Laurie Penny Quelle: Jon Cartwright, mit Erlaubnis des Nautilus-Verlags · 11. Juli 2018

Arbeit, Sex,
Macht und Liebe

Laurie Penny über die feministische Bewegung, den Aufstieg der Rechten und warum die Generation nach den Millennials sehr viel härter drauf sein wird.

Ada: Die Proteste am internationalen Frauentag dieses Jahr waren beeindruckend. In Spanien waren Millionen auf der Straße und die Proteste in Deutschland und anderswo sind auch gewachsen. Hast Du damit gerechnet?

Laurie: Ja. Auf der ganzen Welt haben politische Entwicklungen gezeigt, dass es viel gibt, worum wir kämpfen müssen, und dass es viele notwendige Veränderungen gibt, für die es sich lohnt, zusammen einzustehen. Es hat noch nie geholfen, einfach auf Veränderung zu warten. Uns wurde eingeredet, dass sich der Fortschritt für Frauen organisch entwickelt, dass wir nichts tun müssen und die Dinge Stück für Stück besser werden, solange wir uns benehmen. Ich glaube, wir haben erkannt, dass das so nicht funktioniert.

Was ist der nächste Schritt für die feministische Bewegung?

Es ist nicht meine Aufgabe und steht mir auch nicht zu, Aktivistinnen zu sagen, was sie sich vornehmen sollen. Es gibt jede Menge nächste Schritte für die feministische Bewegung. Zentral sind, glaube ich, gerade die Kämpfe um reproduktive Rechte. Was in Irland passiert ist, war wirklich wichtig und setzt den Standard dafür, was passieren muss, damit die reproduktiven Rechte der Frauen endlich respektiert werden. Wir können nur hoffen, dass dieser Wandel, wenn er ein Gesetz wird, nicht von rechten und frauenfeindlichen Kräften im irischen Parlament erstickt wird.

In manchen Ländern haben Feministinnen Frauenstreiks organisiert. In Deutschland haben Feministinnen ebenfalls begonnen, darüber zu diskutieren. Meinst Du, dass das ein Weg wäre, Fortschritte zu erzielen?

Ja, absolut. Es kommt aber darauf an, welche Form der Streik annimmt – sprechen wir nur über bezahlte oder auch über unbezahlte Arbeit, die von Frauen tagtäglich geleistet wird? Es wäre toll, wenn das Zweite gemeint wäre. Es gibt eine großartige Tradition von Frauen, die sowohl ihre bezahlte als auch ihre unbezahlte Arbeit verweigern, um ihre Rechte einzufordern. Ich glaube, allein eine öffentliche Diskussion darüber zu führen, welche Arbeiten alle von Frauen erledigt werden und wie wenig das anerkannt wird, wäre schon ein wichtiger Schritt. Das wird eine Menge Männer sehr wütend machen, aus Gründen, die sie selbst nicht verstehen.

Du lebst in Großbritannien, aber hast kürzlich eine Zeit lang in den USA gelebt. Junge Menschen sind die treibende Kraft hinter fortschrittlichen Bewegungen in beiden Ländern, zum Beispiel gegen Sparpolitik in Großbritannien oder gegen die schwache Regulierung von Waffenbesitz in den USA. Starten die Millennials die Revolution?

Eine Menge Leute, die in Großbritannien und den USA in diesen beiden Bewegungen aktiv sind, sind gar keine Millenials, sondern gehören zur »Generation V« – oder wie auch immer wir diese Generation jetzt nennen. Ich finde ja, eine Generation nach einem Buchstaben zu benennen, der so weit hinten im Alphabet liegt, ist ziemlich apokalyptisch. Vielleicht nennen wir sie lieber Generation A: Lasst uns von vorne anfangen. Ich glaube, dass die Generation nach den Millennials sehr viel härter drauf sein wird. Wir brauchen sie, um die Welt zu retten. Millennials sind mit sehr viel mehr Vertrauen in Autoritäten aufgewachsen. Die jüngere Generation hat wirklich verstanden, dass es in ihren Händen liegt zu bestimmen, was Politik überhaupt bedeuten kann. Sie sind mediengewandt und wissen, wie man Debatten eröffnet. Das beeindruckt mich wirklich und ich glaube, es ist jetzt unsere Aufgabe als Millennials, ihnen alle Unterstützung zu geben, die sie brauchen.

Demonstration gegen sexualisierte Gewalt in Madrid. Foto: Flickr / Adolfo Lujan (CC BY-NC-ND 2.0)

In Großbritannien gibt es eine große Bewegung rund um Jeremy Corbyn. Glaubst Du, das kann die Dinge in Bewegung bringen?

Da ist schon einiges in Bewegung geraten. Es hängt nur davon ab, ob die Beteiligten diese Dynamik nach der nächsten Wahl aufrechterhalten können. Wirklich toll an der Corbyn-Bewegung war, wie kalt die Linke in der Labour-Partei und die politische linke Mitte im Allgemeinen von dieser Dynamik erwischt wurden. Die hatten wirklich keine Ahnung davon, wie viele sich von der Botschaft angesprochen fühlen würden, sondern waren in ihre eigenen internen Streitigkeiten und ihre beschränkte Vorstellung davon, was politisch möglich wäre, verwickelt. Ich glaube, nun kommt es eben darauf an, ob dieser Schwung erhalten bleiben kann.

Du bist ja regelmäßig in Deutschland, wo die Politik in den letzten Jahren nach rechts gedriftet ist. Bemerkst Du diese Veränderungen, wenn Du hier bist?

Ja, die bemerke ich. In Deutschland ist die Entwicklung langsamer und fühlt sich zurückhaltender an als die hochgekochten Emotionen und das Drama in Großbritannien und den USA – was einem ein falsches Gefühl von Sicherheit vermitteln kann. Manchmal denke ich, wenn ich in Deutschland bin, dass die Leute hier zumindest vernünftig sind, intelligente Fragen stellen und sich nicht in alles-oder-nichts-Geschichten darüber verlieren, was ihre Nation ausmacht. Aber ich denke, wenn es selbst in Deutschland passiert, wo Menschen, zumindest ist das mein Eindruck von außen, gegenüber einfachen Erzählungen dazu, was ein Land und die Bevölkerung ist und sein sollte, misstrauischer sind – und das aus guten Gründen –, dann sollte die Welt sich wirklich Sorgen machen.

In Deutschland und vielen anderen Ländern diskutiert die Linke Identitätspolitik gegen Klassenpolitik…

…was wirklich albern ist…

Und Du schreibst in Bitch Doktrin, dass Du die Nase voll davon hast, dass linke Freundinnen Dir erzählen,  die Linke müsse sich wieder mehr um die Arbeiterinnenklasse kümmern. Was sollten wir stattdessen tun?

In dem Buch schreibe ich, dass ich die Nase voll davon habe von meinen linken Freundinnen, die mir erzählen, die Linke möge sich um die Arbeiterinnenklasse kümmern, wenn sie in Wirklichkeit ein bestimmtes Bild meinen, das sie selbst von der weißen Arbeiterinnenklasse haben. Das ist auch Identitätspolitik. Ich glaube, wir müssen verstehen, dass politische Fragen rund um Ethnizität und Geschlecht schon immer eng verflochten waren mit den für die Arbeiterinnenklasse entscheidenden Fragen.

Man kann Klassenpolitik nicht von Geschlechterpolitik oder Migrationspolitik trennen. Die Idee, dass das möglich wäre, ist nicht nur moralisch falsch, sondern auch politisch eine Sackgasse. Ich kann nicht mehr hören, dass Linke mir erzählen, Klassenpolitik habe genau so-und-so auszusehen und sich auf diese bestimmte Gruppe zu beziehen. Für mich geht es bei Geschlechterpolitik und feministischer Politik immer um Geld, Klasse und Arbeit. Nur wird das als Identitätspolitik abqualifiziert, während die einzigen Identitäten, die respektiert werden, weiß, üblicherweise verheiratet und üblicherweise hetero sind.

Manche beschreiben dich als marxistische Feministin. Was an Deiner politischen Haltung ist marxistisch?

Ich denke, Feminismus ist etwas, das man tut und nicht etwas, was man ist, ich bin also nicht wirklich fixiert auf Kategorien. Aber mein Feminismus basiert auf Grundgedanken sozialer und ökonomischer Gerechtigkeit. Für mich bezieht sich das auf staatliche Politiken und darauf, wie diese mit menschlichen Körpern, mit Frauenkörpern, umgehen. Das erfordert, sich ernsthaft mit der Arbeit von Frauen auseinanderzusetzen, damit, wie sie ihnen genommen wird, wie sie gegenüber ihrer eigenen Arbeit und der Arbeit ihrer Körper entfremdet werden. Ich versuche das auf eine Weise zu schreiben, die es Menschen ermöglicht, es zu verstehen, ohne dass sie deswegen unbedingt all diese Theorien gelesen haben müssen.

Deine Bücher sind unter deutschen Leserinnen sehr beliebt. Hast Du eine Idee, wie das kommt? Hast Du den Eindruck, dass Deine Arbeit hier anders aufgenommen wird?

Ich weiß immer noch nicht, woran es liegen könnte. Aber es ist wundervoll und schmeichelhaft. Ich bin sicher, dass die fantastische Arbeit von Anne Emmert, die meine Bücher im Nautilus-Verlag übersetzt hat, etwas damit zu tun hat. Aber ich habe es aufgegeben, herausfinden zu wollen, woran es liegt. Vielleicht trägt der Umstand, dass ich selbst keine Deutsche bin, ja auch etwas dazu bei. Manchmal sind solche Ideen einfacher aufzunehmen, wenn sie von jemandem kommen, der nicht aus deinem Kulturkreis kommt; man bekommt ein Stück weit einen Freifahrtschein für radikale Ansätze. Es freut mich, dass es scheinbar deutschen Feministinnen Räume für ihre eigene Arbeit eröffnet hat, die natürlich sehr viel mehr in dem verankert ist, was in Deutschland Tag für Tag passiert.

Du hast gerade ein neues Buch geschrieben. Worum geht es darin?

Es geht um Konsens. Ich werfe einen umfassenderen Blick darauf, was Konsens und sexuelle Befreiung bedeuten. Es geht also um Sex, Arbeit, Macht und Liebe. Das Buch erscheint Anfang nächsten Jahres und wird auch ins Deutsche übersetzt.

Du und viele andere Autorinnen nutzen Patreon, um ihre Arbeit zu finanzieren – eine Plattform, die es Unterstützerinnen ermöglicht, Autorinnen durch kleine monatliche Spenden zu finanzieren. Führt das vielleicht zu einer gewissen Individualisierung, weil Autorinnen mehr und mehr im Wettbewerb zueinander stehen?

Schriftstellerinnen und Journalistinnen konkurrieren ohnehin miteinander. Patreon erlaubt uns, unser eigenes Ding zu machen. Ich sehe es nicht gern als einen Wettbewerb, aber ich konkurriere lieber um das Wohlwollen von Leserinnen als um das der Herausgeberinnen an der Spitze. Ich finde, das ist sehr viel demokratischer. Ich unterstütze viele Schriftstellerinnen auf Patreon. Es ist einfach so, dass es mir Freiraum geschaffen hat in einem Bereich, in dem es vielleicht zwei oder drei freie Stellen für eine Schriftstellerin oder eine Kolumnistin gibt. Wenn man aber eben sein eigenes Ding macht, Spenden sammelt und Crowdfunding betreibt, dann gibt es unendlich viele mögliche Stellen. Man kann sich seinen eigenen Freiraum schaffen.

Ganz andere Frage: Du magst Science Fiction. Bist Du optimistisch, dass technischer Fortschritt unser Leben besser machen kann?

Das eine folgt nicht automatisch aus dem anderen. „Macht Technologie unser Leben besser oder schlechter?“ ist ein zu einfacher Weg, sich das Ganze anzusehen. Es gibt da ein berühmtes Zitat: „Technologie ist weder gut, noch schlecht, noch neutral“. Die Technologie selbst ist nicht das Problem. Das Problem sind die Leute, die sie nutzen, die Interessen, die dahinter stehen und diejenigen, die sie designen. Fortschritt ist nicht vor allem eine Frage dessen, was entwickelt wird, sondern vor allem der sozialen Architektur, die drumherum gebaut wird. Nicht nur in diesem Jahrhundert, nicht nur im letzten – das war schon immer so. Die Automatisierung und die Idee, dass Roboter unsere Arbeit übernehmen könnten, können ja auch großartig sein! Alle könnten dann weniger arbeiten … Oder es wird genutzt um Menschen überflüssig zu machen, die Arbeitskosten so niedrig wie möglich zu halten, wenn keine wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen stattfinden. Es kommt also darauf an, was wir damit machen.

Das sage ich nicht, weil ich ein Science-Fiction Fan bin, sondern weil ich eine politische Schriftstellerin und Denkerin bin. Science-Fiction ist nützlich und eine Art Werkzeugkasten, um verschiedene Zukunftsszenarien zu erkunden – gute wie schlechte.

Das Interview führte Sarah Nagel. Aus dem Englischen übersetzt von Niklas Sandschnee.

 

Laurie Penny

Laurie Penny ist eine britische Feministin und Autorin. Sie hat unter anderem die Bücher »Fleischmarkt« und »Bitch Doktrin« veröffentlicht.

Sarah Nagel

Sarah Nagel ist Redakteurin bei Ada