Quelle: historybyzim.com · 6. Juli 2018

Die Geburt des Streiks

Warum heißen Streiks eigentlich „Streiks“? Die Antwort liegt in der Entstehung der Arbeiterinnenklasse in London vor 250 Jahren

Im Mai vor 250 Jahren wurde das Wort „Strike“ in die englische Sprache aufgenommen, um eine Form des kollektiven Arbeitsstopps zu beschreiben. Zum ersten Mal wurde es während der Londoner Streiks der Kohleträgerinnen und Seeleute 1768 verwendet. Es bezieht sich auf die Handlung des Segel-Streichens („Striking“), also das Entfernen der Toppsegel der Schiffe, was diese bewegungsunfähig macht. Seitdem ist das Wort „Streik!“ das symbolträchtige Wort geworden, das Arbeiterinnenkämpfe beschreibt – von den Londoner Docks 1768 bis zur Hauptstadt West Virginias 2018.  Doch es war natürlich nicht das erste Mal, dass Arbeiterinnen in kollektivem Protest ihre Arbeit unterließen.

Tatsächlich waren die Kielmänner (welche auf den „Kielen“ arbeiteten: Boote, die Kohle vom Ufer zu den Schiffen transportieren) aus der Grafschaft Tyne and Wear im Nordosten Englands seit Mitte des 17. Jahrhunderts, noch vor den Londoner Streiks 1768, mit ihren kollektiven Aktionen so effektiv gewesen, dass sie, wie John Stevenson bemerkte, „zu den ersten Handwerkern gehörten, die in einer ursprünglichen Form der Gewerkschaft organisiert waren“. Im Nordwesten Englands unterbrachen im Dezember 1762 Seeleute in Liverpool ihre Arbeit, um eine Lohnerhöhung zu fordern. Und 1765 unternahmen auch Kohleminenarbeiterinnen eine langwierige Arbeitsunterbrechung. April 1768 hinderten die Seeleute in Sunderland die Schiffe am Verlassen des Hafens, indem sie deren Rahe herunterholten (und somit die Segel strichen) – mit dem Ergebnis, dass die Besitzerinnen und Kapitäne der Schiffe den Forderungen der Seeleute nach Lohnerhöhung nachgaben. Im Mai desselben Jahres sollten Seeleute auf der Themse diese Aktionen wiederholen. Die Neuigkeiten dieser Taktik im Nordosten erreichte die Londoner Kohleträgerinnen und entlang der Bewegung war ein neues Wort geboren.

Die Kohleträgerinnen

Londons rasantes Wachstum im 18. Jahrhundert erforderte enorme Mengen an Kohle, die mit Hilfe von Kohleschiffen aus den Minen Nordostenglands geliefert wurden. Die Kohle wurde von den Kohleträgerinnen in Wapping und Shadwell am nördlichen Ufer der Themse ausgeladen. Es war eine mühsame, dreckige Arbeit, die von „undertakers“ [Unternehmerinnen] kontrolliert wurde, Mittelmänner, welche die Kohleträgerinnen anstellten und auf Akkordbasis bezahlten. Viele von diesen Unternehmerinnen besaßen die lokalen Gasthäuser und Tavernen und bezahlten die Trägerinnen in Gütern, wie Essen und Trinken, neben dem „Sack“ oder dem „Fass“ an Kohle, welches einen Teil der Bezahlung ausmachte. Kohletragen war eine Arbeit, die durstig machte und aufgrund der damaligen schlechten Wasserqualität tranken die Arbeiterinnen eher Bier. Angesichts der Tatsache, dass die Gasthäuser und Tavernen die einzig praktischen Orte zum Essen und Trinken in der Gegend waren, übten die Unternehmerinnen auf das Überleben der Kohleträgerinnen einen beträchtlichen Einfluss aus.

Auch hundert Jahre später in Hamburg: „Gastwirtschaft & FrühstücksLocal L.W. Schultz“ am Hafen, 1899. Diese Hafenkneipe diente wie viele andere als Arbeitsvermittlungsstelle. Foto: Wikimedia

Die meisten Kohleträgerinnen waren Irinnen. Einige waren nach den ersten Landunruhen im südlichen Irland 1762-63 emigriert. Andere waren „Whiteboys“, eine geheime Organisation, die zu gewalttätigen Mitteln griff, um die Interessen von Pachtbäuerinnen zu verteidigen. Doch wie David Featherstone feststellt, ist es genauso gut möglich, dass einige irische Migrantinnen einfach deren Methoden kopierten. Die Kohleträgerinnen arbeiteten auf den Docks in Gruppen von ungefähr 16 Personen. Die Grundzüge der kollektiven Organisation waren bereits vorhanden.

1758 ersuchten sie erfolgreich die Hilfe des Parlaments, um das Monopol der Unternehmerinnen über die Schippen zu brechen, die für ihre Arbeit notwendig waren. Vormals kontrollierten die Unternehmerinnen die Produktion dieser Schaufeln und liehen sie den Arbeiterinnen zu Wucherpreisen. Auf der anderen Seite wurde die Lohngesetzgebung, die 1758 eingeführt worden war, ebenso schnell wieder umgangen. Der örtliche Ratsherr William Beckford, der für die Umsetzung des Gesetzes verantwortlich war, besaß riesige Zuckerplantagen, die auf Jamaika von Sklavinnen bestellt wurden. Er repräsentierte die neue Klasse der Laissez-faire-Kapitalistinnen, die nicht dazu bereit waren, im Interesse der Arbeiterinnen zu intervenieren.

»Sie praktizierten eine illegale und nicht-offizielle Form der frühen gewerkschaftlichen Organisierung«

Das Wachstum des Handels und der leichten Industrie im Londoner East End hatte zur Folge, dass überall Konflikte wie diese an die Oberfläche traten. Die Spitalfields Unruhen von 1765, während eines wirtschaftlichen Niedergangs der Webindustrie, organisierte Weberinnen um die Forderung, dass ihre Löhne nicht unter das zum Überleben notwendige Minimum fallen dürften. Sie praktizierten eine illegale und nicht-offizielle Form der frühen gewerkschaftlichen Organisierung. 1765 protestierten sie gegen den Import von französischer Seide. Die Unruhen setzten sich bis 1767 fort. Im Jahr 1768 führte Nahrungsmittelknappheit zu weiteren Aufständen in ganz London. Im April desselben Jahres betraten Kohleträgerinnen Schiffe und verwundeten eine Reihe von Streikbrecherinnen.

Auf dem Land konzentrierten sich die Proteste auf die Unternehmerinnen, die ihre Gasthäuser und Tavernen als Rekrutierungsbasen für Streikbrecherinnen genutzt hatten. Die Kohleträgerinnen wandten sich auch an den örtlichen Magistrat, Ralph Hodgson, um die Kontrolle der Kohlehändlerinnen und Unternehmerinnen über die Arbeitszuteilung zu brechen. Hodgson sorgte für die Einrichtung einer Anstellungshalle, in der Schiffskapitäne Kohleträgerinnen anheuern konnten. Die Unternehmerinnen reagierten darauf, indem sie Arbeiterinnen von außerhalb anheuerten. Im April schossen Kohleträgerinnen auf die Roundabout Taverne des Unternehmers John Green. Ein Kohleschipper und ein Schuhmacher wurden dabei getötet. Am nächsten Tag wehrte sich Green gegen einen erneuten Angriff und erschoss dabei einige der Angreiferinnen. Sieben Kohleträgerinnen wurden festgenommen, verurteilt und gehängt.

»Das Vorbild kollektiver Aktion war da«

Nichtsdestotrotz setzten die Kohleträgerinnen ihre Bemühungen für eine bessere Bezahlung fort. Im frühen Mai unterbrachen sie ihre Arbeit, bis sie schriftliche Zusicherungen für eine Lohnerhöhung erhielten. Selbst die Pferde, mit denen die Kohle von den Straßen des East End bis zum wohlhabenden West End transportiert wurden, nahmen sie mit und unterbrachen so die industrielle Versorgungskette. Im selben Monat breiteten sich die Proteste der Schipperinnen zu den Seeleuten aus.

Die Seeleute

Nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges 1763 gab es für Seeleute weniger Arbeit als zuvor und die Bezahlung variierte von Schiffsbesitzerin zu Schiffsbesitzerin. Im Mai 1768 versuchten die Seeleute sich einen Überblick über die Bezahlung auf den verschiedenen Schiffen zu beschaffen, und bemerkten die Unterschiede. Sie erinnerten sich an die Seeleute in Sunderland, deren Lohnerhöhungen nicht nur durch „Streichen“ der Segel erreicht wurde, sondern auch durch Demonstrationen vor den Bäckereien und Metzgereien, deren Waren sie sich jetzt nicht mehr leisten konnten. Das Vorbild kollektiver Aktion war da. Bald schon verschafften sich die Seeleute Londons gewaltsam Zugriff auf die Schiffe, rafften die Segel (sie „strichen“ sie) und drohten damit, dass kein Schiff ablegen würde, bis sie nicht eine Lohnerhöhung erhalten hatten.

Die Seeleute richteten sich an das Parlament und den Oberbürgermeister, um eine Lohnerhöhung zu erreichen. Am 11. Mai demonstrierten 14.000 in einem Marsch auf Westminster. Wie Walter Shelton berichtete, waren sie dazu in der Lage „Fährleute, Ewerführer, Ballastleute, Ballastträger, Kohleträger etc. dazu zu bringen, ihre Pflicht zu verletzen und nicht zur Arbeit zu gehen, bis unsere Löhne geklärt sind.“ In der zweiten Maiwoche fuhren mehrere Boote mit Kohleträgerinnen und Seeleuten am Parlament vorbei, legten westlich von den Parlamentsgebäuden an und drängten andere Arbeiterinnen an den Kaianlagen dazu, sich ihrem Protest anzuschließen. Während sie mehrere Kilometer zurückmarschierten, schlossen sich ihnen weitere Arbeiterinnen an, bis sie Stepney Fields erreichten – offenes Land nördlich von Wapping – wo sie sich mit einer „gewaltigen“ Anzahl weiterer Kohleträgerinnen und Seeleute zusammenfanden. Innerhalb weniger Wochen bracht der gesamte Handel auf der Themse zusammen – eine wichtige Ader des Seehandels für das Empire, die fast ein Drittel des britischen Handels ausmachte. Andere Arbeiterinnen, wie Fährleute und Fahrerinnen, schlossen sich ihnen an oder drohten mit Streiks

Gegen den Handel und die Krone

Die Unternehmerinnen hörten jedoch nicht auf damit, Streikbrecherinnen aus Tyneside nach London zu bringen, um so die Allianz zwischen Kohleträgerinnen und Seeleuten zu untergraben. Anfang Mai wurde die Forderung der Seeleute nach einer Lohnerhöhung abgelehnt. Die Regierung sandte Marineschiffe zu den Docks. Der Konflikt eskalierte. Während Streikbrecherinnen die Schiffe entluden, kam es zum Aufstand, bei dem ein Seemann tödlich verwundet wurde. Die Antwort war heftig.

Neun Kohleträgerinnen wurden des Mordes am Seemann beschuldigt. Zwei wurden in Tyburn gehängt, einem traditionellen Hinrichtungsort. Sechs andere wurden in den Sun Tavern Fields gehängt – nicht weit entfernt von Wohnorten und Arbeitsplätzen der Kohleträgerinnen. 50.000 Menschen kamen zur Hinrichtung und hunderte Polizisten und Truppen waren im Einsatz. Die Truppen blieben bis September in der Gegend stationiert. Die Hinrichtungen brachen die Entschlossenheit der Kohleträgerinnen, doch der zugrundeliegende Widerstand gegen den Handel und die Krone, der von ihnen zur Schau gestellt wurde, wurde nicht vergessen und war Signalgeber für zukünftige Proteste.

Ein weitreichendes Vermächtnis

Nur wenige Tage nachdem die Seeleute alle Schiffe auf der Themse am Ablegen gehindert hatten, finden wir das erste Beispiel in der Presse, bei dem andere Arbeiterinnen – in diesem Fall Hutmacherinnen – für eine Lohnerhöhung „streikten“ (St. James’s Chronicle and The British Evening-Post, 7. – 10. Mai 1768). Es ist wahrscheinlich, dass der technische Begriff des Segel-„Streichens“ – welcher den Seeleuten von Tyneside eine Lohnerhöhung gesichert hatte – sich schnell von den Docks aus verbreitete: ans Ufer und dann zur arbeitenden Bevölkerung Londons, die mehr und mehr unter den gleichen hohen Nahrungsmittelpreisen litt. Es scheint als sei im Frühling 1768 ein neuer Begriff für die kollektive Aktion der Arbeiterinnen gefunden worden.

Streiks von Seeleuten sollten darauffolgend auf beiden Seiten des Atlantiks vermehrt vorkommen und andere Arbeiterinnen inspirieren. So traten 1775 die Schiffsbauerinnen in Portsmouth in den Streik, damals die größte Schiffswerft in Großbritannien. In den Vereinigten Staaten organisierte die Federal Society of Journeymen Cordwainers in Philadelphia regelmäßige „turnouts“ [wörtlich Vertreibung, gemeint ist hier das kollektive Verlassen des Arbeitsplatzes], die darauf abzielten die Löhne der Schuhmacherinnen zu schützen. Man geht davon aus, dass im frühen 19. Jahrhundert ihre Aktionen in einem Protest kulminierten, für den man damals in den USA das erste Mal das Verb „streiken“ benutzte.

»Die Streiks in London zeigten allen beteiligten Arbeiterinnen ein beispielloses Maß an Solidarität«

Die Streiks in London, trotz der gewaltsamen Konfrontationen zwischen Kohleträgerinnen und streikbrechenden Seeleuten, zeigten allen beteiligten Arbeiterinnen ein „beispielloses Maß an Solidarität“. Der Streik stellte einen deutlichen Schritt in der Entwicklung des Potenzials wohlgesonnener Arbeiterinnenaktionen dar. Leider wurde dieses Potenzial etwas getrübt, als die Seeleute ihre Lohnerhöhung erkämpften und zur Arbeit zurückkehrten, wodurch sie die noch immer kämpfenden Kohleträgerinnen hängen ließen.

Dieses Phänomen der aufständischen Versammlung war für das Hannoverische England nichts Neues. Es fand Verbreitung zu einer Zeit als George III. reaktionärer wurde und die Aristokratie, die neuen Landbesitzerinnen und die Händlerinnen das Parlament beherrschten, während sie zugleich die Bedürfnisse des Großteils der Bevölkerung ignorierten.

Die Antwort der herrschenden Klasse auf diese Aufstände waren aufsehenerregende Hinrichtungen, gesetzliche Verfolgung von Aufständischen und militärische Repression, um die armen Menschen Londons in eine gefügige industrielle Arbeiterinnenklasse zu verwandeln. Diese Mittel verschwanden nie vollkommen – wie sich im „Battle of Orgreave“ zeigte, wo im Großbritannien der 1980er Jahre schlagstockschwingende und berittene Polizistinnen auf streikende Minenarbeiterinnen losgingen.

Die Streiks in London 1768 haben Ähnlichkeiten mit einer ganzen Bandbreite von Arbeitskämpfen heute. Doch auch die besonderen Aspekte der Streiks müssen anerkannt werden. Dazu gehört die entscheidende Rolle, die irische Kohleträgerinnen in den Kämpfen spielten. Sie ließen sich von den Aktionen der Whiteboys in Irland inspirieren, um kollektive Formen des Widerstands in einer wichtigen Ader des Empire durchzuführen. Dieser Widerstand provozierte, in Kombination mit größeren Kräften, bei der Krone existenzielle Ängste. Stärker werdende Interessen des Handels, jakobinische Rebellionen in der ersten Hälfte des Jahrhunderts und heranwachsende republikanische Grundhaltungen in der Neuen Welt sorgten dafür, dass die Kämpfe der Kohleträgerinnen für die herrschende Klasse besonders bedrohlich erschienen. Dies führte zur einer entschlossenen Unterdrückung politischer Meinungsverschiedenheiten und zur Disziplinierung einer neuen und anwachsenden Bevölkerung von beweglichen und möglicherweise widerspenstigen Arbeiterinnen.

Es sollte mehr als 120 Jahre dauern, bis der Londoner Hafenstreik von 1889 durch koordinierte Führung weitreichende Ergebnisse mit sich bringen sollte. Der von den Aktivisten Ben Tillett und John Burns angeführte Streik markierte einen Wendepunkt in der Geschichte der Gewerkschaftsbewegung Großbritanniens. Sie arrangierten einen gewaltigen kollektiven Arbeitsstopp durch eine neue Gewerkschaft und warben für ein klares Ziel: die Zahlung des „Tanners“ der Hafenarbeiterinnen.

Das Foto zeigt sogenannte „schwarze Schauerleute“ – die Männer arbeiteten als Kohlenträger (Hamburger Hafenarbeiterstreik, 1896/97). Foto: Wikimedia

Der Erfolg des Londoner Hafenstreiks gab den Arbeiterinnen neues Selbstvertrauen sich zu organisieren und kollektive Aktionen im ganzen Land durchzuführen, insbesondere den unausgebildeten Arbeiterinnen. In diesem Sinne spielte der Streik von 1889 eine entscheidende Rolle für die britische Arbeiterinnenbewegung. Aber auch die Kohleträgerinnen und Seeleute von 1768 waren Vorreiterinnen. Bevor der „Streik“ zum Kampfschrei der Gewerkschaften wurde und bevor Arbeiterinnensolidarität in eine, wie E. P. Thompson argumentierte, identifizierbare Arbeiterinnenklasse transformiert wurde, hinterließen diese Arbeiterinnen des 18. Jahrhunderts ihre Spuren in der Geschichte der Arbeiterinnenbewegung.

Dieser Text erschien zuerst auf Englisch bei unserem Kooperationspartner Jacobin-Magazine. Übersetzung von Johannes Liess

Dermot Feenan

Dermot Feenan ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Juristischen Fakultät der Universität London.