Station auf der Balkanroute: Im Inneren des "Aufnahmezentrums" für Migrantinnen in Bihac, Bosnien. Quelle: Federico Annibale · 26. August 2018

Die neue Balkanroute

Entlang der neuen Migrationsroute durch Südosteuropa werden Migrantinnen geschlagen, festgehalten und missachtet. Die EU schaut weg.

Bosnien und Herzegowina, ein kleines Land auf dem Balkan, ist eines der ärmsten Länder Europas. Seit Februar hat es mit einer beispiellosen Migrationswelle zu kämpfen. Die sogenannte „Balkanroute“, die Migrantinnen bisher nutzten, um aus der Türkei und aus Griechenland nach Westeuropa zu gelangen, hat sich verändert. Früher führte diese Route durch Bulgarien oder Mazedonien über Serbien und Ungarn, bevor es Richtung Deutschland oder Österreich ging – je nachdem, wo die Menschen zu landen hofften.

Unter Viktor Orbáns nationalistischer Regierung geht Ungarn mit Polizeigewalt gegen Migrantinnen vor und schottet seine Grenzen mittels strenger Überwachung ab. Daher hat die Route sich nach Süden verlagert. Sie geht jetzt durch Albanien und Montenegro bis nach Bosnien, wo sich mittlerweile tausende von Migrantinnen befinden.

Unter dem Radar der Registrierung

Zusammen mit Massimo Veneziani, Sprecher des italienischen Senders Rai 3, reiste ich kürzlich entlang der neuen Balkanroute – von Ioannina, Nordgriechenland, nach Velika Kladuša, die nördlichste Stadt Bosniens nahe der kroatischen Grenze.

Ioannina ist die größte Stadt und Hauptstadt der Epirus-Region im Nordwesten Griechenlands. Hier leben Migrantinnen, die weiterreisen möchten, auf der Straße oder in verlassenen Gebäuden, um nicht im offiziellen Aufnahmesystem Griechenlands registriert zu werden. Die Dublin-III-Verordnung zwingt nämlich Migrantinnen im ersten Land, in dem sie registriert werden, auch Asyl zu beantragen. Damit wird verhindert, dass sie dies in einem anderen EU-Land tun. Da die albanische Grenze nur eine Stunde mit dem Auto entfernt ist, beginnen alle Migrantinnen, die von Griechenland aus über den Balkan wollen, ihre Reise hier.

„Sehen sie die Überreste des Gebäudes dort? Das war einst ein Nachtclub. Jetzt ist es unser Haus“, erklärt ein kurdischer Mann namens Becân. Er ist 30 Jahre alt und hat sich  zusammen mit drei anderen Kurden dazu entschieden, sich auf den Weg nach Deutschland zu machen. Wir begeben uns ins Innere des Gebäudes. Zwei Männer schlafen auf dem Boden. Die einstige Tanzfläche ist komplett zerstört und dient jetzt als Schlaffläche für die zahlreichen Migrantinnen auf den Weg nach Albanien. „Nachts ist hier alles voller Ratten und manchmal kommt die Polizei, um uns zu wecken oder rauszuschmeißen. Dann wissen wir nicht, wohin wir gehen sollen und kehren hierher zurück.“

Direkt hinter dem Nachtclub ist ein verlassener Bauernhof, der ebenfalls als Zufluchtsort dient. Becân warnt uns freundlich, dass dieser Ort nicht sicher ist und wir entscheiden uns, zurückzugehen. Wir erreichen ein großes Feld neben der Bushaltestelle. Inmitten des hochgewachsenen Grases schlafen vier Personen wenige Meter entfernt von der verglimmenden Kohle eines ausgebrannten Feuers. „Die Polizei hat letzte Nacht ihre Zelte zerstört. Sie sind natürlich zurückgekehrt. Sie wissen nicht, wo sie sonst hingehen sollen. Bald werden wir alle das Grenzgebiet erreichen und die Grenze nach Albanien überqueren“, berichtet der junge Kurde weiter.

Raus aus der Türkei

Seit der EU-Türkei-Deal im März 2016 in Kraft trat, ist die Zahl der Migrantinnen, die Griechenland erreichen, rasant zurückgegangen. Das sechs Milliarden Euro schwere Abkommen zielte darauf ab, Migrantinnen daran zu hindern, das Meer in Richtung Griechenland zu überqueren und Westeuropa zu betreten. 2015 kamen laut UNHCR 856 000 Menschen über den Seeweg nach Griechenland, 2016 ging die Zahl auf 173.450 zurück. Letztes Jahr lag sie bei nur noch 29.718. Es scheint, als halte sich der Abwärtstrend auch in diesem Jahr.

Allerdings überqueren immer noch Tausende die türkische Grenze. Syrerinnen, Afghaninnen, Pakistanerinnen, Nordafrikanerinnen und Irakerinnen machen den größten Teil der Geflüchteten aus. Die offiziellen Zahlen enthalten nämlich nicht die Migrantinnen, die Griechenland erreichen und sich nicht registrieren lassen. All diese Personen finden sich früher oder später auf der Balkanroute wieder.

Bevor wir in Kakavia die albanische Grenze überqueren, machen wir in Kalpaki Halt, 27 Kilometer von der Grenze entfernt. „Jeden Tag sehen wir Menschen, die auf der Straße Richtung Grenze laufen. Sogar Familien mit kleinen Kindern“, erzählt uns Katerina, eine Barkeeperin, die in dem kleinen griechischen Städtchen arbeitet. Die Polizei kann nichts tun und die griechischen Behörden sind mehr als zufrieden, wenn diese Menschen das Land verlassen. So wird der Staat davon entlastet, diese Migrantinnen zu unterstützen.

Während seiner Pause sprechen wir mit einem Zöllner. Wir erzählen ihm, dass wir zum illegalen Grenzübertritt zwischen Griechenland und Albanien recherchieren. Er zeigt auf einen kleinen Berg in der Nähe der Grenze. „Sehen Sie diesen Berg dort? Dort beginnen die verschiedenen Wege und alle führen nach Albanien“, antwortet er mit einem Grinsen.

Wir folgen seinen Anweisungen und kommen bald auf einen kleinen Pfad, der uns auf den Kamm führt. Es ist offensichtlich, dass der Weg täglich von Menschen benutzt wird, die über die Grenze wollen. Windeln, UNHCR-Informationsbroschüren und Essensverpackungen liegen auf dem Boden verstreut. Nach 20 Minuten zeigt unser GPS an, dass wir die Grenze nach Albanien überschritten haben. Das nächste, was wir sehen, bringt uns dazu, wieder umzukehren: ein albanischer Polizist, der zwei illegale Grenzgängerinnen in Gewahrsam nimmt.

»Das Ziel dieser Politik liegt darin, alle legalen oder illegalen Wege nach Europa dicht zu machen sowie höhere politische und physische Mauern rund um die EU zu errichten«

Während eines Treffens im Mai 2018 mit dem österreichischen Kanzler Sebastian Kurz (FPÖ), behauptete der albanische Premierminister Edi Rama, dass die Zahl der illegalen Migrantinnen in Albanien von 162 im Januar 2017 auf 23.111 im Jahr 2018 gestiegen ist. Wenn man ihm Glauben schenkt, ist das der Beweis, dass die Balkanroute sich verändert hat.

Während der österreichischen Wahlen 2017 richtete die FPÖ ihre Propaganda auf die Ängste vor einer „Migrantinnen-Invasion“ und einer mutmaßlichen drohenden „Islamisierung“ des Landes aus. Nun hofft Kurz, dass die neue Migrantinnen-Route abgeschnitten wird. Sein Plan ist es, die Menschen in sämtlichen Balkanländern an irregulären Grenzüberschreitungen zu hindern. In dieser Absicht versprach er Albanien die Unterstützung der Europäischen Union, um seine Grenzkontrollen zu verbessern. Das Ziel dieser Politik liegt darin, alle legalen oder illegalen Wege nach Europa dicht zu machen sowie höhere politische und physische Mauern rund um die EU zu errichten.

In Tirana, der Hauptstadt Albaniens, befindet sich das einzige Aufnahmezentrum für Asylsuchende im ganzen Land. Solange Migrantinnen keinen Aufenthaltstitel besitzen, können sie sich weder mit dem Bus noch mit dem Taxi bewegen. Wenn die Polizei Migrantinnen in der Grenzregion auffindet, schickt sie diese sofort nach Griechenland zurück; befinden sie sich jedoch eindeutig innerhalb des Staatsgebiets, werden sie zur Aufnahmestelle in Tirana gebracht.

„Die Polizei hat uns hierher gebracht“, sagt Mohammed, der vor dem Eingang des Aufnahmezentrums in der Hauptstadt steht. Er kommt aus Marokko und floh nach Istanbul, um seine lange Reise zu beginnen. „Andere nehmen ein Taxi in Kakavia. Das kostet eine Menge Geld, aber zumindest kommt man hierher, wo man sich ausruhen kann, bevor es weiter nach Montenegro geht“, sagt Mohammed. Albanien weist einen hohen Grad an Korruption auf. Die Behörden wissen über das „Taxi-Trafficking“ Bescheid, lassen es jedoch zu.

Prellung auf dem Bein eines Migranten.
Prellung auf dem Bein eines Migranten.

Das Aufnahmezentrum ist geschlossen und wir brauchen eine Erlaubnis, um reinzukommen. Daher warten wir draußen, um mit einigen Menschen zu sprechen, die auf der neuen Route unterwegs sind. „Wir bleiben einige weitere Tage hier und machen uns dann auf den Weg nach Montenegro“, erklärt uns ein Freund von Mohammed.

Wir verlassen Tirana am Nachmittag und fahren weiter zur Grenze zwischen Albanien und Montenegro, Hani i Hotit. Die Polizei arbeitet hier sehr sorgfältig. Sie untersuchen jede mögliche Öffnung und jedes kleinste Fach im Auto. Die Behörden in Montenegro beschuldigen den albanischen Staat, Migrantinnen den Weg über die Grenzen zu erleichtern. Tatsächlich hat wie die griechischen Behörden auch Albanien wenig Anreize, sich mit Menschen auseinanderzusetzen, die ohne weiteres in die Nachbarländer geschickt werden können. Für sie ist Migration ein Problem, das anderen zugeschoben werden kann.

Outsourcing von Humanität

Mittels eines EU-Fonds von über drei Millionen Euro fand dieses Jahr die Eröffnung der ersten und einzigen Aufnahmestelle in Montenegro statt. Die EU unterstützt all jene Länder finanziell, die von der neuen Küstenroute betroffen sind.

Am nächsten Morgen fahren wir zu den Dörfern die sich in der Nähe der Grenze zwischen Montenegro und Albanien befinden. Wir erreichen Tuzi, das nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt liegt, und halten bei einem Café an. Die Bevölkerung dieser Dörfer setzt sich hauptsächlich aus ethnisch albanischen Gruppen zusammen. Im Gegensatz zum Rest des Landes, dessen Bürgerinnen größtenteils Christinnen sind, leben hier überwiegend Muslime. Einige Moscheen mit ihren Minaretten überragen in den Dörfern die winzigen traditionellen Häuser Montenegros.

Es geht das Gerücht um, dass diese heiligen Stätten einer großen Anzahl von Migrantinnen, die die Grenze über das Gebirge erreicht haben, als Zufluchtsort dienen. „Ja, das haben wir auch gehört“, bestätigt uns ein Mann mittleren Alters, der im Café sitzt. „Die Menschen kommen aus den Bergen und folgen dann den Bahngleisen, welche die Grenze und die Hauptstadt Podgorica verbinden.“

»Illegale Zurückdrängung geht mit ständigen Verletzungen der Menschenrechte einher«

Entlang der Bahngleise befindet sich eine Autowaschanlage, wo Dragan aus Tuzi arbeitet. Wir fragen ihn, was er davon hält, dass die Migrantinnen diese Reise auf sich nehmen, um nach Europa zu gelangen. „Ich denke nicht, dass das normal ist – ich denke nicht, dass es in Ordnung ist. Niemand sollte diese entsetzliche Reise auf sich nehmen müssen. Ich finde keine Worte dafür, keinen Kommentar. Ich bin traurig“, antwortet er.

Unter einer Überführung befinden sich weggeworfene Zugtickets, Unterwäsche, Schuhe und leere Wasserflaschen, die auf die Durchreise von Migrantinnen hindeuten. Podgorica ist nur zwei Stunden Fußweg entfernt, danach reisen die Menschen zu einem Aufnahmezentrum in Spuz mit dem Taxi weiter.

Als wir hier ankommen, treffen wir auf eine größere Gruppe von 15 Pakistanis, die im Schatten der Bäume liegen und darauf warten, registriert und damit in das Aufnahmezentrum reingelassen zu werden. Seit Dublin III nicht mehr außerhalb der EU gilt, legen Migrantinnen keinen Wert mehr darauf, ob sie in Montenegro registriert werden. Hier registriert zu werden, wird sie nicht davon abhalten, in der EU Asyl zu beantragen.

Ein Taxi hält vor dem Haupteingang und drei Marokkanerinnen steigen aus. „Sie kommen direkt von der Grenze“, erklärt Shaid. Shaid ist ein 23-jähriger Mann aus Pakistan, der letzte Nacht zusammen mit den anderen Pakistanis die Grenze überquert hat.

Wir fragen ihn, wie er dort hingekommen ist und er erzählt uns von seiner Reise nach Spuz. „Im Grunde sind wir aus Griechenland hierher gelaufen, bis auf einige kurze Wegstrecken, die wir mit dem Bus oder im Polizeitransporter zurückgelegt haben. Wir sind müde, schmutzig. Doch so Gott will, werden wir es nach Italien schaffen: Trieste“, erklärt uns Shaid ruhig. Genauso, wie sie es in Tirana gemacht haben, werden sie einige Tage hier bleiben, um dann ihre Reise nach Bosnien fortzusetzen.

Gewalt als Politik

Am nächsten Morgen sind wir bereit, in Richtung Bihac zu reisen, eine Stadt im Nordosten von Bosnien. Von hier aus sind es nur zehn Kilometer bis zur kroatischen Grenze. Die Migrantinnen versammeln sich hier lediglich aus einem Grund: Von hier aus ist es kürzer nach Slowenien, die Route nach Trieste in Italien scheint einfacher zu bewältigen. Die Anzahl der Migrantinnen, die in Bihac leben oder verweilen, wächst täglich. Deshalb setzt das EU-Mitglied Kroatien auf Grenzkontrollen mit Helikoptern, Nachtsichtferngläsern und einem hohen Aufgebot von Polizeibeamten.

In den Außenbezirken Bihacs direkt vor dem Fußballstadion dient eine verlassene Schule als „Aufnahmezentrum“ für hunderte von Migrantinnen, die hier festsitzen. „Das ist das einzige Gebäude, das der Bürgermeister zur Verfügung gestellt hat, um mit diesem humanitären Notfall fertig zu werden“, erklärt uns Adem, ein Mitarbeiter des bosnischen Roten Kreuzes, das für das Gebäude zuständig ist.

„Wir haben am 23. April mit dieser Intervention in die Situation der Migrantinnen begonnen. Tatsächlich kommen sie seit Anfang April hier an. Zuerst schlugen sie im Stadtzentrum Zelte auf. Aus diesem Grund entschied sich der Bürgermeister, das halb zerstörte Gebäude anzubieten. Das ist besser, als draußen zu schlafen, aber nicht einmal halbwegs angemessen“, sagt uns Adem offen. Das Gebäude ist nicht sicher. An den meisten Fenstern fehlt das Glas und an den Treppenhäusern im Haus gibt es keine Geländer, was für die Menschen eine große Gefahr darstellt.

Die verlassene Schule, in der 300 Menschen unterstützt vom bosnischen Roten Kreuz wohnen. Bihac, Bosnien.

„Wir wissen, dass die Bedingungen grausam sind, aber wir haben keine Alternativen. Zu Beginn waren es nur 40 Menschen. Mittlerweile kommen bis zu 100 die Woche. Gestern beim Mittagessen haben wir für 900 Menschen Essen ausgegeben. Schlimmer noch: Seit dem letzten Monat steigt die Anzahl der Familien. Wir haben nun schon 50 Kinder hier“, fährt Adem fort. Das Rote Kreuz befürchtet, dass die Zahlen erheblich ansteigen werden. Tatsächlich wachsen die Migrationsströme tendenziell während des Sommers aufgrund der besseren Wetterverhältnisse.

Wir treffen einen weiteren Kurden, Javarin, der uns in sein Zimmer auf eine Tasse Tee einlädt. Er schläft dort mit fünf anderen Kurden aus dem Irak. Bald füllt sich der Raum mit weiteren Kurden und wir fangen an, über einige der Gerüchte, die wir gehört haben, zu sprechen. „Stimmt es, dass die kroatische Polizei die Menschen schlägt, welche die Grenze überqueren?“ „Ja, Bruder. Das stimmt.“ Es befinden sich zehn Menschen in dem Raum. Fast jeder von ihnen wurde entweder geschlagen, von Offizieren beklaut, oder hat Polizeigewalt gegenüber anderen Migrantinnen mitbekommen. Einer der Männer zeigt uns sein Tablet mit einem beschädigten Bildschirm. „Als sie mich gefunden haben, haben sie den Bildschirm mit einem Stein zerschlagen“, erzählt er.

„Wenn sie ein gutes Mobiltelefon bei dir finden, behalten sie es; wenn es ein billiges ist, zerstören sie es oder machen den Ausgang für das Ladegerät mit einem Messer kaputt, sodass man es nicht mehr benutzen kann. Sie wissen, dass wir die GPS-Ortung unseree Mobiltelefone verwenden, um den Weg durch die Wälder zu finden“, erklärt Javarin.

Am Morgen zuvor ist eine iranisch-kurdische Familie über die Grenze zurückgedrängt worden. Die Grenzpolizei verprügelte sie. „Sie haben immer noch Prellungen.“ Wir fragen, ob wir sie treffen können. Javarin steht auf und ruft sie aus dem Nachbarzimmer zu uns.

»Unsere Menschenrechte wurden konstant verletzt. Wir dachten, wir würden sie hier finden. Wir lagen falsch«

Ein Mann mittleren Alters erscheint, seine Hand liegt stützend auf der Hüfte, um den schmerzenden Rücken gerade zu halten. Sehr langsam und vorsichtig setzt er sich hin. Seine Frau hilft ihm, den Schmerz zu mindern. Ihre Gesichter wirken traurig und wehrlos. Nach einigen Minuten kommt die achtjährige Tochter dazu und klammert sich an ihre Mutter.

„Wir wurden auf der Straße nach Slowenien erwischt. Als sie uns gefunden haben, verlangten sie von uns, ihnen in den Wald zu folgen“, erklärt uns der Vater, Sivan.

„Im Wald, versteckt vor neugierigen Blicken, fingen sie dann an, mich und meine Frau zu schlagen.“ Er zeigt uns die Prellungen und Blutergüsse an seinem Körper: entlang der Schulter, auf seinen Rippen, am Schienbein. Die Verletzungen sind noch frisch. Wir fragen nach der Tochter, in der Hoffnung, dass sie irgendwo anders war und nicht Zeugin des Angriffs auf ihre Eltern wurde. „Sie musste alles mitansehen“, antwortet die Mutter. „Sie weinte, da schütteten sie Wasser über sie, um sie zum Aufhören zu bringen.“

Schließlich raubte die Polizei ihnen das Geld und zerstörte eines ihrer Mobiltelefone. „Das andere hatte ich in meiner Unterwäsche versteckt“, erklärt Sivan. Als die kroatische Polizei fertig war, schickten sie sie zurück nach Bosnien. „Wir sind aus dem Iran geflüchtet, weil wir als Kurdinnen verfolgt wurden. Unsere Menschenrechte wurden konstant verletzt. Wir dachten, wir würden sie hier finden. Wir lagen falsch.“

Sivans Gewalterfahrungen waren kein Einzelfall. In Bihac sprachen wir mit mindestens 15 weiteren Personen, die berichteten von der kroatischen Polizei geschlagen worden zu sein. Ähnlich verhielt es sich mit der Gewalt gegen Migrantinnen in Ungarn letztes Jahr. Die kroatischen Behörden versuchen mit dem vorsätzlichen Einsatz von Gewalt Menschen zu entmutigen, die Grenze überqueren.

Solche systematischen Grausamkeiten haben jedoch noch nie den rationalen Wunsch nach Migration unterdrücken können. Als wir alle Anwesenden fragen, ob sie weiterhin diese gefährlichen Routen in Angriff nehmen würden, antworteten alle mit einem eindeutigen „Ja“.

Der Willkür Europas ausgesetzt

Das Ziel Europas ist es, seine Außengrenzen dicht zu machen und den Schengen-Raum zu beschützen. Diese Zone besteht aus 26 europäischen Ländern, die sich dazu bereit erklärt haben, die Grenzen untereinander abzuschaffen und eine gemeinsame Visumspolitik zu verfolgen. Das Schengener Abkommen garantiert EU-Bürgerinnen die Bewegungsfreiheit. Doch es schafft eine Versteifung der Außengrenzen Europas.

Illegale Zurückdrängung geht mit ständigen Verletzungen der Menschenrechte einher – in der Regel durchgeführt durch die Länder der europäischen Peripherie, um die Verantwortung so weit entfernt wie möglich von Brüssel zu halten. Grenzen stellen eine rassistische Teilung her: Sie sind offen für die freie Bewegung von Kapital und Bürgerinnen des Westens und geschlossen für Menschen aus ehemals kolonialisierten Ländern und jene, die nicht reich genug sind, um ein legales Visum zu erhalten.

Man muss sich klarmachen, dass Kroatien ein EU-Mitgliedstaat ist, dessen Politikerinnen im EU-Parlament sitzen. Die EU als Ganzes trägt die Verantwortung für die Gewalt, die sich an ihren Außengrenzen abspielt.

Die EU wird zusehends von nationalistischen und rassistischen politischen Bewegungen vereinnahmt. Ihre Austeritätspolitik hat die soziale Last der Wirtschaftskrise auf die Ärmsten Europas verlagert. Politikerinnen haben diese Phase der Entbehrung benutzt, um Menschen gegen Migrantinnen aufzuhetzen. In einem Gesellschaftsmodell, wie es den Menschen in Europa von einer erstarkenden Rechten aufgezwungen wird, werden Migrantinnen als Abweichung stigmatisiert. Gleichzeitig fehlt ein starke internationale Linke, die diesen rassistischen politischen Strömungen Einhalt gebieten könnte.

Dabei bleiben die Migrantinnen stets den politischen Kontingenzen ausgeliefert. Ohne legale Wege nach Europa bleiben sie weiterhin in der Mitte des Mittelmeers oder in den verlassenen Gebäuden im Norden Bosniens ihrem Schicksal überlassen. Was wir jetzt brauchen, sind nicht noch mehr Freiwillige oder NGOs an den Grenzen, sondern eine politische Lösung. Die Krise der Humanität resultiert aus einer politischen Krise. Es ist an der Zeit, an Stelle der Symptome die Ursachen zu bekämpfen und den europäischen Kreislauf der Vernachlässigung zu beenden.

Dieser Text erschien zuerst auf Englisch bei unserem Kooperationspartner Jacobin-Magazine. Übersetzung von Mounira Zennia

Federico Annibale

Federico Annibale ist Journalist bei Il Salto, einer unabhängigen, linken italienischen Zeitung. Er schreibt über Migration in und jenseits von Europa.