Quelle: YouTube / Jon Barker of Mid Tea Sessions · 10. Juni 2018

Als Afrikaner in Berlin

Über das Leben in der Stadt Berlin, in der die westlichen Mächte 1884 auf einer Konferenz Afrika unter sich aufteilten.

Berlin ist eine einzigartige Stadt. Wären diese Stadt und München Geschwister, dann wäre München die sensible ältere Schwester, die sich eine lange und stabile Karriere in der Versicherungsbranche aufgebaut hätte, während Berlin der jüngere Bruder mit zerrissenen Jeans und skandalösen Anekdoten auf Familientreffen wäre. Bekannt ist dieser Ort für die rebellischen Seelen, die er anzieht, für die freudvollen offenen Räume und sein endloses Nachtleben, die wie ein Magnet auf Künstlerinnen wie Hedonistinnen wirken (wobei die beiden Kategorien sich, das muss gesagt werden, bis zu einem gewissen Grad überlappen). Tatsächlich ist es angesichts des Rufs von Berlin als Stadt der Freiheit und Progressivität erst einmal überraschend zu hören, dass Berlin in Sachen Rassismus noch einen weiten Weg vor sich hat.

Dennoch sollte das vielleicht keine Überraschung sein. Immerhin war es Berlin, das 1884 eine Konferenz ausrichtete, auf der die westlichen Großmächte darüber diskutierten, wie sie Afrika unter sich aufteilen würden. Als ich vor über drei Jahren in diese Stadt zog, versuchte ich die Gebäude zu finden, wo sich diese Nationen getroffen haben, aber fast keines davon steht heute noch. In gewisser Weise war das eine perfekte Metapher für Deutschlands koloniale Vergangenheit; etwas, das einmal so prominent gewesen war, war nun in die Schatten der Geschichte verbannt.

Teilweise, weil Deutschland weniger afrikanische Kolonien gehabt hat als andere Länder – schließlich bediente sich Deutschland nur an Burundi, Ruanda, Tansania, Kamerun, Teilen von Ghana und Togo und Namibia – ist Berlin nicht besonders vielfältig. Die Stadt ist zwar bekannt für ihren Kosmopolitismus, in Wahrheit aber stammen die meisten ihrer Einwohnerinnen mit migrantischem Hintergrund aus der Türkei, aus dem arabischen Raum, aus Vietnam oder kommen aus west- oder südeuropäischen Staaten. Als Ergebnis davon erlebt man als schwarze Person entweder aufdringliche Neugier oder erschreckende Stereotypen.

Klassiker der Kolonialgeschichte: Weiße Männer teilen die Welt unter sich auf. Die Spuren der sogenannten Kongokonferenz, die 1884 in Berlin stattfand, sind heute verwischt.

Ab und zu fällt die Reaktion schlimmer aus. Binyavanga Wainaina, ein kenianischer  Schriftsteller, berichtete jüngst von einem rassistischen Überfall auf ihn von einem Taxifahrer in Charlottenburg, eine verschlafenere Gegend der Stadt. Jennifer Neal, eine afroamerikanische Komikerin, schrieb über eine Begegnung mit einem Neonazi auf einer der belebtesten Zugstrecken Berlins, wo dieser sie aufdringlich anstarrte und ihr dann seine SS-Tattoos vorführte. Kürzlich hatte ich selber eine unangenehme Begegnung mit einer der wütenderen Seelen der Stadt, was dazu führte, dass mehrere nicht-weiße Freunde mir von ähnlichen Erfahrungen erzählten.

Es sind interessante Zeiten in Berlin. Bei den letzten Bundestagswahlen erreichte die ultrarechte Alternative für Deutschland (AfD) über 11% der Stimmen, bei den Berliner Wahlen zum Abgeordnetenhaus über 14%. Die AfD, die zurzeit auf einer Welle der flüchtlingsfeindlichen Stimmung reitet, nachdem die deutsche Bundesregierung eine Million Syrerinnen einen sicheren Zufluchtsort vor dem syrischen Bürgerkrieg gewährte, ist im Moment sehr selbstbewusst. So selbstbewusst, dass sie einen der beliebtesten Fußballer des Landes rassistisch angriff und die Wiedereinführung von NS-Terminologie in den aktuellen Diskurs vorschlug.

In beiden Fällen gab es deutliche Gegenreaktion über die AfD, bei der viele Deutsche ihre Empörung über diese Äußerungen zeigten. Dennoch ist es bezeichnend, dass die AfD sich traut, eine solche Geisteshaltung nach Außen zu tragen. Leider profitiert sie von einem Klima des mangelnden Bewusstseins gegenüber rassistisch aufgeladenen Darstellungen – wie zum Beispiel der Ausstrahlung der Sendung „Verstehen sie Spaß?“, wo der Moderator sich rassistisch als Afrikaner verkleidet auf der Bühne zeigte. Die AfD ist mittlerweile die landesweit größte Oppositionspartei.

Blackfacing bei der ARD-Sendung „Verstehen Sie Spass?“: Moderator Guido Cantz witzelt unverhohlen rassistisch.

Aus diesem Grund hat Berlin als liberaler Leuchtturm eine Menge Arbeit vor sich. Es hat eine mächtige und lautstarke antirassistische und antifaschistische Bewegung, deren Aktivistinnen sich in beeindruckender Anzahl Rechtsradikalen in den Weg stellen. Symbolisch für das ambivalente Verhältnis der Stadt zu Rassismus sehen sich die Hochburgen der Bewegung jedoch oft Angriffen der Polizei ausgesetzt.

»Für schwarze Menschen bleibt Berlin abwechselnd eine mal argwöhnische und mal tolerante Stadt«

In Berlin werden die spektakulären Kontraste wohl immer Zuhause sein. Auf der einen Seite ist es zu größter Offenheit fähig, wie man an der Begrüßung von syrischen Geflüchteten mit Essen, Unterkunft und Freundschaft sehen konnte. Eine Freundin von mir, eine Geschäftsfrau und qualifizierte Ärztin, arbeitete in 14 Stunden-Schichten, um die medizinische Versorgung in Übergangslagern zu gewährleisten. Andererseits können Berliner Behörden auf grausame Art und Weise querstellen, wie ein andere Freundin von mir herausfinden musste, als sie die Behörden wegen eines Aufenthaltsvisums davon überzeugen musste, dass es sich bei der Verlobung mit ihrem afrikanischen Mann um eine echte Liebesbeziehung handele. Für schwarze Menschen bleibt Berlin abwechselnd eine mal argwöhnische und mal tolerante Stadt. Und so, mit all ihren Zusammenstößen und Kämpfen, stolpert sie in die Zukunft.

Dieser Text ist zuerst auf dem Blog „Africa is a country“ erschienen. Übersetzung: Patrick Gregorz.

Musa Okwonga

Musa Okwonga ist britischer Dichter und kommentiert aktuelle Debatten.