Quelle: Flickr: Jeffrey Sullivan · 16. Dezember 2018

Keine Zeit für
kleine Schritte

Die Klimakatastrophe muss unsere Hoffnung aufstacheln. Es ist Zeit für eine klare Vision der guten, lebenswerten Zukunft – und ein politisches Programm, das zu ihr passt.

Die Debatte um den Klimawandel ist in einer seltsamen Schleife gefangen: Alle paar Monate erscheint ein neuer Bericht einer angesehenen Expertin und jedes Mal sind die Schlussfolgerungen düster. Auf dem Planeten wird es kontinuierlich wärmer, jedes Mal sind es noch niedrigere Raten der Erwärmung, die noch schwerwiegendere Auswirkungen haben werden, als vorhergesehen. Jedes Mal schreibt eine der wohlmeinenden Wissenschaftlerinnen, die den Report verfasst, so etwas wie „der Ball liegt nun im Feld der Politik“. Eine weitere sagt so etwas wie „wir sind heute an einem Punkt angekommen, an dem es so nicht weitergehen kann. Dies ist der Moment, an dem wir handeln müssen.“ Und jedes Mal handeln wir nicht. Stattdessen drehen alle ein paar Tage durch, bis wieder etwas anderes passiert, das alle zum Durchdrehen bringt (mich selbst eingeschlossen). Währenddessen kommt die Kante der Klippe immer näher.

Der 8. Oktober diesen Jahres war einer dieser Tage. Ein neues internationales Panel der Vereinten Nationen zum Klimawandel (IPCC) legte seinen Bericht vor. Die Arbeit des IPCC ist der höchste Standard der Klimaforschung, eine internationale Körperschaft von Wissenschaftlerinnen, die tausende von Studien evaluieren und zusammenfassen. Sie schätzten, dass sich die Erde zwischen den vorindustriellen Messungen und 2040 um 1,5°C erwärmt haben wird – mit weltverändernden Auswirkungen.

Ein Anstieg von 1,5 °C gilt typischerweise als Schwelle der Vorsicht, 2°C als Schwelle der größten Gefahr. Doch selbst das ist mittlerweile zweifelhaft, denn es scheint, dass viele der Auswirkungen, die die Wissenschaftlerinnen erst bei einem Anstieg von 2°C oder mehr vermutet hatten, schon viel früher beginnen werden. Die Ozeane werden säurehaltiger und töten die Korallen ab. Hunderte Millionen armer Menschen werden noch ärmer werden. Millionen werden gezwungen sein, ihr Zuhause zu verlassen und auszuwandern, um eine neues zu finden. Noch bleibt die Zeit, die Erwärmung auf 2°C oder gar 1,5°C zu halten, aber das erfordert enorme Maßnahmen innerhalb relativ kurzer Zeit. Düstere Neuigkeiten. Aber wohlbekannte.

Am gleichen Tag ist noch etwas anderes passiert: der Ökonom William Nordhaus gewann den „Sveriges Riksbank Prize in Economic Sciences“ – auch bekannt als der „Nobelpreis der Ökonomie“. Nordhaus ist bekannt für seine Arbeiten im Bereich der Umweltökonomie und insbesondere zum Klimawandel, über den er ausgiebig geforscht hat. Doch Nordhaus ist beileibe kein Klima-Held. Er hat die Risiken des Klimawandels konsequent heruntergespielt und andere Forscherinnen des „Alarmismus“ bezichtigt.

»Klingt verrückt? Ist es auch«

Nordhaus ist vor allem Vertreter einer hohen sogenannten „discount rate“. Discount rates sind ökonomische Kennzahlen, mithilfe derer die Zukunft bewertet wird. Eine hohe discount rate setzt den Wert der Zukunft niedriger an als den der Gegenwart. Um zu erklären, warum das wichtig ist, muss ich von einer Debatte berichten, die unter Ökonominnen geführt wird. (Verzeiht mir.) 2006 verfasste der britische Wirtschaftswissenschaftler Nicholas Stern auf Geheiß der britischen Regierung einen großen Bericht zum Klimawandel, bekannt als der „Stern Review on the Economics of Climate Change.“ Stern argumentierte für entschlossenes, sofortiges Handeln, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Er schlug eine sehr niedrige discount rate vor – also eine, die nahelegte, dass selbst hohe Kosten in der Gegenwart sich auf lange Sicht rentieren würden. „Die Vorteile eines entschlossenen, frühzeitigen Handelns in Sachen Klimawandel“, schrieb Stern, „überwiegen die Kosten des Nicht-Handelns bei Weitem“.

Nordhaus kritisierte Stern für sein „Überreagieren“. Sterns discount rate, sagte er, war radikal zu niedrig. Stattdessen schlug Nordhaus vor, die Zukunft stärker unberücksichtigt zu lassen – also die Klimaschutz-Kosten in der Gegenwart deutlich höher zu gewichten als ihren Nutzen in der Zukunft. Es wäre für alle besser, Gegenwart und Zukunft, die Kosten einer Klimamilderung Stück für Stück einzuführen und in der Zwischenzeit an einer wachsenden Wirtschaft festzuhalten. Zukunftsgenerationen würden ja reicher sein und damit besser in der Lage, sich dem Klimawandel anzupassen. Nordhaus wiederholte dieses Argument über Jahre hinweg. Sterns Bericht war deshalb so wichtig, weil er genau mit diesem Konsens des Gradualismus brach, den Nordhaus zuvor erschaffen hatte.

Nordhaus‘ Position hingegen war geradezu perfekt, um an den Mainstream-Prinzipien der VWLerinnen festzuhalten. In diesem Diskurs spiegelt eine hohe discount rate die Erwartungen an ein robustes Wirtschaftswachstum wieder. Da die Wirtschaft 2050 sehr viel stärker sein wird als heute, so die Argumentation, wäre es jetzt viel teurer in den Klimawandel zu investieren, als es dann sein wird.

Die meisten Ökonominnen sahen damals den Klimawandel als ein in der Ferne liegendes Problem an – etwas, das erst die Menschen Jahrhunderte später in der Zukunft treffen würde, Menschen etliche Generationen später, weit entfernt von der Gegenwart. Projekte, die den CO²-Ausstoß reduzieren sollten, wurden an ihrer Ertragsrate gemessen. Sollten sie die Erwartungen des Marktes nicht erfüllen, wäre es besser, das Geld zu investieren, damit Zukunftsgenerationen reicher und damit besser in der Lage sein würden, sich anzupassen. In dieser Logik würde es zukünftigen Generationen sogar schaden, Geld gegen den Klimawandel auszugeben, weil man so die Wachstumsmaximierung gefährden könnte.

Klingt verrückt? Ist es auch. Aber die einzigen Werkzeuge, die die Ökonominnen zur Hand haben, sind Wachstum und Effizienz, und damit gehen sie ans Werk, egal was das Problem ist. (Erst kürzlich gab Nordhaus den Studentinnen seines VWL-Seminars auf den Weg: „Lasst euch von niemandem von der anstehenden Arbeit ablenken: Es muss einzig und allein um Wachstum gehen.“) Während Klimaforscherinnen eine Zukunft mit schwerwiegenden Klimaerschütterungen prognostizieren, die zu sozialen und ökonomischen Krisen führen, projiziert Nordhaus geschmeidige Kurven eines sich Schritt für Schritt entwickelnden, effizienten Wandels. Sodass mehr oder weniger ununterbrochen weitergemacht werden könne wie gehabt.

Natürlich sind die Ökonominnen nicht der wahre Grund dafür, dass wir in Sachen Klimawandel bisher nichts unternommen haben. Dafür können wir den Energieunternehmen danken, den konservativen Parteien und den Börsen (kurz: dem Kapitalismus). Und für einen Ökonomen nimmt Nordhaus die Umweltgefahren immerhin recht ernst.

Doch wenn es eine Zeit gab, in der Ökonominnen über politische Macht verfügten, dann waren es die Tage vor 2008, als die Wirtschaftswissenschaft noch in höchsten Ehren stand. Nordhaus‘ Vorwurf gegenüber Stern und Klimaaktivistinnen, sich in voreiligen Aktionismus zu stürzen, gab jenen Deckung, die das Tempo der Klimawende bewusst verlangsamen wollten. Sie legitimierten eine allmähliche, „gradualistische“, stufenweise Reaktion auf den Klimawandel. Und sie spielten die Warnungen der Klimaforscherinnen als Panikmache herunter. Sie taten, was sie versprachen: Sie werteten die Zukunft ab.

»Dies ist der Moment, in dem die Linke eingreifen kann, ja muss«

Doch heute, ein Jahrzehnt später, geht uns die Zukunft langsam aus. Laut dem IPPC-Bericht müssen aufgrund des Anstiegs von 1,5 °C der Erderwärmung die globalen Schadstoffausstöße in den nächsten zwölf Jahren um 45 Prozent gesenkt werden. Ein ganz schöner Brocken. (Nordhaus – der kein Klimaforscher ist – legte nah, dass 1,5 °C wohl noch optimistisch seien.) So war es besonders pervers, jemandem einen Preis zu verleihen, dessen Arbeit für ein langsameres, gemäßigteres Handeln plädiert, zu einer Zeit, in der Klimaforscherinnen darauf bestehen, schleunigst an Fahrt zu gewinnen.

Was bedeutet das heute für uns? Vor fünf Jahren schrieb ich über die Probleme der Linken angesichts einer drastisch beschnittenen Zukunft. Unglücklicherweise gilt das meiste, was ich schrieb, heute immer noch – nur, dass es heute um die Klimabedingungen wesentlich schlechter steht. Doch was heute positiver stimmt, ist die Linke selbst: Sie ist enorm gewachsen in den letzten Jahren. Die grünen Energietechnologien, die wir brauchen, erweisen sich als sehr viel günstiger und entwickelter, als noch vor wenigen Jahren vorausgesagt. Mit einer großangelegten öffentlichen Anstrengung erscheint es heute immer möglicher, fossile Brennstoffe ganz zu ersetzen. Aber die Linke, die diese Transformation in die Tat umsetzten könnte, ist immer noch nicht groß genug. Trotz einiger wichtiger Erfolge befinden wir uns immer noch in der Defensive, in den USA wie auch weltweit.

Was sich mittlerweile ändert in der ewigen Schleife der Klimawandel-Berichte, ist, dass jeder neue Bericht noch klarer aufweist, dass eine beispiellose Transformation in allen Sphären der Gesellschaft erforderlich ist. Selbst die nüchternsten Wissenschaftlerinnen (außer den Ökonominnen!) erzählen einem heute, dass man die Klimakatastrophe nur noch verhindern kann, indem die globale Wirtschaft umstrukturiert und der globale Wohlstand neu verteilt wird. Immer mehr Menschen sind der Meinung, dass etwas Großes passieren muss, auch wenn sie das politisch nicht klar artikulieren.

Dies ist der Moment, in dem die Linke eingreifen kann, ja muss. Wir müssen die enge, ökonomistische Fixierung auf Wachstum, das den Diskurs bestimmt hat, ersetzen durch eine mutige Vision der guten und lebenswerten Zukunft. Und wir brauchen ein politisches Programm, das zu dieser Zukunft passt. Das fängt an mit Forderungen nach einer schleunigst umgesetzten, öffentlich finanzierten sauberen Energieversorgung; kostenfreien öffentlichen Verkehrsmitteln; einem massives Programm zu Schaffung von grüner Beschäftigung, zugunsten von Care-Arbeit und verkürzten Arbeitszeiten; öffentlichen Ausgaben für schutzlose Communities im In- und Ausland; der Einbindung von Migrantinnen und Geflüchteten; und ganz allgemein, einer Gesellschaft, in der ein gutes Leben mehr geschätzt wird als die Ertragsrate des Marktes.

Wir haben immer noch einen weiten Weg vor uns und die Dringlichkeit des Klimawandels wird die vielen gordischen Knoten der Politik nicht von heute auf morgen lösen. Aber diese Dringlichkeit muss unsere politische Hoffnung befeuern und unsere Erwartungen anstacheln.

Nichts, was wir tun müssen, um die Klimakatastrophe zu stoppen, ist heute politisch realistisch. Was jedoch absolut unrealistisch ist, ist, dass die Zukunft von ganz allein bessere Zeiten bringen wird, und dass die Generationen der Zukunft ihre Probleme schon alleine lösen werden. Für die kleinen Schritte von William Nordhaus und Konsorten bleibt keine Zeit. Die Zukunft – unsere Zukunft – steht auf dem Spiel.

Dieser Text erschien zuerst auf Englisch bei unserem Kooperationspartner Jacobin-Magazine. Übersetzung von Mounira Zennia

Alyssa Battistoni

Alyssa Battistoni ist Autorin bei Jacobin und promoviert in Politikwissenschaften an der Yale Universität