Quelle: Depositphotos Neydtstock · 20. Mai 2018

Wie Facebook linken
Online-Journalismus verändert

Was im Internet gelesen wird, bestimmen vor allem große Konzerne. Linke Medien müssen damit umgehen - und sind wichtiger denn je.

Zu Beginn eine Positionierung: Das, was uns in den Medien präsentiert wird, ist nicht einfach ein Spiegel der Realität, in dem die Journalistin das beschreibt, was ist. Ihre (Themen-)Auswahl ist einerseits bestimmt durch politische, wirtschaftliche und persönliche Interessen, durch ihre gesamte soziale Klassenlage.

Viele Studien belegen, dass das journalistische Herkunftsmilieu sich ähnelt: weiß, akademisch-gebildet, Mittelstand.

Darüber hinaus  ist die Auswahl bestimmt durch redaktionelle Praxen, Leitlinien und Machtverhältnisse. Die Themen und Gegenstände, die für eine journalistische Bearbeitung gewählt werden, sind deshalb immer Ausdruck einer (für viele Journalistinnen noch oft genug unbewussten) Konstruktion. Zeitungen haben begrenzten Platz, Radio und Fernsehen 24 Stunden am Tag Zeit zum Senden. Auf der Welt passieren aber gleichzeitig so viele Dinge. Was davon zur Berichterstattung ausgewählt wird und wie es präsentiert wird, ist die Entscheidung der Redaktionen und der Journalistin. Es ist, wie gesagt, letztendlich eine Konstruktion.

Viele Internetseiten besucht niemand

Wie verändert sich dieser Journalismus nun im Zeitalter der Sozialen Medien? Verändert er sich überhaupt? Oder wird die Dominanz der etablierten Medien im Internet einfach fortgesetzt? Beide, Soziale Medien und Journalismus, stehen in einer Beziehung, die von Konkurrenz und Kooperation geprägt ist.

Kooperation deshalb, weil Konzerne wie Facebook, Twitter und Instagram es den traditionellen Massenmedien ermöglichen, ihre Inhalte bekannt(er) zu machen und zu verbreiten. Die Zugriffsraten von Online-Medien steigen dadurch immens. Sechs von zehn Amerikanerinnen stießen 2016 zum Beispiel über Facebook, Twitter und Reddit auf Nachrichten und damit auch auf die entsprechenden Online-Seiten. Auch in Deutschland informieren sich, laut einer Studie von Sascha Hölig und Uwe Hasebrink, immer mehr Menschen – vor allem jüngere – über Soziale Medien. Auf der anderen Seite erhöhen Facebook- und Twitter-Seiten etablierter Medien den Traffic auf Sozialen Medien. So hat die Spiegel Online-Seite auf Facebook derzeit 1,5 Millionen, Bild 2,5 Millionen und die Süddeutsche Zeitungen 730.000 Likes.

Konkurrenz hingegen deshalb, weil in Sozialen Medien erstmals verschiedene Wahrheiten miteinander konkurrieren. Unterschiedliche Realitätskonstruktionen kämpfen um Deutungshoheit und Einfluss. Die traditionelle Gatekeeper-Funktion des Journalismus, das Monopol auf Information und Interpretation, scheint verloren zu sein. Jeder kann seine Meinung, seine Deutung von bekannten Fakten und Tatsachen posten oder tweeten.

Doch wer setzt sich auf Dauer durch? Bereits vor acht Jahren hielten Christoph Neuberger und Frank Lobigs in einer Studie fest, dass die Internetableger großer Medien das Netz dominieren: „Die im Internet erreichbare publizistische Vielfalt wird also maßgeblich durch die traditionellen Massenmedien bestimmt“. Das gleiche gilt für die USA.

»Die Vielfalt an möglichen Realitätskonstruktionen im Internet ist keine, solange sie nicht wahrgenommen wird«

Die Vielfalt an (potenziellen) Realitätskonstruktionen im Internet ist also keine, solange sie nicht wahrgenommen wird.  Jeder kann sich zwar äußern, ob man aber gehört wird, steht auf einem anderen Blatt. Große Medienhäuser haben im Vergleich zu einzelnen Nutzerinnen, aber auch zu kleinen linken Online-Medien wie Ada, dem Lower Class Magazine oder dem Re:Volt Magazin, einen viel größeren Einfluss. Hindman fand in seiner empirischen Untersuchung passend dazu heraus, dass in den USA die fünf meistbesuchtesten Internetseiten insgesamt 20 Prozent der gesamten Webnutzung ausmachten: „Wenn wir 50% des Web-Verkehrs berechnen wollen, müssen wir uns die Top 500 Seiten anschauen“. Die weltweit meist aufgerufenen Websites im Dezember 2017 waren: 1. Google, 2. YouTube, 3. Facebook. Diese drei sammeln einen großen Teil des Internettraffics. Wenn man nun bedenkt, dass es derzeit mehr als eine Milliarde Internetseiten gibt, wird deutlich, dass die übergroße Mehrzahl einfach nicht gesehen wird.

Und auch hier wird die Dominanz der traditionellen Massenmedien deutlich. Man kann sich natürlich freuen, dass die Printauflage der (rechts-)populistischen Bild-Zeitung in den letzten 20 Jahren um mehr als 2,8 Millionen Exemplare auf eine tägliche Auflage von 1,58 Millionen  „geschrumpft“ ist. Wenn man aber weiß, dass alleine im Monat April 2017 Bild.de mehr als 350 Millionen Aufrufe hatte, relativiert sich dies Zahl schnell wieder.

Facebook bestimmt, was wir sehen

Doch neben den im Internet dominierenden traditionellen Massenmedien gibt es im Online-Zeitalter einen weiteren Gatekeeper: Facebook und andere profitgetriebene Datenkonzerne. Diese beschränken oder ermöglichen nicht nach (idealtypisch gesehen) journalistischen Prinzipien die Zugänglichkeit zu Informationen, sondern aufgrund ökonomischer und politischer Interessen. Sie bestimmen, wer was zu sehen bekommt. Der Zweck von Facebook ist nicht primär, dass Menschen zusammenkommen, sich vernetzen, informieren und kommunizieren. Er liegt vielmehr in den dabei entstehenden Daten, die abgeschöpft und  zu Werbezwecken an andere Konzerne verkauft werden (von der darin zugrunde liegenden Überwachung muss an anderer Stelle geschrieben werden). Darin liegt die Quelle des Profits der meisten Sozialen Medien-Konzerne.

Die neueste Ankündigung Zuckerbergs, seinen Nutzerinnen weniger Nachrichten und dafür mehr Privates sichtbar zu machen, zielt letztendlich auch nur darauf, mehr Informationen über gesteigerte soziale Interaktionen von Facebook-Userinnen zu gewinnen und diese zu verkaufen. Der angebliche Daten-„Skandal“ um Cambridge Analytica ist dabei übrigens kein Bruch, sondern die Regel im Funktionieren  datengetriebener Unternehmen wie Facebook oder Twitter. Dies führt auch dazu, dass Facebook und andere Datenkraken bestimmen, wem welche Inhalte sichtbar gemacht werden. Posts mit dem Konterfei des PKK-Gründers Abdullah Öcalan oder Nachrichten von Guerilla-Kämpfern in Lateinamerika oder Kurdistan werden es nicht sein. Vor allem nicht nach der neu vorgelegten „Terrorismus“-Definition von Facebook. Und: die Inhalte von Ada oder anderen linken Online-Medien, die kritisch darüber berichten, werden es ebenfalls nicht sein – außer es wird viel Geld für Werbeanzeigen, einer weiteren Einkommensquelle dieser Konzerne, gezahlt.

Was linke Online-Medien jetzt tun können

Wie sollten linke Online-Medien darauf reagieren? Facebook und Twitter boykottieren und damit, trotz alledem, auf eine höhere Reichweite  verzichten? Wichtig ist in meinen Augen eine Multi-Plattform-Nutzung. Also ja, auf den großen sozialen Netzwerken Präsenz zeigen, Artikel posten, in Debatten eingreifen, die Spielregeln der Algorithmen ausnutzen. Gleichzeitig aber die Abhängigkeit von diesen nicht größer machen als nötig. Das bedeutet, die eigene Webpräsenz nicht zu vernachlässigen, ständig die strukturelle Beschränktheit von Facebook und Co in Erinnerung rufen und auch auf Alternativen (wie diaspora.ruhrmail.de) hinweisen und dort veröffentlichen.

Um ganz zum Schluss zur Ausgangsfrage der medialen Realitätskonstruktion zurückzukehren: Wie kann von Journalistinnen und Medien damit umgegangen werden? Wichtig ist, ob online oder offline, die eigenen Interessen offen zu legen, für (Quellen-)Transparenz zu sorgen und deutlich zu machen, auf welcher Seite man steht. Das gilt nun auch für das neu gegründete Magazin Ada, in dem dieser Eröffnungsbeitrag erscheint. Das Magazin-Motto „unabhängig & parteiisch“ macht dabei Hoffnung. Denn eine Positionierung ist nicht falsch. Im Gegenteil, es ist verwerflich, wenn behauptet wird, man sei neutral oder objektiv und damit seinen eigenen Standpunkt verschleiert. Dies kann Ada, folgt es seinem Leitsatz, nicht passieren. Die Parteilichkeit für die Sache der Unterdrückten wird hervorgehoben. Genauso wie die Unabhängigkeit von Konzern- und Profitinteressen. Ganz im Sinne Karl Marx´, der bereits vor mehr als 175 Jahren schrieb: „Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein.“

Mehr Informationen zu Meinungsmacht im Internet finden sich in: Gebel, T., Hagenhofer, T., & Schamberger, K. (2016). Ausgeträumt? Demokratie und Internet. isw report 105.

Kerem Schamberger

Kerem Schamberger ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der LMU München und Aktivist bei der marxistischen linken. Er engagiert sich für Demokratie und Emanzipation im Nahen und Mittleren Osten und in der wohnungspolitischen Initiative Aktionsgruppe Untergiesing.