Quelle: Flickr · 19. Juni 2018

Iran: 90 Minuten
der Freiheit

Zum ersten Mal in seiner Geschichte hat der Iran heute die Chance, das Achtelfinale bei einer WM zu erreichen. Bitte, Portugal und Cristiano: ihr habt schon alles gewonnen. Lasst den Iran eine Woche weiterfeiern. Denn es bedeutet mehr als das Spiel.

In kaum einem anderen Land ist Fußball so politisch aufgeladen wie im Iran. In den Medien wird ein dämonisches Bild gezeichnet – das Land, in dem totalitäre Fundamentalistinnen quasi im Mittelalter leben und Hobby-Terroristinnen im versteckten Keller an einer Atombombe basteln. Bilder von sympathischen Fans und freundlichen Spielern passen da nicht gut in diese Erzählung.

Aufgrund der harten Sanktionen gegen den Iran konnten die Nationalspieler kurz vor der Weltmeisterschaft ihre Schuhe nicht mehr von der amerikanischen Marke Nike kaufen. Trotzdem hat der Iran bei der jetzigen Weltmeisterschaft in Russland zum zweiten Mal überhaupt in seiner Geschichte ein Spiel gewonnen, dieses Mal gegen Marokko. Das erste Mal war es 1998 ausgerechnet gegen die USA.

Innenpolitisch ist der Fußball noch brisanter: er fungiert als Katalysator für einen gesellschaftlichen Kulturkampf. Die iranische Bevölkerung ist eine der modernsten im Nahen Osten. Der Iran ist relativ stark urbanisiert und die Absolventinnenquote ist ähnlich hoch wie in Deutschland, darunter 52 Prozent Frauen. Das politische System wird jedoch vom Klerus und dem ihm unterstellten militärisch-industriellen Komplex dominiert. Die Vorstellungen des Klerus vom Verhalten im öffentlichen Raum, das Erlaubte und die Verbote passen immer weniger zum modernen Iran und werden von der Bevölkerung im Alltag zunehmend  gebrochen.

Fußball und die Rückkehr der Menge

Mit der Revolution 1979 kam ein kurzer Frühling der Demokratie, bei dem Massenversammlungen in iranischen Städten zum Alltag gehörten. Mit der blutigen Machtübernahme der Mullahs in den 80ern waren öffentliche Versammlungen nur noch staatlichen oder religiösen Anlässen vorbehalten. Ab Mitte der 90er entwickelte sich eine Reformbewegung im Iran, bei der nach einem Jahrzehnt überhaupt wieder öffentliche Protestversammlungen an den Unis stattfanden und es zu kleinen, vereinzelten regionalen Aufständen kam.

»Die erfolgreiche Nationalmannschaft und die internationalen Wettbewerbe wurden Balsam für die iranischen Seele und für die Bevölkerung, die so lange vom Rest der Welt isoliert war«

Ausgerechnet in dieser Zeit, kurz nach der Wahl des Reformpräsidenten Mohammad Khatami, qualifizierte sich im November 1997 die iranischen Mannschaft mit einem Last-Minute-Tor nach 20 Jahren wieder für eine WM. In dieser Nacht kamen Millionen Menschen spontan auf die Straße und feierten. Es gab kein Halten mehr in dem Land, das zwei Dekaden der Isolation und den längsten industriellen Krieg der Geschichte mit 1,5 Millionen Toten hinter sich hatte und in dem Feiern verboten sind.

Gerade das gemeinsame Feiern von Männern und Frauen ist in der strikten Auslegung der iranischen Staatsreligion absolut untersagt, doch in dieser Nacht war jede Kontrolle verschwunden. Es war die Rückkehr einer gigantischen Menge von Menschen auf die Straßen – feiernd. Ein Ereignis, etwas Unvorstellbares. Und das Ganze wiederholte sich nach einem Sieg gegen die US-amerikanische Mannschaft, die die iranischen Spieler mit Blumen empfangen hatte.

Seither hat sich der Iran stark verändert. Die Modernisierung schritt voran, die sozialen Konflikte nahmen zu und politische Wellen von Revolte, Reform und Gegenreformen erschütterten Politik und Kultur seit der grünen Bewegung 2009. Der Fußball wurde politisch strikter kontrolliert und nach der goldenen Generation der WM in Frankreich 1998 war vom iranischen Fußball nicht mehr viel zu hören. Doch in den Stadien war die neue Dissidenz zu spüren, vor allem durch den Ungehorsam von Frauen gegen das Verbot von Stadienbesuchen und  öffentlichem Fußballschauen.

Ein neuer Trainer

Mit der Übernahme der Nationalmannschaft durch den legendären portugiesischen Trainer Carlos Queiroz begann ein neuer Hype. Der iranische Fußball brachte immer wieder gute Spieler hervor, die es bis in die europäischen ersten Ligen brachten, mit Ali Daei sogar einen zu Bayern München. Doch das Spiel des Nationalteams hatte nie ein starkes System, weil der Stand der Trainer in den iranischen Ligen nie internationalen Standards entsprach.

Mit Queiroz kam der moderne Systemfußball nach Iran, und die Nationalmannschaft lag im Ranking schnell wieder vor asiatischen Teams wie Japan oder Südkorea. 2014 war der Iran dann wieder bei der WM und hinterließ mächtig Eindruck mit einer knappen Niederlage gegen Argentinien. Junge iranische Trainer begannen Queiroz’ System zu übernehmen; eine neue Generation von Spielern mit einem Verständnis von modernem Systemfußball wuchs heran und wurde gefördert. So kam es auch zu einer neuen Begeisterung im Land. Die erfolgreiche Nationalmannschaft und die internationalen Wettbewerbe wurden Balsam für die iranischen Seele und für die Bevölkerung, die so lange vom Rest der Welt isoliert war. Für einen Moment fühlte man sich wie ein normales Land: friedlich unter anderen und beim gemeinsamen Feiern.

Queiroz bekam fast den Status eines Gottes im Iran. Ich erinnere mich daran, wie ich meinen Onkel zu einem Blackroll-Ball für die Nackenmassage überzeugen wollte – es reichte der Hinweis, dass Queiroz sie bei Trainings benutzt, damit er sofort danach zu suchen begann.

Machtkampf

Kurze vor der WM begann eine Revolte der Vereinstrainer gegen Queiroz. Er hatte darauf bestanden, dass die in der asiatischen Champions League spielenden iranischen Clubs ihre Nationalspieler für ein langes Trainingscamp vor der WM freistellen. So kam es zum Bruch mit den beiden Top-Clubs Persepolis und Esteghlal aus Teheran. Die sozialen Netzwerke kochten und beide Lager beschimpften sich: „Ihr wisst nicht einmal mehr, wer letztes Jahr im Finale der asiatischen Champions League war, bei der WM schauen vier Milliarden Menschen eurer Mannschaft zu!“, sagte Queiroz, der im Fußballverband zunehmend isoliert ist, von der Nationalmannschaft und dem Großteil der Fans jedoch weiterhin abgöttisch geliebt wird. Der Auftritt der iranischen Mannschaft bei der WM wird über seine Zukunft entscheiden. Auch darüber, ob die Dynamik der iranischen Mannschaft weitergehen wird.

»20.000 Menschen eigneten sich den öffentlichen Raum an, und Fußball war der Katalysator«

Nach dem Sieg gegen Marokko waren wieder unzählige Menschen auf den Straßen und feierten bis zum Morgengrauen. Alle Versuche das Public Viewing zu unterbinden scheiterten: erst begannen Kinos die Spiele auszutragen, dann mehr und mehr Cafés und schließlich wurden für das Spiel gegen Spanien doch Tickets für das Stadion in Teheran mit einer riesigen Leinwand verkauft. Die Polizei versuchte vergeblich dies am Nachmittag noch zu unterbinden, doch die Kontrollen wurden aufgehoben und zum ersten Mal in der Geschichte der Islamischen Republik kamen unzählige Frauen gemeinsam mit Männern ins Stadion. 20.000 Menschen eigneten sich den öffentlichen Raum an, und Fußball war der Katalysator.

Zum ersten Mal seiner Geschichte hat der Iran heute die Chance, das Achtelfinale bei einer WM zu erreichen. Bitte, Portugal und bitte, Cristiano: ihr habt schon alles gewonnen. Lasst den Iran eine Woche weiterfeiern. Denn es bedeutet mehr als das Spiel.

Pedram Shahyar

Pedram Shahyar ist Blogger und Aktivist in Berlin.