Quelle: Flickr / Ewan McIntosh · 3. Juli 2018

Design Thinking:
Der Flirt mit Allmachtsfantasien

Design Thinking soll Unternehmen innovativer machen. Zunehmend wird die Methode auch auf politische Themen angewandt – und führt dort zu seltsamen Vorstellungen.

Eine Gruppe Angestellter eines größeren Unternehmens steht um Stehtische herum. Gleich werden sie Ideen haben. Das ist garantiert. Schließlich befinden sie sich in einem Design Thinking-Workshop. Design Thinking ist eine Methode, die Kleingruppen zur Zusammenarbeit anleitet, um Lösungsideen für Probleme zu entwickeln. Probleme jeder Art erscheinen dabei als Folge mangelnder Kreativität und Innovationskraft. Sie sind niemals struktureller Natur. Das gesellschaftlich Vorstellbare schrumpft so auf die Horizonte der Produktentwicklung und des Marketings zusammen. Ursprünglich ist Design Thinking als Innovationsmethode oder Problemlösungskonzept im Umfeld der global agierenden Beratungsfirma IDEO entstanden. Seit 2005 wird es an sogenannten d.schools in Stanford, Potsdam (seit 2007) und Cape Town (seit 2016) als Zusatzausbildung für junge Studienabsolventinnen angeboten. Dort werden sie zu kreativem Denken erzogen und tragen als Innovationsberaterinnen ein Mindset in die Welt, das keine Probleme, sondern nur Herausforderungen und schnelle Lösungen kennt. Design Thinking boomt als Workshopformat und Beratungsdienstleistung, von dem sich Unternehmen eine gesteigerte Innovationskraft ihrer Angestellten erhoffen. Doch zunehmend wird das Konzept auch außerhalb der Wirtschaft angewandt und dringt in die Politik vor. Dort verspricht es politisches Engagement, das Spaß macht, mühelos ist und Dinge verändert, statt sich mit zähen Auseinandersetzungen aufzuhalten.

Süße Versprechen

Design Thinking hat eine so große Anziehungskraft, weil es direkt auf Gefühle von Orientierungslosigkeit und Ohnmacht antwortet. Die nicht zu bewältigende Komplexität moderner Gesellschaften oder existentielle Bedrohungen wie der Klimawandel lassen das Individuum ohnmächtig und verloren zurück. Design Thinking hält das süße Versprechen parat, „mit den komplexen Aufgaben unserer Gegenwart“ effektiv umgehen zu können. Dazu wird in den Workshops Komplexität radikal ausgeblendet, jede Herausforderung erscheint als bewältigbar . Das aktiviert die Beteiligten und gibt ihnen den Glauben an die Macht ihrer eigenen Ideen zurück. Egal ob als Ziel die Entwicklung innovativer Zahnbürsten oder die Bekämpfung globaler Armut ausgerufen wird, am Ende jedes Workshops steht eine konkrete Idee, die den Prozess abschließt, vorzeigbar ist und als Symbol der eigenen Handlungsfähigkeit dient – solange man sie nicht hinterfragt.

»Die Aufgabe der Design Thinkers beschränkt sich auf das Notieren neuer Einfälle auf Post-Its«

In den Workshops schwebt über allem ein Charakter der Vorläufigkeit und Improvisation. Die Arbeit findet unter Zeitdruck statt, so dass ein Innehalten oder Reflektieren systematisch ausgeschlossen wird. Die Bewertung von Ideen ist an Tests mit potenziellen Nutzerinnen ausgelagert, deren Feedback in Form von Verbesserungsvorschlägen und nach dem Motto „I like, I wish“ zurück in den Prozess fließt. Es geht nur vorwärts und für ein grundsätzliches Hinterfragen der Ideen ist kein Platz. Die Aufgabe der Design Thinkers beschränkt sich auf das Notieren neuer Einfälle auf Post-Its. Sie werden als endlos sprudelnde Quellen neuer Ideen begriffen, deren kreatives Potential durch Design Thinking entfesselt werden soll. So erscheint der Design Thinking-Prozess als dynamische Informationsverarbeitungsmaschine, die aus Kreativität und permanentem Feedback nach und nach Ideen formt, die auf echte Probleme antworten.

Design Thinking-Workshop. Foto: Flickr / Tim Olson

Weltverbessern leicht gemacht

Die Probleme selbst werden dabei als leicht lösbar dargestellt. Sie müssen als Hohlform funktionieren, aus der die entsprechende Lösung dann gegossen wird. Nur so lässt sich die Passung von Problem und Lösung erzeugen, die dem Design Thinking seine Gewitztheit verleiht. An der d.school in Potsdam wurde beispielsweise ein Projekt durchgeführt, durch das die Situation wohnungsloser Menschen verbessert werden sollte. Als ein Ergebnis wurden sogenannte „Wer bin ich“-Karten vorgestellt, mit deren Hilfe den Wohnungslosen ihr eigenes Wissen und Können bewusst gemacht werden sollte, um sie zur Selbsthilfe zu befähigen. Blickt man durch diese Lösungsidee auf das angenommene Problem, erscheint Wohnungslosigkeit als Folge individueller Unzulänglichkeiten, die sich durch Aktivierung der Betroffenen beseitigen lassen. Dass dies die Situation wohnungsloser Menschen grotesk reduziert und ihnen mithilfe dieser Karten wohl höchstens noch die volle Verantwortung für ihre Situation zugesprochen wird, ist offensichtlich.

Solange man die vorgeschlagene Lösung aber nicht hinterfragt, kann sich Design Thinking als Weltverbesserungskonzept präsentieren. Die Realisierung der Ideen fällt nicht mehr in den Bereich des Konzepts und somit gibt es auch keinen Moment der Wahrheit, in dem Design Thinking an seinem Output gemessen wird. Solange die Geschichte von Problemen und ihren Lösungen gut klingt, funktioniert der Trick und Design Thinking verströmt eine Atmosphäre des Probleme-Lösen-Könnens.

»Besteht das Elend der Welt aber tatsächlich nur, weil die innovative Lösung noch nicht gefunden wurde?«

Von dieser Stimmung ergriffen, liegt es nahe, sich nicht auf kommerzielle Organisationen und die Produktentwicklung zu beschränken. Wer an das Problemlösungspotenzial des Design Thinking glaubt, möchte damit in einem nachvollziehbaren Impuls auch gesellschaftliche Missstände angehen. Statt ab und zu mal eine Demo zu besuchen und sich nur zu beklagen – so ein häufig vorgebrachtes Argument – wolle man lieber wirklich etwas bewegen. Besteht das Elend der Welt aber tatsächlich nur, weil die innovative Lösung noch nicht gefunden wurde? Hier wird deutlich, dass Design Thinking Strukturen und Machtverhältnisse systematisch ausblendet. Es ist in der Logik des Konzepts schlicht nicht vorstellbar, dass soziale Missstände das Resultat von Ausbeutungsverhältnissen oder Interessenskonflikten sein können. Dissens, langwierige Auseinandersetzungen oder schwierige Kompromissfindungen sind im Design Thinking keine Option. Denn solche Verhandlungen und Kämpfe einzugehen, würde bedeuten sich selbst den Strukturen aussetzen zu müssen. Dem Lösungsideal des Design Thinking, das eine kluge Idee äußert und die Arbeit damit für beendet erklärt, entspricht das nicht.

Keine harten Bretter

Dieses Selbstverständnis zeigt sich in besonderem Maße in einem Workshopformat, das aus einem Absolventinnennetzwerk der d.school in Potsdam hervorgegangen ist und mit Design Thinking politisches Engagement ermöglichen will: „Redesign Democracy“. Das Format wird beschrieben als „ein Workshop für diejenigen, die was tun wollen aber nicht genau wissen, was und wie.“ Die Teilnehmerinnen machen sich im Workshop auf die Suche nach einem der vielen Probleme in der Welt, auf dessen Lösung sie sich dann konzentrieren wollen. Dementsprechend sind sie nicht selbst betroffen. Sie erscheinen vielmehr als privilegierte, empathische Wesen ohne Eigeninteressen, die immer dann auf den Plan treten um die Kraft des Design Thinking zu entfesseln, wenn die Menschen Probleme haben. Im Workshop sollen sie vom „Reden zum Machen“ gebracht werden, um Dinge die noch nicht laufen ins Laufen zu bringen. Diese unmittelbare Ermächtigung ist wieder nur um den Preis einer Weltsicht zu haben, die leichte Lösungen verspricht. Mit „Bürokratie und verkrusteten Strukturen“ möchte man sich dabei nicht auseinandersetzen. Das muss man sich leisten können.

Redesign Democracy ist also vor allem für jene interessant, die den Flirt mit Allmachtsfantasien genießen. So wird das Selbstverständnis einer kreativen Elite kultiviert, die über den Dingen steht und von dieser privilegierten Position aus die Gesellschaft verbessert, ohne sich die Finger schmutzig zu machen. Doch wer hat die Design Thinkers zur Innovationsabteilung der Gesellschaft ernannt?

Auf diese Weise gesellschaftliche Miseren anzugehen, bedeutet das Betreiben von Politik zum Soundtrack der Singer-Songwriterin Julia Engelmann. Schwierigkeiten oder Leid entspringen in dieser Logik ausnahmslos einer zu pessimistischen Sichtweise. Einen Design Thinking-Workshop kann man mit dem guten Gefühl verlassen, heute die Welt ein Stück besser gemacht zu haben und sich nun wieder anderen Dingen widmen zu können. Mit dem Bohren harter Bretter, wie Politik einst von Max Weber beschrieben wurde, haben Design Thinking und Redesign Democracy nichts mehr zu tun. Hier vermeidet man es zu bohren. Man stellt sich stattdessen vor, mühelos durch das Brett zu gleiten und redet sich derweil ein: „Dieses Brett ist nicht hart. Dieses Brett ist nicht hart. Dieses Brett – ist – nicht – hart!“

Tim Seitz

Tim Seitz ist Soziologe und promoviert an der TU Berlin zu Sozialtechnologien und neoliberalen Politikformen