Quelle: Flickr / Adolfo Lujan · 9. August 2018

Frauenstreik: Einfach machen

In Spanien, Polen und Argentinien haben es die Feministinnen vorgemacht, jetzt wird auch in Deutschland ein Frauenstreik organisiert. Warum das die nächste Eskalationsstufe ist.

Wir befinden uns im Jahre 2018 n. Chr. Auf der ganzen Welt drängen Rechte und Neoliberale die progressiven Kräfte in die Defensive… Alle? Nein! Eine immer größer werdende Gruppe unbeugsamer Frauen* hört nicht auf, ihnen Widerstand zu leisten. In vielen Ländern riefen sie dieses Jahr am 8. März zum feministischen Streik auf – und das nicht zum ersten Mal. Allein in Spanien folgten dem Appell über fünf Millionen. Woran liegt es, dass gerade Frauen sich in diesen Zeiten vernetzen und an vielen Orten auf die Straße gehen? Die neue Stärke der Bewegung liegt an keinem wundersamen Zaubertrank. Sie ergibt sich aus der spezifischen Rolle, die Frauen in unseren Gesellschaften einnehmen.

Frauen stehen zunächst einmal – entgegen der landläufigen Meinung – an einer zentralen Stelle im Produktionsprozess. Nicht nur arbeiten die meisten Frauen im Dienstleistungssektor, der in Deutschland inzwischen 70 Prozent der Bruttowertschöpfung ausmacht. Auch außerhalb der Lohnarbeit übernehmen Frauen noch immer den größten Teil der Erziehungs-, Pflege- und Hausarbeit, ohne die niemand seine Haut überhaupt zu Markte tragen könnte.

»Wenn wir streiken, steht die Welt still«

Hier steckt ein großes Druckpotenzial auf Politik und Kapital. Das Motto des Streiks in Spanien war deshalb nicht umsonst „Si nosotras paramos, se para el mundo“ – „Wenn wir streiken, steht die Welt still“. Für ihre Arbeit erhalten Frauen kein oder vergleichsweise wenig Lohn. Das liegt im Kapitalismus am Interesse des Kapitalisten, die Kosten für die „Reproduktion der Ware Arbeitskraft“, also die Erholung und Pflege unserer Körper und die Sorge um die kommenden Arbeiterinnen, unsere Kinder, möglichst gering zu halten. Dass sich Frauen das weltweit viel zu häufig gefallen lassen, hängt wiederum mit ihrem gesellschaftlichen Status zusammen. Kapitalistische Ausbeutung lässt sich nicht trennen von weiblicher Gewalterfahrung und rassistischer Diskriminierung. Die neuen Angriffe auf die Rechte und die Eigenständigkeit von Frauen geschehen nicht zufällig im langen Schatten der ökonomischen Krise, die 2008 begann und vielerorts immer noch täglich spürbar ist. So treffen neoliberale und autoritäre Politiken Frauen – vor allem migrantische Frauen – am stärksten.

Kurzum: Frauen haben heute vielerorts einfach nichts mehr oder zumindest sehr viel weniger zu verlieren als Männer und treten deshalb die Flucht nach vorne an. Vielleicht bilden sie in der heutigen Zeit sogar jene von Marx beschworene „Klasse mit radikalen Ketten (…) welche sich nicht emanzipieren kann, ohne sich von allen übrigen Sphären der Gesellschaft und damit alle übrigen Sphären der Gesellschaft zu emanzipieren, welche mit einem Wort der völlige Verlust des Menschen ist, also nur durch die völlige Wiedergewinnung des Menschen sich selbst gewinnen kann“. Ein neues Proletariat also.

Die Idee eines Frauen*streiks scheint deshalb auch so vielen sofort einsichtig und breitet sich derzeit immer weiter aus. So auch in Deutschland, wo die Vorbereitungen für einen Streik am 8. März 2019 in diesem Jahr begonnen haben. Die Aktivistinnen können sich dabei auch auf die Organisierungsarbeiten von Bündnissen zum Frauen*kampftag stützen, die in verschiedenen Städten in Deutschland in den letzten Jahren geleistet wurde. Der Frauenstreik soll die Demonstrationen, an denen am vergangenen 8. März allein in Berlin 10.000 Menschen teilgenommen haben, nicht ersetzen, sondern ergänzen und weitertreiben. Man kann es auch so sehen: nach langen Zeiten der Verhandlungen, sind wir jetzt bereit für die nächste Eskalationsstufe.

Dabei ist ein Frauenstreik immer nur Mittel zum Zweck und kein Zweck an sich. Schließlich geht es uns nicht nur darum, sichtbar zu werden, sondern um eine grundlegende Veränderung dieser Gesellschaft. Doch trägt in diesem Falle bereits die Form des Streiks mehrere Eigenwerte in sich.

Politischer Streik

So fordert der Frauenstreik etwa das in Deutschland geltende Verbot politischer Streiks heraus. Ob dieses Verbot überhaupt gilt, ist schon lange umstritten und wurde immer wieder von Arbeiterinnen infrage gestellt. Gemeinhin gilt, dass der Arbeitskampf den falschen Adressaten treffe, wenn sich die politischen Forderungen an den Staat und nicht allein an den Arbeitgeber richten würden. Es gibt aber Interpretations- und Handlungsspielräume. Nicht nur Marxistinnen verweisen darauf, dass Politik und Ökonomie vielfältig miteinander verwoben sind. Außerdem haben im Kapitalismus verschiedene Gruppen unterschiedlich großen Einfluss auf die Politik – die Lobby der Automobilindustrie beeinflusst die politischen Entscheidungen der Regierung stärker als ein Verein zur Stärkung der Rechte von Sexarbeiterinnen.

Diese unterschiedlichen Einflussmöglichkeiten sind ökonomisch bestimmt. Andere Stimmen verweisen darauf, dass das Verbot des politischen Streiks internationalen Abkommen widerspreche, die Deutschland unterzeichnet hat. In Gewerkschaften wie etwa ver.di, GEW oder IG BAU wird daher immer mal wieder die Forderung erhoben, das Recht auf politische Streiks ins Grundgesetz aufzunehmen. Zögerlich sind diese Debatten und versanden schnell. Jetzt sind es die Frauen, die das Thema wieder ganz praktisch auf die Tagesordnung setzen. Sie könnten damit auch der althergebrachten „Arbeiterbewegung“ (sic!) einen Dienst erweisen.

Unbezahlte Hausarbeit

Zum anderen betonen Feministinnen seit langer Zeit, dass Arbeit nicht nur die bezahlte Arbeit umfasst, sondern auch die unbezahlte Pflege-, Erziehungs- und Hausarbeit, sowie all die zahlreichen emotionalen Unterstützungsleistungen oder unsichtbaren Handgriffe in Vereinen oder Initiativen, in denen wir uns engagieren. Silvia Federici hat deshalb darauf hingewiesen, dass es noch nie einen wirklichen Generalstreik gegeben habe, da Frauen diese Tätigkeiten währenddessen niemals hätten ruhen lassen. Ein feministischer Streik zielt deshalb nicht nur auf die Arbeit in entlohnter Form, sondern in gleichem Maße auf all jene unentlohnten Bereiche. Das ist so neu, dass dafür ganz neue Formen und Ausdrucksweisen  gefunden werden müssen. Kollektive Kinderbetreuung an öffentlichen Plätzen oder selbstentworfene Überlastungsanzeigen pflegender Angehöriger sind nur erste Ideen. Auch die Spanierinnen haben für die Bereiche Lohnarbeit, Hausarbeit, Bildung und Konsum einige Vorschläge gemacht, an die wir anknüpfen können. Das Mittel des Streiks dient auch hier dazu, den theoretischen Auseinandersetzungen über die Ausweitung des Arbeitsbegriffs Form zu geben und sie selbst besser zu verstehen.

Feminismus: Illustration von Nina Prader im Ada Magazin
Illustration von Nina Prader

Darüber hinaus bietet der Streik eine neue Chance, gemeinsam etwas zu tun – egal welchen Hintergrund jemand hat. Für gewöhnlich ist es schwierig die Forderung zu finden, die alle vereint. Das ist verständlich, denn Frauen machen ganz unterschiedliche Erfahrungen und haben deshalb auch unterschiedliche vordringliche Probleme und Anliegen. Für viele steht die ökonomische Aufwertung ihrer Jobs im Vordergrund, für andere die Ausweitung des Aufenthaltsrechts, für wieder andere die Änderung des aktuell diskriminierenden Transsexuellengesetzes oder das Recht auf sichere Schwangerschaftsabbrüche.

Der feministische Streik kann diese Kämpfe solidarisch miteinander verbinden, weil sie gleiche Ursprünge haben. Wenn wir als weiße Frauen mit deutschem Pass für die Legalisierung aller Illegalen streiten, dann ist dies kein Stellvertreterinnenkampf. Es ist der Kampf gegen ein System der Verwertung und Konkurrenz, der Ausgrenzung und Abwertung, das uns genauso trifft – selbst wenn nicht mit der gleichen Konsequenz. Im Frauenstreik sollen die Unterschiedlichkeiten zu einer gemeinsamen Stärke werden im Kampf gegen eine autoritäre, neoliberale, sexistische und rassistische Politik. Andere diskutieren seit zwei Jahren über eine neue Klassenpolitik, wir Frauen machen sie einfach.

 

*Mit der Schreibweise Frauen* sind alle Menschen gemeint, die sich als Frauen* definieren oder die als Frauen* definiert werden, also auch trans*- und intersexuelle Personen. Das Sternchen soll dabei nicht zwischen unterschiedlichen Frauen* unterscheiden, sondern zeigen, dass es sich um eine Identität mit unklaren Rändern, aber sozialer Realität handelt.

Alex Wischnewski

Alex Wischnewski engagiert sich im Netzwerk »Care Revolution«. Kerstin Wolter hat das Bündnis für den »Frauen*kampftag« am 8. März mitgegründet. Beide sind Mitglieder von DIE LINKE.

Kerstin Wolter

Kerstin Wolter hat das Bündnis für den »Frauen*kampftag« am 8. März mitgegründet.