Heiraten im Hygge Kapitalismus Quelle: Depositphotos DenKostiukBO

Heiraten im
Hygge-Kapitalismus

Wenn der Kapitalismus draußen kälter wird, muss es drinnen wärmer werden. Zum Beispiel durch Heiraten. Daran kommen auch Linke nicht vorbei.

Tausende eigentlich vernünftige Menschen verabschieden sich jedes Jahr in das flauschige und gleichzeitig nervenaufreibende Paralleluniversum der Hochzeitsplanung. Und es werden immer mehr. Die Zahl der jährlichen Eheschließungen sinkt zwar eigentlich seit 1950 kontinuierlich – damals haben pro tausend Menschen in Deutschland jährlich 11 geheiratet, 2015 waren es nur noch 4,9.

Nina Prader Liebe Illustration
Nina Prader © 2018 Poster Series

Seit 2008, ausgerechnet dem Beginn der internationalen Wirtschaftskrise, steigt die Zahl aber wieder leicht an. Dass Heiraten im Trend liegt und Hochzeiten immer aufwendiger werden, ist auch an zahlreichen Journalistinnen nicht vorbeigegangen, die der Frage nachgehen, warum junge Paare auch ohne sozialen Druck noch Lust auf die Ehe haben. Die Liebe ist die meistgenannte Erklärung für die Ehe, und sicher keine schlechte.

Hinter der Entwicklung steckt aber mehr: Dass junge Leute wieder mehr heiraten und oft sogar pompöser als ihre Eltern, hat etwas damit zu tun, was um uns herum passiert.

Die Welt ist kälter geworden

Sowohl die globale Lage als auch die eigene Lebensplanung werden als unsicherer empfunden. Jungen Menschen winken mehr Auswahl, mehr Leistungsdruck und weniger Gewissheit als noch vor 20 oder 30 Jahren. Offenbar wünschen sie sich das aber. Nicht umsonst geben viele Schüler und Studierende in Umfragen an, dass sie später gern im Öffentlichen Dienst arbeiten wollen.

Der Soziologe Oliver Nachtwey beschreibt in seinem 2016 erschienenen Buch „Die Abstiegsgesellschaft“ die prekäre Situation, in der sich auch gut ausgebildete Leute häufig wiederfinden: Statt in einem Fahrstuhl gefühlt automatisch nach oben zu fahren gleicht das Leben eher dem Versuch, eine nach unten führende Rolltreppe hochzulaufen. Der Kapitalismus kann in den allermeisten Fällen das Versprechen vom gesellschaftlichen Aufstieg nicht mehr einlösen. Als eine Reaktion darauf machen sich Trends breit, die mit dem Rückzug ins Private einhergehen.

Rückzugsort Heiratsplanung

Eins der kurioseren Beispiele hierfür ist das sogenannte „Hygge“ – ein gemütliches skandinavisches Lebensgefühl, das 2017 in diversen Zeitschriften hochgejubelt wurde. Auch „Cocooning“ gehört dazu – ein etwas älteres Phänomen, bei dem Menschen lieber gemeinsam im liebevoll eingerichteten zu Hause bleiben und kochen, spielen oder quatschen. Oder sie fangen an zu stricken und zu basteln – Hauptsache was mit den Händen, Hauptsache zu Hause.

»Eine willkommene Abwechslung zu den Zumutungen des Alltags, die der Neoliberalismus so bereithält«

Zahlreiche Do-it-Yourself-Vorlagen vermitteln das Gefühl von kreativer Tätigkeit, auch wenn das Nachbasteln von Fensterdekoration damit nicht unbedingt etwas zu tun hat. Ein logischer nächster Schritt? Heiraten. Denn das Heiraten schafft zwischen all der Unsicherheit nicht nur ein bisschen Stabilität oder wenigstens das Gefühl davon, sondern ist auch die Königsdisziplin des Cocooning. Die Vorbereitung dauert bisweilen mehr als ein Jahr und bietet eine willkommene Abwechslung zu den Zumutungen des Alltags, die der Neoliberalismus so bereithält. Gleichzeitig stellt dieser eine beeindruckende Auswahl bereit, mit der sich bei der Hochzeit jede individuell ausdrücken kann.

Motto-Tier Flamingo: Immer noch aktuell

Von der Location über die Anzahl der Gäste, das Essen und die witzigen Aktivitäten bis hin zu den richtigen Strohhalmen gibt es vieles auszuwählen, um die eigene Partnerschaft angemessen zu feiern. Für ein paar Monate kann man sich völlig in Katalogen und Blogs verlieren. Lieber ein pseudomonarchisches Setting auf dem Landgut, eine Party in der Lieblingskneipe, eine Destination-Hochzeit im kleinen Kreis auf den Malediven oder einfach ein Schreibtischtermin beim Standesamt? Für alles gibt es die passenden Accessoires – man muss sich nur entscheiden. Die Herstellerinnen und Dienstleistungsanbieterinnen freut es, denn die Hochzeitsindustrie ist ein Millionengeschäft.

Die Auswahl ist unendlich. Wer vorhat, 2018 zu heiraten (und dem Sat1 Frühstücksfernsehen in dieser Frage trauen möchte), der sei gesagt, dass sich in diesem Jahr mottomäßig alles um „Blumen und Natur“ dreht. Bohemian Chic ist weiterhin angesagt, beim Kleid ist die 3D-Spitze richtig im Kommen und bei der Deko ist laut Sat1 „karibisch“ noch immer topaktuell: „Der Flamingo als Motto-Tier ist selbst im Jahr 2018 von andauernder Aktualität.“ Aha!

Hochzeiten machen also Spaß und lenken ab, und zwar vor allem die Frauen. Denn häufig sind sie es, die hauptsächlich für die Organisation zuständig sind und auch sein wollen- schließlich ist diese Rolle von Geburt an antrainiert. Nicht selten wird in Filmen und Serien irgendwann ein fetter Ordner gezückt, mit dem die Protagonistin quasi seit der Geburt ihre Traumhochzeit plant.

Eines gilt aber für alle Geschlechter: Hochzeiten sind von Ironie weitgehend unberührt. Wo die Sehnsucht nach Heimeligkeit und Kitsch sonst schnell bestraft wird, etwa bei der Wohnungseinrichtung oder dem Musikgeschmack, kann sie bei der Hochzeit ungestraft ausgelebt werden. Man heiratet schließlich nur einmal und so. So können sich die zukünftigen Ehepaare weitgehend unbehelligt in eine Parallelwelt zurückziehen – zumindest bis zum Tag nach dem großen Tag.

Verschulden für den großen Tag

Hochzeiten sind außerdem nach wie vor als kulturelles Phänomen allgegenwärtig. Diese Präsenz dürfte ein weiterer Grund sein, der Paare zur Eheschließung motiviert. Wenn die Hochzeit als Finale auf dem Bildschirm, in Büchern und auf Instagram dazugehört, dann darf sie auch im eigenen Leben nicht fehlen. Reihenweise Bilder von Verlobungen auf Facebook können schon ordentlich Druck erzeugen auf die Millennials, von denen ohnehin erwartet wird, eine Lebensstation nach der anderen abzuhaken. Da kommt das Heiraten gerade recht.

Einerseits bietet es eine gute Gelegenheit, das eigene Leben und die Beziehung gekonnt in Szene zu setzen – irgendwann werden die Urlaubsfotos ja doch ein wenig langweilig. Es ist aber auch ein Meilenstein in der Biografie, der das gute Gefühl gibt, etwas geschafft zu haben.

Gegenüber anderen üblichen Anerkennungsstationen wie dem ersten festen Job, der ersten eigenen Wohnung, dem Kinderkriegen oder gar dem Hausbau, hat die Ehe außerdem einen entscheidenden Vorteil: Sie ist auch mit einem befristeten Vertrag, einem geringen Gehalt, auf Jobsuche oder während der Ausbildung möglich. Nicht immer kann sie dann so groß ausfallen wie gewünscht – es sei denn, die Beteiligten verschulden sich für den großen Tag. Wie die Bank Creditplus in einer Umfrage 2016 herausfand, konnten sich immerhin 35 Prozent der Befragten vorstellen, für die Feier einen Kredit aufzunehmen.

Heiraten und links sein?

Auch Linke kommen nicht um das Thema Heiraten herum. Entweder sie heiraten irgendwann selbst, oder sie werden eingeladen. Und mit den Einladungen kommt oft ein gewisses Unbehagen. Manchmal geht es dabei um die Feier selbst. Wie soll man damit umgehen, wenn man plötzlich aufgefordert ist, in einer großbürgerlichen Romantikfantasie aufzulaufen, um der Braut dabei zuzusehen, vom Vater an den Ehemann übergeben zu werden? Oder man plötzlich ungefragt in der Whatsapp-Gruppe landet, in der die Vorbereitung des Junggesellenabschieds zusehends eskaliert?

Orientierungshilfe für solche Situationen ist derzeit in der Linken nicht zu finden, denn Beziehungen und deren Zusammenhang mit dem großen Ganzen werden außerhalb einiger Gruppen kaum thematisiert. Während es in den 1970er und 1980er Jahren innerhalb der progressiven Teile der Gesellschaft wenigstens eine Debatte über Liebe, Ehe und Familie gab, ist heute jede im Umgang  damit auf sich gestellt.

Das macht die Situation schwierig. Nicht zuletzt für diejenigen, die zwar knallharte Marxistinnen sind, aber trotzdem Lust haben, zu heiraten. Geht das zusammen? Lachen einen die Freundinnen aus? Dabei geht es natürlich nicht nur um die Party. Mit der Hochzeit kommt schließlich die Ehe. Und dazu haben Linke nicht ohne Grund ein ambivalentes Verhältnis.

Gehen wir kurz einen Schritt zurück: Seit es Menschen gibt, also ungefähr 2,8 Millionen Jahre, hat sich immer wieder geändert, wie sie leben. Die Idee der romantischen Liebe und die Kleinfamilie als dominante Form des Zusammenlebens wurden erst im 19. Jahrhundert zum Ideal. Damals kritisierten Kommunistinnen die bürgerliche Kleinfamilie. Das Modell setzte sich trotzdem durch. In Deutschland erreichte es in den 1950er und 1960er Jahren seinen Höhepunkt.

Das sogenannte Normalarbeitsverhältnis, dessen wichtigstes Merkmal eine unbefristete Stelle mit sozialen Sicherheiten war, dominierte die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts – auch, wenn natürlich immer Menschen davon ausgeschlossen waren.

»Der Mann ging arbeiten, die Frau kümmerte sich um Kinder und Haushalt, einmal im Jahr ging es mit dem Auto in den Urlaub«

Es versprach nicht nur eine feste Stelle, sondern strukturierte das ganze Leben: Der Mann ging arbeiten, die Frau kümmerte sich um Kinder und Haushalt, einmal im Jahr ging es mit dem Auto in den Urlaub und für viele war auch ein Häuschen drin. Das Gehalt des Mannes reichte in diesem Modell für die ganze Familie. Sowohl der Staat als auch die Arbeitgeberinnen profitierten davon, denn die anfallende Arbeit im Haushalt und bei der Kindererziehung wurde von den Frauen kostenlos erledigt. Dieses Lebensmodell hat sich mittlerweile als Norm überholt.

Nina Prader © 2018 Poster Series

Erstens rebellierten die 1968er gegen die rigiden Vorstellungen und probierten andere Formen aus, zu leben und zu lieben. Zweitens mussten (und wollten) viele Frauen selbst einen Beruf ergreifen. Seit Jahrzehnten und insbesondere ab den 1980ern führt die neoliberale Politik dazu, dass ein Gehalt oft schlicht nicht mehr reicht, um eine Familie zu ernähren.

Den behaglichen Horizont der Mittelklasse der 1950er und 1960er gibt es nicht mehr, im Guten wie im Schlechten. Natürlich kann man sich die verstaubte Welt der Vor-68erinnen nicht ernsthaft zurückwünschen, doch das Bedürfnis nach Sicherheit und Familie ist auch heute noch da. Also liegt für viele der Rückgriff auf die Ehe nah, die anders als die restlichen Elemente, die unsere Vorstellung von Sicherheit ausmachen, leichter verfügbar ist.

Millennials heiraten häufig kitschig

Daneben gibt es natürlich noch andere triftige Gründe zu heiraten. Etwa, wenn die Partnerinnen aus unterschiedlichen Ländern kommen und so das Zusammenleben ermöglicht oder vereinfacht wird. Oder wenn sich gleichgeschlechtliche Paare ein Kind wünschen und rechtlich nur als Eltern anerkannt werden, wenn sie heiraten oder eine eingetragene Lebenspartnerschaft vorweisen können.

Obwohl es gute Gründe und schöne Feiern gibt, fällt auf, dass die Hochzeiten von Millennials häufig noch kitschiger sind als die ihrer Eltern. Während es aus den 1980ern viele Fotos von Paaren in Anzug und Kostüm mit Schulterpolstern gibt, die nebeneinander etwas verstockt vor dem Standesamt stehen, muss es heute der Traum in Weiß sein, professionell fotografiert und zwar in Posen, in denen die Geschlechterrollen eindeutig festgelegt sind.

»Es gibt keine weit verbreitete Idee davon, wie man anders zusammen sein und feiern könnte als in der spießigen Katalogwelt, die uns täglich in der Werbung, auf Netflix und Instagram begegnet«

Die gesellschaftliche Linke hat dem keine eigene Ästhetik entgegenzusetzen. Das liegt auch daran, dass sie dazu zu klein ist. Es gibt keine selbstverständliche Kultur der Arbeiterinnenklasse, keine weit verbreitete Idee davon, wie man anders zusammen sein und feiern könnte als in der spießigen Katalogwelt, die uns täglich in der Werbung, auf Netflix und Instagram begegnet. Es verwundert deshalb nicht, dass sich andere Vorstellungen nur in relativ kleinen subkulturellen Milieus durchsetzen. Schlimmer noch: Große Teile der Linken sind kleinbürgerlich, und dementsprechend entwickeln sich auch die meisten unserer Beziehungen.

Was heißt das nun für die in Widersprüche verstrickten Linken, die ratlos vor der Einladung sitzen? Man kann sich einerseits positionieren, heiraten ist super oder furchtbar, man kann beleidigt zu Hause bleiben oder passiv-aggressiv auf bürgerliche Traditionen schimpfen.

Nicht nur Heiratswillige wollen feiern

Aber ist es das wert, deshalb Freundschaften zu ruinieren? Wenn das Verhältnis sonst stimmt, wird es auch eine mehr oder weniger pompöse Hochzeitsfeier gut aushalten. Schließlich unterstützen wir Freundinnen und Verwandte auch bei Dingen, mit denen wir weniger am Hut haben (man denke nur an Umzüge). Andererseits sollten wir uns die Frage stellen: Warum werden Feiern in dieser Größenordnung eigentlich nur dann geplant, wenn sie staatlich sanktioniert werden? Die eigene Beziehung könnte schließlich auch ohne Trauschein Anlass zu einem rauschenden Fest sein.

Und wenn wir schon dabei sind: Warum sollten romantische Beziehungen überhaupt bevorzugt behandelt werden? Auch Sandkastenfreundschaften, zehn Jahre in einer tollen WG oder das Überwinden einer persönlichen Krise könnten gleichberechtigt gefeiert werden. Schließlich haben nicht nur Heiratswillige Lust aufs Feiern im großen Maßstab. Wäre die gesellschaftliche Linke stärker, gäbe es außerdem mehr Gelegenheiten und Ressourcen, andere Feste auszuprobieren. Ein Grund mehr, sich ins Zeug zu legen.

Weniger Stress & bessere Partys

Soweit auf der privaten Ebene. Auf der politischen Ebene sollten wir uns ins Gedächtnis rufen, weshalb sich die Feministinnen innerhalb der 68er Bewegung gegen die spießigen Normen des Zusammenlebens zur Wehr gesetzt haben. Auch heute hat sich vieles nicht grundlegend verändert, zum Beispiel die Arbeitsaufteilung unter Paaren. Für die Reproduktionsarbeit sind nach wie vor allem die Frauen zuständig. Durch konservative Gesetze wie das Ehegattensplitting wird immer noch befördert, dass eine Person voll arbeitet und die zweite geringfügig oder überhaupt nicht berufstätig ist. Auch das sind Gründe, weshalb sich Linke wieder mehr mit Beziehungsfragen befassen sollten – das Private ist immer noch politisch.

Dazu kommt: Das Leben kann auch anders planbarer gemacht werden. Zum Beispiel durch einen ordentlichen Mindestlohn und indem Befristungen abgeschafft werden. Dafür müssen wir allerdings dem kalten Neoliberalismus an den Kragen. Doch das Ergebnis könnte sich lohnen: Weniger finanzielle Sorgen, weniger Stress – und (noch) bessere Feiern.

Illustration: Nina Prader. Alle Fotos: Depositphotos DenKostiukBO.

Sarah Nagel

Sarah Nagel ist Redakteurin bei Ada