Quelle: Youtube / Google · 18. September 2018

Halt die Fresse, Google

Oops, something went wrong: Internetkonzerne kontrollieren immer stärker unseren Alltag und reden nun auch noch mit uns, als wären wir in der Grundschule.

Leben im digitalen Kapitalismus heißt nicht nur eine Vervielfältigung und Beschleunigung der Kommunikation zwischen Menschen, sondern auch das Wohnen in einer Welt der penetranten und sprechenden digitalen Oberflächen. Die mensch-maschinellen Schnittstellen, die mir als Nutzerin einer Plattform, Verwenderin einer App oder Anbietung einer Dienstleistung begegnen, atmen meist den jovialen Geist und informellen Umgangston des Silicon Valley: „Your friends at Slack” unterschreibt meine virtuelle Teamworking-Plattform, „Great Progress!” lobt mich Airbnb, wenn ich mich durch die pädagogische schrittweise Erstellung einer Anzeige klicke, und „Jorinde, you have 2 new updates waiting for you”, erinnert mich beflissen die Job-Börse LinkedIn an meine Pflicht, mich für den Arbeitsmarkt bereit zu halten.

Die Interfaces, die zwischen mir und maschinellem Code vermitteln, sind also nicht mehr Systemmeldungen in Fachsprache oder Fenster für die Befehlseingabe. Sie sind programmiert, mich persönlich anzusprechen und suggerieren eine Art freundschaftliche, unterstützende Beziehung. Niedliche Piktogramme und ein leicht überschaubares, kindlich anmutendes Design kreieren eine Atmosphäre der Harmlosigkeit und des Spielerischen, nicht weit entfernt von der Ästhetik der Bilderbücher, die meine Kindergartenzeit begleiteten. Es ist ein weiter Weg von den technisch-sachlichen Fehlermeldungen vorheriger Zeiten zum „Oops… something went wrong” oder „Aw, snap” begleitet von einem sad smiley, das auf meinem Bildschirm erscheint, wenn eine Seite nicht lädt – und das nicht zum Verstehen des technischen Problems, sondern zum Schulterzucken einlädt.

Mit der Einführung virtueller Assistenten wie Amazons Alexa, Apples Siri oder dem Google Assistant gleicht sich der mensch-maschinelle Umgang noch weiter der interhumanen Kommunikation an und schmiegt sich nah an Alltagswelten und alltägliche Bedürfnisse. Google hat im Jahr 2018 eine umfassende Marketing-Kampagne für seinen auf Firmennamen getauften Freund und Helfer gefahren. Den gesamten Frühsommer beschallten beispielsweise in Berlin die großflächigen Plakate mit Googles vierfarbigen Signatur-Polkadots den öffentlichen Raum. Der Stadt, in welcher der globale Datengigant demnächst seinen siebten sogenannten „Campus” eröffnen möchte, um Kreuzberg zum Nährmilieu für potenziell lukrative Start-Up-Kultur umzufunktionieren, präsentierte sich Google hier als allgegenwärtige und dienstbereite Alltagshilfe.

„Mach mal Google” bzw. die englischsprachige Variante „Make Google do it” – mit diesem Slogan und einem Arsenal an PR-Videos bringt der Konzern seinen Assistenten als unentbehrlichen Helfer in allen Lebenslagen in Stellung. Der dienstbereite Tonfall verheißt Unterstützung und Effizienz in einem überfordernden Alltag. „Tell it to do things. It’s your own personal Google, always ready to help”, lautet eine andere Punchline und appelliert damit an das scheinbar dringende soziale Bedürfnis, einen eigenen Dienstboten zu haben. Eine traurige Spiegelung der Diener-Gesellschaft, in der wir sowieso bereits leben.

Gratisarbeit und Infantilisierung

Rund um das Bedürfnis der fürsorglichen Betreuung in allen erdenklichen Situationen stellt Google einer Reihe weiterer digitaler Assistenzen bereit, die fleißig unsere Daten sammeln – eine Reise-App sichert den betreuten Urlaub, eine Zielsetzungs-Software überwacht die Einhaltung persönlicher Projekte, Maps geleitet durch Stadt und Land, ohne dass man auch nur vom Bildschirm aufblicken muss. Auch diese digitalen Gouvernanten agieren im ästhetischen Register des Knuffeligen und Süß-Humorvollen – es ist, als modelliere Google seine Nutzerinnen nach dem Modell eines US-amerikanischen Collegestudenten, dem es mit seiner Software den Elternersatz stellt. Beim Durchklicken der PR-Videos stellt sich die leichte Klaustrophobie ein, auf ewig zu einer College-Existenz verdammt zu sein, für die man sich nie beworben hat.

„Always ready to help”. Eine technologische Innovation, die mich dabei unterstützt, meinen Alltag auf die Reihe zu bekommen – kostenlos, kognitiv entlastend, und ohne dass andere Menschen dafür herhalten müssen. Ein großzügiges Geschenk vom Datengiganten? Eigentlich ist es umgekehrt. Denn sobald ich den Assistenten verwende, bin ich freigebige Datenlieferantin und helfe damit Google bei der Optimierung seines Geschäftsmodells. Informationen über mein Kauf- und Klickverhalten, über die Wissensgebiete, für die ich mich interessiere, über meine letzten Suchen und über die Websites trackt Google schon seit Jahren, um die gesammelten Daten zu Marketingzwecken zu verkaufen. Diese Arbeit bleibt unbezahlt, die Weiterverwendung meiner Daten intransparent, und die Anhäufung von Daten – zentral für die heutige Daten- und Wissensökonomie – bei wenigen Monopolen bedeutet ein enormes Machtungleichgewicht und ein Missbrauchspotenzial.

Mit dem Assistenten intensiviert sich dieses Überwachungssystem. Google ist nicht alleine damit, unsere Alltagsabläufe zu registrieren und mit sprachgesteuerten Lautsprechern, auf denen der Assistent als Sprachsoftware installiert ist, auch unsere Zuhause zu infiltrieren. Rund 13 Prozent der deutschen Haushalte sind mittlerweile mit den sogenannten intelligenten Lautsprechern ausgestattet, in den USA sind es rund ein Fünftel der Haushalte, Tendenz steigend. Damit beginnt ein intensivierter run auf unsere Privatsphäre und intimsten Bedürfnisse, die von morgens bis abends von miteinander synchronisierten Geräten über die Assistenzsoftware abgefragt und durch Konsum oder Informationen, deren Auswahl intransparent bleibt, abgespeist werden können – eine subtile, allgegenwärtige Verhaltensmodulation und eine erschreckend engmaschige Überwachung, gegen die ein jedes Verwanzungs-Horroszenario harmlos aussieht.

„You know the Google Assistant”. Auch hier kehrt sich der Slogan also um, wenn man genauer hinschaut. Wenn sich der Datensammlungs- und Werbekonzern mit Funktionen wie dem Assistenten in unseren Alltag einklinkt, verbessert er damit seine Datenqualität. „Google knows you”, müsste es also heißen – und Google möchte dich gerne noch tiefer und flächendeckender kennenlernen. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern die Funktionsweise des Datenkapitalismus und auch Googles Geschäftsmodell. Aus der Perspektive eines Konzerns, der – obwohl der Mutterkonzern Alphabet mittlerweile auch in ganz anderen Geschäftsfeldern tätig ist – den größten Teil seiner Einnahmen aus Werbung bezieht, ist es nützlich, sich näher und näher an die Intimsphäre und Tagesabläufe von Nutzerinnen und damit potenziellen Konsumentinnen heranzuschleichen. Damit werden außerdem alle Lebensbereiche und Tagesabschnitte zunehmend zur potenziellen Konsumsphäre (Buch‘ mal, Find‘ mal, Bestell‘ mal…).

Es ist beeindruckend, wie widerstandslos diese allgemeine Überwachung stattfindet. Der Philosoph Rainer Mühlhoff konstatiert eine Tendenz zur „Digitalen Entmündigung”. Dabei werden den Nutzerinnen systematisch die Möglichkeiten vorenthalten, die Technik zu verstehen und zu beeinflussen. So wird eine bewusste, selbstbestimmte und mitunter auch kreative Verwendung unterwandert. Die Entmündigung ist laut Mühlhoff begleitet von der Verdrängung der digitalen Datenerhebung und einem breiten Spektrum von individuellen Rechtfertigungsstrategien dafür, nichts zu tun.

Dass nicht mehr protestiert wird bzw. dass nur wenige Initiativen über das individuelle bedauernde Konstatieren der Überwachung und Entmündigung hinauskommen hat sicherlich gerade damit etwas zu tun, dass Anwendungen wie der Google Assistant gezielt so gestaltet sind, dass sie nicht nur einfach nützlich sind. Dadurch, dass sie Beistand in allen Lebenslagen versprechen, über Gefühle reden können (50 Prozent aller Anfragen sind emotionaler Natur) und sich ihr Kommunikationsverhalten der Menschlichen angleicht, binden sie ihre Nutzerinnen emotional. – Und beginnen, mitzugestalten, wie diese mit ihren Gefühlen umgehen und diese beschreiben. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Ansprache des Geräts mit „Hey Google” oder „Ok Google” ein Meisterstück der Psychohacks: der Markenname wird so in die tiefsten menschlichen Bedürftigkeiten integriert. Die diversen „Hilfsprogramme” sind darauf ausgerichtet, im Alltag allgegenwärtig und unverzichtbar zu werden. Diese Tendenz, gekoppelt mit einer Undurchschaubarkeit ihrer Funktionsweise und ihrem latenten Paternalismus, unterbindet wirksame Kritik.

Dieser Hang zur Bevormundung und Infantilisierung haben vielleicht auch etwas mit den ganz eigenen Erfahrungen von Googlerinnen zu tun. Schon 2006 argumentierte der inzwischen verstorbene Netzaktivist Aaron Swartz, dass eine gezielte Infantilisierung zur Abhängigkeit der Arbeiterinnen von ihrem Unternehmen eingesetzt wird. Es scheint, als würden sie ihre eigenen Arbeitswelten der spielerischen Unselbständigkeit aus der recht privilegierten Tech-Bubble in ihre Produkte projizieren.

Befehlsgesteuerter Paternalismus

Ein anderes Phänomen fällt insbesondere im Umgang mit den Sprachassistenten auf: Wer sie nutzen möchte, wird dazu genötigt, sich ständig in Befehlen zu äußern. Googles eigene Werbevideos geben sich teilweise sich wie eine wahre Orgie des Kommandierens. Scheinbar ist es lustvoll, die Reproduktion des eigenen Lebens outzusourcen, sei es um den Preis der eigenen Unabhängigkeit.

Solche Angewohnheiten verändern nicht nur das Verhalten von Einzelnen und passen es den Anforderungen der Sprachsteuerungssoftware an. Sie färben auch auf unseren Umgang miteinander ab. Das Umschlagen in den Kommandierton ist bezeichnend, deutet sich doch gegenwärtig gesellschaftlich eine Wiederkehr der Dienstboten an. Ein postindustrielles Bürgertum lässt sich zunehmend von einem neuen, häufig migrantischen und prekär arbeitendem Dienstleistungsproletariat bedienen.

Sprechweisen, die uns der Assistant antrainiert, bereiten mit den Boden für die Legitimierung dieser Verhältnisse. Das durch „intelligente Lautsprecher” real gewordene Phantasma, allein durch Befehle wie magisch Waren zu ordern, leistet einen Beitrag dazu, die Arbeitsverhältnisse im Hintergrund unsichtbar zu machen.

In welche Richtungen solche Überwachungsregimes und Regimes der Psychomodulation führen, haben einige Autorinnen literarisch erforscht. In Julia von Lucadous Roman Die Hochhausspringerin beispielsweise betreibt die Hauptperson Psychohygiene mit dem Mama-Bot. „Everything’s gonna be okayTM”, beruhigt die einschmeichelnde Botstimme die Betreute in allen Krisen und hält sie in einer algorithmisch kontrollierten Überwachungsgesellschaft emotional stabil und systemkonform. Auch Marc-Uwe Kling folgt den Logiken heutiger Technologie-Regime ins Extrem und entwirft den Zukunftsstaat QualityLand, in dem die ehemalige Suchmaschine What-I-Need auch ohne Anfrage immer schon weiß, was man sucht und in dem das Monopol THE SHOP keine Bestellungen mehr braucht, sondern anhand von künstlicher Intelligenz die bewussten und unbewussten Bedürfnisse seiner Kundinnen in automatische Lieferungen übersetzt.

Schon Googles heutige Präsentation einer „Gute-Nachrichten-Funktion” für den Assistenten trägt leicht orwellsch-dystopische Züge – vor allem, wenn man bedenkt, dass der Konzern durch seine Suchmaschine ein quasi exklusives Portal zu allem digitalisierten Wissen darstellt, also uns völlig unkontrollierbar genau die Nachrichten vorsetzen kann, die er möchte:


Highway to Dystopia? Wenn Paternalismus und Wissensmonopol zusammengehen

Wir sollten ihnen also nicht vertrauen, den diversen Hilfeleistungen und Alltagsassistenzen. Denn Google und Co. verschleiern erstens ihre Profitabsichten, intensivieren zweitens Programme der umfassenden Überwachung ohne reelle Opt-Outs, und arbeiten durch eine umfassende Strategie der emotionalen Einbindung drittens daran, uns zu den orientierungslosen, überforderten, hilflosen und weltblinden Subjekten zu formen, die sich ihr Leben nicht mehr ohne die Dienstleistungen von Internetkonzernen vorstellen können.

Im Rahmen dieser digitalen Entmündigung begeben wir uns in eine Reihe von tiefgreifenden Abhängigkeiten und verlieren schrittweise die Souveränität über den eigenen Alltag. Gleichzeitig trägt das Assistenten-Dispositiv die Verschleierung einer neuen Dienstbotengesellschaft in sich, die ein hilflos gemachtes, „totally overwhelmed” neues Bürgertum bespielt.

Wir sollten uns wehren gegen die Annahme, die in den Softwares und Interfaces praktisch verwirklich wird: Nämlich, dass wir überforderte Subjekte sind, deren praktische und kognitive Fähigkeiten, das eigene Leben auf die Reihe zu bekommen, nie über College-Niveau herausgekommen ist. Wir sollten uns fragen, ob wir nicht lieber füreinander einstehen könnten, und ob wir unsere Alltagsbewältigung und die Erfüllung unserer Bedürfnisse nicht auch ohne die Mittlerfunktion gigantischer Überwachungsmaschinen hinbekommen.

Denn die vermeintliche Hilfe im Alltag verbleibt, neben ihren verheerenden Datensammlungswirkungen, bloße Symptombehandlung. Die Probleme und Überforderungen von Arbeitsverhältnissen, die flächendeckenden Stress- und Burnoutdiagnosen kann nicht der Solutionismus einer technokratischen Happy-Elite ändern, sondern nur eine tiefgreifende Umwandlung von Lebens- und Arbeitswelten und ihre Befreiung von Profit- und Marktlogiken.

Jorinde Schulz

Jorinde Schulz ist Redakteurin bei Ada