Quelle: Fouquier ॐ · 13. September 2018

Ist Sozialismus möglich?

Die drei häufigsten Fragen, die ihr über den Sozialismus googlet - und die Antworten.

Inspiriert vom Wired Magazine haben wir in die Suchleiste getippt: „Ist Sozialismus…”. Hier sind die häufigsten Fragen, die sich so ergeben – und einige Antworten:

1. Ist Sozialismus möglich?

Viele Menschen kennen es: Tag für Tag bis zur Erschöpfung ackern, um den eigenen Lebensunterhalt oder den der Familie zu verdienen. Oder für den beruflichen Erfolg die persönliche Entfaltung opfern zu müssen. Oder teure Lebenszeit vor Bildschirmen zu verschwenden, mit vollkommen sinnloser Arbeit. Da fällt es meist leicht zu verstehen, warum es besser wäre, wenn unser Zusammenleben nicht auf Ausbeutung und wirtschaftlichen Zwang aufgebaut wäre.

Doch trotzdem fürchten viele, dass eine gerechtere Welt unmöglich ist, weil den Menschen ein gewisser Egoismus einfach angeboren ist. Erlebt man nicht ständig, wie Menschen nur nach ihrem eigenen Vorteil streben, selbst wenn genug für alle da wäre? Zeigt das nicht, dass es der menschlichen Natur entspricht, dass jede für sich alleine kämpft? Ein typisches Beispiel liefert der CDU-Politiker Andreas Kern:

„Mit 19 Jahren nahm ich an meiner ersten Betriebsweihnachtsfeier teil. Wie es sich gehört, wurde reichlich aufgetischt. Dennoch strebten einige Gäste dem Buffet mit solch einer finsteren Entschlossenheit entgegen, als gäbe es nur für das erste Dutzend genug Speis und Trank. Als einer der Letzten an der Tränke bekam ich dennoch ausreichend ab. […] Dabei wurde mir endgültig klar, was ich schon immer vermutete: Der Mensch, wie er auf dieser Erde existiert, ist für Sozialismus nicht geschaffen.”

Die Beobachtung scheint bekannt und der Schluss aus ihr plausibel. Doch würden Menschen wirklich so – und nur so – miteinander umgehen, wäre die Welt ein viel finsterer Ort, als sie es wirklich ist. Tatsächlich werden wir schon als Kinder dazu erzogen, nicht gierig zu sein und auf  andere Rücksicht zu nehmen. Wir halten zu unseren Freundinnen und zur Familie, selbst wenn es Aufwand bereitet. Wir geben Armen, die in der Fußgängerzone um Hilfe bitten. Und wir bilden WhatsApp-Gruppen, gehen in die Kneipe und fahren zusammen ins Grüne, weil es schön ist, Zeit mit anderen zu teilen. In einer Gruppe sind meistens die Leute beliebter, die sich nicht egoistisch verhalten.

Sich um andere zu kümmern, das eigene Leben mit ihrem Leben zu verbinden und sich so auch von ihnen abhängig zu machen, ist eine menschliche Tendenz, die genauso tief sitzt, wie die, den eigenen Vorteil zu suchen. Bill Withers’ Klassiker Lean On Me bringt das Prinzip auf den Punkt: „Lehn‘ dich bei mir an, wann immer du schwach bist. Denn es wird nicht lange dauern, bis auch ich jemanden zum Anlehnen brauche.”

Interessanterweise hat die psychologische Forschung herausgefunden, dass Menschen sich in der Öffentlichkeit meist egoistischer geben, als sie es tatsächlich sind. Sie „glauben, dass pures Eigeninteresse ein Naturgesetz ist. Und weil sie gegen ein Naturgesetz nicht verstoßen wollen, versuchen sie es zu befolgen.” Mit anderen Worten: Es ist eine gesellschaftliche Norm, so zu tun, als sei man nur an sich selbst interessiert. Tatsächlich bewegen uns die anderen die ganze Zeit.

Warum tun wir, als wären wir Egoistinnen? Und warum erwarten wir, dass andere egoistisch sind, obwohl unser ganzes Leben darauf aufbaut, dass wir zusammenhalten und uns gegenseitig zur Hilfe kommen? Weil die Erwartung, dass andere uns in erster Linie etwas wegnehmen wollen; dass sie uns nur zu ihrem Vorteil benutzen; dass wir untergehen, wenn wir nicht selbst egoistisch sind, nicht einfach zufällige Haltungen sind. Sie sind die verinnerlichte Version des kapitalistischen Prinzips: Hierarchie im Betrieb, Konkurrenzkampf um Positionen und Arbeitsplätze und die Notwendigkeit, dass jede für sich selbst sorgt, indem sie ihre Arbeitskraft und ihre Lebenszeit verkauft.

Diese Weise die Gesellschaft zu gestalten kann sich natürlich auch auf Teile der menschlichen Natur stützen. Menschen genießen es manchmal, andere zu dominieren, wollen sich mit ihnen messen und ganz für sich stehen. Doch das ist eben nur ein Teil. Und unsere soziale Veranlagung protestiert umso lauter, je restloser wir in die kapitalistische Mühle eingespannt sind.

Denn – wie der berühmte Physiker Albert Einstein in Antwort auf die Frage „Warum Sozialismus?” schreibt – diese Mühle bietet eben keine echte Eigenständigkeit. Stattdessen

„ist das Individuum sich seiner Abhängigkeit von der Gesellschaft stärker bewusst als je zuvor. Aber es erfährt diese Abhängigkeit nicht als etwas Positives, Organisches, sondern eher als eine Bedrohung seiner naturgegebenen Rechte oder sogar seiner ökonomischen Existenz. Seine egoistischen Triebe werden ständig hervorgehoben, während seine sozialen Triebe immer mehr verkümmern. Alle Menschen leiden unter diesem Prozess der Verschlechterung. Als unwissentliche Gefangene ihrer eigenen Ichbezogenheit fühlen sie sich unsicher, einsam und des ursprünglichen und schlichten Lebensgenusses beraubt. Der Mensch kann den Sinn seines Lebens nur innerhalb der Gesellschaft finden.” (Text gekürzt)

Der Sinn der sozialistischen Bewegung ist es, die Möglichkeiten zu bewahren, die wir durch die enorme wirtschaftliche Entwicklung im Kapitalismus gewonnen haben -, und zugleich sicherzustellen, dass alle davon etwas haben, ohne dafür anderen etwas wegnehmen zu müssen. Das heißt nicht, dass im Sozialismus alle nett sein müssen, dass jeder Betrieb seinen eigenen Ponyhof kriegt oder sich keiner mehr zum Buffet drängeln darf.

Aber es bedeutet zum Beispiel, dass mit dem Geld, das die Reichen heute für nichts besseres nutzen können, als ihre Autos ins All zu ballern, allen ein sicherer und guter Arbeitsplatz garantiert wird. Denn wenn das sicher ist, muss ich mir von oben nicht mehr alles bieten lassen und ich muss mich auch von den anderen nicht mehr wirtschaftlich bedroht fühlen. Die sozialistische Forderung, die Gesellschaft so zu organisieren, dass das Gemeinsame im Mittelpunkt steht, ist eine so starke und nicht totzukriegende Idee, weil sie eben sehr wohl der menschlichen Natur entspricht. Nämlich der, die der Kapitalismus uns vergeblich auszutreiben versucht.

2. Ist Sozialismus demokratisch?

Als Bayern München dieses Jahr zum hundertvierzehnten Mal Meister wurde, saß ich mit meinem Bruder vorm Fernseher. „Die haben halt das Geld”, meinte er, ohne sich den gekränkten BVB-Stolz anmerken zu lassen. „Ja”, meinte ich, „aber da muss man doch mal die Regeln ändern, das wird doch voll langweilig.”

Stille.

„Oder?”

– „Das ist halt wie im Kapitalismus, da gewinnen auch immer dieselben.”

– „Da müsste man ja auch die Regeln ändern!”

Lachen

– „Ja, aber ich mach halt nicht die Regeln von der Bundesliga. Oder vom Kapitalismus.”

Was man heute Demokratie nennt, ist größtenteils wie die Bundesliga: Man kann vorm Fernseher mit seinem Lieblingsteam mitfiebern, aber spielen tun andere, das Entscheidende sind die Millionen, die jenseits vom Platz verschoben werden, und am Ende gewinnen immer dieselben.

Sozialistinnen ist das nicht genug. Beim Fußball mag es entspannter sein zuzuschauen, als selbst über den Platz zu rennen. Aber wenn es darum geht, ob unsere Wohnung nächstes Jahr noch bezahlbar ist, ob wir uns leisten können mit der Familie mal in den Urlaub zu fahren, ob wir uns auf der Arbeit herumkommandieren lassen müssen – oder ob es den Planeten noch gibt, wenn unsere Kinder älter werden -, dann ist das zu wichtig, um es einfach dem Lauf der Dinge zu überlassen.

Demokratie heißt, dass Menschen gemeinsam die Umstände gestalten, unter denen sie zusammenleben wollen. Heute bedeutet das, alle vier Jahre im Klassenzimmer einer Grundschule einen Zettel auszufüllen. Den Rest machen dann andere. Dieses Recht ist einiges wert – und es waren maßgeblich Sozialistinnen, die erkämpft haben, dass nicht mehr bloß die allerreichsten Männer wählen dürfen. Doch da wo wir den Großteil unserer Zeit verbringen, nämlich am Arbeitsplatz, bleibt die Demokratie bis heute außen vor. Hier gilt am Ende das Wort der Chefin. Und die setzt letztlich bloß um, was die Eigentümerinnen verlangen: Gewinn.

Sozialistinnen wollen Demokratie auch da wo es ums Geld geht: Nämlich beim Eigentum an großen Firmen und bei dem Profit, den man als Eigentümerin einstecken kann. Denn der Profit kommt davon, dass viele Menschen tagtäglich hart arbeiten. Er landet aber zum allergrößten Teil bei den wenigen, denen die Firmen gehören. Obwohl die ihr Eigentum nicht erarbeitet, sondern fast ausnahmslos geerbt haben.

Die Parallelgesellschaft der Superreichen ist antidemokratisch, aber nicht, weil diese Leute irgendwie böse sind und geheime Pläne gegen die Menschheit schmieden. Sondern weil Eigentum und Reichtum ihnen ganz offen und legal eine Macht geben, die die von normalen Menschen weit übersteigt. Wenige entscheiden über große Investitionen, Outsourcing und Betriebsabläufe und verändern so die Lebensrealität vieler Arbeiterinnen – ohne dass die vorher gefragt werden. Das widerspricht der demokratischen Idee.

Bernie Sanders Boo GIF - Find & Share on GIPHY

Undemokratisch ist auch, wenn Reiche von der Politik bevorzugt werden. Genau das passiert aber, wenn in Not geratenen Investoren mit öffentlichem Geld aus der Patsche geholfen wird, während für Dinge, die die Mehrheit der Menschen betreffen – Schulen und Straßen, die Pflege alter Angehöriger oder der Erhalt der Umwelt – ständig das Geld fehlt. Deutschland hat heute unter allen Euro-Ländern die größte Ungleichheit zwischen Arm und Reich. Und während die Wirtschaft wächst, hat die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung seit 15 Jahren keine Gehaltserhöhung bekommen, die die steigenden Preise überschreitet.

Der Kern der sozialistischen Bewegung ist eine Erweiterung der Demokratie auf die Wirtschaft. Selbstverständlich schließt das auch die unbezahlte Arbeit ein, die heute meist von Frauen im „Privaten” verrichtet wird. Sozialistinnen wollen allen Leuten, die für ihren Unterhalt arbeiten müssen, mehr Einfluss und ein besseres Leben verschaffen – also der großen Mehrheit der Bevölkerung. Deshalb müssen wir nicht auf die Revolution warten, um die Welt demokratischer zu machen. Wir können überall da anfangen, wo die Bedürfnisse der Mehrheit ignoriert werden, weil sie den Profit der Wenigen schmälern würden. Etwa indem wir gesetzlich beschränken, um wieviel das Gehalt der Chefinnen das der Arbeiterinnen übersteigen darf; indem wir Mieterinnen erlauben, kollektiv mit Vermieterinnen zu verhandeln und so ihre Position zu stärken; oder indem wir digitale Plattformen besteuern und damit gute Jobs für alle garantieren.

Das alles sind mutige, aber sofort umsetzbare Schritte. Am weiteren Horizont: Eine Welt, in der die Idee, die eigene Arbeitskraft an andere Menschen verkaufen zu müssen, um zu essen, so absurd und unmenschlich wirken wird, wie für uns heute die Sklaverei.

Zu zweit auf einer Fernseh-Couch wirken die Regeln unveränderbar. Aber wann immer viele Leute ins Gespräch und dann in Bewegung kommen, lässt sich oft viel mehr reißen als gedacht. Dass wir Bürgerinnen sind und keine Untertanen, und dass es also möglich sein muss, gemeinsam die Regeln so zu ändern, dass sie zum Vorteil der Mehrheit dienen, ist die Grundidee der Demokratie. Nur Sozialistinnen machen damit wirklich ernst.

Und trotz allem übrigens nichts gegen Bayern-Fans…

3. Ist Sozialismus das gleiche wie Kommunismus?

Kurze Antwort: Nicht ganz. Aber eigentlich ist das gar nicht so wichtig.

Hier ist die etwas längere: Sozialismus und Kommunismus waren ursprünglich die Namen, die sich zwei linke Bewegungen im 19. Jahrhundert gaben. Vereint waren sie in der Gegnerschaft zum Kapitalismus, der gerade begann, mit voller Macht loszuschlagen. Und vereint waren sie auch in ihrer Vision dessen, was sich als stärker erweisen könnte als der Kapitalismus: das Gemeinsame (lateinisch: communis) oder die Kameradschaft, der Zusammenhalt (societas). Was sie trennte waren in erster Linie Fragen der Strategie und des Stils.

Sozialistinnen glaubten stärker an die Möglichkeit, durch die Abwandlung und Übernahme von kapitalistisch-demokratischen Institutionen den Kapitalismus abzuschaffen. Experimente mit ganz anderen Arten, das Wohnen und Arbeiten zu organisieren, zum Beispiel, würden Menschen in neuer, nicht-kapitalistischer Weise zusammenbringen. Die Machtübernahme durch sozialistische Parteien in den Parlamenten könne grundlegende Umwälzungen, wie Bodenreformen oder die Vergesellschaftung von Industrien durchführen.

Kommunistinnen empfahlen eher die Revolution mit Gewehren, durchgeführt von organisierten Arbeiterinnen. Dahinter standen auch unterschiedliche Erfahrungen: Der Kommunismus war zur Mitte des 19. Jahrhunderts eine Bewegung der Arbeiterinnen, die am härtesten ausgebeutet und von Armut und Anstrengung brutalisiert waren. Ihnen fehlte die Geduld für Experimente und kleine Schritte. Einigen Sozialistinnen, die aus der gebildeten Klasse der fortschrittlichen Mittelschicht kamen, fiel dies leichter. Diese Unterschied war noch stärker zwischen den Anhängern der Sozialdemokratie, die sich damals noch eindeutig als sozialistisch verstand, und den Kommunistinnen.

Doch der Gebrauch der Namen blieb im Wandel, je nachdem wie sich die Bewegungen entwickelten und wen sie für sich gewinnen konnten. Es gab durchaus auch unter den Kommunistinnen gebildete Kinder der Mittelschicht – allen voran die Verfasser des Kommunistischen Manifests, Karl Marx und Friedrich Engels. Und ebenso gab es revolutionäre Sozialistinnen und (später) wichtige kommunistische Parteien, die auf radikale Reformen drangen, zum Beispiel in Italien. Die Unterscheidung war also nie besonders klar.

Tatsächlich war einer der zentralen Ratschläge, die Marx und Engels den Bewegungen im Manifest auf den Weg gaben, der, sich strategisch auch mit politischen Kräften jenseits der eigenen Bewegung zusammenzutun. Ihnen lag also ebenso viel an interner Debatte und scharfer Analyse, wie an einer Einheit der Linken jenseits von kleinen Sekten, die sich um Namen oder radikale Posen streiten. Als Teil dieser verbindenden Haltung versuchten sie in ihren Schriften, die beiden Namen zusammenzubringen, die Menschen Hoffnung auf eine bessere Welt machten: Sozialismus und Kommunismus seien beides Ziele der Revolte arbeitender Menschen; sie seien einfach zwei aufeinanderfolgende Stufen derselben lange andauernden Revolution.

Zuerst nämlich werde die Bewegung an die Regierung kommen und so den Sozialismus einläuten. Hier wäre es der Staat, der den Menschen mehr und mehr Kontrolle über ihre Lebensbedingungen verschafft. Zum Beispiel würde man nicht mehr erlauben, dass Adelige und die Kirche das Land für sich beanspruchten und von den Bäuerinnen Geld für die Nutzung des Bodens verlangten. Ebenso würde man die großen Industriellen per Gesetz zwingen, den Arbeiterinnen die Früchte ihrer Arbeit in vollem Ausmaß auszuzahlen, das heißt ohne den Großteil als Profit für sich selbst abzuzweigen. Man würde sie also voll oder teilweise enteignen.

Heute ginge es in dieser Phase statt Ackerboden zum Beispiel um Algorithmen. Denn Google kann nur soviel Profit machen, weil wir alle tagtäglich unsere Handys nutzen und so mit unseren Daten den Algorithmus verbessern. Wir arbeiten also im Grunde alle für Google, ohne dafür bezahlt zu werden. Um das zu ändern, könnte man zum Beispiel gesetzlich festlegen, dass 51 Prozent der Mitglieder des Aufsichtsrats von Google demokratisch gewählte Volksvertreterinnen sein müssen, wie das zum Teil bei kommunalen Unternehmen der Fall ist. So könnte man eine Infrastruktur, der heute kaum ein arbeitender Mensch entgehen kann, auch unter öffentliche Kontrolle stellen. Und nachvollziehen, was mit unseren Daten und dem Geld, das mit ihnen gemacht wird, eigentlich geschieht.

Aber das nur zur Illustration. Im Sozialismus jedenfalls würde laut Marx und Engels schon ein großes Umsteuern stattfinden, obwohl vieles noch ähnlich aussähe wie zuvor: Den Staat gäbe es immer noch, Wahlen würden abgehalten, ein gewisser Grad von Ungleichheit würde fortbestehen, weil die Leute immer noch für Lohn arbeiten, also auch entsprechend ihrer geleisteten Arbeitsstunden bezahlt würden.

Das sollte auf der nächsten Stufe, dem Kommunismus, dann auch anders werden. Denn die Idee der damaligen Linken war, dass es den Staat als eine vom Leben der Menschen losgelöste Organisation nur gibt, weil die Menschen in Oben und Unten gespalten sind. Daraus folgte die ebenso scharfsinnige wie wahrscheinlich falsche Idee, dass das Abnehmen der Ungleichheit im Sozialismus dazu führen würde, dass der Staat überflüssig werde und ganz von selbst „absterbe”.

Wenn es Menschen nicht mehr möglich sei, Produktionsmittel zu besitzen – also andere Leute für ihre eigene Bereicherung arbeiten zu lassen – gäbe es auch keine „Arbeiterinnen” im klassischen Sinne mehr. Man würde dann arbeiten, weil es dem eigenen Bedürfnis entspricht, sich sinnvoll zu betätigen. Man wäre dazu aber nicht gezwungen, denn ohne die Schicht, die den Großteil der Erträge und eben die Mittel der Produktion für sich einbehält, wäre sowieso genug für alle da. Es verschwände auch die Notwendigkeit, sich Menschen und Dingen nur dann verbunden zu fühlen, wenn man sie besitzt. Und damit die Keimform vieler Formen emotional verletzender Beziehungen im „Privaten”. Im Kommunismus würde ich Menschen als Einzelnen begegnen, mit denen ich meine Zeit auf dem Planeten teile und deren menschliche Bedürfnisse auch die meinen sind. Jeder wäre „in seinem individuellsten Dasein zugleich Gemeinwesen”.

Vieles, was über das „Reich der Freiheit” des Kommunismus geschrieben wurde, liest sich ebenso inspirierend wie etwas entrückt. Das ist in gewisser Weise so gewollt. Denn einen Zustand, in dem  wirtschaftliche, politische, soziale und kulturelle Ordnungen allesamt ganz anders aussähen als heute, kann und sollte man nicht zu detailliert auf heutige Vorstellungen festnageln. Wenn wir vom Kommunismus als vollendetem Menschlich-Werden der sozialen Beziehungen reden, dann nicht, um zu klären, ob die Leute dann jeden Dienstag abwechselnd Putzen oder das lieber spontan regeln. Sondern eher um uns zu vergegenwärtigen, wie schön und leicht das Leben sein könnte, wenn wir erstmal die Institutionen abgeworfen hätten, durch die wir uns gegenseitig das Leben schwer machen. Und um zu verdeutlichen, was hervortritt, wenn das gemeine und irgendwie triste, sinnlose Haschen nach Geld im Kapitalismus einmal aufhört: der Reichtum menschlicher Beziehungen.

So oder so wurde die Idee von den zwei Stufen (plus allerlei Vor- und Zwischenstufen) in der Arbeiterinnenbewegung sehr populär. Sie inspirierte viele, sich Gedanken zu machen, wie es realistisch klappen könnten, eine Welt der Zusammenarbeit und gegenseitigen Hilfe zu organisieren. Wann immer der Sozialismus zu einer sektenartigen Bewegung verkam, wie in den Dreißigerjahren oder den K-Gruppen der Siebzigerjahre, versteinerte die Idee zu einem Dogma und man sprach von den Stufen, als könnte man die Zukunft der Menschheit wie einen Parteitag planen.

Als Theorie der sozialistischen Revolutionen, wie sie ab 1917 tatsächlich passierten, erwies sich das Stufenmodell als grundlegend falsch. Zwar bedeutete zum Beispiel die großflächige Enteignung der Großgrundbesitzerinnen in der frühen DDR erstmal wirklich eine Demokratisierung der Wirtschaft. Die Folge war aber überall, dass der Staat – der den Besitz ja eigentlich nur im Namen der Bevölkerung verwalten sollte – zu einer fürchterlichen tyrannischen Maschine anwuchs. Einkommen und Besitz waren zwar tatsächlich gleicher verteilt als im Kapitalismus. Der Staat starb deswegen aber nicht ab, sondern unterjochte mit seiner bürokratischen Vision die ganze Gesellschaft. Es zeigte sich auch, dass es nicht reicht, an eine Fabrik zu schreiben, dass sie den Arbeiterinnen gehört, wenn die Arbeiterinnen in der Fabrik keine Macht über Produktion, Planung und Verteilung haben. Die schärfsten Kritikerinnen dieses Irrwegs waren übrigens andere Sozialistinnen.

Wer heute Sozialistin ist, muss als allererstes verstehen, wie der Sozialismus in autoritären Regimen vor die Wand gefahren wurde. Dazu gehört auch, Schulbuch-Ideen wie dem Stufenmodell „Kapitalismus -> Sozialismus -> Kommunismus” zu misstrauen, die versuchen die Zukunft festzuschreiben. Überlassen wir sie lieber den atmenden, sprechenden Menschen, die die Gesellschaft gemeinsam, in einem ewigen Hin und Her verändern und sich dabei gegenseitig beibringen, selber zu denken, statt Formeln runterzubeten. Genau das war die Absicht von Marx und Engels.

Was die Namen angeht, können wir heute, da das 19. Jahrhundert, die Dreißiger- und die Siebzigerjahre vorbei sind, ein bisschen entspannter sein. Die neoliberale Verwüstung der Gesellschaft und des Planeten ist dabei, endgültig den Rückhalt unter den Menschen zu verlieren. Der Zusammenbruch dieser Ideologie, die für Jahrzehnte beherrschend war, hinterlässt ein Vakuum und mischt die Karten neu. Wollen wir diesen entscheidenden Moment nicht der traurigen Ideologie der Rechten, dem Rassismus, überlassen, dann müssen wir breit denken, offen und pragmatisch sein und uns nicht allzu lang mit Namen aufhalten.

Es ist also egal, ob du dich sonst gerne Ökologin, Antirassistin, Kommunistin, Sozialdemokratin oder Anarcho-Syndikalistin nennst – oder ob du Namen, die auf -ismus enden insgesamt ein bisschen peinlich findest: Wenn dich die Idee der Gleichheit aller Menschen begeistert, wenn du realistisch genug bist, die Wurzel der gegenwärtigen Ungleichheit in den Eigentumsverhältnissen und in der Organisation von Herrschaft zu sehen, und wenn du es pervers findest, dass Menschen die lebendige Umwelt und die Lebensenergie von anderen Menschen besitzen dürfen – dann willkommen an Bord.

Noch weitere Fragen? Dann schreib uns eine Mail an: editor@adamag.de

Linus Westheuser

Linus Westheuser ist Redakteur bei Ada