Quelle: Paula Charlotte Kittelmann · 4. September 2018

»Gesetze,
Maßnahmen und Money«

#MeTwo hat eine notwendige Debatte ausgelöst, die aber langfristig nur etwas verändern wird, wenn Worten auch Taten folgen.

Könnt ihr euch noch daran erinnern? Damals mitten im August, als plötzlich über Rassismus geredet wurde. Und das bei dieser Hitze, bei der man sein Smartphone immer wieder in den Schatten legen musste, damit es keinen Sonnenstich bekam, wenn man auf Twitter runterscrollte, um diese hunderten #MeTwo-Tweets zu lesen.

Mitten im Hochsommer, als all die Menschen aussprachen, was seit Jahren schon ausgesprochen wird und im August 2018, wenn überhaupt, nur weiße Menschen überraschte: dass die weiße deutsche Mehrheitsgesellschaft ein Problem hat, nämlich ein Rassismusproblem.

Oh je.

Und wisst ihr noch, wie dann all die Menschen, die unter #MeTwo tweeteten, ganz schön fertig gemacht wurden? Wie sie beleidigt wurden. Wie man sie fragte, ob sie sich denn jetzt wirklich sicher seien, dass es Rassismus war. (Und ja, honey, es war Rassismus; glaub mir, wir haben jahrelange Erfahrung, den zu erkennen.) Wie ihnen dann gesagt wurde, sie wären rassistisch gegenüber Weißen.

Die ganzen Tweets, die Empörung, die Klage, das Jammern – und ich bestehe noch immer auf das Jammern, weil es ja doch sehr viel Grund zum Jammern gibt – waren wichtig und sind es noch immer. Aber trotzdem muss man jetzt endlich mal mit der Faust auf den Tisch hauen. Jetzt muss endlich was passieren. Jetzt muss endlich gehandelt werden. Sonst haben wir in einem Jahr den nächsten Rassismus-Hashtag.

Und damit meine ich nicht die Betroffenen. Denn die Betroffenen sollen immer irgendwas. Sie sollen dies, sie sollen jenes. Die Betroffenen sollen nicht zu viel Opferrolle. Die Betroffenen sollen nicht unhöflich. Die Betroffenen sollen dankbar sein.

»MeTwo ist eben nicht das Jammern auf hohem Niveau oder die Wehwehchen von Oberprivilegierten«

Jetzt ist die Mehrheitsgesellschaft an der Reihe. Ja endlich ihr, die ihr nichts unter #MeTwo zu tweeten hattet. Jetzt könnt ihr endlich was tun. Als erstes könntet ihr mal damit beginnen, das Kind beim Namen zu nennen. Das Problem heißt nicht Fremdenfeindlichkeit, Ausländerfeindlichkeit, oder Erdbeerbecher, sondern Rassismus. Und ich verneige mich hiermit vor allen, die das schon vor mir gesagt und geschrieben haben, wie sie vieles schon vor mir gesagt und geschrieben haben, was ich hier nur wiederhole – ich küsse eure Augen!

Es gibt keine Rassen. Aber es gibt Rassismus. Habt ihr das verstanden?

Nun, wenn ja, dann könnt ihr bei euch selbst anfangen. Vanessa Vu, Amna Franzke und Hasan Gökkaya haben für euch 20 Empfehlungen, um weniger rassistisch zu sein. Auch könnt ihr bei der nächsten Familienfeier Großtante Gerda unterbrechen, wenn sie mal wieder über Geflüchtete herzieht, und Onkel Jürgen zurechtweisen, wenn er einen rassistischen Witz nach dem anderen macht. Denn Großtante Gerda und Onkel Jürgen sind wahrscheinlich die #MeTwo-Erfahrung von jemandem anderen.

Aber Rassismus gibt es nicht nur auf den Familienfeiern, unter den Super-Nazis und den AfD-Wählerinnen, sondern auch in eurer Antifa-Gruppe, dem feministischen Lesekreis, auf der Arbeit, im Amt oder dem Sportverein. So please!

Wir wollen die ganze Bäckerei

Und denjenigen, denen das noch nicht genug ist – ich muss sagen, mir ist das auch noch nicht genug – und sich fragen, wo bleibt bei all dem der Klassenkampf. Hach ja, der Klassenkampf, honey.

Über das Gegeneinander-Ausspielen von Kapitalismus und Rassismus haben auch schon Margarete Stokowski („Nun ist es einfach kindisch, einem Hashtag, in dem es um ein klar definiertes Thema A geht, zur Last zu legen, dass es nicht um Thema B geht“) und Fatma Aydemir („Wenn wir heute endlich die Chance haben, dieser pseudo-weltoffenen Gesellschaft für ein paar Minuten den Spiegel vorzuhalten, dann tun wir das auch im Namen unserer seit Jahrzehnten putzenden und am Band schuftenden Großeltern und Eltern und Geschwister“) geschrieben.

Nun ist #MeTwo eben nicht das Jammern auf hohem Niveau oder die Wehwehchen von Oberprivilegierten. Race und Klasse waren – oh wie überraschend – schon immer miteinander verknüpft; damals, als die ersten Gastarbeiterinnen nach Deutschland kamen, wie heute, wo vielfach Abschlüsse von Geflüchteten nicht anerkannt werden und schlecht bezahlte Pflegekräfte aus dem Ausland angeworben werden.

Und jetzt wo geklärt ist, dass es da eine Verknüpfung von race und Klasse gibt, und dass es bei #MeTwo immer wieder auch um Verteilungsfragen geht, können wir zum nächsten Punkt übergehen: das Bildungssystem. Von der Grundschule bis an die Universität habe ich beobachtet, wie es um mich herum immer weißer und weißer wurde.

Über #MeTwo-Erfahrungen in der Schule wurde vielfach geschrieben, über ein Bildungssystem, das Ausschlüsse produziert. Und damit fängt es schon in der Grundschule an. Man muss das ändern. Antirassismus könnte beispielsweise fester Bestandteil der Lehrerinnenausbildung werden. Auch Lehrpläne kann man ändern. Dann würde man vielleicht in der Schule auch schon mal was von den deutschen Kolonien hören und im Deutschunterricht nicht nur alte weiße Männer lesen.

Ja vielleicht auch Quoten. Und zwar nicht nur in den Vorständen und Chefetagen, sondern auch beim Übertritt auf das Gymnasium. Oder vielleicht gleich mal das Gymnasium abschaffen, das Ausschlüsse produziert und ja an sich schon Ausdruck einer strukturellen Ungleichheit ist. Schliesslich muss strukturelle Ungleichheit eben auch strukturell wieder ausgeglichen werden. Und das bedeutet Gesetze, Maßnahmen und money.

»Nicht rassistisch behandelt zu werden, ist das, was uns zusteht«

Rassismus betrifft nun mal unser Privatleben, die Politik, Schule, Arbeitswelt, den Kunst- und Kulturbetrieb, den Sport, etc., und das bedeutet auch eine Menge kleinteilige Arbeit. Es fängt damit an, dass ihr euch, Onkel Jürgen, Tante Gerda, Mathias aus dem Fußballverein und Tanja aus dem feministischen Lesekreis in den Griff kriegen müsst. Und dann weiter, einen Plan, wie wir das racial profiling der Polizei, die Brandanschläge auf Geflüchtetenunterkünfte, Menschenjagden wie gerade in Chemnitz und Behördenversagen beispielsweise bei den Morden der NSU in Zukunft verhindern können. Wie wir mehr people of color in die Zeitungen und an die Lehrstühle der Universitäten bekommen. Wie wir höhere Löhne für Jobs, die vor allem von Einwanderinnen ausgeübt werden, durchsetzen können, und und und.

Wie genau unsere antirassistische Zukunft nun aussehen soll, weiß ich noch nicht. Besser als heute geht es auf jeden Fall. Denn Rassismus ist kein Naturgesetz, sondern kann überwunden werden. Also, liebe weiße Mehrheitsdeutsche, übernehmt Verantwortung. Auch in einem halben Jahr noch, wenn das Laub längst von den Bäumen gefallen ist und unter einer dicken Schicht Schnee liegt, und längst niemand mehr über #MeTwo spricht.

Und vergesst nicht, dass ihr von uns kein Eis dafür bekommen werdet. Denn das ist kein Gefallen, den ihr uns tut, kein wohltätiges Engagement, für das wir euch auszeichnen werden, wie ihr uns mit Integrationsbambis und Medaillen. Antirassistisch sein ist nämlich kein Engagement, sondern eure Verantwortung. Und nicht rassistisch behandelt zu werden ist das, was uns zusteht.

Aber eine weniger rassistische, solidarischere Gesellschaft kommt am Ende all ihren Mitgliedern zugute. Und auch euch. Ist doch schön, wenn ihr mit 85 auf dem Sofa sitzt, mit eurer Katze oder eurem Hund oder Enkelkind oder Hamster und ihr habt seit 60 Jahren niemand mehr, auch nicht gut gemeint, rassistisch behandelt.

Ronya Othmann

Ronya Othmann schreibt hauptberuflich Beschwerdebriefe und nebenberuflich Gedichte.