Quelle: Joe Brusky · 5. September 2018

Und Rassismus?

Der Kampf gegen Rassismus ist unverzichtbar, wenn wir die Macht der herrschenden Klasse brechen wollen.

Seit mehr als vier Jahren bewegt Black Lives Matter die Vereinigten Staaten. Der Slogan der Bewegung ist ein simpler Ausdruck der Anerkennung für die Menschlichkeit von Schwarzen – in einer Gesellschaft voll wirtschaftlicher und sozialer Ungleichheit, die Afroamerikanerinnen überproportional trifft. Die Bewegung ist also relativ jung. Doch vom Rassismus, der sie auf den Plan gerufen hat, kann man das nicht behaupten.

Jeder Indikator gesellschaftlicher Ungleichheit – Gesundheitsversorgung, Arbeitslosigkeit, Armut – zeigt für Afroamerikanerinnen schlechtere Werte. Politikerinnen aller Richtungen sehen die Schuld dafür bei den Opfern, denen es an „persönlicher Verantwortung“ fehle, oder betrachten das Phänomen als Ausdruck kultureller Besonderheiten der Schwarzen. In Wirklichkeit ist die rassistische Ungleichheit vor allem das Resultat staatlicher Politik und privater Institutionen, die Afroamerikanerinnen nicht nur in die Armut stoßen, sondern sie dazu noch dämonisieren und kriminalisieren.

Doch der Rassismus ist nicht einfach nur das Ergebnis verfehlter Politik oder der individuellen Haltungen rassistischer Weißer. Um ihn zu beenden ist es entscheidend, seine Wurzeln zu verstehen. Politische Maßnahmen und ein Verbot diskriminierenden Verhaltens reichen nicht aus. Und auch wenn es wichtig ist, dass die Regierung Praktiken unterbindet, die ganze Gruppen von Menschen zu Opfern machen, so treffen diese doch nicht das Ausmaß und die Tiefe rassistischer Ungleichheit in den Vereinigten Staaten. Um zu begreifen, warum die USA so unfähig scheinen, rassistische Ungleichheit zu beseitigen, müssen wir unseren Blick über die Politik dieser oder jener Regierungen und sogar über jene hinaus ausweiten, die im privaten Sektor vom Rassismus profitieren. Wir müssen in den Blick nehmen, wie die US-amerikanische Gesellschaft im Kapitalismus organisiert ist.

Die grundlegende Spaltung

Die Wirtschaftsform des Kapitalismus bedeutet die Ausbeutung der Vielen durch die Wenigen. Wegen der krassen Ungleichheiten, die er hervorbringt, ist er auf eine Vielfalt politischer, sozialer und ideologischer Mechanismen angewiesen, die die Ungleichheit wegerklären und die gesellschaftliche Mehrheit spalten, die eigentlich ein Interesse daran hätte, sich zu vereinigen und den Kapitalismus zu bekämpfen. Wie erhält das oberste eine Prozent seine Herrschaft über den Reichtum und die Ressourcen der US-amerikanischen Gesellschaft? Durch eine Strategie des „Teile und Herrsche“.

Rassismus ist nur eine unter vielen Formen der Unterdrückung, die diesen Zweck erfüllen. Zum Beispiel entwickelte sich der US-amerikanische Rassismus als eine Rechtfertigung für die fortwährende Versklavung der Afroamerikanerinnen, zu einem Zeitpunkt, als die Welt die Idee der Freiheit und der Selbstbestimmung feierte. Als sich in diesem Moment neue politische Möglichkeitshorizonte eröffneten, bedurfte die Entmenschlichung und Unterwerfung Schwarzer einer neuen Legitimation. Das zentrale Ziel war die Erhaltung der Sklaverei und der immensen Reichtümer, die sich mit ihrer Hilfe anhäufen ließen. Marx stellte fest:

„Die direkte Sklaverei ist der Angelpunkt der bürgerlichen Industrie, ebenso wie die Maschinen etc. Ohne Sklaverei keine Baumwolle; ohne Baumwolle keine moderne Industrie. Nur die Sklaverei hat den Kolonien ihren Wert gegeben; die Kolonien haben den Welthandel geschaffen; und der Welthandel ist die Bedingung der Großindustrie. So ist die Sklaverei eine ökonomische Kategorie von der höchsten Wichtigkeit.“

Marx sah auch die Bedeutung afrikanischer Sklavenarbeit für die Entstehung des Kapitalismus:

„Die Entdeckung der Gold- und Silberländer in Amerika, die Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der eingebornen Bevölkerung in die Bergwerke, die beginnende Eroberung und Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in ein Geheg zur Handelsjagd auf Schwarzhäute, bezeichnen die Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära.“

Der kapitalistische Hunger nach Arbeitskraft allein könnte erklären, welche Funktion der Rassismus für den Kapitalismus hat. Die buchstäbliche Entmenschlichung der Afrikanerinnen wurde in diesem Zusammenhang genutzt, um ihre furchtbare Behandlung und ihren Status als Minderwertige in den Vereinigten Staaten zu rechtfertigen. Diese Entmenschlichung kam nicht einfach zu ihrem Ende, als die Sklaverei abgeschafft wurde. Stattdessen überstand das Brandmal der Unterlegenheit, dass auf die schwarze Haut gebrannt worden war, die Emanzipation und wurde zur Basis der Staatsbürgerschaft zweiter Klasse, in der sich Afroamerikanerinnen für fast hundert Jahre nach dem Ende der Sklaverei wiederfanden.

Der niedrige soziale Status der Schwarzen machte Afroamerikanerinnen verletzlicher gegenüber wirtschaftlichem Zwang und Manipulationen – nicht nur gegenüber der „Schwarzenfeindlichkeit“. Zwang und Manipulation hatten ihre Wurzeln in den sich entfaltenden Bedürfnissen des Kapitals, hatten aber Auswirkungen weit außerhalb der wirtschaftlichen Sphäre. Schwarze wurden ihres Wahlrechts beraubt, waren außerrechtlicher Gewalt ausgesetzt und fanden nur niedere und schlecht bezahlte Tätigkeiten. Das war die politische Ökonomie des US-amerikanischen Rassismus.

Es gab aber auch eine andere Konsequenz des Rassismus und der Stigmatisierung der Schwarzen. Afroamerikanerinnen waren so gründlich aus dem politischen und gesellschaftlichen Leben verbannt, dass es fast unmöglich für die große Mehrheit der weißen Arbeiterinnen war, sich auch nur vorzustellen, sich mit den Schwarzen zu vereinen und sich der Autorität der herrschenden, weißen Clique zu widersetzen. Marx erkannte diese grundlegende Spaltung der Arbeiterinnenklasse: „In den Vereinigten Staaten von Nordamerika blieb jede selbständige Arbeiterbewegung gelähmt, solange die Sklaverei einen Teil der Republik verunstaltete. Die Arbeit in weißer Haut kann sich nicht dort emanzipieren, wo sie in schwarzer Haut gebrandmarkt wird.“

Marx begriff die moderne Dynamik des Rassismus, durch welche die Arbeiterinnen, die objektiv gemeinsame Interessen haben, sich wegen subjektiver – aber dennoch realer – rassistischer und nationalistischer Ideen in Todfeindinnen verwandeln können. Mit Blick auf die Spannungen zwischen irischen und englischen Arbeiterinnen schrieb er:

„(E)s herrscht in allen großen Industriezentren Englands ein tiefer Antagonismus zwischen dem irischen und englischen Proletarier. Der gewöhnliche englische Arbeiter haßt den irischen als einen Konkurrenten, der die Löhne und den standard of life (Lebensstandard) herabdrückt. Er empfindet ihm gegenüber nationale und religiöse Antipathien. Er betrachtet ihn fast mit denselben Augen, wie die poor whites (armen Weißen) der Südstaaten Nordamerikas die schwarzen Sklaven betrachteten. Dieser Antagonismus zwischen den Proletariern in England selbst wird von der Bourgeoisie künstlich geschürt und wachgehalten. Sie weiß, daß diese Spaltung das wahre Geheimnis der Erhaltung ihrer Macht ist.“

Sozialistinnen in den USA waren sich der zentralen Bedeutung des Rassismus für die Spaltung der Klasse bewusst, welche die Macht hätte, den Kapitalismus zu überwinden. Das hieß, dass sie sich durchweg stark in Kampagnen und Bewegungen einbrachten, die den Rassismus bekämpften. Aber in der sozialistischen Tradition gab es ebenso viele, die argumentierten, dass – da Afroamerikanerinnen und die meisten anderen Nicht-Weißen überwiegend arm und Arbeiterinnen waren – der Kampf gegen ökonomische Ungleichheit ausreichen würde, um ihre Unterdrückung zu beenden.

»Die Schwarzen rebellierten, weil sie sich vom US-amerikanischen Wohlstand ausgesperrt fanden«

Dieser Standpunkt ignoriert, dass Rassismus eine eigene Basis für die Unterdrückung Nicht-Weißer bildet. Schwarze und nicht-weiße Minderheiten werden nicht nur durch ihre Armut unterdrückt, sondern auch wegen ihrer ‚ethnischen‘ Identitäten. Außerdem gibt es keinen direkten Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum oder der Verbesserung der wirtschaftlichen Gesamtlage und einer Abnahme rassistischer Ungleichheit. Faktisch hat die rassistische Diskriminierung Afroamerikanerinnen und anderen oft den Weg verstellt, am wirtschaftlichen Aufschwung teilzuhaben. Der Aufstand der Schwarzen in den 1960er Jahren fand während eines robusten und dauerhaften Wirtschaftsaufschwungs statt: Die Schwarzen rebellierten, weil sie sich vom US-amerikanischen Wohlstand ausgesperrt fanden.

Den Rassismus nur als Nebenprodukt der wirtschaftlichen Ungleichheit zu begreifen, heißt auch, die Arten und Weisen zu ignorieren, in denen der Rassismus als eigenständiges Phänomen die Leben der Afroamerikanerinnen beschädigt. Der Kampf gegen Rassismus überschneidet sich immer wieder mit dem Kampf für ökonomische Gleichheit, aber Rassismus zeigt sich eben nicht nur in wirtschaftlichen Phänomenen. Antirassistische Kämpfe suchen auch Antworten auf die soziale Krise, in der sich die schwarzen Communities befinden; zum Beispiel als Kämpfe gegen racial profiling, Polizeigewalt, um Wohnraum, Gesundheitsversorgung, gegen Bildungsungleichheit, massenhafte Inhaftierung und andere Aspekte des Polizei- und Staatsapparats.

Diese Kämpfe gegen rassistische Ungleichheit sind wichtig, sowohl weil sie die Leben von Afroamerikanerinnen und anderen Minderheiten hier und jetzt verbessern, als auch, weil sie Weißen die zerstörerischen Auswirkungen des Rassismus auf die Leben der Nicht-Weißen vor Augen führen. Gewöhnliche Weiße für ein antirassistisches Programm zu gewinnen, ist ein Schlüsselelement dabei, eine wirkliche und vereinigte Massenbewegung aufzubauen, die das Kapital herausfordern kann. Einheit wird nicht erreicht werden, indem Schwarzen vermittelt wird, sie mögen nicht so viel über Rassismus sprechen, um die Weißen nicht zu verschrecken – und sich stattdessen auf die „wirklich wichtigen“ Kämpfe gegen ökonomische Ungleichheit zu konzentrieren.

Deswegen haben sich multiethnische sozialistische Gruppen immer an antirassistischen Kämpfen beteiligt. Das trifft besonders für das zwanzigste Jahrhundert zu, in dem Afroamerikanerinnen eine immer urbanere Gruppe wurden, die sich mit US-amerikanischen und migrantischen Weißen im ständigen Konflikt um Jobs, Wohnraum und Schulen befand. Gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen schwarzen und weißen Arbeiterinnen unterstrichen, wie weit rassistische Spaltungen die Solidarität unterminierten, die nötig ist, um gemeinsam Kapitalistinnen, Vermieterinnen und Politikerinnen herauszufordern.

Sozialistinnen spielten eine wichtige Rolle in Kampagnen gegen Lynchjustiz und den Rassismus in der Strafjustiz, wie in der Scottsboro Boys Kampagne in den 1930er Jahren, als neun afroamerikanische Jugendliche beschuldigt wurden, zwei weiße Frauen in Scottsboro, Alabama vergewaltigt zu haben.  Die liberale National Association für the Advancement of Colored People (NAACP) zögerte, sich dieses Falls anzunehmen, aber er wurde zu einer wichtigen Kampagne für die Kommunistische Partei der USA und die eng mit ihr verbundene International Labor Defense (die US-amerikanische Unterorganisation der internationalen Roten Hilfe, A.d.Ü.).

Teil der Kampagne war es, mit den Müttern der Jugendlichen durch das Land und die Welt zu reisen, um Aufmerksamkeit und Unterstützung zu erreichen. Ada Wright – die Mutter von zwei betroffenen Jugendlichen – reiste 1932 in sechzehn Länder in sechs Monaten, um die Geschichte ihrer Söhne zu erzählen. Weil sie mit bekannten Kommunisten reiste, wurde ihr oft der Auftritt verboten. In der Tschechoslowakei wurde auch sie selbst beschuldigt, Kommunistin zu sein und drei Tage inhaftiert, bevor sie des Landes verwiesen wurde. Sozialistinnen beteiligten sich ebenso an gewerkschaftlichen Kampagnen zur Organisation von Afroamerikanerinnen und Kampagnen für Bürgerrechte für Afroamerikanerinnen und unterdrückte Minderheiten.

Das erklärt, warum viele Afroamerikanerinnen sich im Laufe ihres Lebens sozialistischen Ideen annäherten. Sozialistinnen hatten schon immer die Vision einer Gesellschaft vertreten, die Schwarzen wirkliche Freiheit  garantieren würde. In den späten 1960er Jahren vertraten auch Persönlichkeiten wie Martin Luther King Jr. eine Art sozialistische Zukunftsvision. 1966, in einer Ansprache an eine Versammlung seiner Organisation, der Southern Christian Leadership Conference, bemerkte King:

„Wir müssen uns ernsthaft damit auseinandersetzen, dass die Bewegung die gesamte amerikanische Gesellschaft verändern muss. Es gibt hierzulande vierzig Millionen Arme. Eines Tages müssen wir die Frage stellen: „Warum sind vierzig Millionen Menschen in Amerika arm?“ Und wenn man diese Frage stellt, dann wirft man damit Fragen zum Wirtschaftssystem auf, zur Verteilung des Wohlstandes. Wenn man diese Frage stellt, dann beginnt man die kapitalistische Ökonomie in Frage zu stellen. (…) „Wem gehört das Öl?“, beginnt man zu fragen, „wem gehört das Eisenerz?“, „warum müssen Menschen Wasserrechnungen bezahlen, in einer Welt, die zu zwei Dritteln aus Wasser besteht?“ Diese Fragen müssen gestellt werden.“

Als sich die Bewegungen weiter radikalisierten, folgten Gruppen wie die Black Panthers und die League of Revolutionary Black Workers der Tradition von Malcolm X und brachten die Unterdrückung der Schwarzen in direkten Zusammenhang mit dem Kapitalismus. Die Panthers und die League gingen sogar noch weiter als Malcolm X, als sie begannen, Organisationen mit dem spezifischen Ziel aufzubauen, schwarze Arbeiterinnen für den Kampf um eine sozialistische Zukunft zu gewinnen. Die Herausforderung für Sozialistinnen heute ist dieselbe: Eine zentrale Rolle im Kampf gegen Rassismus einzunehmen und dabei zugleich für eine Welt zu streiten, in der es um menschliche Bedürfnisse geht und nicht um Profit.

Dieser Text erschien zuerst auf Englisch bei unserem Kooperationspartner Jacobin-Magazine. Übersetzung von Niklas Sandschnee