Quelle: Beeldbank Amsterdam / J. van Dijk (ca. 1921) · 13. August 2018

Die sozialistische Stadt

Wie Städte in Zukunft aussehen könnten — und welche Fehler wir besser nicht wiederholen sollten.

Dass es eine Architektur geben könne, die unverwechselbar sozialistisch sei, glaubte der italienische Historiker Manfredo Tafuri nicht, gilt doch, dass wir nicht im Sozialismus leben. „Eine Architektur der Klasse gibt es nicht, allein eine Klassenkritik der Architektur.“

In seinen einflussreichen, scharfsinnig argumentierten Werken der 1970er Jahre — Architecture and Utopia und The Sphere and the Labyrinth — machte Tafuri Schluss mit einer Debatte, die seit fast einem Jahrhundert bestanden hatte: ob es denn möglich oder gar sinnvoll sei, eine dezidiert sozialistische Stadt im Kapitalismus anzustreben — und wichtiger noch, ob sich diese zumindest in Bruchstücken errichten ließe. Tafuris schrilles „Nein“ zur zweiten Frage wurde begleitet von einem leiseren „Nein“ zur ersten.

Seit dem Aufstieg des Neoliberalismus werden die kleinen real existierenden Fragmente einer „sozialistischen Stadt“ — also das, was in den letzten einhundert Jahren zwischen den Entwürfen von William Morris und dem Greater London Council von Ken Livingstone gebaut wurde — nicht mehr als ein Mittel betrachtet, um dem Kapitalismus eine ruhige und gesunde Bevölkerung zur Ausbeutung bereit zu stellen. Sie sind zu Gegenständen der Nostalgie geworden.

Aber gab es die sozialistische Stadt überhaupt jemals? Ist es völlig sinnlos darüber nachzudenken, solange die viel schwierigere Aufgabe der Überwindung des Kapitalismus noch nicht gelungen ist? Und — wenn wir die Regel verletzen, dass wir keine utopischen Bilder beschwören sollten — wie könnte sie tatsächlich aussehen?

Sozialistische Gotik

Zum Teil waren die Interventionen von Tafuri als Klärungen beabsichtigt. Jahrzehnte sozialer Experimente in der Architektur, des sozialen Wohnungsbaus, der Neustädte und der egalitären Siedlungen, hatten subversive Inseln im Kapitalismus geschaffen. Aber gerade dadurch hatten sie ihn nicht geschwächt, sondern vielmehr gestärkt.

Auf Antonio Negri verweisend beschwört Tafuri den „Planer-Staat“ herauf, jener eines korporatistischen Kompromisses, bei dem das Kapital, indem es die Sozialdemokratie aufgesogen hat, nur noch mächtiger wird. Dass seine Kritik noch heute oft zitiert wird, ist seltsam angesichts ihrer augenfälligen Fehldeutung dessen, was in den 70ern für ein Wind heraufzog. Das Kapital schickte sich zu dem Zeitpunkt nämlich in der Tat an, den Klassenkompromiss nahezu komplett über Bord zu werfen, um stattdessen einen Krieg gegen alles — von den Gewerkschaften bis zum kommunalen Wohnungsbau — vom Zaun zu brechen.

Damals behauptete Tafuri, dass das Endergebnis des Reformismus der Arts and Crafts-Bewegung  — des Expressionismus, Konstruktivismus, Brutalismus — die verwaltete Stadt des fordistischen Kapitalismus sei. Es sei ihm verziehen. Aber wir müssen nicht denselben Fehler machen und können die Inseln der sozialistischen Stadt objektiver betrachten. Um einen weiteren dissidenten italienischen Kommunisten, Mario Tronti, zu zitieren, können wir sie als Phänomene „innerhalb und gegen den Kapitalismus“ ins Auge fassen.

Der Designer, der vielleicht den größten Einfluss auf diese Enklaven des Fortschritts „innerhalb und gegen“ die kapitalistische Stadt hatte, glaubte nicht, dass der Sozialismus viel Nutzen für die moderne Stadt bringe. William Morris’ Buch Kunde von Nirgendwo ist ein anderes Geschöpf als vorherige Beispiele utopischer sozialistischer Stadtplanung. Ungleich jener Werke ist seines erstaunlich frei von Paternalismus.

William Morris‘ selbst entworfener Wohnsitz: Das ‚Red House‘ in Bexleyheath, London.

Bereits zuvor im 19. Jahrhundert hatte Charles Fourier kommunale, zentral geplante, offene Wohn- und Arbeitswelten, Phalanstère genannt, vorgeschlagenen; sie sollten zumindest teilweise durch progressive Unternehmer verwirklicht werden, wie bei der Familiestère von Guise, die in den 1850er Jahren für die Arbeiterinnen einer Eisengießerei gebaut wurde. Robert Owens utopische Siedlung in New Lanark, wo hohe Steinmietshäuser und soziale Einrichtungen dicht um eine Mühle gebaut wurden, war, zumindest auf den ersten Blick, eine Möglichkeit, glücklichere, gesündere Arbeiterinnen für das Unternehmen zu gewährleisten.

Aber Morris’ „Zeitalter der Rast“ kommt erst, wie der erste Teil des Buchs beschreibt, nach einer gewalttätigen proletarischen Revolution zustande. Viele Jahre danach ist London entvölkert, die Häuser des Parlaments werden verwendet, um Mist zu speichern, Eisenbrücken werden in Stein wieder aufgebaut und der größte Teil der Bevölkerung lebt lange, ruhige, erfüllte Leben in Behausungen im Grünen; etwas, das seltsamerweise keine Vorstadtmentalität hervorzubringen scheint. Diese Vision des Kommunismus kommt ohne Phalanstères, Kollektive oder Kommunen aus.

Morris, damals Mitglied der marxistischen Social Democratic Federation (SDF) und ein Korrespondent von Engels, stach hervor, sowohl durch die Radikalität seiner Vision des Klassenkampfes als auch durch den Konservatismus seiner Vision von der Stadt. Seine Jünger sollten den ersten Charakterzug verlieren, sich an den zweiten umso mehr klammern.

Der Architekt und Planer Raymond Unwin, ein Genosse vom SDF, kehrte zu einer Idee zurück, die von Marx und Engels verspottet wurde: der eines Aufbaus der sozialistischen Gesellschaft in Bruchstücken innerhalb des Kapitalismus. Er griff dabei auf den selbstorganisierten aber ansonsten tief Fabianischen „Common-Sense-Sozialismus“ von Ebenezer Howards Garden City of Tomorrow zurück. Zwischen 1903 und 1913 entwarf Unwin die Gartenstadt Letchworth vor den Toren Londons, den Hampstead Garden Suburb und den riesigen Vorort Wythenshawe südlich von Manchester.

Die ersten zwei wurden von Philanthropen finanziert und zielten darauf ab, die Behausungen von Arbeiterinnen mit denen der Mittelschicht zu vermischen, bis sie nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. Vorherrschend wurden jedoch bald die Domizile der Mittelklasse: Letchworth ist heute eine Pendlerstadt wie jede andere, während Hampstead Garden Suburb — Geburtsort von Jerry Springer und Elizabeth Taylor und Heimat einer Generation von Labour-Parteiführern — nach einigen Maßstäben der reichste Teil von London ist.

„Diese Kombination aus teilweisem Versagen für die Arbeiterinnen und totalem Erfolg für die Wohlhabenden deutet darauf hin, dass Morris‘ neo-mittelalterliche Vision der sozialistischen Stadt im britischen Kapitalismus nicht wirklich möglich war“

In Wythenshawe indes vermietete der Manchester City Council die Häuser anhand einer kommunalen Warteliste an Bewohnerinnen der Arbeiterklasse. Zehntausende waren in den malerischen Anlagen von Gebäuden mit langen Gärten untergebracht, die sich entlang gewundener, mit Bäumen gesäumter Straßen ziehen. Dafür fehlten alle Einrichtungen — Anstalten, Stadtzentren — die in den philanthropischen Siedlungen geplant und gebaut wurden. Erstaunliche 40 Jahre lang hatte Wythenshawe kein Zentrum, bis in den 1970ern schließlich eines gebaut wurde. Eine Bahnstation bekam es nie.

Diese Kombination aus teilweisem Versagen für die Arbeiterinnen und totalem Erfolg für die Wohlhabenden deutet darauf hin, dass Morris‘ neo-mittelalterliche Vision der sozialistischen Stadt im britischen Kapitalismus nicht wirklich möglich war. Der Staat konnte zwar Häuser bauen, aber nicht für die sozialen und kollektiven Einrichtungen zahlen, welche erst städtische Räume leben lassen. Währenddessen schuf diese private Philanthropie eine zutiefst insulare Mittelschichts-Utopie, in welcher der Konservatismus einer solchen Vorstadt-Vision immer deutlicher zu Tage trat.

Interessantere Vorschläge ergaben sich aus den Ideen von Morris hinsichtlich der Entfremdung der Arbeit, weniger aus denen zu den Übeln der industrialisierten Stadt. Ein Auswuchs dessen war die Amsterdamer Schule, eine Gruppe expressionistischer Architekten in der holländischen Hauptstadt. Offenbar nahmen sie die Vorstellungen ernst, wie sie vom zunehmend sozialistisch angehauchten hochviktorianischen Kunstkritiker John Ruskin popularisiert wurden, dass nämlich repetitive, entmenschlichende Arbeit sowohl in der Architektur der Klassik, der Renaissance und des Barock gang und gäbe sei, wie auch in den mechanisierten Eisen- und Glasprodukten der kapitalistischen Bauindustrie.

Im Vereinigten Königreich bedeutete die Architektur, die aus diesen Schulen hervorging, oft nur eine andere Art von entfremdeter Arbeit, nämlich das Kopieren und Reproduzieren von gotischen Elementen statt klassischen, mit einem gleich großen Fokus auf „Korrektheit“ — ob der Maurer eines neugotischen Gebäudes wirklich fähig war, sich darin als ganzes menschliches Wesen auszudrücken, wie Ruskin es sich vorstellte, bleibt vermutlich umstritten.

Fassadendekoration an ‚Het Schip‘, einem der bekanntesten Gebäude der Amsterdamer Schule, entworfen von Michel de Klerk 1919.

Die Verzierungen der Amsterdamer Schule waren jedoch weitaus kreativer, boten sie doch viel Raum für Ausdrucksformen — ihre Gebäude, in der Regel in einem schönen, robusten, roten Backstein gehalten, sind verziert mit zarten Ornamenten aus Flora und Fauna, mit wenig Bezug zu historischen Vorbildern. Obwohl die Amsterdamer Schule vielleicht mehr dem Bauplan des Architekten verdankt als dem Willen des Bauarbeiters, waren ihre Gebäude doch hochgradig von Hand gemachte Objekte, und die Arbeit ihrer Fertigung war offensichtlich nicht mechanisiert, sondern intensiv.

Die meisten ihrer Gebäude waren für die sozialdemokratische Stadtregierung von Amsterdam oder für gewerkschaftliche Baugesellschaften bestimmt, und die meisten waren nach niederländischer Tradition Wohnungen, keine Häuser, nebst Schulen, Rathäusern, Bädern, Bibliotheken, Cafés. Es war ein ehrgeiziges Programm, das die Gegenden nördlich und südlich des historischen Zentrums der Stadt noch immer prägt.

Diese meist von Sozialwohnungen dominierten Gegenden sind immer noch unglaublich in ihrer Kombination aus Fantasie und Effizienz, ihrer räumlichen und inhaltlichen Großzügigkeit und taktilen Natur. Sie bleiben auch modern und urban und im Vergleich mit Wythenshawe oder Letchworth wesentlich attraktiver als städtisches Modell .

Die Amsterdamer Schule forderte nicht ernsthaft den Kapitalismus heraus. Aber sie kündigte  die sozialistische Stadt an, zumindest für diejenigen, die dazu in der Lage waren, sie zu genießen — gefertigt aus dem selben Material, egalitär und massiv kollektiv, zugleich reichlich individuell, bis zum Punkt des Exzentrischen.

Taylorisierte Architektur

Die Architektur der 1920er Jahre in Deutschland, den Niederlanden, Österreich und der Sowjetunion — gleich ob Sozialdemokraten oder Kommunisten die Macht innehatten — schwankte zwischen dieser Art des Expressionismus und einer futuristischeren Form der Architektur, die dem Anschein nach darauf aus ist, die Entfremdung noch zu verschärfen, um ihre Umgestaltung zu erreichen.

Nach einem anfänglichen Flirt mit Morris und Ruskin — wie er sich noch im frühen Slogan „der Kathedrale des Sozialismus“ verbirgt — entschieden sich die Reform-Architekten in Deutschland für eine bewusst mechanisierte, technophile Architektur, die in vielen Fällen tatsächlich tayloristische Arbeitstechniken anwandte, mit Zeitablauf- und Management-Studien und Fertigungsstraßen vor Ort.

In einigen Fällen gab es Versuche, dies mit der Vorstellung vom Sozialismus als Selbsttätigkeit der Arbeiterinnenklasse zu verbinden — GEHAG, die gewerkschaftliche Baugesellschaft, die in den 1920er Jahren etliche Arbeiterinnenviertel Berlins baute, versuchte ambitioniert sowohl Taylorismus als auch Arbeiterinnenräte zu fördern, damit das eine das andere aufwiege.

Bestechende modernistische Strenge: Eines der Narkomfin-Gebäude in Moskau, 1930er Jahre.
Heute ist das ‚Kommunehaus‘ am Verfallen.

 

 

 

 

 

 

 

Diekarchitektonischen Ergebnisse — die Wohnsiedlungen der Zwischenkriegszeit in Berlin, Frankfurt, Dessau, Rotterdam und Moskau — sind äußerst elegant, präzise, hell und lakonisch in ihren Details, mit einem leicht trügerischen Gefühl extremer Modernität (zumeist aus verputztem Ziegelstein, nicht aus Stahl und Beton). Wie die Garden Cities werden sie im Gegensatz zu Amsterdam von einem minutiös geplanten Meer aus Unterwuchs überflutet: Exotische Bäume und Sträucher fließen durch die scharfkantigen, geradlinigen, bewusst künstlich angelegten Gebäude.

Der Selbstausdruck der Arbeiterin im Bau wurde zunehmend als ein Überbleibsel, bloße Nostalgie des vorindustriellen Zeitalters angesehen. Auf die Frage des deutschen expressionistischen Dramatikers Ernst Toller, wie er die Ausbeutung der Arbeiterinnen rechtfertige, behauptete der ehemalige Leiter der Metallarbeitergewerkschaft, Aleksei Gastev, dass die wissenschaftliche Betriebsführung ein Schritt auf dem Weg zur völligen Beseitigung der Arbeit sei. Damit würde die Arbeitszeit radikal gesenkt werden, bis nur noch ein paar Stunden pro Tag nötig wären. Nach einiger Zeit würden die Maschinen die ganze Arbeit erledigen.

Ästhetisch wurde die verfremdende Wirkung all dieser rechten Winkel durch Bäume, Farben und dramatische, aufregende Experimente in der Geometrie ausgeglichen. In Bezug auf die Stadt selbst waren Berlin und Frankfurt Morris’ Vision am nächsten, mit Einfamilienhäusern und Gärten; Wien und Moskau favorisierten dichtere Strukturen mit integrierten Gemeinschaftseinrichtungen, manchmal sogar mit der Beseitigung privater Küchen zu Gunsten von Kantinen, wie bei den berühmten „halb-kollektivierten“ Narkomfin-Wohnungen oder den „voll-kollektivierten“ Studentinnenherbergen für das Moskauer Textilinstitut.

Handwerkliche Traditionen wurden noch unter dem ungewöhnlich radikalen sozialdemokratischen Regime im Wien der Zwischenkriegszeit praktiziert. Riesige Stadtblöcke umschlossen verschiedene Gemeinschaftseinrichtungen, nahezu Mini-Städte für sich. Sie waren vollgestopft mit Statuen, Majolika und Mosaiken, und akribisch genau in ihren Details und Materialien, mit kaum einem Anzeichen von Taylorismus. Teilweise war diese Vermeidung von Mechanisierung durch die Notwendigkeit diktiert, Arbeitsplätze zu schaffen. Intensive Arbeiten entstanden somit in einer überdimensionierten Stadt, die nicht mehr die Hauptstadt eines Imperiums war.

Paläste der Arbeiterinnen

Es ist unwahrscheinlich, dass in der Sowjetunion ein ähnlicher Impuls hinter der plötzlichen architektonischen Wende Mitte der 1930er Jahre weg vom Modernismus hin zu einem seltsam, eklektischen Neoklassizismus stand, aber die Ähnlichkeiten sind bemerkenswert: Der Engelsplatz, das letzte große Projekt in Wien, bevor seine Wohnanlagen von Faschisten bombardiert wurden, war ein riesiger, mit Fliesen verkleideter, symmetrischer neoklassischer Block mit symbolischen Türmen, Leuchttürmen und Statuen von kräftigen, voranschreitenden Arbeitern.

„Die Arbeiterinnenpaläste funktionierten Formen um, die zum Genuss absolutistischer Herrscher des 18. Jahrhunderts, für die Pariser Bourgeoisie, oder für Khans und Zaren erfunden wurden, um nun darin Stahlarbeiterinnen oder Bergleute zu beherbergen“

Nur ein kleiner Schritt ist es von da bis zu den großen, rhetorisch verbrämten „Arbeiterinnenpalästen“ des Stalinismus. Als sei es eine Entschädigung für die Überbelegung, die Akkordlöhne, den Terror und das Fehlen politischer Repräsentation, erhielt eine große und glückliche Minderheit der Arbeiterinnen — in der Regel jene, die sich in der „Stoßbrigade“ ausgezeichnet hatten — palastartige Wohnungen. Diese wiesen hohe Decken, reichliche Oberflächenverzierungen und eine Infrastruktur von Schulen, Clubs und Kinos auf, wie sie in Arbeiterinnenvierteln von Moskau oder in Fabrikstädten wie Nischni Nowgorod zu sehen sind.

Vielleicht zu Recht als reines Spektakel verhöhnt , hatten diese Strukturen den Vorzug — ebenso wie die Metro-Systeme unterhalb — dem Ansatz nach in der Stadt die „Welt auf den Kopf zu stellen“. Sie funktionierten Formen um, die zum Genuss absolutistischer Herrscher des 18. Jahrhunderts, für die Pariser Bourgeoisie, oder für Khans und Zaren erfunden wurden, um nun darin Stahlarbeiterinnen oder Bergleute zu beherbergen. Die meisten lebten jedoch weiterhin in stark unterteilten Wohnblöcken aus dem 19. Jahrhundert, in denen sich mehrere Familien eine einzige kleine Wohnung teilten.

Statt sie als sozialistisch anzusehen, glich die sowjetische Stadt auf ihrem Höhepunkt vielmehr dem, was Rudolf Bahro eine „nicht-kapitalistische Industrialisierung“ nannte. Sie hat mehr der lokalen, nicht-westlichen, räumlichen Tradition zu verdanken als der bloßen Nachahmung.

Die stalinistische Stadt ist die Stadt Peter des Großen auf den Kopf gestellt. Der Zar ordnete den Bau einer neoklassischen Metropole von solch räumlicher Freizügigkeit und Größenordnung an, dass sie nie unter einem System von Spekulanten und individuellem Eigentum hätte gebaut werden können. Stalins Sieben Schwestern glichen die Idee des Wolkenkratzers an ein System despotischer Flächennutzung an, wo riesige, babylonische Hochhaus-Hotels, Büros und Luxuswohnungen in einem Kreis rund um den Kreml platziert wurden. Alles, was im Weg stand, wurde dabei gnadenlos platt gemacht.

Dabei erinnerte das an eine frühere sozialistische, architektonische Idee — an die Vorstellungen des Berliner Architekten Bruno Taut von der „Stadtkrone“, bei der sich die Stadt um eine riesige, pyramidale Struktur konzentrieren sollte, die einen Konzertsaal, ein Rathaus, ein Tanzlokal besitzen würde und vieles mehr, um das sich das Gemeinschaftsleben drehen würde.

Sozialistische Prachtarchitektur: Wohnhausanlage am Friedrich-Engels-Platz in Wien.

Man kann argumentieren, dass etwas Ähnliches in der Form des stalinistischen Kultur- und Wissenschaftspalastes erreicht wurde, der in den frühen 1950er Jahren im Zentrum von Warschau gebaut wurde, wo das von allen Seiten sichtbare Gebäude einem Sammelsurium von sozialen Funktionen gewidmet war, darunter Schwimmbäder, zwei Konzertsäle, ein Theater, ein Technikmuseum, mehrere Bars, ein Kino, ein „Jugendpalast“, verschiedene Büros und ein öffentlicher Aussichtspunkt im dreißigsten Stockwerk.

Die Vertreibungen, die durch Stalins Super-Hausmannismus verursacht wurden, verschlimmerten nur eine desaströse Wohnungsnot. So bestanden die ersten Anzeichen der Entstalinisierung 1954, in einem Dekret, das vereinfachtes, vorgefertigtes Bauen und ein Ende architektonischer „Exzesse“ empfahl. Was folgte, ist das bekannte Bild der sozialistischen Stadt aus der Welt der Klischees — nämlich die Intensivierung des Kults der Mechanisierung und Vorfertigung der Weimarer Republik, bis zu dem Punkt, wo ganze Stadtteile, in denen mehr als hunderttausend Einwohnerinnen untergebracht waren, wie Ursynów in Warschau, aus identischen Betonplatten gebaut wurden.

Den Resultaten fehlte es oft an kollektiven Einrichtungen, wie es in der Zwischenkriegszeit vorgesehen wurde — besucht man viele von ihnen heutzutage, dann findet man, dass entmutigende Hyper-Einkaufszentren diese Lücke gefüllt haben. Wie im Westeuropa der Nachkriegszeit, in Lateinamerika oder in Japan gibt es viele faszinierende soziale Experimente aus jener Zeit, von denen sich einige mehr als andere erwiesen haben, zum Überleben „innerhalb und dagegen“ fähig zu sein.

Ein Index der Möglichkeiten

Statt einer monolithischen Logik des einsetzenden Fordismus zu folgen, stach in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts durchweg die Verbindung von Sozialismus und Architektur durch ihre scharfen Wechsel in der Auseinandersetzung hervor: vom Fertigbau zum Handwerk und wieder zurück, von Vorstadt zu ultra-urban, von der Überfülle an sozialen Einrichtungen im Roten Wien bis zur Kargheit von allem bis auf Häuser und Kirchen in Wythenshawe.

Dies stellt einen komplexen Index an Möglichkeiten dar. Ist es nötig zu entscheiden, welche von ihnen die Zukunft authentisch vorverkörperte? Trotzkis Vorschlag in Literatur und Revolution, konkurrierende ästhetische Schulen würden im „Zeitalter der Rast“ die politischen Parteien ersetzen, legt nahe, dass es nicht so ist. Doch im Kapitalismus sind diese Fragen noch lebendig.

Der Eifer zeitgenössischer radikaler Architektur weist in der Regel eine eigentümliche Notlage analog zu der von Morris auf: Scheinbar wird die nicht-entfremdete Arbeit des Selbstbauens bevorzugt, die normalerweise die Form von Einfamilienhäusern annimmt, während in chinesischen Städten die wohl größten modernistischen kommunalen Wohngebiete der Geschichte gebaut werden.

Seltsamerweise sind es die stillgelegten Wolkenkratzer in Caracas und nicht die städtischen Hochhäuser in Chongqing, die die größte Faszination auf den Westen ausüben. Selbsttätigkeit und Mechanisierung sind immer noch die beiden Pole, zwischen denen der Reformismus schwankt. Doch in dieser Dialektik können wir vielleicht mehr Potenzial bei der Vorstellung von der Zukunft der Arbeit, der Ästhetik und der Stadt entdecken, als wenn wir alles in eine Irrelevanz verbannen, in die des allzu vertrauten „nach der Revolution“.

„Die jahrhundertelange Erfahrung mit sozialistischer Architektur stellt einen Index der Möglichkeiten dar. Diese Orte waren nicht nur Baupläne oder Papier-Utopien; es gab sie wirklich. Menschen lebten und leben noch in ihnen, ihr Leben wurde dadurch verändert“

In die sozialistische Stadt gehen wir nicht blindlings hinein, sondern im Bewusstsein, dass Dutzende Versuche von Inseln des Sozialismus geschaffen wurden, einige erfolgreicher und dauerhafter als andere. Wir müssen bedenken, welche aufgrund inhärenter Fehler ihrer Architektur und Stadtplanung fehlschlugen, und welche einfach deshalb unterlagen, weil sie im Kapitalismus unmöglich waren. An jenen, die im Kapitalismus erfolgreich waren, können wir feststellen, welche deshalb funktionierten, weil sie kapitalistische Werte reproduzierten und welche deshalb funktionierten, weil sie unbezwingbare Inseln waren, die es fertig brachten, sowohl „innerhalb“ als auch „dagegen“ zu existieren.

Das Wertvollste von alldem: diese jahrhundertelange Erfahrung stellt einen Index der Möglichkeiten dar. Diese Orte waren nicht nur Baupläne oder Papier-Utopien; es gab sie wirklich. Menschen lebten und leben noch in ihnen, ihr Leben wurde dadurch verändert. Wenn wir den Gedanken an die Architektur auf ein vages „nach der Revolution“ verschieben, ignorieren wir die Tatsache, dass sozialistische Architekten oft einen Blick darauf geworfen haben, wie eine andere Gesellschaft aussehen könnte.

Dieser Text erschien zuerst auf Englisch bei unserem Kooperationspartner Jacobin-Magazine. Übersetzung von Kolja Swingle

Owen Hatherley