifizierbar machen würde.

»Wir haben uns gewehrt, weil wir glauben, dass ein ethischer Rahmen von einem positiven technischen Fortschritt untrennbar ist«

Die Kampagne zu Project Maven ist das „Never Again“-Versprechen in Aktion. So sieht es aus, wenn wir tatsächlich versuchen, „nein“ zu sagen. Es ist chaotisch. Es braucht wirkliche Organisierungsversuche. Man bekommt kein Projekt, das genau den Titel „Musliminnen-Register“ trägt. Doch wenn wir uns kollektiv organisieren, können wir unseren Widerstand aktiv werden lassen.

Bezüglich der tiefgreifenden historischen Verbindungen zwischen Silicon Valley und dem Pentagon: es gibt viele Menschen, die das anerkennen. Aber nur, weil die Tech-Industrie aus dem Militär entsprungen ist, bedeutet das nicht, dass sie ihm für immer verschrieben sein muss. Wir müssen Technologie nicht dazu einsetzen Menschen zu töten, nur weil es der ursprüngliche Antrieb war, sie zu entwickeln.

Google hat außerdem eine ziemlich internationale Arbeiterinnenschaft. Hat das in der Kampagne eine Rolle gespielt?

Das war absolut unerlässlich. Viele derjenigen Googlerinnen, die die Kampagne unterstützten, kamen aus Regionen der Welt, in denen die Rolle des US-Militärs sehr zerstörerisch gewesen ist.

Im Mai veröffentlichte die New York Times einen Gastkommentar, der argumentierte, dass Google Project Maven fortsetzen solle, weil es US-amerikanischen Sicherheitsinteressen dienen würde. Dieser Gastkommentar hatte aber Google-intern keinerlei Zugkraft. Selbst diejenigen, die nicht dafür waren, den Vertrag zu beenden, mussten zugeben, dass der Verfasser des Artikels eindeutig nicht verstanden hatte, dass Google ein internationales Unternehmen ist. Sein Argument war sinnlos.

Wie würdest du die politische Ausrichtung der Kampagne beschreiben? In einem anderen New York Times-Artikel wird ein früherer Pentagonmitarbeiter zitiert, der davon spricht, dass die Organisierungsversuche gegen Project Maven innerhalb von Google eine „stark libertäre Haltung unter Tech-Leuten“ widerspiegeln würde. Stimmst du dem zu?

Nein, er hat vollkommen unrecht.

Libertarismus ist die Ideologie der Führungsriegen dieser großen Technikunternehmen, nicht der normalen Angestellten. Unsere Kampagne hatte mit Libertarismus nichts zu tun. Wir haben uns gewehrt, weil wir glauben, dass Arbeiterinnen eine Stimme habe sollten. Wir haben uns gewehrt, weil wir glauben, dass Unternehmen gegenüber ihren Nutzerinnen, Arbeiterinnen und Gemeinschaften Verantwortung übernehmen müssen. Und wir haben uns gewehrt, weil wir glauben, dass ein ethischer Rahmen, der menschliche Leben und Sicherheit schützt, von einem positiven technischen Fortschritt untrennbar ist.

Das klingt, als ob die Kampagne eine starke Spaltung zwischen Führung und einfachen Arbeiterinnen offenbart habe; für gewöhnlich sind Technikunternehmen sehr geschickt darin, diese Spaltung zu vertuschen.

Bevor es die Kampagne gab, haben viele Googlerinnen nicht einmal darüber nachgedacht, dass ihre Werte eventuell nicht mit denen der Führung übereinstimmen. Die Organisierungsprozesse um Project Maven haben vielen Leuten die Augen dafür geöffnet, dass egal wie gut ihr Job ist – und im Allgemeinen sind die Jobs bei Google gut – sie immer noch Arbeiterinnen sind und nicht Besitzerinnen.

Die meisten von uns hielten es für absolut notwendig, das normale Geschäft anzuhalten, während wir versuchen herauszufinden, was Project Maven eigentlich ist. Die Unternehmensführung wiederum wollte weitermachen wie bisher, unabhängig von ethischen Bedenken, aufgrund eines rücksichtslosen Profitstrebens. Es wurde deutlich, dass die Arbeiterinnen eine Stimme benötigen, wenn die Tech-Industrie zur Verantwortung gezogen werden soll.

Welche möglichen Formen kann die interne Organisierungsstruktur annehmen, die du und deine Mitarbeiterinnen während dieser Kampagne erschaffen habt? Wie geht es von hier aus weiter?

Die Leute spüren jetzt ihre Macht. Am Anfang waren die individuellen Googlerinnen wütend über Project Maven, doch sie fühlten sich machtlos. Sie hatten das Gefühl, alleine zu sein und in die Leere zu schreien.

Der Erfolg dieser Kampagne zeigt, dass wir mehr erreichen können, wenn wir zusammenhalten, als wenn wir es allein versuchen. Wir müssen versuchen, eine Stimme für die Arbeiterinnen zu bilden, die auf gegenseitigem Vertrauen und gegenseitiger Hilfe basiert. Wir müssen weiter Beziehungen aufbauen, nicht nur innerhalb von Google, sondern auch in der gesamten Industrie und mit anderen Gruppen, wie ICRAC, Tech Workers Coalition und Coworker.org. Wir müssen uns auch mit den Nutzerinnen der Technologie in Verbindung setzen und Allianzen auf der Grundlage gemeinsamer Interessen aufbauen.

Und, auch wenn das innerhalb der Project Maven Kampagne niemals zur Debatte stand, einige Googlerinnen reden sogar von gewerkschaftlicher Organisierung. Wenn wir kollektiv handeln wollen, müssen wir organisiert sein. Insbesondere wenn wir andere, risikoreichere Taktiken einsetzen wollen, wie Proteste oder Streiks.

Einige Beobachterinnen verstehen nicht, warum gerade Tech-Arbeiterinnen sich gewerkschaftlich organisieren wollen, besonders diejenigen, die bei Elitefirmen wie Google arbeiten, wo Bezahlung und Sozialleistungen ausgezeichnet sind. Was könnten sie schon für Probleme haben?

Eine Gewerkschaft heißt nur, dass Arbeiterinnen zusammenkommen, um kollektiv mehr zu erreichen, als sie es allein tun könnten.

Wer einmal Organisierungsversuche unternommen hat, der weiß, dass jeder Arbeitsplatz seine Probleme hat. Das liegt daran, dass die Struktur aller Arbeitsplätze die gleiche ist. Arbeiterinnen haben nichts zu sagen. Sie haben keine Stimme. Wenn sie dem Management widersprechen, dann werden sie gefeuert.

Damit möchte ich nicht das Niveau der Ausbeutung gleichsetzen. Arbeiterinnen mit einem Servicejob mit Mindestlohn werden viel härter ausgebeutet als diejenigen, die für ein Top-Technologieunternehmen arbeiten. Aber die Struktur des Arbeitsplatzes ist die gleiche.

An jedem Arbeitsplatz findet man Probleme, sobald man mit den Leuten spricht. Und wo es Probleme gibt, gibt es Agitation.

Innerhalb von Google scheint eine der Beschwerden zu sein, dass die Arbeiterinnen Mitspracherecht darüber haben wollen, was für Technologien das Unternehmen herstellt.

Absolut. Tech-Arbeiterinnen wollen mit darüber entscheiden, was für eine Arbeit wir leisten, weil unsere Arbeit potenziell sehr viele Menschen betrifft.

Das öffentliche Bewusstsein über die Schattenseiten der Technologie wächst seit einiger Zeit. Es gab einiges an Berichterstattung und mediale Kommentare zu Fragen wie dem Bias von Algorithmen, vorausdeutender Polizeiarbeit und Gesichtserkennung. Diese Dinge spielten in unserer Kampagne eine große Rolle. Als Tech-Arbeiterinnen ist uns vollkommen bewusst, dass die Technologien, die wir herstellen, oftmals auch Unterdrückung aufrechterhalten.

Schlussendlich ging es bei der Kampagne um Project Maven nicht nur darum, ob Google dieses eine Werkzeug für das Militär herstellen sollte. Es ging auch darum, unsere Macht als Arbeiterinnen zu nutzen, um sicherzustellen, dass die Technologie für einen gesellschaftlichen Nutzen hergestellt wird und nicht nur für Profit.

Wie könnte eine Tech-Arbeiterinnen-Gewerkschaft einem solchen Ziel dienen?

Technologie wird von Menschen geschaffen. Das bedeutet, dass sie menschliche Entscheidungen widerspiegelt. Doch wenn sich Tech-Arbeiterinnen nicht organisieren, haben wir keine Macht, um an diesen Entscheidungen teilzuhaben. Es wird dann von Management entschieden – und das Management interessiert sich nur dafür, Geld zu machen.

Eine Antwort, die wir oftmals während der Project Maven Kampagne gehört haben, war: „Wenn wir es nicht bauen, dann wird es jemand anderes machen.“ Doch wenn die Tech-Arbeiterinnen eines Unternehmens aufstehen und sich weigern etwas zu bauen, dann bestärkt es andere Arbeiterinnen in anderen Unternehmen es ihnen gleichzutun. Wenn wir unsere Macht an einem Arbeitsplatz zeigen, hilft es anderen Arbeiterinnen, ihre Macht an einem anderen zu zeigen.

Indem wir uns organisieren, können wir außerdem solidarischer mit den Servicemitarbeiterinnen unserer Unternehmen sein – den Sicherheitsleuten, den Kantine-Arbeiterinnen und den Busfahrerinnen, die oftmals niedrige Löhne und skandalöse Arbeitsbedingungen ertragen müssen. Wir müssen uns organisieren, damit alle Arbeiterinnen, die daran arbeiten, den Reichtum der Tech-Industrie zu erzeugen, von dessen Wohlstand profitieren können.

Doch wir können nichts von dem erreichen, wenn wir uns nicht organisieren. Man schaue sich nur den Lehrerinnenstreik in West Virginia an und welche Macht sie aufgebaut haben und welche Vorbildsfunktion sie haben. Was wir tun oder nicht tun hat eine Bedeutung. Tech-Arbeiterinnen haben keine Entschuldigung. Es ist Zeit, dass wir uns der neuen Arbeiterinnenbewegung anschließen.

Dieser Text erschien zuerst auf Englisch bei unserem Kooperationspartner Jacobin-Magazine. Übersetzung von Johannes Liess

Ben Tarnoff

Ben Tarnoff ist Redakteur und Mitbegründer des US-amerikanischen Magazins Logic.

Kim

Kim ist Mitarbeiterin bei Google.