Janko Konstantinov: Telekommunikationszentrum, Skopje, Mazedonien, 1968–81 Quelle: Flickr: yeowatzup · 2. September 2018

Brutal sozial

Der imposante Baustil Brutalismus war schon immer umstritten, doch fünfzig Jahre später erinnern sich nur noch die wenigsten an die soziale Sprengkraft seiner Entwürfe. Stattdessen wird vielerorts über die benötigte Sprengkraft diskutiert, um die Gebäude zu pulverisieren.

Als 1966 der brasilianische Architekt Paulo Mendes da Rocha, ein Pionier der Avantgarde-Architektur der Nachkriegszeit, sein kompromissloses Betonhaus in São Paulos Villenviertel bezog, kam der Bau einem großen Stinkefinger gegenüber dem verschnörkelten Establishment gleich. Und als drei Jahre später nur wenige Kilometer weiter die Fakultät für Architektur und Städtebau eröffnete, wurden die bewusst groben Schalungsabdrücke der ungelernten Arbeiter an der monumentalen Betonfassade als brillanter Ausdruck kommunistischer Ideale gefeiert.

Viele dieser Bauwerke verkörperten eine Vorstellung des gemeinschaftlichen Zusammenlebens und öffentlichen Eigentums, die der heutigen neoliberalen Orthodoxie diametral entgegen steht.

Brut ≠ brutal

Doch zunächst ein Blick zurück: Es begann in England und bei Le Corbusier. Die britischen Architektinnen Allison und Peter Smithson popularisierten zusammen mit dem Architekturkritiker Reyner Banham Mitte der 1950er Jahre den Begriff Brutalismus. Auch wenn die Wortschöpfung nicht von „brutal“, sondern von französisch brut (roh) stammt, war die Missverständlichkeit sicherlich schon den Schöpfern nicht entgangen.

Gemeint war zunächst einmal nur eine Architektur, die offen ihre Struktur und ihre Materialien zeigt. Egal ob Backstein, Stahl oder Beton: Kein Putz, keine Verkleidung sollte verstecken, womit gebaut wird, wie alles zusammenhält und welcher Funktion es dient – radikale Ehrlichkeit für die Gesellschaft der Nachkriegszeit.

Das Wort wurde aus der Kunst (Art brut) und von Le Corbusiers Begriff béton brut entlehnt: Beim Bau seines Sozialwohnungskomplexes Unité d’Habitation in Marseille (1947–52) sah er sich, so die Erzählung, einem solchen Durcheinander von dutzenden überforderten Bauunternehmen gegenüber, dass er aus der Not heraus beschloss, die gewaltigen Betonstützen grob geschalt in Sichtbeton zu belassen. Eine Methode, die er béton brut (roher Beton/Sichtbeton) nannte und die wegweisend für die Formsprache der 1960er und 1970er Jahre sein sollte. So entstanden zwischen Corbusier, Banham und den Smithsons die Bausteine der brutalistischen Theorie und Ästhetik.

»Der Brutalismus verbreitete sich so schnell, dass man ihn kaum auf eine politische Haltung, auf eine Hauptaufgabe reduzieren kann«

Eine junge Architektengeneration versuchte sich gleichzeitig von der funktionalistischen Kistenästhetik ihrer modernistischen Vorgänger abzusetzen. Günstige Arbeitskräfte, volle Kassen in der Zeit wirtschaftlichen Aufschwungs, und der Fortschrittsglaube des „Space Age“ begünstigten immer individualistischere, skulpturale Formen und immer größere Megastrukturen. Das Telekommunikationszentrum in Skopje zum Beispiel gleicht einer archaischen Raumstation, die trotz aller Verrücktheiten Versorgungskerne, Treppenhäuser und Beton offen zur Schau stellt. Baustruktur und Materialien wurden nicht nur offen gezeigt, sondern immer weiter überhöht und zelebriert.

Paulo Mendes da Rocha: Haus Paulo Mendes da Rocha, São Paulo, Brasilien, 1964–66. Bild: Flickr / POET ARCHITECTURE

Nach Jahren wissenschaftlicher Sachlichkeit traten Architektinnen auf einmal wieder als Künstlerinnen auf – wenn auch mit fortwährender Begeisterung für neue Technologien. So kamen bei der Bank of London and South America modernste Klimatechnik und ein ausgeklügeltes System aus stehenden und hängenden Stockwerken zum Einsatz. Die kolossalen, durchbrochenen Stützen, an denen die oberen Stockwerke aufgehängt sind, stemmen sich dabei gleichzeitig gegen die erdrückenden Kolossalordnungen der historistischen Nachbarbanken.

Zur selben Zeit stand die öffentliche Hand vor einem Berg von Herausforderungen. Landflucht und Baby-Boom ließen Städte so rasant wachsen wie zuletzt um die Jahrhundertwende herum. Millionen sollten aus ihren einfachen Behausungen in die Elektroherd- und Zentralheizungsmoderne des Sozialstaats katapultiert werden.

Während kriegszerstörte Innenstädte immer noch (zum Teil ebenfalls brutalistisch) wiederaufgebaut wurden, entstanden riesige neue Wohnviertel in der Peripherie. Mit der neu- oder wiederentdeckten Freude an monumentalen Riesenprojekten entstanden so Sozialwohnungsprojekte, die mitunter die Masse eines ganzen Vororts in einem Komplex unterbrachte.

Doch der Brutalismus verbreitete sich so schnell, dass man ihn kaum auf eine politische Haltung, auf eine Hauptaufgabe reduzieren kann. Kulturzentren von Österreich bis Japan, Universitäten von Sydney bis St. Petersburg, Postämter von Kanada bis Papua-Neuguinea, Bibliotheken, Privatvillen, Mikrohäuser, Megakomplexe, Kirchen, Moscheen, Krankenhäuser, Hotels, Rathäuser, Kindergärten, Gefängnisse – innerhalb von 15 Jahren umspannte der Brutalismus die Welt.

Eine selbsterfüllende Prophezeiung

So optimistisch wie die Entwürfe waren auch die Erwartungen der Architektinnen für bedarfsgerechte Instandhaltung. Dem Fürsorgestaat der Boom-Jahre folgte jedoch schon bald die neoliberale Liebe zu Optimierungs-, sprich Einsparpotenzialen. So wurden die Bauten oft bereits direkt nach der Fertigstellung mehr oder weniger ihrem Schicksal überlassen.

Der Verfall ließ nicht lange auf sich warten. Und auch der Geschmack änderte sich schnell: Zierte Paul Rudolphs Art and Architecture Building für die Yale University zu ihrer Eröffnung noch die Titelseiten sämtlicher Architekturzeitschriften, wäre sie nur rund eine Dekade später von der Uni lieber wieder abgerissen worden.

Ölkrise, Bürgerinnenproteste, Vietnam, Umweltzerstörung – die Betonburg symbolisierte in den 1970er Jahren das zu bekämpfende Establishment in seinen riesenhaften Dimensionen – dystopische Zeichen größenwahnsinniger Architektinnen und öffentlicher Auftraggeber, die in den fetten Jahren den Glauben an unbegrenztes Wachstum in Betonberge gossen. Als der James Bond-Autor Ian Fleming nach einem Namen für einen Bösewicht suchte, kam ihm der Architekt des Trellick Towers Ernő Goldfinger in den Sinn.

»Schon das Bewusstsein um die schiere Existenz dieser Bauwerke kann zu ihrem Erhalt beitragen«

Der Sozialswohnungsturm machte aufgrund der außer Kontrolle geratenen Kriminalität Schlagzeilen. Auch hier wurden die Bewohnerinnen unter Thatcher mehr oder weniger ihrem Schicksal überlassen: In einem Akt selbsterfüllender Prophezeiung wurden so systematisch die ungeliebten Brutalisten so lange vernachlässigt, bis sie irgendwann tatsächlich in so schlechtem Zustand waren, dass sie nur noch als Schandflecke auf ihren Abriss warteten.

Bei so vielen Architektinnen (,von denen sich nur die allerwenigsten selbst als Brutalisten bezeichnet hätten), Klimazonen, Kulturen, Voraussetzungen und Projekten entstand natürlich bei weitem nicht nur Preisverdächtiges. Verkopfte Grundrisse, die den Orientierungssinn auf die Probe stellen, rekordverdächtige Mengen kleiner Flachdachabsätze, in die es gerne mal hineinregnet, mangelhafte Stahlbewehrung, die schwer reparierbare Betonschäden nach sich zieht, monumentale Größen, die sich kaum um ihr Umfeld scheren und das allgegenwärtige Grau des Sichtbetons, das sich auf heroischen Architekturaufnahmen besser macht als im englischen Dauerregen – viele Fehlschläge wurden zurecht kritisiert.

Doch das Kind wird hier mit dem Bade ausgeschüttet. Wenn es groß, grau und aus den 70ern ist, kann es weg. So gehen bisweilen auch brillante Bauwerke und mit ihnen die wichtigsten Zeugen des vielleicht furiosesten Baustils des 20. Jahrhunderts unwiederbringlich verloren.

Le Corbusier: Unité d’Habitation, Marseille, Frankreich, 1947–52. Bild: Flickr / André P. Meyer-Vitali

Was bleibt – und was kommt?

Fünfzig Jahre später lässt der ödipale Reflex langsam nach. Die Architektur der Eltern altert gemächlich zur Architektur der Großeltern und erlaubt mit wachsendem Abstand einen neuen, weniger voreingenommenen Blick. Der Denkmalschutz nimmt sich vielerorts inzwischen der Gebäude der 1970er Jahre an, auch wenn er oft von immer zahlreicher werdenden Initiativen dazu gedrängt werden muss.

Wiederkehrendes Interesse bei jungen Architektinnen, zahlreiche Betonbücher in überraschend hohen Auflagen und verblüffende Popularität in sozialen Netzwerken kündigen an, dass sich das Image des Brutalismus vielleicht ein weiteres Mal drehen könnte. Sichtbeton ist jedenfalls zurück: Von der neobrutalistischen Avantgardevilla bis zur Betonvase auf dem Flohmarkt ist ein bemerkenswertes Revival im Gange, das stellenweise kuriose Blüten trägt.

Doch Kuckuckshäuser aus Beton retten noch lange nicht den eigentlichen Hauptgegenstand dieser Betrachtung: Die Bauten selbst. Freilich sind in Zeiten immer stärkerer Energieeffizienzauflagen nackte, unisolierte Betonwände schwierig zu sanieren ohne sie hinter Dämmmaterial und Putz verschwinden zu lassen. Doch genau diese Energiesanierungen begraben den fundamentalsten Grundgedanken des Brutalismus unter sich, da die Materialehrlichkeit unter der Daunenjacke verschwindet und mit ihr ein Großteil der ursprünglichen architektonischen Qualität.

Alison Smithson/Peter Smithson: Secondary Modern School (heute: Smithdon High School), Hunstanton, Großbritannien, 1949–54. Bild: Flickr / Anna Armstrong

Dass es auch anders gehen kann, zeigt die umfangreiche Restaurierung und Modernisierung des Bensberger Rathauses. Rahmenlose Einfachverglasungen und neue Energievorschriften brachten auch hier die Restauratoren an ihre Grenzen. Dank umsichtigen Denkmalschutzes und neuen Methoden gelang es dennoch Gottfried Böhms Burg in altem Glanz erstrahlen zu lassen und, mit etwas Flexibilität, zumindest die meisten Energieauflagen zu erfüllen.

Der Brutalismus muss nicht gleich zum neuen Lieblingsstil unserer Zeit befördert werden. Schon das Bewusstsein um die schiere Existenz dieser Bauwerke kann zu ihrem Erhalt beitragen. Denn wer jahrelang achtlos an einem Gebäude vorbeiläuft, vermisst auch seine Abwesenheit nicht so sehr. Ganz anders reagiert eine, die sich den Bau schon einmal bewusst angesehen hat.

Zur Blütezeit des Brutalismus wurde die Architektur der Gründerzeit in deutschen Städten so großflächig entstuckt oder gleich ganz abgerissen, dass einem heute die Haare zu Berge stehen. Daraus ergibt sich zwangsläufig die Frage, ob sich unsere Kinder und Enkel in 50 Jahren ebenso kopfschüttelnd über unsere Bauchentscheidungen wundern werden.

In Goldfingers Trellick Tower läuft derweil nach einigen Reparaturen und dem gegenwärtigen Imagewandel auf einmal die Gentrifizierung an. Eine neue Generation findet es wieder schick in dem inzwischen ikonischen Hochhaus zu wohnen und den (noch) bezahlbaren Blick über London aus dem 15. Stock schweifen zu lassen. Den alten sozialen Konflikten folgen neue: Die zunehmende Privatisierung der Wohneinheiten macht es immer schwieriger, das gesamte Haus betreffende Restaurierungsarbeiten in die Wege zu leiten, während sich die Arbeiterinnenfamilien immer weiter von den neuen Mitbewohnerinnen verdrängt sehen und sich gegen den Ausverkauf staatlicher Sozialwohnungen durch die Lokalpolitik wehren müssen.

Der Brutalismus bleibt also heute noch politisch. Ob diese Bauwerke in Zukunft noch stehen, und wer in ihnen wohnen kann und sollte, ist letztendlich eine Frage, die nicht architektonisch, sondern in erster Linie gesellschaftlich ausgehandelt wird.

Felix Torkar

Felix Torkar ist Architekturhistoriker, freier Kurator und Teil der Kampagne SOS Brutalismus des Deutschen Architekturmuseums und der Wüstenrotstiftung.