Quelle: Tik Clogosz · 28. August 2018

Ein anderer
Algorithmus ist möglich

Algorithmen werden in der Digital Economy genutzt, um noch die kleinste Unproduktivität auszumerzen – das weiß unser Autor aus eigener Erfahrung. Ihr Potenzial, die Arbeitsbedingungen zugunsten der Arbeiterinnen zu verbessern, geht dabei verloren.

Die digitale Ökonomie hat neue Bequemlichkeiten mit sich gebracht. Vom Smartphone aus können wir nicht nur von Amazon und ähnlichen Internet-Warenhäusern bestellen, sondern auch Essen wird zunehmend direkt an die Haustür geliefert. Die gesteigerte Erreichbarkeit über Smartphones spielt dabei eine entscheidende Rolle, doch die Kehrseite dieser Entwicklung ist die Etablierung eines Liefermodells, welches auf gesteigerter Ausbeutung und Hungerlöhnen basiert.

Zumindest aus den größeren Städten sind die fahrradfahrenden Essenslieferantinnen nicht mehr wegzudenken. Foodora, Deliveroo und Lieferando sind in Deutschland die wichtigsten dieser Lieferdienste, deren türkise, pinke oder orange Boxen Essen aus schicken und hippen Restaurants direkt nach Hause versprechen. Doch der Markt ist heiß umkämpft. Firmen wie Uber und Amazon sind schon anderswo und überlegen auch hier in den Essens-Lieferdienst einzusteigen.

Was das bedeutet, habe ich selbst erlebt. Als ich letztes Jahr mein Studium beendete, wollte ich für eine Weile raus aus dem akademischen Alltag und etwas Geld verdienen. Foodora & Co. versprechen einen flexiblen Arbeitsalltag im Freien und es erschien mir wie eine willkommene Abwechslung zur Theorie. Deshalb begann ich Anfang 2017 eine Stelle als Fahrradkurier bei Foodora. In meinen zehn Monaten als Essenslieferant habe ich die beständige Verschlechterung der Arbeitsbedingungen erleben können, die geradezu symptomatisch für die heutige Lieferindustrie sind.

Start Me Up

Bei Foodora anzufangen ist relativ unkompliziert. Insbesondere im Winter werden immer Fahrerinnen („rider“) gebraucht: eine Anmeldung über ein Onlineformular reicht aus. Nach einem kurzen Einführungsgespräch mit ein paar anderen potenziellen Fahrerinnen konnte ich schon in der nächsten Woche loslegen.

Im Gegensatz zu Deliveroo setzt Foodora auf Festanstellungen, beteiligt sich also zumindest an der Kranken- und Unfallversicherung seiner Arbeiterinnen. Bei beiden stellt man sein eigenes Fahrrad und Smartphone, also die für den Arbeitseinsatz unersetzlichen Arbeitsmittel. Die Unternehmen machen dabei keine Vorgaben – Hauptsache es funktioniert. Das bedeutet aber auch, dass man schlussendlich die Kosten für seine Arbeitsgeräte selbst leisten muss.

Rucksack-Box. Bild: Tik Clogosz

Die Arbeitgeberinnen stellen dafür gegen eine Leihgebühr von 100 Euro die Uniform und die Rucksack-Box. Beide sind nur für wenige Monate zu gebrauchen, da sie recht schnell verschleißen. Man kann sie zwar umtauschen, doch die mangelhafte Qualität der Jacken und Trikots bringt dafür andere Schwierigkeiten mit sich. Trocken durch eine mehrstündige regnerische Schicht zu kommen, ist fast unmöglich.. Wer sich das nicht antun will, muss sich seine eigene Sportkleidung kaufen.

Permanent verbunden

Nach erfolgreicher Anstellung wird die Arbeit online koordiniert: Schichtanmeldung, Urlaubsanträge, Konflikte um Löhne – alles wird durch eine Weboberfläche oder per Mail geregelt. Die Schicht selbst wiederum wird vor allem per App organisiert. So ist man immer mit der Zentrale verbunden und zugleich immer auf sich allein gestellt. Alles, Anweisungen und neue Bestellungen, läuft über die App und WhatsApp.

In diesem Job ist die App das Herzstück des Arbeitsalltags und muss während der gesamten Schicht laufen. Dabei liefert sie nicht nur die essentiellen Bestellinformationen vom Restaurant bis zur Kundinnenadresse. Viel wichtiger ist nämlich, dass sie ununterbrochen Daten über das Verhalten der Arbeiterinnen sammelt. Es fängt an mit der Geschwindigkeit, aber Route, Stopps, Reaktionszeit, und vieles mehr werden ebenso gemessen. In der wöchentlichen Bewertung („Performance Feedback“) durch den „Rider Captain“ wird auch festgehalten, wie lange man bei Kundinnen wartet, wie lange man braucht um eine Bestellung anzunehmen, ob man genügend am Wochenende gearbeitet hat und vor allem: Wie viele Bestellungen man durchschnittlich pro Stunde ausliefert. Doch Fahrerinnen haben keinen Zugang zu ihren gesammelten Daten.

»Für einige wirkt dieser Fitnessaspekt wie eine Entschädigung für den schlechten Lohn«

Auch die Pünktlichkeit wird aufgezeichnet, oder wie viele Minuten man über die Schicht hinaus gearbeitet hat. Oft kommt 1-2 Minuten vor Schichtende noch eine Bestellung rein, so dass man damit rechnen kann noch eine Viertel- bis halbe Stunde länger zu arbeiten. Dank App wird diese Mehrarbeit zwar gezählt und bezahlt, jedoch nur bis zur Abgabe der Bestellung. Der verlängerte Rückweg wird nicht in die Statistik aufgenommen.

Einerseits hat diese umfangreiche Datenerhebung für die Arbeitgeberinnen nicht nur bei der individuellen Bewertung jeder einzelnen Fahrerin Vorteile. Auch für die allgemeine Produktivität des Unternehmens sind diese Daten entscheidend: Gibt es genug schnelle Fahrerinnen um den Bezirk am Laufen zu halten? Wen sollte man anrufen, wenn noch Fahrerinnen gebraucht werden? Welcher Vertrag sollte nicht verlängert werden? Wo sind allgemein Löcher in der Produktivität?

Umsatz durch Kostenverlagerung

Diese Produktivitätslöcher werden in der Gig Economy, in der die Arbeiterin von Auftrag zu Auftrag („Gig“), von Lieferung zu Lieferung lebt, auf die Arbeiterinnen umgelegt. Schließlich machen die Lieferdienste, die in einen akuten Preiskampf verwickelt sind, keine Profite. Auch Foodora, beziehungsweise der Mutterkonzern Delivery Hero, sind weiterhin von Investorengeldern abhängig, um das Geschäft am Laufen zu halten.

Um Geld zu sparen, werden Kosten auf die Arbeitskräfte selbst übertragen. So werden Reparaturkosten zwar versprochen, aber in der Regel nur dann gezahlt, wenn es sich um einen Unfall direkt während der Schicht handelt. Da die Fahrerinnen ihre Fahrräder selbst stellen, gibt es jedoch auch Verschleiß, der außerhalb der Schicht stattfindet. Für diesen Verschleiß übernehmen die Unternehmen keine Verantwortung.

Für die selbstständigen Fahrerinnen stellt sich auch das Problem der Entlohnung der Pausenzeiten. Da Fahrerinnen nur nach Bestellung entlohnt werden, kann es sein, dass für mehrere Stunden Arbeit nur wenige Euro rausspringen. Ähnlich wie den Lieferantinnen ergeht es auch Berliner Taxifahrerinnen, denen die Pausenzeit nicht in die entlohnte Arbeitszeit eingerechnet wird.

Dein Job als Lifestyle

In der Gig-Economy werden nicht nur Kosten ausgelagert. Auch die Produktivität wird zu einem direkten Motivationsfaktor für die eigene Arbeit – zu jeder Zeit. Es fängt an beim Trinkgeld. Foodora zahlt außerdem einen monatlichen Bonus, der von bestimmten Bedingungen abhängig ist, wie unter anderem einer Mindestanzahl von Bestellungen pro Stunde (zu meiner Zeit 2,2, inzwischen höher) und genügend Stundenschichten am Wochenende.

Zwar wurden wir bei unserer Einführungsveranstaltung darauf hingewiesen, dass die Straßenverkehrsordnung (StVO) zu befolgen sei, doch die Durchschnittsgeschwindigkeit (mehr als 15 km/h) ist in der Stadt meistens nur dann zu halten, wenn man die StVo etwas flexibler interpretiert. Rote Ampeln kosten eventuell das Trinkgeld, welches den mageren Lohn von 9 Euro pro Stunde etwas aufwertet.

Für selbstständige Lieferantinnen sorgt die Bezahlung pro Bestellung für eine noch direktere Motivation. Ohne Bestellung keine Bezahlung. Diese direkte Identifikation mit der Produktivität wird durch das Lebensgefühl als Fahrradkurier bestärkt. Auch wenn eine Bestellung eine strikte Vorgabe von A nach B ist, fühlt man sich auf der Straße frei.

Zugleich bekommt man auf dem Fahrrad das Gefühl, seinem Körper etwas Gutes zu tun. Es passt damit sehr gut in eine Zeit, in der Selbstoptimierung zum Mantra des Lebens geworden ist. Für einige wirkt dieser Fitnessaspekt wie eine Entschädigung für den schlechten Lohn.

Teils war ich geradezu gespannt auf den wöchentlichen Rückbericht: Habe ich meine Durchschnittsgeschwindigkeit erhöht? Diese Bewertung ist nicht viel anders, als die Datensammlung von Sportapps wie Strava. Doch als Kurier treibt man seinen Körper nicht für sich selbst an sein Limit, sondern für das Unternehmen.

Es geht auch anders

Ist es überhaupt möglich die Gig Economy so zu gestalten, dass sie berufliche und soziale Sicherheit für die Arbeiterinnen sichert? Das ist eine offene Frage, aber besser ginge es auf jeden Fall. Die Arbeitsbedingungen bei Foodora, Deliveroo und anderen Lieferdiensten sind nicht einfach das automatisierte Ergebnis der digitalen Arbeitswelt. Eine Arbeit, die nach Algorithmen strukturiert ist, muss nicht zwangsweise bloß negative Aspekte beinhalten, denn welche Funktionen der Algorithmus hat und zu wessen Gunsten er ausgerichtet ist, ist eine Frage der Programmierung.

Die Programmiererinnen der Lieferdienste setzen die Vorgaben ihrer Vorgesetzten um und schreiben einen Code, der Pausen nicht bezahlt oder Fahrerinnen genaue Boni-Auflagen auferlegt. Doch der Algorithmus könnte auch zugunsten der Fahrerinnen funktionieren, wenn der Code nach anderen Maßstäben geschrieben würde. So liefern wir als Kurierinnen zum Beispiel auch bei stürmischem Wetter, was in den letzten Jahren häufiger vorkommt. Während die Bahnen aus Sicherheitsgründen nicht fahren, sollen wir weiter Essen ausliefern.

Dabei wäre es keine Sache der Unmöglichkeit, die App über Wetter- und Standortabfragen darauf zu programmieren, sich temporär abzuschalten, wenn das Risiko für die Fahrerinnen zu groß ist. Ebenso könnten die Algorithmen statt reinen Geschwindigkeitsabfragen auch sicheres Fahrverhalten beobachten und belohnen.

»Im Essenslieferdienst-Geschäft gewinnt derjenige, der seine Arbeiterinnen möglichst kreativ und konsequent ausbeutet«

Auch die Datensammlung könnte anderen Zwecken dienen. Die gefahrenen Kilometer und Arbeitsstunden könnten als Grundlage für ein Kilometergeld dienen, mit dem Reparaturkosten gedeckt werden. Einsicht in die Bestelldaten – Auslastung nach Uhrzeiten, Tagen, Bezirken – könnte der Koordination der Schichten unter den Fahrerinnen dienen und somit den Arbeitsalltag erleichtern. Unter den aktuellen Bedingungen dienen Code und Daten jedoch der Kontrolle und sind für Arbeiterinnen nie voll transparent.

Genau deshalb werden bessere Arbeitsbedingungen nicht einfach vom Himmel fallen. Fahrerinnen in verschiedenen Ländern in Europa beweisen, dass der einzige Weg zu höheren Löhnen und einer gewissen sozialen Sicherheit nur über Selbstorganisation und Kämpfe zu gewinnen ist. So konnte zum Beispiel durch Demonstrationen, öffentlichen Druck und erste kollektive Organisation Deliveroo in Deutschland das Versprechen abgerungen werden, Reparaturen in Form von Kilometergeld zu bezahlen. Außerdem wurden sowohl bei Foodora als auch bei Deliveroo in verschiedenen Städten Betriebsräte gegründet.

In London und anderen Städten Großbritanniens konnten die Streiks von Fahrerinnen die Einführung eines Stücklohns von 3,75 Pfund verhindern und ihren Stundenlohn von 7 Pfund + 1 Pfund pro Lieferung verteidigen. In Turin konnten Deliveroo Fahrerinnen eine Lohnerhöhung pro Bestellung von 2,60 auf 3,70 Euro durchsetzen. Auch in Spanien (Madrid, Valencia und Barcelona) und den Niederlanden kam es zu Streiks und Arbeitskämpfen. Gegen die unternehmerische Praxis sind die Kolleginnen teilweise auch vor Gericht gezogen, um arbeitsrechtliche Mindeststandards durchzusetzen.

Nicht alle diese Kämpfe waren erfolgreich. Doch immer wieder gelang es den Arbeiterinnen, sich für ihre Interessen zu organisieren – um Verschlechterungen zu verhindern und Verbesserungen durchzusetzen. Dort wo es zu keinen Kämpfen kommt, denken sich die Unternehmen immer neue Wege aus, um die Profitrate auf Kosten der Arbeiterinnen zu steigern.

Denn am Ende können nur wenige Unternehmen überleben – anders funktioniert das Geschäftsmodell nicht. Genauso wie bei Flixbus, das nach mehr als einem Jahr Preiskampf schlussendlich als vorherrschendes Busunternehmen in ganz Europa dastand, gewinnt derjenige im Essenslieferdienst-Geschäft, der seine Arbeiterinnen möglichst kreativ und konsequent ausbeutet.

Zwar geht es den Arbeiterinnen der anderen Unternehmen nicht wirklich besser. Doch am Ende kann nur ein Unternehmen ein profitables Geschäft betreiben, wenn es die Produktionskette und den Markt vollständig kontrolliert. Bis der Preiskampf ausgefochten ist, fließen allerdings Millionen in die nicht profitablen Unternehmen. Diese Gelder werden sich schlussendlich in Millionenverluste verwandeln.

Deshalb reichen die Arbeitskämpfe schlussendlich nicht aus. Aus diesem Grund kämpft das Fahrerinnenkollektiv RidersXDerechos (Riders 4 Rights) aus Spanien nicht nur für bessere Arbeitsbedingungen, sondern arbeitet auch daran, eine eigene Lieferdienstapp namens Mensakas zu entwickeln, die kollektiv von Fahrerinnen verwaltet wird. Dort entstehen die Gewinne nicht durch immer prekärere Ausbeutungsbedingungen und fließen auch nicht zurück zu Investorinnen, sondern dienen den Arbeiterinnen selbst. Ebenso wird auch die App selbst nach anderen Kriterien programmiert, die transparent von Kolleginnen festgelegt werden.

Ein solches Lieferdienstunternehmen muss sich zwar den Marktbedingungen unterwerfen, wird jedoch den Arbeiterinnen keine Scheinselbstständigkeit aufbürden, wie es sonst in dieser Industrie üblich ist. Für die Fahrerinnen wäre ein solcher Schritt mit erhöhter wirtschaftliche Sicherheit, Respekt am Arbeitsplatz und transparenten Arbeitsbedingungen verbunden. Es wäre ein erster Schritt in eine andere Form der Arbeit.

Johannes Liess

Johannes Liess arbeitet als Übersetzer in Berlin und ist in der erweiterten Redaktion von Ada.