People Yoga Beach Nature Peaceful Concept Quelle: Depositphotos · 10. Juni 2018

Das Problem
mit der Achtsamkeit

Yoga, Fitness, Bäderparadies: Warum Wellness die perfekte Ideologie für unsere Zeit ist.

Den Menschen in Deutschland ging es gesundheitlich schon lange nicht mehr so schlecht. Während Deutschland innerhalb der EU eines der Länder mit den  wenigsten Streiktagen pro Arbeitnehmerin ist, fielen letztes Jahr pro 100 Versicherte 246 Arbeitstage durch Krankheit aus. Die Fehltage haben sich in den letzten 20 Jahren mehr als verdreifacht, insbesondere durch psychische Erkrankungen. Der Wertschöpfungsausfall beläuft sich auf 225 Milliarden Euro. Krankenkassen und Staat suchen deshalb nach neuen Lösungen. Und die heißen häufig, dass wir achtsamer leben und mehr Yoga machen sollen.

In unserer neoliberalen Zeit gilt der Wohlfahrtsstaat als veraltet, paternalistisch und unser Gesundheitssystem  als zu teuer – vor allem die Personalkosten für Ärztinnen und Pflegekräfte. Dies hat schwerwiegende Folgen für unsere Gesundheit. Im Krankenhaus kommt auf 13 Patientinnen nur eine Pflegekraft. Gerade in ärmeren Stadtteilen wartet man ewig auf einen Termin bei der Ärztin, auf dem Land gibt es ohnehin zu wenige – während reiche Gegenden sogar überversorgt sind.

Weg von der Glotze, rein ins Studio

Seit Mitte der 2000er wird nach neuen marktbasierten Lösungen gesucht, die allerdings nur wenig mit unserer Gesundheit zu tun haben. Damals hieß es, dass die Deutschen sich zu viele Arztbesuche gönnen. Damit gehe die wertvolle Zeit der Ärztin verloren, die Leute würden eher krankgeschrieben und fielen bei der Arbeit aus. Also sollten wir auf einmal 10 Euro Praxisgebühr zahlen. Zur gleichen Zeit bezeichneten sich die Krankenkassen plötzlich als “Gesundheitskassen”. Dies war nicht nur eine diskursive Verschiebung, sondern verdeutlichte die veränderte Funktion der Kassen. Ihre Aufgabe bestand nun darin, uns zu aktivieren und uns einen gesunden Lifestyle zu verpassen: weg von der Glotze und rein ins Fitnessstudio. Etwas zeitversetzt zu den Hartz-IV Reformen, durch die ebenfalls Menschen aktiviert werden sollten, predigten Politikerinnen, Wirtschaftsbosse und Gesundheitsexpertinnen, dass der Wohlfahrtsstaat faul und arbeitsscheu mache. Wellness hingegen mache produktiv, arbeitstüchtig und unternehmerisch. Nicht mehr als Kulturgut, sondern als Privatsache.

Heute gibt es in deutschen Klein- und Großstädten an jeder Ecke Wellness-Angebote. Für jeden Geldbeutel und jede Lebenslage ist etwas dabei, ob Thai-Massage, Fitnesscenter, Sonnenstudio, Bäderparadies, Yoga oder Fußmassage-Salon.

Denk positiv!

Die Kehrtwende vom Wohlfahrtsstaat zur Eigenverantwortung benötigte eine neue Ideologie. Es geht darum, dass wir möglichst wenig kosten und uns selbst darum kümmern, unsere Arbeitskraft bestmöglich funktionieren zu lassen. Also kam es zu einer Wellness-Offensive, die die Achtsamkeit ins Zentrum rückte. In ihrem Buch ‘Smile Or Die’ weist die amerikanische Journalistin Barbara Ehrenreich darauf hin, dass dieser Wellness-Wahn seinen Ursprung in der positiven Psychologie und ihrer jüngeren Schwester, dem “positiven Denken”, findet. Achtsamkeit, oder im Englischen “Mindfulness”, speist sich dabei aus New Age Religionen, Pop-Psychologie und Silicon Valley-Ideologie. Durch Meditation lernt der Mensch auf seinen Körper zu hören. Zum einen ist Achtsamkeit um einiges billiger als ein Arztbesuch. Man kann  sich innerhalb nur weniger Wochen zur Achtsamkeit-Lehrerin ausbilden lassen. Es wird kein Personal benötigt, sondern nur “positives Denken”. Zum anderen liegt eine ideologische Verkettung vor: Achtsamkeit macht produktiv. Ein gesunder Kopf bringt keine Krankheiten hervor. Demzufolge führen Wellness und Achtsamkeit zu gestiegener Produktivität, wohingegen der Besuch bei der Ärztin mit Ansteckungsgefahr und Arbeitsdrückerei verbunden wird. Darum übernehmen die “Gesundheitskassen” jetzt auch Achtsamkeits-Trainings.

Rauchen nur zu Hause

Ein besonderes Merkmal der derzeitigen Wellness- und Gesundheits-Offensive ist der Verzicht auf Dinge, die jahrzehntelang einen wesentlichen Bestandteil unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens darstellten. Der österreichische Philosoph Robert Pfaller hat herausgearbeitet, dass das Wellness-Regime dazu geführt hat, dass am Sonntag kein Braten mehr gegessen oder neuerdings auf Alkohol verzichtet wird. Dabei geht es ihm nicht um den Erhalt von deutschen Konsumgütern, sondern darum, dass dieses Verhalten gemeinschaftliche Momente sind, in denen unbewusst der Marktlogik und dem Alltagsstress widerstanden wird.

Die Kehrseite dieses Verzichts sind Ekstase und Völlerei. Jugendliche und junge Erwachsene haben immer weniger Sex, schauen dafür aber immer mehr Pornografie. Sie trinken weniger als je zuvor, aber wenn sie trinken, dann bitte gleich Komasaufen. Dies ist der Ausdruck einer Gesellschaft, in der Genuss verpönt wird und wesentliche Bestandteile unserer Gesellschaft der Selbstoptimierungslogik unterworfen sind.

In Pfallers Büchern kommt dem Rauchen im ‚Wellness-Zeitalter‘ eine ganz besondere ideologische Funktion zu. Es wird aus dem öffentlichen Raum verdrängt und gilt nicht mehr als Kulturgut, sondern als Privatsache. Pfaller beschreibt, dass es letztendlich darum geht, das Solidarprinzip im Gesundheitswesen auszuhebeln. Den Schutz von Kellnerinnen vor verrauchten Kneipen, der von der Politik als Argument vorgebracht wird, sieht er als pure Lippenbekenntnisse und Heuchelei an. Lohnerhöhungen oder bessere Verträge werden für diese prekarisierten Beschäftigten nämlich nie gefordert.

Wachstum durch Wellness

In ihrem Buch Das Wellness-Syndrom argumentieren Carl Cederstöm und André Spicer, dass Wellness zu einer Ideologie geworden ist, die darauf abzielt, dass wir weiterhin produktive Beschäftigte bleiben. Doch es steckt noch mehr dahinter. Ein weiterer Grund, warum Wellness in den Vorstandsetagen so beliebt ist, liegt darin, dass in gesättigten Verbrauchermärkten kaum noch Wachstum zu erzielen ist. Das verdeutlicht auch die Lage der Weltwirtschaft, in der auf einmal Wachstumsraten von einem Prozent als hoch gelten.

»Die einzige verbleibende Möglichkeit: noch mehr Arbeitszeit aus den Beschäftigten rauspressen und sie noch produktiver machen.«

Dies geschieht einerseits durch die Einführung neuer Technologien. In den Industrien, die nicht digitalisiert werden können oder in denen es sich finanziell nicht lohnt, müssen trotzdem Produktivitätszuwächse geschaffen werden. Dies kann nur durch weniger Krankentage und größere Widerstandsfähigkeit geschehen, quasi die Robotisierung der Menschen selbst.

Besonders beliebt ist Achtsamkeit im Management. Etliche Consulting-Firmen trainieren Bankerinnen und Finanzmanagerinnen darin, sich in stressigen Situationen als ”resilient”, also widerstandsfähig zu erweisen und nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Selbstverständlich kann es sein, dass Achtsamkeit Leuten hilft den stressigen Alltag zu bewältigen. Hätten sie nur vor zehn Jahren mehr Achtsamkeit geübt, dann wäre es nicht zur Weltwirtschaftskrise gekommen, so die Erzählung. Auch deswegen ist Mathieu Ricard, ein buddhistischer Mönch aus Frankreich, ein gern gesehener Gast beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Er predigt dort Glück als neues Leitmotiv für die Weltwirtschaft.

Mehr genießen

Wellness ist somit die perfekte Ideologie für unser digitales Zeitalter. Achtsamkeit ist das Werkzeug, um die dunklen Seiten dieser schönen neuen Welt zu bewältigen. Die Kosten werden auf das Individuum abgewälzt. Nur durch den Kauf der neuesten Mindfulness-App oder den Besuch in der Wellness-Oase, wo man sich richtig entspannen kann, ergeht es einer besser. Wellness und Achtsamkeit passen gut zur Fokussierung auf das Individuum, auf die Karriere und die gesteigerte Eigenverantwortung, die der derzeitige Kapitalismus uns abverlangt.

Dabei handelt es sich um das Symptom einer Verschärfung des Konflikts zwischen Kapital und Arbeit, ohne dass Beschäftigte es so wahrnehmen. Wer hat schon was am gemeinsamen Sport mit den Arbeitskolleginnen auszusetzen? Wer entzieht sich der kostenlosen Massage am Arbeitsplatz?

»Können wir Freizeit und Wellness von den Chefetagen zurückerobern?«

Robert Pfaller plädiert indessen für mehr Momente des Genusses. Unsere Gesellschaft lebt nämlich nicht von Wellness, sondern basiert auf dem gemeinsamen Genuss – der gemeinsamen Zigarette, des Sonntagsbratens, oder des Glas Sektes, das man gemeinsam beim Geburtstag einer Kollegin auf der Arbeit trinkt. Hierbei knüpft Pfaller im weiteren Sinn an die alte sozialistische Tradition des Rechts auf Faulheit an. Der Unterschied ist, dass er keinen Gegenentwurf zum alten Motto der Arbeiterinnenbewegung,  ”8 Stunden Arbeit, 8 Stunden Schlaf, 8 Stunden Freizeit”, liefert. Diesen Gegenentwurf benötigen wir aber dringender denn je – und müssen uns über konkrete Forderungen Gedanken machen, mit denen wir Freizeit und Wellness von den Chefetagen zurückerobern können.

Mark Bergfeld

Mark Bergfeld ist Redakteur bei Ada