Quelle: privat

Strandreflexe

Wie Helikoptereltern sich im Urlaub ganz ihrem Wahn hingeben und wie man trotzdem mit seinen Strandkorb-Nachbarinnen klarkommt.

Erst wenn man selbst als Elternteil in einer Familienanlage an der Ostsee Urlaub macht, spürt man, wie wahnwitzig eigentlich die Art ist, wie Familien häufig zusammenleben.

Strandmuscheldorf

Morgens am Meer. Gegen 10 Uhr kommen die ersten Kleinfamilien an den Strand. Sehr gut ausgerüstet, versteht sich. Klischees müssen bedient werden. Strandmuschel, Schippe, Handtücher, Kühltasche, Schwimmring, Wickelzeug – bei manchen wundert mich, wie zwei erwachsene Menschen eigentlich in der Lage sind, das alles in nur einem Bollerwagen zu transportieren. Der Vater schleift das Teil durch den Sand bis an die erste Reihe. Ein paar Quadratmeter Windschutz werden abgesteckt, praktischerweise ergibt das auch etwas mehr Privatsphäre. Ein Schirm wird aufgespannt.

Einige ältere Ehepaare, bereits lederbraun vom wochenlangen Sonnenbad, blicken skeptisch aus dem Strandkorb. Diese jungen Leute.

Bevor der Strandspaß beginnt, werden allerhand Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. Die Kinder werden in quasi-Tauchanzüge gepackt, darunter 50+-Sensitive-Sonnencreme, Sonnenhut mit UV- und Nackenschutz. Dann kann es losgehen! Aber nicht so weit ins Meer, aufpassen mit den Muscheln, sag Bescheid, wenn dir kalt wird, schrei’ nicht so laut, renn’ nicht so schnell.

Die Verbotsschleife findet ihr jähes Ende erst mit dem ultimativen Runterzählen: ich zähle jetzt bis 3 und dann kommst du her!

Mich beschleicht das Gefühl, mein Kind aus Versehen doch anti-autoritär erzogen zu haben. Ich creme also schnell mit 50+-Sonnencreme nach, damit wenigstens das noch getan ist, schäme mich aber für die vergessenen Feuchttücher.

Eine Neuerung in diesem Jahr: so manche Mütter machen mit ihren Töchtern eine ,spontane’ Insta-Session. Als handelte es sich um ein Germany’s Next Topmodel Vor-Casting wird zwischen den Algen geposed – aber auch handelsübliche Kinder werden ohne Unterlass mit dem Handy fotografiert. Man könnte ja eventuell das Ereignis verpassen, wie das Kind wahlweise Eis oder Sand isst oder sich tatsächlich (!) ans Wasser setzt und mit Matsch spielt.

Penibel errichtetes Stranddorf mit Mauer

Was man sich allerdings wirklich nicht entgehen lassen sollte, ist der Moment, in dem  – nachdem die Väter heldenhaft einen Sonnenbrand riskiert haben, um eine Burg nach der anderen penibelst zu errichten – das Kleine das Ding mit einem Tritt zerstört. Stark bleiben, zusammenreißen, auch Rom wurde nicht an einem Tag erbaut.

 

Am Nachmittag im Schwimmbad hat endgültig die pädagogische Stunde der Väter geschlagen. Man kennt sich in den meisten Fällen nicht sehr gut – Vater und Kind – so geht manch einer mit ihnen dann auch mal um wie mit seinen Angestellten. Jeder zwei Minuten aufs Schwimmbrett! Bitte noch drei Züge Brustschwimmen, Annalena! Ein anderer Vater mimt noch gekonnter den Chef, als er seinen Sohn auffordert, ins Wasser zu springen, dieser jedoch deutlich ablehnt: Du musst an deiner Frustrationsgrenze arbeiten.

»Zwischen liebevollem Kümmern und einer Drohung liegt manchmal nur ein schmaler Grat«

Höhepunkt der Woche ist das Grillfest der Ferienanlage. Man sitzt an Biertischen im Halbkreis angeordnet, eine Band aus älteren Herren an Keyboard und Mikro sorgt für die nötige Fernsehgarten-Stimmung. Die Sonne geht unter, es wird beschaulich. Leicht angetüdelt halte ich das Marius Müller-Westernhagen-Cover plötzlich für sehr tiefsinnig und bin mit der Stimmung und den Menschen versöhnt. So muss es den anderen auch gehen, denn niemand spricht miteinander, doch man lächelt sich selig an. Inständig hofft man, sich nicht am folgenden Abend in der Sauna zu treffen.

Im Bett dann frage ich mich, ob das alles wirklich ‚schlimm’ ist oder wie es anders sein könnte. Ob ich die Situation aus Angst vor dem eigenen Spießerinnentum überzeichne. Es bleibt ihnen, den anderen Familien, und mir selbst nicht wahnsinnig viel übrig. Eigentlich ist man schon froh, dass man überhaupt Urlaub machen kann, jede Sechste in Deutschland kann sich das gar nicht leisten. Und eigentlich ist die Ostsee samt Strandkorb doch Sehnsuchtsort der eigenen Kindheitserinnerungen. Warum ist der Urlaub dann so anstrengend und die Beziehungen so zwanghaft, vor allem hier?

Zwischen liebevollem Kümmern und einer Drohung liegt manchmal nur ein schmaler Grat. Aus der Unsicherheit, etwas falsch zu machen, wird es meistens noch viel falscher. Gerade wenn man im Urlaub plötzlich den ganzen Tag miteinander verbringt, fallen die kleinen Dinge plötzlich ins Gewicht. Aber wenn der Abbau der Strandmuschel eine mittelschwere Ehekrise hervorruft, sollte man sich fragen: Wollen wir so miteinander leben?

Wie anders?

In dem Roman Der Planet der Habenichtse der kürzlich verstorbenen Autorin Ursula K. LeGuin beschreibt sie eine Utopie: einen Planeten, auf dem sich die Bewohnerinnen um einander kümmern, ohne miteinander verwandt zu sein und auf dem ihnen auch kein Eigentum gehört, sondern die Dinge nur zeitweise verwendet werden. Wir sind weit davon entfernt, auf einem Planeten wie Annares zu leben. Doch wir könnten es versuchen.

Beginnen könnten wir damit, mit uns selbst, den Lieben und Freundinnen etwas mehr Geduld zu haben. Die Ansprüche der Lohnarbeit nicht auf die Beziehungen zueinander zu projizieren. Das braucht vermutlich mehr Zeit als wir in den zwei Wochen zusammen zur Verfügung haben. Statt die anderen Eltern kritisch zu beäugen, könnte es helfen, sich verständnisvoll zu begegnen oder – oh Schreck – sogar zu helfen. Dass wir exklusiv nur Verantwortung für Menschen haben sollen, mit denen wir direkt verwandt sind, ist ohnehin Humbug. Historisch so gewachsen, aber längst keine Notwendigkeit.

Vermutlich bräuchten wir dafür eine grundlegend andere Aufteilung von Familienarbeit. Im Sinne Donna Haraways „Make Kin, not Babies“ („Mach’ dir eine Verwandtschaft, keine Babies“) könnte man sich fragen, warum wir uns, statt mehr eigene Kinder zu machen, die Zeit mit den schon lebenden Kindern nicht radikaler aufteilen und Verwandtschaften neu sortieren. Während die einen vereinsamen, sind die anderen von Verpflichtungen und Sorge so erdrückt, dass sie kaum allen Bedürfnissen, geschweige denn den eigenen, gerecht werden können.

Ines Schwerdtner

Ines Schwerdtner ist Redakteurin bei Ada