Drogen Handel in Mexiko Quelle: Depositphotos Genius Kp

Die Startups,
die den Stoff bringen

Dass mexikanische Drogenkartelle so erfolgreich sind, ist kein Zufall. Der Neoliberalismus und besonders das Freihandelsabkommen NAFTA haben ihnen den Weg geebnet.

Nordamerika ist eine bezaubernde Insel der Freiheit: freie Länder, freie Märkte und natürlich Freihandelsabkommen. Dazu befindet sich dort noch der weltweit größte Abnehmerinnenmarkt für Drogen – freie Feierei, also? Klar, damit hängen ein bisschen Drogenkrieg und zahllose ungeklärte Morde zusammen, aber das ist halt Nordamerika.

Tatsächlich lässt sich recht einfach erklären, warum diese beiden Dinge – Freihandel und Drogenkrieg – nicht zufällig zur selben Zeit auftauchen. Und dass Drogenkartelle nicht ganz zufällig so erfolgreich innerhalb der Freihandelszone Nordamerikas agieren.

Dafür muss man einen Blick darauf werfen, was in Mexiko passiert ist, seit es in den 1990er Jahren dem North American Free Trade Agreement, kurz NAFTA, beigetreten ist. Dass Freihandelsabkommen nicht immer nur Gutes bringen, hat sich in den letzten Jahren auch in Europa herumgesprochen. Chlorhühnchen und Genmais waren wohl die größten Schreckgespenster, die den Deutschen die Idee vom Transatlantischen Freihandel verhagelt haben. Doch der Blick auf die nördliche Hälfte des amerikanischen Kontinents macht deutlich, dass die Probleme nicht bei der Essensregulierung aufhören.

Enteignung durch NAFTA

Mit NAFTA hat vor fast einem Vierteljahrhundert eine neue Zeitrechnung für die mexikanische Wirtschaft begonnen. Selbstverständlich hatte das Abkommen auch Auswirkungen auf die Arbeitswelt in Kanada und den USA, doch Mexiko hatte die größten Anpassungen vorzunehmen. Grund dafür war nicht nur, dass Mexiko als kleinster Partner in das Abkommen eingestiegen ist, sondern auch dass weite Teile des Landes schlicht (noch) nicht im globalen Markt angekommen waren.

Das gilt in besonderem Maße für die Landwirtschaft. Bis zur Mitte der 1990er Jahre war die gemeinsame Nutzung von Ackerland durch Dorfgemeinschaften durchaus üblich in Mexiko. Die Idee stammt von vorkolonialen Gesellschaften, lässt sich aber so – oder so ähnlich – in den unterschiedlichsten Gesellschaften rund um den Globus finden. Im Deutschen kennen wir diese Gebiete als Allmende – in Mexiko werden sie als ejidos bezeichnet.

Gemeinschaftlich genutztes Gut ohne ‘richtige Besitzerinnen’ kann allerdings mangels expliziter Verkäuferin nicht gehandelt werden, weshalb seine schiere Existenz einen Angriff auf den freien Markt darstellt. Damit die ländlichen Gemeinden der Freiheit der Märkte nicht weiter im Weg standen, entschied sich die mexikanische Regierung mit dem Einstieg in NAFTA, den Schutz der ejidos aus ihrer Verfassung zu streichen.

Diese und ähnliche Reformen ‘zur Befreiung des Marktes’ haben dazu geführt, dass Bäuerinnen in großer Zahl die Basis ihres Auskommen verloren haben. Ihr ökonomisches Überleben versuchten diese – jetzt enteigneten – Menschen natürlich in anderen Branchen zu sichern.

Ein Problem, das von einer politisch gut organisierten Gruppe in Mexiko bereits vor Inkrafttreten des Abkommens vorausgesehen wurde. Die voraussehbaren Enteignungen durch das faktische Abschaffen der ejidos war einer der Hauptmotivationen für die Zapatistas, am 1. Januar 1994 – Tag eins von NAFTA – von ihren ländlichen Gemeinden in die Hauptstadt ihres Staates Chiapas zu marschieren.

Landflucht ist nichts neues. Eine Reihe von historischen Ereignissen, die viel mit US-amerikanischer Innenpolitik und mexikanischen Staatsstrukturen zu tun haben, und ein wenig mit Konflikten in Kolumbien, führten in Mexiko jedoch dazu, dass viele dieser Menschen auf der Suche nach neuen Jobs in einer recht speziellen Branche landeten: dem Drogenhandel.

Willkommen im Weltmarkt

Doch der Reihe nach: Was haben die Kartelle mit US-amerikanischer Innenpolitik zu tun? In den 1990er Jahren wurde Sicherheitspolitik zum absoluten Lieblingsthema in den USA. Anti-Gang-Gesetzgebung, Abschiebung “krimineller Ausländerinnen” und – für die hier gestellte Frage besonders wichtig – Grenzsicherung. Damit wurde für Mexiko ein Ventil geschlossen, dass bis dato der Entlastung des Arbeitsmarktes diente.

Denn in Zeiten wirtschaftlicher Probleme in Mexiko diente die Abwanderung in die USA eben dieser Entlastung. Wenn sich die Bedingungen in Mexiko verbesserten, kehrten viele Menschen einfach zurück. Die relativ einfach zu passierende Grenze machte diese Bewegungen möglich. Durch den massiven Ausbau der Grenzsicherung und einer rigorosen Abschiebepolitik wurde diese Entlastungsstrategie für viele Menschen genau in dem Moment unmöglich, als der Freihandel sie zunehmend ihres Einkommens beraubte.

Der zweite Faktor findet sich in Mexiko selbst: ein Zustand, der von Politologinnen als “mangelnde Staatlichkeit” beschrieben wird. Formal umfasst der mexikanische Staat eine Fläche von 1.972.550 km2 – zum Vergleich: Deutschland kommt mit 357.385 km2 gerade mal auf etwas mehr als ein Sechstel der Fläche. Wenn man sich den Staat jedoch als ein Verwaltungsgebiet vorstellt, in dem unterschiedliche Institutionen auf die Einhaltung von Regeln und Normen achten, dann sind weite Teile dieser fast 2 Millionen km2 Niemandsland.

Es fließt kein Wasser aus der Leitung, der Zugang zur Schule ist eigenverantwortlich, regionale Amtsinhaberinnen unterliegen kaum einer föderalen Kontrolle. Diese Bedingungen haben zu der Entwicklung eines sogenannten Patronage-Systems beigetragen. Vereinfacht heißt das: Aufgaben, die der Staat nicht übernimmt, werden in lokaler Selbstorganisation übernommen – allerdings jenseits  demokratischer Kontrolle. Durch reiche, bzw. etablierte Familien oder Persönlichkeiten – traditionell sind das zum Beispiel Großbäuerinnen oder auch Minenbesitzerinnen. Das alleine führt jedoch noch nicht zur Existenz von organisierter Kriminalität – es schafft aber einen guten Nährboden dafür. Wenn sich eine kriminelle Organisation in einem Patronage-System entwickelt, gibt es nur wenig, was ihr im Wege steht.

Die US-amerikanische Drogenvollzugsbehörde (DEA) begann in den 1990er Jahren mit einem massiven Angriff auf die kolumbianischen Drogenkartelle – Netflix hat dieser Kampagne mit der Serie “Narcos” ein Denkmal gesetzt.

Diese Mischung bedarf nun noch eines letzten kleinen Tropfens, um etwas Neues zu kreieren. Erneut sind die USA beteiligt, dieses Mal allerdings auf kolumbianischem Boden: Die US-amerikanische Drogenvollzugsbehörde (DEA) begann in den 1990er Jahren mit einem massiven Angriff auf die kolumbianischen Drogenkartelle – Netflix hat dieser Kampagne mit der Serie “Narcos” ein Denkmal gesetzt. Mitte der 1990er Jahre begannen sich die zahlreichen Verhaftungen auszuzahlen und der Drogenhandel wanderte aus Kolumbien ab. Allerdings verschwand er nicht einfach, sondern fiel in die wartenden Hände jener Organisation, die bisher hauptsächlich für den Transport des Kokains durch Mexiko verantwortlich war: Willkommen im Weltmarkt, Sinaloa Kartell.

Billige Arbeit

Der Freihandel hat also dazu beigetragen, dass die Kartelle über ausreichend Personal verfügen. Dass sie so erfolgreich sind hat aber auch damit zu tun, dass der mexikanische Staat ihnen strukturell wenig entgegenzusetzen hat. Vor allem liegt es jedoch daran, dass NAFTA genau diese Form des Wirtschaftens von der mexikanischen Bevölkerung verlangt: Als Niedriglohnregion in der Freihandelszone soll Mexiko personalintensive Tätigkeiten übernehmen und die Produkte den besser zahlenden nördlichen Partnern zur Verfügung stellen. Fernseher zusammenbasteln, industrielle Nähmaschinen überwachen, Drogen verpacken – die Tätigkeiten sind häufig mit gesundheitlichen Risiken verbunden und können von den Arbeiterinnen nur für begrenzte Zeiträume ausgeübt werden. Für den billigen und großen Personalpool ‘Mexiko’ ist das kein Problem.

Die Kartelle folgen dabei einer Logik, die sich in der gegenwärtigen ökonomischen Ordnung durchgesetzt hat: während die Gemeinschaft  Strukturen schafft, streichen einige Wenige die Gewinne ein. In diesem konkreten Fall haben sich die NAFTA-Staaten auf den Ausbau von Autobahnen und Warenumschlagplätzen an den Grenzen konzentriert. Neben dem Humankapital durch die Grenzschließung für Menschen hat NAFTA den Kartellen also auch die Infrastruktur für das Transportieren von Waren zur Verfügung gestellt.

Im Drogenkartell kann es jede schaffen

Im Gegensatz zu den Montagebetrieben für Fernseher und ähnliches, die in Mexiko seit NAFTA wie Pilze aus dem Boden schießen, können die Kartelle aber noch einiges mehr. Zum Beispiel bieten sie genau die Form der kompletten Identifikation mit dem Beruf, die im Neoliberalismus als Erfolgsstrategie gehandelt wird. “Heute packst Du nur die Kisten, aber wenn Du immer schön Überstunden machst und vollen Einsatz zeigst, dann kannst Du morgen schon ein ganzes Team von Kistenpackerinnen leiten!”

Und es geht noch weiter, denn während im Montagebetrieb bei der Schichtleitung die Karriereleiter endet, kann man es im Kartell bis ganz nach oben schaffen. Neben der gelebten Realität der Führungsriege trägt ein ausgefeiltes Branding durch Künstlerinnen und Social Media Influencer dazu bei, dass das Versprechen “vom Tellerwäscher zum Millionär” endlich mal wieder mit Leben gefüllt wird.

Und wenn wir schon bei Business-Strategien sind: Ein aggressives Auftreten am Markt und die erfolgreiche Übernahme von Konkurrenten ist ein Muss für alle Unternehmen, die sich am internationalen Markt durchsetzen wollen. Hier haben die Kartelle erneut einen Vorteil gegenüber den meisten anderen Betrieben: Sie können 100 Prozent frei (=neoliberal) handeln. Arbeitsrecht, Umweltschutz, Betriebsräte und Nachbarn – das alles betrifft Sie nicht. Während die Montagebetriebe in Mexiko viel Energie darauf verwenden, Arbeits- und Umweltschutz mehr oder weniger heimlich zu umgehen, können die Kartelle sich absolut und vollständig auf die Profitmaximierung konzentrieren. In einem Umfeld, das durch strukturelle ökonomische Gewalt geprägt ist – wie die genannten Enteignungen und das damit einhergehende Lohndumping -, gehen sie den letzten Schritt und morden, verstümmeln und foltern, wo immer es dem Geschäftsmodell dient.

Die unsichtbare Hand vergisst niemanden

Es sollte daher nicht verwundern, dass der Krieg gegen die Drogen keine Erfolge vorweisen kann. Gut bezahlte Arbeit ist selten geworden in Mexiko, aber es gibt Organisationen, in denen findet man sie noch – die Kartelle. NAFTA hat die alten Produktionsmodelle zum Scheitern verurteilt, in ihrer Langsamkeit, ihrem Mangel an Kapital und ihrem Unwillen über den kleinen Kreis des Lokalen hinauszuwachsen.

Doch die unsichtbare Hand des Marktes vergisst niemanden. Den Kartellen ist es schlichtweg gelungen, ein Bedürfnis im Markt zu erkennen, das perfekt zu ihren Ressourcen passt. Innerhalb eines Systems, das diese Gewinnoptimierung höher als alles andere wertet, ist es unmöglich, ein so erfolgreiches Unternehmen mit einigen Polizistinnen und etwas Militär unter Kontrolle zu bringen. Wenn wir die Bewertung der Kartelle für einen Moment lang von Moralisierung befreien, müssen wir also zu dem Schluss kommen, dass die Organisationen genau das tun, was die Architektinnen des Freihandels von ihnen erhofft haben.

Antje Dieterich

Antje Dieterich ist Redakteurin bei Ada