Quelle: Flickr / Nadja Varga · 11. September 2018

An den Grenzen
der Belastbarkeit

Depressionen und Burnout nehmen zu. Jüngste Studien zeigen: auch immer mehr Kinder und junge Menschen leiden an psychischen Krankheiten. Aber woran liegt das?

Jede Zeit hat ihre Krankheiten. Psychische Erkrankungen gehören mittlerweile ebenso zu den „Volkskrankheiten“ wie Diabetes oder Herzinfarkte. Laut einer 2018 veröffentlichen Studie der Barmer Ersatzkasse leidet jeder vierte junge Mensch zwischen 18 und 25 Jahren unter psychischen Erkrankungen, besonders unter Studierenden ist  der Anteil gestiegen. Die Erklärungen dafür sind unterschiedlich. Expertinnen gehen davon aus, dass wir heute sensibler auf die Symptome reagieren und uns früher Hilfe holen als früher. Ein anderer Grund sei der Lebenswandel und die häufige Nutzung von Smartphones und anderen Geräten: Kinder und Jugendliche gehen angeblich einfach zu wenig raus.

Stress und Leistungsdruck in Schule, Studium und im Beruf werden auch aufgeführt. Mehr Prüfungen in weniger Zeit, dazu der eigene Anspruch oder der Druck von außen, mehr Sprachen zu lernen, bessere Noten zu schreiben, mehr Leistung zu erbringen um auf dem Arbeitsmarkt überhaupt noch bestehen zu können. Sicher, das alles mögen Gründe sein, warum immer mehr Menschen sich überfordert fühlen und immer häufiger eine Therapie nötig ist. Doch wäre uns tatsächlich geholfen, wenn wir etwas mehr Yoga machen und mit dem Hund rausgehen?

Für die Expertinnen scheint es also im Wesentlichen eine Frage des individuellen Lebensstils zu sein, wie gesund oder krank wir uns fühlen. Vor allem Verhaltenstherapien setzen an den einzelnen Lebenspraktiken an und können dabei helfen, den Erwartungsdruck zu senken und die Organisation des Alltags zu erleichtern. Was den einzelnen kurzfristig durchaus helfen mag, ist jedoch keine gesellschaftliche Lösung. Für diese ist erst einmal zu klären, warum unser Alltag  von Beschleunigung und Erschöpfung bestimmt ist.

Zunächst: unsere ganze Lebensweise im Kapitalismus ist darauf ausgerichtet, so viel wie möglich zu arbeiten, damit einige wenige davon profitieren. Das ist das Grundprinzip, das sich über die Zeit und je nach Beruf  in verschiedenen Krankheiten ausdrückt: Was im letzten Jahrhundert aufgrund der Arbeitsbedingungen noch vornehmlich Rheuma und Asthma waren, sind heute in den westlichen Industrienationen zunehmend psychische Erkrankungen.

Während also im Fordismus noch das Fließband und körperliche, eintönige Arbeiten bestimmend waren, ist es in Zeiten des sich rasant entwickelnden digitalen Kapitalismus offenbar die Selbstverantwortung und die Flexibilität, die Menschen an ihre psychischen Grenzen bringen. Sighard Neckel und Greta Wagner betonen deshalb in ihren Studien immer wieder, dass der Zusammenhang zwischen Wachstumszwängen und Wettbewerb und unserer Lebensweise besonders bedeutsam ist, wenn wir über psychische Krankheiten wie Burnout sprechen.

Burnout

Zur „Modekrankheit“ ist deshalb wohl auch Burnout geworden. Eine schlagartige Müdigkeit und Erschöpfung bricht sich Bahn. Nicht wenige Promis berichten davon, wie sie von einem Moment auf den anderen nicht mehr in der Lage waren zu arbeiten. Burnout gilt im Verhältnis zur Depression als Krankheit der Erfolgreichen, als „Managerkrankheit“, was allerdings eine falsche politische Erzählung ist. Erschöpft ist man nicht nur, wenn man zu erfolgreich ist, sondern wenn man schlicht zu viel und mit großem Verantwortungsdruck arbeitet.

Burnout entwickelte sich interessanterweise in den 1970er Jahren genau in dem Bereich, in dem die meisten Frauen arbeiten: den sozialen Berufen. Dadurch, dass die Beschäftigten in Kitas oder Pflegeheimen den ganzen Tag verantwortungsvoll Menschen betreuen müssen und dabei emotionale und physische Ressourcen aufwenden wie in kaum einem anderen Job, sind sie besonders anfällig für Überforderung. Insbesondere dann, wenn Bildung und Pflege privatisiert sind und der Kosten- und Zeitdruck steigt, mehr „Klientinnen“ zu betreuen sind. Dazu kommt die Pflege und das Verantwortungsbewusstsein Zuhause: Nicht wenige Frauen arbeiten rund um die Uhr.

Beim Aufkommen des Burnouts in erzieherischen und pflegerischen Berufen stellte man daher vermehrt Zynismus fest, der sich einstellte, weil die zwischenmenschlichen Anforderungen zu groß geworden waren.  Auch das Gefühl der Wirkungslosigkeit sei Teil des Burnouts, weil man sich – etwa als Sozialarbeiterin – der gesellschaftlichen Funktion bewusst ist, zugleich immer wieder an einzelnen „Fällen“ erkennen muss, dass die eigene Arbeit im Ganzen ein Tropfen auf dem heißen Stein ist.

Übertragen auf die anderen Berufsfelder, in denen nun auch vermehrt Burnout diagnostiziert wird, lässt sich erkennen, wie auch hier zunehmend Verantwortungsbereitschaft, emotionale und kommunikative Fähigkeiten von den Einzelnen stets abgefordert wird. Dazu kommt die Angst, den Job zu verlieren, weil eine Maschine ihn ersetzt, nicht gut genug performen zu können, nicht erreichbar zu sein, nicht auf dem neuesten Stand zu sein, im wahrsten Sinne des Wortes abgehängt zu werden.

Es haben sich durch den digitalen Kapitalismus also zum einen die Arbeitsformen geändert, zum anderen aber auch die Lebensweisen, die aufgrund des neoliberalen Paradigmas von Optimierung und Eigenverantwortung den Eindruck für alle entstehen lassen, nie genug zu sein oder nicht genug gegeben zu haben.

Während Burnout durch viel Arbeit die eine Seite der Medaille bildet, ist die Depression die andere Seite. In einem Kapitalismus, der einerseits diejenigen im Hamsterrad produziert und andererseits millionenfach Arbeitslose, die sich nutzlos fühlen, denen ständig mit Sanktionen gedroht wird und die in Armut leben müssen. Nicht zufällig gibt es analog auch das Bore-Out-Syndrom, das zu viel Langeweile und Nutzlosigkeit bezeichnet.

Depression und Burnout sind nicht nur im einzelnen schwer in der Diagnose voneinander zu trennen (so ist Burnout etwa nur eine Zusatzdiagnose zur Depression), auch gesellschaftlich sind sie logisch miteinander verbunden. Unsere Gesellschaft ist technisch in der Lage, aber politisch nicht willens, die notwendige Arbeit so zu verteilen, dass sie für alle also sinnvoll und gleichwertig verteilt ist. Wir setzen die technischen Möglichkeiten nicht so ein, dass sie allen zugute kommen, etwa durch massive Arbeitszeitverkürzungen, die schon jetzt möglich wären.

»Wir pflegen Beziehungen als wären sie selbst ein Projekt, an dem wir ständig arbeiten müssen«

Solange wir unsere menschlichen und technischen Kräfte dafür einsetzen, Profit zu generieren, wird sich daran auch nichts ändern. Eher müssen wir davon ausgehen, dass wir als Menschen mit den sich rasant entwickelnden technischen Produktivkräften unter kapitalistischen Bedingungen nicht mithalten können – und davon krank werden, wenn wir uns als Konkurrenten sowohl untereinander als auch zu Robotern verstehen.

Übrig bleibt die Sorgearbeit, die vielen Stunden in denen sich vornehmlich Frauen um kranke Menschen oder Kinder oder das Wohlbefinden überhaupt aller Mitmenschen kümmern. Sie wird zeitlich nicht zu reduzieren sein und verlangt eher von allen, sie zu erlernen und letztlich auch zu machen. In einem wunderbaren Cartoon von Emma auf der Seite der Krautreporter wird deutlich, dass es die permanente Sorge und das Organisieren des Alltags ist, die uns erschöpft ins Bett fallen und nicht wieder aufstehen lässt, uns auch wütend macht.

Die Freiheit, selbstbestimmt zu arbeiten

Ein schwer lösbares Dilemma im gegenwärtigen Kapitalismus liegt darin, dass uns der Zwang zum flexibleren Arbeiten als Freiheit vorgegaukelt wird und wir auch selbst so größtenteils denken. Denn wer von Zuhause Mails beantworten kann, fühlt sich natürlich erstmal freier. Wie toll, sich die Zeit besser selbst einteilen zu können und ständig Herausforderungen im Leben zu haben! Das vielgerühmte „Home Office“ verspricht ja genau das: Teile deine Zeit selbst ein. Doch genauer passiert das Gegenteil: Die Zeiten sind entgrenzt, nicht mehr kontrollierbar, außer von dir selbst. 

In dieser „freien“ Zeitverfügung steckt üblerweise immer auch die Erwartung, daraus etwas zu Verwertbares zu machen. Wir schreiben Mails ja für die Firma, in der wir arbeiten, für das Projekt, an dem wir sitzen. Oder weil wir Beziehungen pflegen als wären sie selbst ein Projekt, an dem wir ständig arbeiten müssen. Sich aus dieser Art zu leben rauszuhalten ist schwer bis unmöglich, denn sie trifft uns alle. Und schon die Sprache verrät, wie sehr unser Denken und Handeln darin gefangen ist: das Leben als Projekt, die Mutter als Managerin, das Koordinieren der Work-Life-Balance. Ständig an uns selbst zu arbeiten, uns zu optimieren, ist zur einer Norm geworden der man sich nur schwer entziehen kann. So wie man nicht nach Belieben aus dem Kapitalismus aussteigen kann.

Wenn der Leidensdruck jedoch zu groß wird, muss ein – wenn auch nur zeitweiliger – Ausstieg möglich sein. In dieser Situation sind Therapien, Medikamente, Kuren und Selbsthilfegruppen kurzfristige Hilfen. Sie sind oft notwendig, und sie nicht anzunehmen ist keine Rebellion gegen das System. Dennoch muss es darüber hinaus einen Umgang geben, der die Symptome nicht nur oberflächlich oder kurzfristig angeht. Und dieser Umgang kann nur ein gemeinsamer, gesellschaftlicher sein, der die Grundlagen unseres Zusammenlebens neu ordnet.

Ines Schwerdtner

Ines Schwerdtner ist Redakteurin bei Ada