Pop: Der brave Traum
vom Ausbruch

Wie Revolverheld und Mark Foster den Alltag erträglicher machen – und damit die Revolution verhindern.

Popmusik gilt als unpolitisch. Doch in den täglichen, subtilen Botschaften der Radiohits steckt die Gefahr des komatösen Einlullens. Sie geben vor, aus dem Leben auszubrechen, halten uns aber genau darin fest.

Pendlerinnen erleben das täglich auf dem Weg zur Arbeit. Autobahn, gleichbleibende Landschaften über unzählige Kilometer hinweg, und Revolverheld plätschert dazu vor sich hin. Ohne es bewusst wahrzunehmen, summt man mit, bewegt die Beine, spürt das erhebende Gefühl, wenn endlich die Geigen einsetzen. So ertappe ich mich auch ständig als Mitfahrerin dabei, den deutschen Pop nicht einfach über mich ergehen zu lassen, sondern dabei – auf der Autobahn – ein merkwürdiges Gefühl von Freiheit zu verspüren. Natürlich mache ich mich als Linke darüber lustig, sonst wäre es ja nicht ertragbar. Und gleichzeitig muss ich zugeben, dass es mich berührt – aber wieso?

Angefangen darüber nachzudenken habe ich im Auto meines Cousins, hinter mir meine Schwester, es lief „Lass’ uns gehen“ von Revolverheld. Wir sind auf dem Weg von einer Groß- in eine Kleinstadt und es tönt:

„Hinter Hamburg, Berlin oder Köln,
hören die Menschen auf, Fragen zu stellen,
hören wir endlich mal wieder das Meer und die Wellen…
lass’ uns gehen, lass’ uns gehen, lass’ uns gehen.“

Ich spotte: „diese armen Stadtmenschen versuchen aus ihrem Trott herauszukommen und fahren mal für ein Wochenende an den Strand, romantisieren das Land…denken, sie würden mal ausbrechen.“ Die beiden anderen im Auto grinsen: „aber schön ist es schon. Du bist zu kritisch.“

Flucht ins Wochenendvergnügen

Was macht man mit diesem Zeitgeist, der das Drängen der Großstadt und die Überforderung zwar erkennt und aufnimmt, aber nicht bearbeitet – schon gar nicht politisch natürlich –, sondern einen Wochenendausflug als großen Ausbruch inszeniert?

„Ich kann nicht mehr atmen,
sehe kaum noch den Himmel,
die Hochhäuser haben meine Seele verbaut,
bin immer erreichbar und erreiche doch gar nichts,
ich halte es hier nicht mehr aus. Lass uns hier raus!“

Es geht um eine Erzählung des Alltags, der die Menschen erreicht: Arbeitsalltag, städtische Luft, Erwartungsdruck – da will man natürlich raus. Zwar geht es den Menschen in diesen Songs materiell ganz gut, doch trotzdem fehlt etwas oder wird als unzureichend wahrgenommen. Man könnte sagen: hier wird Musik für den deutschen Mittelstand produziert. Das stimmt natürlich, und ist trotzdem nur die halbe Wahrheit. Denn Musik und Popkultur sind ja nicht einfach das einseitige Verhältnis von Produzentinnen zu Konsumentinnen. Es ist ein wechselseitiges Verhältnis: Kultur, auch die massenkommerzielle, greift die Regungen und Gedanken auf, inszeniert sie neu und überhöht sie, was sich wiederum auf die ganz realen Sehnsüchte der Menschen und das, was sie tun, auswirkt.

So könnte man als ‚typisch deutsche’ Praxis diesen Vers aus dem gleichen Lied verstehen:

„Zwischen den Zeilen habe ich gelesen,
dass wir beide weg von hier wollen.
Wir stecken hier fest, verschüttet im Regen,
und träumen vom Sommer in Schweden.“

Sehnsüchte des Alltags

Ah, das Sommerhaus in Schweden. Es ist natürlich nicht die schwedische Regierung, die gemeinsam mit Revolverheld eine Werbeplan ausgeheckt hat. Es ist eine Sehnsucht, sozusagen von unten, die hier aufgegriffen und verarbeitet wird. Raus in die Natur, abschalten, unter Freunden sein, eine gute Zeit haben. Die Projektion guten Lebens ist dann das Ferienhaus in Schweden. Ob die Leute nun wegen des Songs tatsächlich ein rotes Holzhäuschen für den Urlaub buchen, ist nicht ausgemacht, aber in jedem Fall werden durch die Popsongs Sehnsüchte geleitet und auch mit verstärkt, insbesondere wenn man sie eher unbewusst beim Autofahren oder Kochen hört und dazu mitsingt. Dazu passend auch das Video, das einen Kindergeburtstag zeigt, auch ein Kinderchor ist gegen Ende zu hören. Unmissverständlich dringt die Botschaft durch: leb’ dich aus.

Doch woher kommt die Sehnsucht nach diesem Ausbruch aus dem Alltag? Begeben wir uns von den himmlischen Sehnsüchten in die Niederungen des Alltags, spüren wir sofort, dass dieser mit Ausbruch wenig zu tun hat. Für die meisten strukturieren Job, Aufgaben, Termine und Verpflichtungen jeden Tag im Jahr. Wir „erfinden uns nicht jeden Tag neu“, wie das in der Werbung suggeriert wird, sondern leben größtenteils einen langweiligen Trott aus Büro, Wäschewaschen, Rechnungen zahlen und Windeln wechseln. Popsongs wie von Revolverheld schaffen jetzt das Unmögliche: den Alltag in den Songs glorifizieren und zugleich aus ihm ausbrechen zu können. Darin besteht die große Anziehung. Einerseits wird das alltägliche Lebens als Erfüllung inszeniert (mit den Freunden weggehen, eine Beziehung führen, ein Kind versorgen), andererseits wird die Sehnsucht bedient, aus genau diesem Trott herauszukommen.

Nur leider bleibt der Ausbruch immer privat, ist ein Vergnügen für diejenigen, die es eben können und es geht auch immer nur zeitweise. Sonst bleibt, sich an die schönen Momente zu erinnern, an die Gemeinsamkeit, die man einmal hatte. Vor allem die romantische Paarbeziehung dient als Kitt dafür, den öden Alltag emotional zusammenzuhalten.

Als Romantik verpackt

Unpoetischer als in „Ich lass’ für dich das Licht an“, ebenso von den Jungs von Revolverheld, lässt sich das kaum ausdrücken. Der Sänger gesteht, eigentlich keine Gemeinsamkeiten mit seiner Partnerin zu haben: „Ich hör’ für dich Platten, die ich nicht mag“ oder„Ich gehe mit dir in die schlimmsten Schnulzen“. Natürlich bedient er dabei Klischees, die aber eine reale Basis im Leben der Menschen haben und mit dem Song wiederum verstärkt werden als Erwartung an das normale Leben. Liebe besteht dann darin, das Licht anzumachen, „obwohl’s mir zu hell ist.“

Profaner geht es eigentlich nicht. Die alltägliche „Romantik“ wird dann im Video von Revolverheld dadurch aufgebrochen, dass sie den großen Knall inszenieren: einen Heiratsantrag natürlich. Das Ganze hat 16 Millionen Views und ist eigentlich ebenso profan wie das vorher Gesungene: „Du bist mein Mädchen, und du weißt, was jetzt kommt.“ Genau. Wir allen wissen, was kommt und sind trotzdem berührt.

So ähnlich wie in dem Hit von Philipp Dittberner „Wolke 4“, in dem es darum geht, dass Wolke 4 immer noch besser ist, als allein zu sein. Lieber durchschnittlich sein und sich aneinander anpassen, als Single zu sein. Das Ganze unterlegt durch Dance-Beats, gegen die man sich nicht wehren kann, so wie man sich auch gegen den Inhalt nicht wehren kann. Wie viele Paarbeziehungen kennen wir im realen Leben, die eigentlich nur deshalb bestehen, weil der gemeinsame Trott immer noch besser ist, als das hemmungslose Gefühl von Wolke 7, oder noch schlimmer, von Wolke 0? Besser, es bewegt sich nichts. Aber tanzen wir doch dazu!

Drei Minuten Unsterblichkeit

Den großen Knall im Alltag bringt nun kaum eine besser auf die Bühne als die unendlich charmante Helene Fischer. Es gibt vermutlich niemanden, der nicht schon auf einer Hochzeit betrunken zu „Atemlos“ getanzt hätte (auch ich, bei einer Hochzeit von linken Akademikerinnen, wohlgemerkt, selbstverständlich ganz ironisch).

Man kann sich natürlich auch darüber lustig machen oder es nur heimlich hören. Doch der eigentliche Punkt ist, dass es funktioniert, weil hier Romantik, Lust und Rausch in eins fallen, Sehnsüchte von ganz normalen Menschen bedient werden – weshalb Schlager sich durch die Bank gut verkauft wird, nicht nur bei Rentnerinnen.

Es beginnt mit einer Verheißung:

„Ich schließe meine Augen, lösche jedes Tabu“,

geht über in die bürgerliche Ekstase:

„Wir sind heute ewig, tausend Glücksgefühle
Alles was ich bin, teil‘ ich mit Dir
Wir sind unzertrennlich, irgendwie unsterblich
Komm nimm‘ meine Hand und geh‘ mit mir“

und endet in einem großen Freiheitsversprechen: „große Freiheit pur, ganz nah“.

Freiheit, das ist hier das Gefühl der Sorglosigkeit, des gemeinsamen Feierns. Wie surreal, dass das Lied gerade auf zwanghaften Gartenpartys der Vorstädte gefeiert wird. Man sitzt auf Gartenbänken, hält sich fest an seinem Getränk und an die Regeln der sozialen Ordnung. “Tausend Glücksgefühle” gehen auf in einem gesteigerten Alkoholpegel und der bestmöglichen Partnerin, die gerade zu finden ist, oder mit der man – mehr oder weniger zufällig – seit Jahren Leben und Toilette teilt. Konflikte um den Haushalt oder das Geld lassen sich so beiseite wischen, denn in diesem Moment fühlt man sich für drei Minuten unsterblich.

Ein Hoch auf den Moment

Wie ein Popsong ein ganzes Land oder zumindest große Teile davon euphorisiert, lässt sich am schönsten bei Europa- oder Weltmeisterschaften (gemeint ist natürlich Fußball) beobachten. Man kann sich wieder groß fühlen, wo man im Alltag klein ist. Andreas Bouranis WM-Song von 2014 hat ‚uns’ das Gefühl der Weltmeister vermittelt: Ein Hoch auf uns! Die Gemeinschaft, zusammengeschweißt durch Fußball und Nation:

„Hier geht jeder für jeden durchs Feuer…
und solange unsere Herzen uns steuern,
wird das auch immer so sein.“

Nur: warum genau sollten uns plötzlich unsere Herzen steuern? Zusammenstehen, sich umarmen, das schaffen viele in der Regel besser bei einem Tor der Nationalelf als bei einem gewöhnlichen Abendessen mit Freunden. Unser Alltag ist in vielerlei Hinsicht durch Kälte und Konkurrenz geprägt: Gehen nicht die meisten Leute vorbei, wenn sie Obdachlose auf der Straße sehen oder zucken mit der Schulter, wenn eine Kollegin entlassen wird? Gehen in unserer Gesellschaft tatsächlich alle füreinander ins Feuer? Eben. Doch die Sehnsucht nach dem Gemeinschaftsgefühl bleibt natürlich, entlädt sich aber nur selektiv und gewissermaßen auf „Anrufung“, um hier einen Begriff von Louis Althusser etwas frei zu gebrauchen.

Fast allen ernsthaften Hits ist gemein, dass sie einen „Moment“ festhalten, am liebsten für ewig. Das ist natürlich pure Metaphysik. Jedes Kind lernt, dass das Leben endlich ist. Die Verlängerung ins Unendliche gibt jeder schnöden Party oder Autofahrt ein erhabenes Gefühl. Hören wir auch nach der WM noch den Song, fühlen wir uns zurückversetzt ins Gefühl des Gewinnens:

„Ein Hoch auf uns, auf dieses Leben, auf den Moment, der immer bleibt.“

„Auf jetzt und ewig, auf einen Tag Unendlichkeit“

Ewiges Freiheitsversprechen

So eine Überhöhung tut natürlich gut. Das starke Gefühl ist wohl auch der Grund, warum sich Millionen Menschen begeistert die Musik eines sehr durchschnittlichen Typen wie Mark Forster anhören. Dass gerade er einen Hit wie „Wir sind groß“ landet, ist dabei kein Zufall. Er kann nicht wirklich gut singen, sieht eigentlich nicht besonders gut aus, hat wenig Stil und Charme – und doch ist er „ganz groß“. Das Rezept besteht auch hier aus der bunten Mischung an Alltäglichkeiten, die zum Schweben gebracht werden. Für immer.

„Wir können das Buch selber schreiben, es gibt genug freie Seiten…
Für immer jung und zeitlos…
die Welt ist klein, und wir sind groß…
Wir fliegen weg, denn wir leben hoch“

Das Video zeigt erneut, worum es wirklich geht: Zelten, Wandern, aufs Dach gehen, Sex auf der Motorhaube, ein Baby bekommen. Das Ganze ist also eine Erzählung für etwa Dreißigjährige, die „Großes im Visier haben“ (aus dem Song „Au Revoir“), das heißt die noch einmal nett verreisen mit dem umgebauten Van ehe sie sich dann häuslich einrichten.

Das Ganze ist eine Erzählung für etwa Dreißigjährige, die „Großes im Visier haben“

Die Songs suggerieren, man könne seine Geschichte selber schreiben. Ja, wir machen unsere eigene Geschichte, aber wie wir Marxistinnen wissen, nicht aus freien Stücken. Eine Kultur, die etwas anderes propagiert und von freien Seiten spricht, missachtet die unzähligen notwendigen Arbeiten, die da getan werden müssen, um Freiheit und Vergnügen zu verspüren.

Das große Freiheitsversprechen, es bedeutet „dem alten Leben Tschüss“ sagen und in einem anderen Land wandern gehen. Tatsächlich ist das der Soundtrack derjenigen, die sich für einige Zeit aufmachen, ausbrechen, um dann zurückzukehren und das stinknormalste Leben zu führen. Doch die Musik, sie hält die Erinnerung wach und fesselt uns damit an ein Erlebnis, das die meisten in dieser Intensität wahrscheinlich gar nicht hatten, und das sie auch vermutlich selten bis nie wieder haben werden. Oder sagen wir so: wir wandern nicht mehr in Südamerika, dafür dann im Harz.

Jetzt kann man natürlich sagen, ja gut, das ist Pop, der ist eben rosarot. Doch selbst selbsternannte Punkrocker wie Die Toten Hosen sagen in „Tage wie diese“, dass sie das Gefühl des Besonderen aufheben wollen für die Ewigkeit. Genau genommen gibt es keinen Unterschied zum WM-Song: „Das hier ist ewig, ewig für heute. Wir stehen still, für eine ganze Nacht.“ Hier wird Punk, angetreten, trotzig die Welt zu stören, selbst de-politisierend. Es kann also jedes Genre zum Helferlein des Status quo werden.

Lob der Mittelmäßigkeit

Die Brillanz liegt bei alldem darin, ein Lob auf die Mittelmäßigkeit singen – obwohl man meint, etwas anderes zutun. So sieht man im Video zu Mark Forsters „Sowieso“  einen Büroangestellten, dessen Leben von Tristesse durchzogen ist. Doch Forster singt beharrlich: „Egal was kommt, es wird gut, sowieso“. Was genau gut werden soll, lässt er im Unklaren. Doch das Video zeigt es dann eindeutig im Finale, als der Beamte einen Papierknäuel auf einen Papierkorb wirft, trifft, und anschließend durch die Gänge des Büros tanzt. So viel Lebensfreude darf dann schon sein!

Natürlich wird diese Lebensfreude künstlich hergestellt und sie beißt sich scharf mit der Realität, aber sie ist trotzdem „echt“ in dem Sinne, dass sie wirklich gefühlt wird. Ideologiekritik besteht also nicht darin, Leuten vorzuwerfen, dass sie empfinden, wie sie empfinden. Auch nicht darin, sich als Linke darüber lustig zu machen. Die Krux ist, dass wir, um tatsächlich auszubrechen und tatsächlich Neues zu entdecken, eine andere Gesellschaft benötigen. Eine Gesellschaft, in der die Bedürfnisse der Menschen ernst genommen und erfüllt werden: in der wir tatsächlich alle reisen und die Welt entdecken können, unser Alltag nicht stupide ist und die Beziehungen zueinander reich und solidarisch. Tatsächlich gleichen unsere Beziehungen aber Warenbeziehungen. Eben weil unsere Gesellschaft auf Konkurrenz und Profit aufbaut und genau da gilt es anzusetzen. Dieser Teil der Message fehlt vielen Popsongs. Zeit und Möglichkeiten sind für die Massen nicht vorhanden, sie werden benutzt, um das System am Laufen zu halten. Popmusik wie diese hilft, darüber hinweg zu täuschen. Wenn man so will, ist (auch) sie Opium des Volkes. Doch wie in jeder Gesellschaftskritik geht es um das Wie der Herrschaftslegitimation – oder des Ausbruchs aus ihr. Popkultur (nur) zu belächeln wird sie nicht verändern.

Denn Massenkultur muss nicht zwangsläufig das Aufbegehren einhegen und ‚falsch’ sein. Sie kann Sehnsüchte in andere Bahnen lenken: in Empörung, Handlungsfähigkeit und ernsthafte Leidenschaft. Denken wir an Künstlerinnen wie Tracy Chapman, um nur eine von vielen zu nennen. Musik, welche Menschen berührt, kann auch von Revolution sprechen, „when finally the tables are starting to turn“.

Ines Schwerdtner

Ines Schwerdtner ist Redakteurin bei Ada