Quelle: Depositphotos · 19. Juni 2019

Kritische Wissenschaft:
Alleine machen wir uns ein

Am Rande der Unsichtbarkeit: Kritische wissenschaftliche Publizistik verschwindet, wenn sie sich nicht digitalisiert und zusammenschließt.

Mitdiskutieren: Veranstaltung zum Thema am 3. Juli 2019 an der HU Berlin

Als ich meinen Umzug vorbereitete, stand ich vor der Wahl. Sollten wirklich zweimal zehn Jahrgänge Zeitschriften aus dem 5. Stock in meine neue Wohnung im Dachgeschoss eines vierstöckigen Hauses mit umziehen? Ich entschied mich dagegen und es war nicht Marie Kondo, sondern mein Rücken, der sich über die eingesparten sechs Bücherkisten freute.

Ich bin Politikwissenschaftler. Den größten Teil meiner Arbeitszeit verbringe ich mit dem Lesen und Schreiben von Texten. Gerade erlebe ich, wie linke Wissenschaft die Digitalisierung verpasst – mit weitreichenden Folgen.

Kürzlich gab es in meiner Facebook-Timeline einen Hilferuf.

Warum gibt es eigentlich keine einzige linke wissenschaftliche Zeitschrift im Digitalabo?

In Zeiten von Gentrifizierung, überteuerten Mieten und weniger Quadratmetern bleibt auch weniger Platz für gedruckte Zeitschriften und Journals. Mit den Zeitschriften warf ich jedoch nicht nur jede Menge Papier weg, sondern auch all jene spannenden Artikel, die ich mühsam gelesen, markiert und mit Notizen beschrieben hatte.

Fast vollständig von den Hochschulen verschwunden

Mit der Entledigung der Zeitschriften verschwanden diese Artikel nicht nur aus meinem Bücherregal, sondern insgesamt aus meiner wissenschaftlichen Wahrnehmung. Sollte ich noch einmal zu einem Thema der Artikel arbeiten, so würde ich diese nicht mehr wieder finden können. Da sie im Internet nicht auffindbar und digital abrufbar sind, sind sie letztendlich für den wissenschaftlichen und politischen Diskurs verschwunden.

Und hier zeigt sich das wirkliche Problem linker wissenschaftlicher Publizistik: Sie findet nicht mehr statt. Waren Zeitschriften wie die PROKLA, das Argument, die Z. Zeitschrift für marxistische Erneuerung oder die IZ3W noch bis in die 2000er Jahre für die gesellschaftliche Linke notwendige Lektüre für politische Bildung wie Strategie- und Meinungsbildung, so werden sie heute nur noch von wenigen, oft älteren Semestern gelesen. Vor allem an den Universitäten, dem natürlichen Terrain dieser Zeitschriften, sind sie fast vollständig verschwunden. 

Das Bedürfnis nach kritischer Wissenschaft ist konstant

Das hat viel mit der Entwicklung der deutschen Linken als auch der universitären Bildung seit den 1990er Jahren zu tun. Die neoliberale Revolution an den Hochschulen und die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen hat das Studium beschleunigt und ökonomisiert. Hinzu kommt der Einzug quantitativer Qualitätskriterien wie der ImpactFactor, das Q-Ranking oder der h-Factor in die wissenschaftliche Forschung, die ein deutliches Bias für Mainstreamforschung aufweisen (1). 

Doch der Niedergang linker Wissenschaftszeitschriften kann nicht ausschließlich mit der Abwicklung kritischer Wissenschaften an den Universitäten erklärt werden. Noch immer gibt es das Bedürfnis der Studierenden nach kritischer Wissenschaft wie die Kapitallesebewegung als auch die Auseinandersetzungen mit der Wirtschaftskrise gezeigt haben.

Such- und Lesegewohnheiten wandeln sich

Während die Nachfrage nach wissenschaftlicher Kritik konstant geblieben ist, wandelten sich in den letzten zehn Jahren die Lesegewohnheiten. Egal ob Studierender oder Professorin – gerade im akademischen Feld geht heute kaum noch jemand in die Bibliotheken, recherchiert in analogen Zeitschriftenkatalogen oder kopiert Artikel für den Handapparat.

Wissenschaftliche Recherche beginnt heute für die meisten auf Google Scholar oder mit einem digitalen Zeitschriftenkatalog wie Primo. Zeitschriften, die dort nicht zu finden sind, existieren im universitären Kosmos nicht mehr.

Durch die Verbreitung von Tablets und Ebook-Readern weitet sich dieses Phänomen auch auf die nicht-wissenschaftlichen Lesegewohnheiten aus. Über Bücher und Zeitschriften, die es nicht über die einschlägigen Portale oder digital zu erwerben gibt, stolpert man seltener.

Kritische Inseln im neoliberalen Wissenschaftsumfeld

Ein Blick in den englischsprachigen Raum zeigt, dass es auch anders geht. Zeitschriften wie die New Left Review, Historical Materialism, Capital & Class und zuletzt das Jacobin Magazin in den USA sind heute wichtige Foren linker Diskussionen und Plattformen kritischer Wissensproduktion. Zwar unterscheiden sich die genannten Zeitschriften in ihrem Charakter und ihrer Ausrichtung so sind einige explizit wissenschaftliche Zeitschriften. Dennoch ist ihnen eines gemeinsam: Sie werden entweder primär digital gelesen oder aber hauptsächlich online vertrieben – und nicht mehr durch den Zeitschriftenstand, den Buchladen oder die Bibliothek.

Hinzu kommt, dass jene explizit wissenschaftlichen Zeitschriften neben dem politischen Diskurs auch im wissenschaftlichen Diskurs etabliert und anerkannt sind. Legt man die neoliberalen Maßstäbe des heutigen wissenschaftlichen Publizierens wie den ImpactFactor an, so ist es für Wissenschaftlerinnen karrieretechnisch sogar attraktiv in Journals wie Capital & Class oder der New Left Review zu publizieren. Diese Zeitschriften sind in den meisten Universitäten sogar als sogenannte Q1-Journals anerkannt, mit denen man kumulativ promovieren und habilitieren könnte.

Der Spagat mit Bewegungen

Damit stellen diese Zeitschriften kritische Inseln in einem neoliberalen Wissenschaftsumfeld dar. Sie ermöglichen, dass kritische Wissenschaftlerinnen weiterhin kritische Sozialwissenschaften machen können, ohne aus den Universitäten gedrängt zu werden. Zugleich schaffen sie den Spagat, den realen Bewegungen und linken Organisationen theoretische Impulse mitzugeben. Die bittere Pille, die die meisten englischsprachigen Journals – mit Ausnahme von Historical Materialism und dem Jacobin Magazin – dafür schlucken mussten, war sich jedoch in die Hände großer Verlage – den großen Nutznießern neoliberaler Wissenschaftsumstrukturierung – zu begeben.

Eine solche Tendenz ist auch in Deutschland zu erkennen. Zuletzt wechselten die Zeitschriften Peripherie und WSI-Mitteilung von kleinen linken Verlagen (Dampfboot Verlag bzw. BUND-Verlag) zu großen Global Playern im Verlagsbusiness (Budrich bzw. Nomos). Zentrale Triebkraft dieser Verlagswechsel war u.a. die Hoffnung, durch den digitalen Vertrieb ihrer Hefte eine bessere Anbindung an die Universitäten als auch eine höhere Sichtbarkeit (wieder) zu erlangen. Und die Zeitschriften erhofften sich durch die bessere digitale Verbreitung wieder mehr und jüngere Autorinnen gewinnen zu können.

Das ist die andere Seite der Digitalisierung. Denn wer die oftmals kostenlose Arbeit auf sich nimmt und einen wissenschaftlichen Aufsatz von 10 oder gar 15 Seiten verfasst, der möchte auch eine gewisse Resonanz erreichen und zumindest im wissenschaftlichen Kontext wahrgenommen werden.

Die Realität heute ist jedoch: Wer in einer kritischen Wissenschaftszeitschrift veröffentlicht, muss oft damit rechnen, gar nicht wahrgenommen zu werden.

Dass in den meisten Redaktionen ein gewisses Problembewusstsein für das eigene Verschwinden existiert, zeigen die Digitalisierungsbemühungen der letzten Jahre. Jedoch fehlt in den meisten Redaktionen sowohl das Wissen als auch der Mut, den Weg konsequent zu Ende zu gehen. Hinzu kommt oftmals ein Verlag, der sowohl ein konservatives Vertriebsmodell verfolgt als auch aus Angst vor Einnahmeverlusten, die Digitalisierungsbemühungen ausbremsen. Die finanziell prekäre Situation vieler linker Kleinstverlage trifft dabei auf eine tiefe Skepsis gegenüber digitalen Vertriebswegen.

Eine gemeinsame Distributionsplattform gründen

Eine mögliche Lösung dieses Problems wäre eine gemeinsame Vertriebsplattform linker Verlage und Zeitschriften. Ähnlich jener großen Verlage wie SpringerNature oder Taylor&Francis könnte eine gemeinsame digitale Distributionsplattform eine breite Masse an neuen und vor allen jungen Leserinnen erreichen (2). Ein gemeinsames und koordiniertes Agieren wäre nicht nur zeit- und ressourcensparender, sondern würde auch Türen bei Universitäten öffnen, die sich wohl für einzelne Zeitschriften oder Kleinstverlage nicht öffnen würden. Vertriebsmöglichkeiten wie die Vergabe von digitalen Identifikationsnummern, sogenannten DOIs, oder die Aufnahme in großen Katalogen wie Scopus wäre nicht nur einfacher, sondern auch finanziell günstiger.

Man möchte daher den Verlagen und Zeitschriften zurufen: Digitalisiert und vereinigt euch. Zur Realisierung braucht es kein großes Know-How oder Budget. Mithilfe von quelloffenen CMS-Systemen wie Open Monograph Press oder Open Journal Systems könnte eine gemeinsame Distributionsplattform relativ kostengünstig und schnell Realität werden. Dazu braucht es jedoch den Willen der Verlage und Zeitschriften zu einem gemeinsamen Vorgehen.

(1) Vgl. Deumelandt, Kathrin/ Heise, Arne (2014): “And the winner is … Von Rankings und Ökonomen-Hitparaden: einige provokante Überlegungen“. In: Momentum Quarterly. 3(1): S.48-57

(2) Der Versuch mit Linksnet war krachend an den Verlagen gescheitert aber auch deren Umsetzung nicht auf der Höhe digitaler Verbreitung. Vielleicht war Linksnet sogar zu früh als zu spät.

 


PS: Wenn du dich an der Debatte über linke Publikationen und Distributionsplattformen beteiligen willst, schreib uns eine Mail an publisher(åt)adamag.de

Felix Syrovatka

Felix Syrovatka ist Politikwissenschaftler und promoviert an der Universität Tübingen zur Europäischen Arbeitsmarktpolitik. Er ist Autor des Buches „Die Reformpolitik Frankreichs in der Krise“ und Redakteur der Zeitschrift Prokla.