Quelle: Youtube · 8. August 2018

Ciao Partigiano

„Bella Ciao“ wird in Zeiten eines aufziehenden Faschismus zum Sommerhit und begeistert die Massen. Ist die Arbeiterinnenbewegung nun besonders tot oder besonders lebendig?

Ich erinnere mich an eine Bildungsreise durch Katalonien zum Gedenken an den spanischen Bürgerkrieg. Unser Reiseführer, Jordi, ein gemütlicher und stets gut gelaunter Mann, konnte die Tränen kaum unterdrücken, wenn wir an den Denkmälern für die Antifaschistinnen, die wir putzten und neu bepflanzten, das Lied „Bella Ciao“ anstimmten. Das Lied – einst ein Protestlied von Reispflückerinnen – ist im italienischen Widerstand gegen den Faschismus berühmt geworden und gehörte auch in Spanien wie in der DDR zum Kanon antifaschistischer Widerstandslieder. Wir hörten die spanische Version täglich während dieser Reise. In meiner Erinnerung war es immer der melancholischste Moment, denn man betrauerte die Toten.

Nun soll es also gerade dieser Song sein, der auf Partys auf Mallorca gespielt wird, dazu wird besinnungslos getanzt und gegrölt  – hier sogar in der dumpfen Version „Alle blau“? Es löst Befremden in mir aus. Gleichzeitig, und ganz im Gegensatz dazu, kursierte erst kürzlich im Internet das Video aus Italien, das Menschen zeigte, die den in den Bus steigenden Matteo Salvini, rechter Innenminister Italiens, mit dem Lied ‚begrüßen’. Also doch ein kleines Zeichen antifaschistischen Widerstands?

Es könnte ja sein, dass der Song aus der Netflix-Serie Haus des Geldes nun einfach ein Volkslied des 21. Jahrhunderts und, eingängig wie er ist, auch noch ein Sommerhit wird. Es wäre nichts Schlimmes daran, ein altes Arbeiterinnenlied mit einem Beat zu versehen und damit jüngeren Menschen zugänglich zu machen. Im Gegenteil, es könnte eine Annäherung an sozialistische und antifaschistische Geschichte sein.

Entfremdeter Widerstand

Doch ist es das, was gerade passiert? Zumindest für Deutschland ist das zu bezweifeln. Denn eine deutsche Version des Songs von Mike Singer zeigt schon im Video (,das bereits über 5 Millionen Klicks hat), dass es nicht mehr um Widerstand geht, sondern um Protz und Rebellentum im Kapitalismus: Die jugendliche Bande schmeißt nach einem Bankraub im Pool mit Scheinen um sich. Im Text heißt es dann zwischendurch auch „It’s only money”. So wird der ehemals pathetische Song mit Sinn für den gemeinsamen Kampf für Befreiung vollkommen entleert.

Auch in der Netflix-Serie sind es Gangster, die mit Anonymous-Masken die Banknotendruckerei überfallen. Der Remix von DJ Hugel, der nun ständig im Radio läuft, folgt im Video dieser Ästhetik, ergänzt um schnelle Autos und Polizistinnen in Dessous, dafür geht es aber nur noch um einen vergleichsweise mickrigen Tresor. Was in allen Versionen vermittelt wird: du kannst Robin Hood sein. Nicht aber, dass wir uns gemeinsam gegen die Rechten stellen, sogar in den bewaffneten Kampf (oder den Tod) dafür gehen würden.

Vergleichbar mit dieser Art des Partisanen-Liedes wären wohl die Che-Guevara-Shirts. Nur noch grob erinnern sie an den einstigen Rebellenführer der Kubanischen Revolution. Sobald eine solche Symbolfigur zur Marke wird, ist sie entpolitisiert. Rebellentum und Robin-Hood-Masche sind dann eher aufgesetzt wie die Masken in dem Video. Darin mag tatsächlich der Impuls liegen, sich aufzulehnen. Doch Gegner und Ziel sind unklar. Man könnte von einem entfremdeten Widerstand sprechen.

Geschichte wiederbeleben

Anders ist es in Italien, wo „Bella Ciao” Teil der kollektiven Erinnerung ist und jährlich am 25. April, dem Tag der Befreiung vom Faschismus und der deutschen Besatzung, gesungen wird. Es ist immer noch ein linkes Lied. Im Vergleich zur deutschen Erinnerungskultur gibt es – wenn auch verklärend angesichts der schwachen Arbeiterinnenbewegung – kämpferische Momente. So ist es auch kein Wunder, dass das Lied in Italien bei Demonstrationen gegen Salvini gesungen wird. Er und seine Lega Nord erinnern heute in Teilen an Mussolinis Faschismus: Zuspitzung auf einen Führer, harte Hand gegen politische Gegnerinnen sowie gegen Sinti, Roma und Asylsuchende, die übers Mittelmeer nach Italien kommen.

Die italienische Politik ist stark polarisiert und rassistische Attacken sind mittlerweile an der Tagesordnung. Erst kürzlich schlug der Familienminister vor, das antifaschistische Mancino-Gesetz von 1993 zur Ahndung rassistischer Gewalt rückgängig zu machen. Das Singen von „Bella Ciao“ von normalen Passantinnen im Bus oder in der U-Bahn ist daher kein Zufall. Angesichts der politischen Lage kommt Widerstand auch für ein größeres Publikum wieder ins Bewusstsein.

In Deutschland können wir von dieser Art Zuspitzung (noch) nicht sprechen, auch nicht von einer Partisaninnen-Erinnerungskultur außerhalb eines relativ kleinen linken Kreises. Zumindest finde ich es schwer vorstellbar, dass das Lied spontan bei einer Demo gegen Seehofer oder die AfD angestimmt würde. Doch wir könnten es uns aneignen, allein der solidarischen Perspektive wegen – wieso sollte es jetzt, wo Kurz, Seehofer und Salvini gemeinsame Sache machen, eine „Achse der Willigen” zwischen Wien, Berlin und Rom ausrufen, nicht gemeinsamen Widerstand geben, getragen von einem populären Partisaninnenlied?

Zugegeben, das sind Träumereien. Immerhin gibt es im Zuge des neuen Erfolgs von „Bella Ciao” ein wenig Aufklärung in Erinnerungskultur allein durch die Berichterstattung. Von Widerständigkeit ist in den derzeitigen Pop-Varianten allerdings nur wenig bis gar nichts zu spüren.

Lassen wir den Sommerhit in dieser Form also einfach wie jeden anderen über uns ergehen. Aber das Lied und die Geschichte darum sollten wir uns gemeinsam zurückerobern.

 

 

 

 

Ines Schwerdtner

Ines Schwerdtner ist Redakteurin bei Ada