Quelle: Wikimedia Commons / Anidaat · 27. Juli 2018

Schwimmbäder:
Jedes Jahr 80 weniger

Seit den 1990er Jahren werden immer mehr Bäder geschlossen. Wir haben Achim Wiese von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft gefragt, was jetzt zu tun ist.

ada: Die Tagesthemen haben kürzlich berichtet, dass allein im letzten Jahr 175 Schwimmbäder in Deutschland geschlossen wurden. Warum passiert das?

Achim Wiese: Die Bäder schließen, weil die Stadtkämmerer in den jeweiligen Kommunen der Auffassung sind: Da können wir am besten sparen. Da scheint offenbar auch die Lobby nicht stark genug zu sein, die sich diesen Sparmaßnahmen widersetzt. Das ist ein echtes Problem. Schwimmbäder gehören zur Daseinsvorsorge, das ist eine freiwillige Leistung der Kommunen. Von daher erhofft man sich da wahrscheinlich den geringsten Gegenwind. Ein Schwimmbad wird sich betriebswirtschaftlich nie rechnen, es ist immer ein Zuschussgeschäft. Ich habe noch kein Bad gesehen, das einen Überschuss erwirtschaftet.

Achim Wiese. Foto: DLRG

Es muss ein ähnlicher Plan her, wie es ihn Ende der fünfziger Jahre gab. Damals gab es den „Goldenen Plan“. Bund, Länder und Kommunen  haben sich an einen Tisch gesetzt und gesagt: Wir müssen was tun. Sportstätten und insbesondere die Schwimmbäder wurden gefördert oder überhaupt erstmal gebaut, denn damals gab es viel zu wenige. Heute heißt es immer, das sei Sache der Kommunen. Aber warum sollte es im Jahre 2018 nicht funktionieren, dass sich alle an einen Tisch setzen? Da müssen wir hin, dass sich an der Finanzierung alle beteiligen.

Wann haben die Schließungen angefangen?

Die missliche Bädersituation ist uns insbesondere ab dem Ende der neunziger Jahre aufgefallen. Die DLRG hat im Jahr 2000 eine entsprechende Resolution verabschiedet und bei der Politik angeklopft um zu sagen: Hier muss was getan werden. Seitdem ist die Entwicklung leider dramatisch. Im Schnitt werden seit 2000 80 Bäder pro Jahr geschlossen.

Welche Folgen hat das?

Insbesondere, dass die Kinder nicht mehr schwimmen lernen. Wo soll denn Schwimmunterricht betrieben werden, wenn es keine Wasserflächen mehr gibt? Die Ergebnisse liegen durch Studien belegt auf dem Tisch. In den Jahren 2005, 2010 und 2017 wurde jeweils belegt, dass die Schwimmfähigkeit der Kinder, die die Grundschule verlassen, immer weniger wird.

Gibt es Beispiele von Bädern, deren Schließung abgewendet werden konnte?

Da gibt es einige gute Beispiele. Zum Beispiel von Kommunen, die sich zusammengetan haben, um ein Schwimmbad zu bauen. Leider schauen sich aber viel zu wenige Verantwortliche diese Beispiele an, aus denen gelernt werden kann.

Was müsste jetzt getan werden?

Zunächst einmal braucht es Soforthilfe, damit der akute Sanierungsstau behoben werden kann. Das sind im Moment etwa 4,5 Milliarden Euro, die zur Verfügung gestellt werden müssten. Ohne finanzielle Mittel können wir jedenfalls kein Bad sanieren oder bauen. Da ist natürlich der Bund gefordert und nicht nur die Kommune vor Ort. Und es braucht wieder einen Goldenen Plan oder wie immer wir ihn nennen wollen – Masterplan, Schwimmplan für 2030 oder ähnlich – um das Problem anzugehen.

 

Das Interview führte Sarah Nagel

Achim Wiese

Achim Wiese ist Presseprecher der Deutsche-Lebens-Rettungs-Gesellschaft e.V. (DLRG)

Sarah Nagel

Sarah Nagel ist Redakteurin bei Ada