Quelle: Flickr / wwwuppertal · 23. August 2018

Gärtnern für die Klassenidentität?

Entspannen im Schrebergarten ist spießig? Vielleicht. Tatsächlich haben die Gärten eine lange Tradition in der Arbeiterinnenbewegung – und schon immer widersprüchliche Funktionen.

Wir kochen wieder mehr, wir heiraten ganz ausgiebig, wir nähen und stricken und außerdem gärtnern wir wieder. Ja, in Zeiten des Hygge-Kapitalismus fühlt es sich eben auch gut an, wenn man sich tiefenentspannt dem Rosenstrauch zuwenden kann oder nach intensivem Studium der aktuellen Gartenmagazine den Sommer mit der Pflege heimischen Wurzelgemüses und fernöstlicher Kräuterbeete verbringen kann.

»Vor noch nicht allzulanger Zeit waren sie das Epizentrum des Spießbürgerinnentums – der absolute Traum all jener, die wahre Schönheit in akkurat geschnittenen Rasenkanten sehen können«

„Es ist so erfüllend, wenn man am Ende des Sommer etwas geschaffen hat, mit den eigenen Händen.“ Hm, ja, das stimmt vermutlich. Mit Sicherheit erfüllender als den Sommer über (erfolglos) die Tippfehler der schreibenden Freundinnen, Autorinnen und Redakteurinnen zu jagen. Als Mensch in der Bundeshauptstadt beschränkt sich diese Erfüllung allerdings entweder auf den leicht angerosteten Kräuterkasten auf dem Nordbalkon, oder man bewirbt sich in einer der 900 Kolonien um einen der rund 73.000 Schrebergärten.

Vor noch nicht allzulanger Zeit waren sie das Epizentrum des Spießbürgerinnentums – der absolute Traum all jener, die wahre Schönheit in akkurat geschnittenen Rasenkanten sehen können. Heute übernimmt  eine neue Generation die zahlreichen Gartensiedlungen inmitten der Stadt. Jetzt werden auch mal Gartenparties gefeiert, der Rasen ist nicht überall streng gestutzt und der Strom kommt über die kleinen Solarzellen auf der Gartenhütte.

Unbebaute Grünfläche – und das mitten in Berlin?

Aber wer jetzt genau diskutieren will, wie spießig das ist und ob das überhaupt ein Problem darstellt, kommt recht schnell auf eine Metaebene. Was ist denn überhaupt spießig? Kann man eine kontextunabhängige Definition finden? Solche und ähnliche, schwer zu beantwortenden Fragen kommen mir in den Sinn, während ich meinen traurigen Kräuterkasten betrachte und mir (noch eher heimlich) einen Schrebergarten wünsche.

Man kann diese Fragen aber auch erst mal getrost beiseite lassen. Sehr viel weniger meta ist nämlich die Beobachtung, dass über die ganze Stadt verteilt, teilweise in bester Lage, ausgedehnte Grünflächen zu finden sind; scheinbar unberührbar für Bauunternehmerinnen. Erstaunlich. In Berlin sind das immerhin 3 Prozent der Gesamtfläche des Stadtstaates, anders ausgedrückt: etwa 3.000 Hektar, oder “fast drei Viertel von Mitte” wie es – grammatikalisch fragwürdig – in erhitzten Debatten auch schon hieß.

Als Bewohnerin eines radikal gentrifizierten Viertels, einschließlich der Mietenexplosion, frage ich mich: Wie haben die das geschafft? Und wer sind die überhaupt? Mein eigenbrötlerischer Nachbar, der seinen Sommer auf der Parzelle verbringt, macht irgendwie nicht den Eindruck, als würde er sich mit Bauunternehmerinnen, Stadtplanerinnen, Quartiers-Managerinnen oder eigentlich auch nur irgendwem anlegen wollen.

Tut er auch nicht. Denn auch wenn es in einigen Bezirken viel Trubel um die mögliche Bebauung von Kleingartensiedlungen gibt und einige Kleingartenvereine durchaus für ihren Erhalt mobilisieren, wird ihre Existenz doch maßgeblich durch das Gesetz geschützt – und zwar das deutsche Kleingartengesetz. Um das zu verstehen, hilft mal wieder ein Blick in die Geschichte.

Mit der Familie entspannen, oder was kommt nach acht Stunden Arbeit?

Wir haben ja in letzter Zeit öfter mal auf die Kämpfe rund um den Acht-Stunden-Arbeitstag verwiesen. Einfach, weil dieser erfolgreiche Kampf so viel mehr erreicht hat als nur die Arbeitszeit zu verkürzen. Vor 100 Jahren haben uns gut organisierte Arbeiterinnen Zeit beschert! Zeit, in der wir für weitere Kämpfe mobilisieren, oder Zeit, in der wir uns einfach dem Müßiggang hingeben.

»Auch wenn die Sorge vor Profitverlust wohl die treibende Kraft hinter der Opposition der Arbeitgeberinnen war, so haben sie sich in ihrer Argumentation doch auf ein ganz anderes Feld bezogen«

Neben dem Blick auf den Erfolg  sind aber auch die Argumente der Farbrikbesitzerinnen und Industriellen überaus lehrreich. Wenig überraschend haben sie gegen eine Verkürzung der Arbeitszeit mobilisiert. Und auch wenn die Sorge vor Profitverlust wohl die treibende Kraft hinter der Opposition der Arbeitgeberinnen war, so haben sie sich in ihrer Argumentation doch auf ein ganz anderes Feld bezogen.

Ein puritanisches Wertesystem und ein ausgeprägter Klassismus (also der Beurteilung des Charakters einer Person basierend auf der jeweiligen Klassenzugehörigkeit) ermöglichten folgende Argumentationslinie: Wenn die Arbeiterinnen nach nur acht Stunden Arbeit aus der wohlmeinenden Kontrolle der Fabrikantin entlassen wären, würden sie wegen ihrer überschüssigen Energie und zu viel Zeit sündigen oder nach christlich-puriatischem Wertesystem falschen Beschäftigungen nachgehen. Aufgrund ihrer großen Anzahl würden sie damit die gesamte Gesellschaft in den Abgrund treiben. Besser, sie haben neben der Arbeit und dem Schlaf so wenig Zeit wie möglich.

Allerdings gab es da noch ein weiteres Problem: Viele Arbeiterinnen wurden im 18. und 19. Jahrhundert so schlecht bezahlt, dass sie und ihre Familien trotz der langen Arbeitszeiten Hunger litten. Die Arbeitsbedingungen waren miserabel, der Mangel an Sonnenlicht und die schlechte Luft führten zu massiven gesundheitlichen Beeinträchtigungen.

Mit diesen beiden Problemen im Hinterkopf versteht man auf einmal die Absicht hinter dem deutsche Kleingartengesetz: Das regelt nämlich nicht nur, dass ein bestimmter Grund als Garten und nicht zur Bebauung genutzt wird, sondern auch, was genau in diesen Gärten gemacht werden darf. Wieviel Gemüse angebaut werden muss, welche Organisationsform die Gärten verwaltet – ein eingetragener Verein nämlich – und welche Aufgaben der Vereinsvorstand zu erfüllen hat. Dieser hat sich maßgeblich mit der Überwachung der Ordnung im Kleinod zu beschäftigen.

Das Gesetz, wie wir es heute kennen, ist zwar erst in den 1980er Jahren verfasst worden, aber die Idee dahinter wurde schon einige Jahrzehnte früher entwickelt. Vor gut 150 Jahren hießen diese Gärten noch nicht Kleingärten, sondern in der Regel Armengärten – in Berlin wiederum meist Arbeitergärten. Anders als der Name vermuten lässt sind diese Berliner Gärten aber keine Projekte der Arbeiterinnen, sondern wurden „von oben“, vom Berliner Magistrat zum Beispiel, eingerichtet. Die Entscheidung den Begriff „Arm“ durch „Arbeiter“ zu ersetzen war ein reiner Marketingtrick.

Kartoffeln pflanzen für das Seelenheil

Fabrikbesitzerinnen und politische Entscheidungsträgerinnen hatten mit der Idee der „Arbeitergärten“ nämlich eine, die zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die schlechte körperliche Verfassung ihrer Arbeiterinnenschaft sollte sich dadurch verbessern, dass sie in kleinen Parzellen Obst und Gemüse anbauen konnten – ohne die Löhne erhöhen zu müssen – und die strenge Regulierung der betreibenden Vereine stellte die als notwendig angenommene Kontrolle der Arbeiterinnen sicher.

So hielt das Rote Kreuz zum Beispiel in der Verordnung für die von ihm betriebenen Arbeitergärten fest, dass neben dem Gemüseanbau der Zusammenhalt mit der (Kern-)Familie auf der Parzelle zu pflegen sei. Das Gefühl, dass irgendwas an diesen Gärten ganz fürchterlich kleinbürgerlich ist, lässt sich also auch ganz ohne eine Metadiskussion begründen, mit einem Blick auf ihre Geschichte.

Armengärten, Arbeitergärten, Schrebergärten: sind die Namen also nur regionale Besonderheiten und Marketingstrategien? Nicht ganz. Es gab sie, die selbst organisierten Arbeiterinnen, die sich ohne detailreiche Vorschriften von den moralischen und ökonomischen Obrigkeiten zum Gärtnern zusammengeschlossen. Die sich als Laubenkolonistinnen bezeichnenden Arbeiterinnen schlossen sich in selbstverwalteten Gruppen zusammen und bearbeiteten gemeinschaftlich Acker oder Parzellen. Eher provisorisch wurden Lauben errichtet, in denen sie das benötigte Werkzeug unterbrachten. Das Land wurde ihnen häufig kurzfristig von Kirchen und reichen Privatpersonen zur Verfügung gestellt, so lange diese keinen anderen Nutzen für die Acker hatten.

Der Nachteil dieser Zusammenschlüsse war, dass ihnen der gesetzliche Schutz fehlte und sie deshalb oft weniger langlebig waren. Allerdings haben sich auch diese Pflanzerinnen, wie sie auch genannt wurden, in größeren Verbänden zusammengeschlossen, um die Überlebenschancen ihren Gärten zu erhöhen und sich zum Beispiel gegen Pachtzinserhöhungen zur Wehr zu setzen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts – vor 109 Jahren, um genau zu sein – wehrten sie den Versuch ab, organisatorisch mit anderen Rot-Kreuz-, Arbeiter- und Schrebergärten verbunden zu werden und beriefen sich in Ihrer Ablehnung explizit auf ihre basisdemokratische Überzeugung.

Gärtnern kann also auch ein bisschen widerständig sein, womit sich der Bogen schließt zur unbebauten Grünfläche im Herzen von Berlin. Denn auch wenn viele der Kolonien eine andere Geschichte haben, so sind sie doch Ausdruck einer nachbarschaftlichen Freiheitsliebe und ein zur Zeit erfolgreicher Widerstand gegen den totalen Ausverkauf der gentrifizierten Viertel. Die Laubenkolonistinnen haben es vorgemacht – gemeinschaftlich gepflegte Gärten stärken die Nachbarschaft. Und so ganz nebenbei: Frisches Obst und Gemüse hat damals wie heute noch keiner geschadet.

Antje Dieterich

Antje Dieterich ist Redakteurin bei Ada