Quelle: Pressefotos Swarm Protein

Heuschrecken im Bauch

Köttbullar aus Mehlwürmern? Insekten werden als Nahrungsmittel der Zukunft gepriesen. Doch verbessern werden sie nichts.

Wir sollten alle mehr Insekten essen. Dafür wurde jedenfalls in den vergangenen Jahren immer mal wieder geworben. In letzter Zeit passiert das häufiger, denn seit dem 1. Januar 2018 sind Insekten durch eine neue EU-Verordnung auch in Deutschland offiziell als Nahrungsmittel zugelassen. Darauf haben einschlägige Startups nur gewartet, um ihre Burger, Proteinriegel und Pulver endlich in größerem Maßstab vermarkten zu können. Die Geschichten der Unternehmen ähneln sich. Oft sind es junge Akademikerinnen, die begeistert vom Potenzial ihrer Insektenprodukte erzählen. Manche haben sich auf Asienreisen von exotischen Leckerbissen am Straßenrand zu ihrer Geschäftsidee inspirieren lassen.

Während Insekten in einigen Ländern seit Langem gegessen werden, werden sie jetzt also auch in westlichen Industriestaaten entdeckt. Sogar von der CSU. Auf den Geschmack gekommen, servierte der Abgeordnete Thomas Silberhorn  seinen Kolleginnen bei den Koalitionsverhandlungen einen knackigen Insektensnack. Um Aufmerksamkeit zu schaffen, wie er der Süddeutschen Zeitung erzählte. Denn die Tiere sind nicht nur aufregende Produkte mit einem Hauch von kosmopolitischem Charme. Der Plan ist, dass sie auch ein bisschen die Welt retten. Das vertritt vor allem die Welternährungsorganisation FAO, die seit Jahren Studien dazu veröffentlicht und sich redlich bemüht, das Thema unter die Leute zu bringen. Die Rechnung geht so: Bis 2030 müssen laut FAO mehr als 9 Milliarden Menschen ernährt werden, dazu noch Milliarden Tiere.

»Insekten benötigen relativ wenig Futter, Wasser und Platz«

Insekten benötigen relativ wenig Futter, Wasser und Platz. Für ein Kilo Insekten werden zwei Kilo Futter benötigt, bei einem Kilo Rind sind es acht Kilo. Insekten vermehren sich schnell, zudem verursacht die Zucht weniger CO2 als die von anderen Tieren. So soll einerseits der Welthunger gemindert werden, weil Insekten effektiv gezüchtet werden können. Andererseits sind sie eine ökologisch nachhaltige Alternative zu herkömmlichem Fleisch. Außerdem sind sie reich an Proteinen und Nährstoffen. Laut einigen Forscherinnen sollen die Insekten sogar mehr Demokratie in der Lebensmittelproduktion hervorrufen, da ihre Zucht weniger voraussetzungsvoll ist als die Zucht von Säugetieren und deshalb auch für Menschen mit wenig Ressourcen infrage kommt. An den kleinen (und manchmal nicht ganz so kleinen) Tieren hängen also große Erwartungen.

Langsam wachsen Insekten-Nahrungsmittel aus dem Stadium der Attraktion heraus, um die sich Abenteuerlustige an Messeständen scharen und als Mutprobe einen Löffel Würmer essen. Erste Supermärkte bieten Produkte mit Insektenanteil an. Noch handelt es sich um Nischenprodukte, die relativ teuer sind. Doch schon bald könnten mehr davon in den Regalen liegen. Der Trend eröffnet ein neues Marktsegment, für das sich nicht nur kleine Startups interessieren. Es überrascht nicht: Große Mengen an Tieren, deren Aufzucht relativ einfach ist, die ein nachhaltiges Image haben und obendrein teuer verkauft werden können? Natürlich interessiert das auch größere Unternehmen und Investorinnen.

Startups fahren mit ihrer Idee Millionen ein. Spitzenreiterin ist die niederländische Firma Protix, die im Sommer 2017 45 Millionen Euro eingeworben hat. US-Investor Mark Cuban hat laut dem Magazin Wired schon in Insekten investiert, Mark Zuckerbergs Schwester Arielle ebenfalls. Sie steckt Geld in das Unternehmen Tiny Farms, das Equipment für die Zucht von Insekten produziert. In Deutschland produzieren Startups wie Swarm Protein und Bearprotein Riegel mit Insektenanteil. Vielversprechend ist auch der Markt für Tiernahrung. Hier tüfteln zum Beispiel drei Brandenburgerinnen an Hundefutter für „Hundehalter mit bewusstem Lebensstil“, wie die Gründerszene berichtet.

»Nicht nur kleine Startups stehen auf Insektennahrung«

Längst lässt Ikea mit Köttbullar aus Mehlwürmern experimentieren. Die dänische Firma Space10 testet seit drei Jahren für den Möbelkonzern, wie Insekten, Algen und synthetisches Fleisch in die Speisekarte integriert werden können. Das Handelsunternehmen Metro ist schon weiter und bietet seit März Pasta mit Insektenmehl an, die bisher allerdings nur zeitlich begrenzt und in einer Filiale erhältlich ist. Nie dürfen bei der Vermarktung der Produkte die Schlagwörter der FAO fehlen: Gesund. Protein. Nachhaltig. Abhilfe beim Welthunger. Das alles sollen die Insekten leisten.

Doch es gibt Anzeichen dafür, dass es so nicht kommen wird. Wenn Entomophagie, also die Nutzung von Insekten als Nahrungsmittel, tatsächlich zum Mainstream wird, könnten sich die Probleme wiederholen, die es schon jetzt in der Nahrungsmittelindustrie gibt. Auf die Insekten angewendet, sieht die Zukunft dann nicht mehr ganz so rosig aus: Während  zu viele Heuschrecken, Mehlwürmer und Käfer produziert werden, haben viele keinen Zugang dazu und müssen weiterhin hungern. Insektenpulver produziert von mächtigen multinationalen Firmen wird in Gegenden geliefert, in denen es eigentlich viel mehr Insekten gibt als dort, wo das Pulver produziert wird. Der Preiskampf ruiniert kleinen Anbieterinnen das Geschäft und führt zu immer schlechteren Zuchtbedingungen. Menschen kümmern sich in riesigen Hallen um Insektenhorden und bekommen dafür einen Hungerlohn. Große Konzerne können die Regeln des Markts diktieren und Patente auf besonders schmackhafte Insekten anmelden, die dann von anderen nicht mehr gezüchtet werden dürfen. Das klingt erstmal schräg, geschieht aber bei anderen Nahrungsmitteln jetzt schon so oder ähnlich.

Und dass die Imagekampagne für Insekten auch von den bereits machtvollen Akteurinnen der Lebensmittelindustrie angeführt wird, lässt auf wenig Veränderung hoffen. Dass Entomophagie nicht automatisch eine Verbesserung bedeutet, hat auch eine Gruppe Forscher festgestellt. Sie schließen aus ihrer Studie in der Zeitschrift Insects as Food and Feed, für die sie unter anderem Insektenzucht in Thailand untersucht haben, dass sich bei  höherer Nachfrage eher größere Firmen durchsetzen und außerdem die Nachhaltigkeit stark schwankt je nachdem, welche Insekten gezüchtet werden: „Unsere Analyse zeigt, dass die entstehende Entomophagie-Bewegung generell, wenn auch nicht ausschließlich die bestehenden Machtverhältnisse verstärkt, von denen viele ihrer Akteure behaupten, sie könne sie herausfordern” (Müller et al.).

Es geht also darum, wem das Land, die Tiere und benötigte Technik gehören, wer davon profitiert, wer die Nahrungsmittel produziert und wer sie sich am Ende leisten kann. Denn wer Zugang zu gesunden Nahrungsmitteln hat, hängt letztlich vom Wohnort und vom Geldbeutel ab. Dabei ist ziemlich egal, um welches Lebensmittel es sich handelt. Die Idee, Milliarden von Menschen und Tieren durch Insekten unkompliziert mit Proteinen versorgen zu können, lässt deshalb auch unschöne Gedankenexperimente zu. Ein mögliches Szenario zeigt der Film Snowpiercer, in dem die letzten Überlebenden einer Klimakatastrophe in einem streng nach Klassen geteilten Zug über die vereiste Erde fahren. Die Armen am Ende des Zuges ernähren sich ausschließlich von glibbrigen schwarzen Riegeln, die aus Insekten hergestellt werden. Die Reichen essen indessen Sushi und andere Leckereien.

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Das ist natürlich eine überzogene Dystopie. Doch es wäre schon es längst möglich, die Weltbevölkerung zu ernähren. Trotzdem hungern Menschen. Erst vor Kurzem geisterte Kakerlakenmilch als besonders nahrhaft durch die Medien, teils versehen mit der Frage, ob sie den Welthunger lindern kann. Forscherinnen arbeiten daran, aber die Chancen stehen  schlecht.

»Technischer Fortschritt bedeutet keinen sozialen Fortschritt«

Es ist ein Mythos, dass Umweltzerstörung und Hunger beseitigt werden können, indem einfach nur das Richtige produziert wird. Dahinter steckt der Glaube, dass das richtige Produkt – oder die richtige Technologie – fast alle Probleme lösen kann. Der Wissenschaftler Evgeny Morozov nennt das „Solutionismus”. Obwohl er vor allem über das Internet schreibt, lässt sich seine Grundidee übertragen. Für alle möglichen sozialen Probleme werden technologische Lösungen versprochen. Die Möglichkeiten werden allerdings in der Regel nicht genutzt, um drängende Probleme anzugehen. In den Niederlanden werden zum Beispiel dank neuester Technik Felder durch Drohnen und Roboter bestellt. Das ist beachtlich, ändert aber nichts daran, dass wir weiter das globale Klima zerstören und Menschen im globalen Süden dauerhaft die Möglichkeit nehmen, selbst Nahrung anzubauen. Genau genommen ändert es noch nicht einmal etwas daran, dass selbst in den Niederlanden nicht alle satt werden. Technischer Fortschritt ersetzt keinen sozialen Fortschritt. Soziale Probleme lassen sich nicht lösen, solange die Voraussetzungen dieselben bleiben. Genau deshalb sollten wir diese Versprechen weder Internetkonzernen noch den Insektenpredigerinnen von Ikea einfach so abkaufen. Das alles heißt nicht, dass in Insekten als Nahrungsmittel kein Potenzial steckt – aber um es einzulösen, müsste sich einiges ändern.

Sarah Nagel

Sarah Nagel ist Redakteurin bei Ada