Quelle: Wikimedia Commons · 16. August 2018

Der 1%-Feminismus

Die neoliberale Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit: den Reichen geht es gut – aber immerhin sind ein paar von ihnen Frauen oder Angehörige einer Minderheit.

Das Weltwirtschaftsforum in Davos ist ein jährliches Halli Galli für die globale Schicht der Superreichen und ihrer Bediensteten. Dieses Jahr erregte das Treffen Aufmerksamkeit, weil nach fast fünfzig Jahren das erste Mal alle Meetings von Frauen moderiert wurden. Die Organisatorinnen erinnerten damit an das Fortbestehen geschlechtlicher Ungleichheit, gerichtet an eine Versammlung, die selbst nur zu 21 Prozent aus Frauen besteht.

Statt deswegen zur Sektflasche zu greifen, sollten wir uns den Einspruch der US-amerikanischen Philosophin Nancy Fraser ins Gedächtnis rufen, dass solche Formen weiblicher Repräsentation kaum mehr sind als oberflächliche Ablenkungsmanöver, „Verkörperungen eines neoliberalen Feminismus, der in allererster Linie privilegierten Frauen weiterhilft.“

Inwiefern dieser Feminismus des 1% mit neoliberalem Denken zusammenhängt, bringt der Literaturwissenschaftler Walter Benn Michaels auf den Punkt:

„Dass sich die Kluft zwischen Armen und Reichen vergrößert ist im Grunde okay, solange die immer erfolgreichere Elite so ähnlich aussieht wie der abgeschlagene Rest. Das Modell sozialer Gerechtigkeit bedeutet hier nicht, dass die Reichen weniger und die Armen mehr haben sollten. Die Reichen sollen haben, was immer sie haben, solange ein angemessener Anteil von ihnen Frauen und Angehörige von Minderheiten sind.“

Christine Lagarde, die Direktorin des Internationalen Währungsfonds und Vorsitzende des Forums, versuchte in ihrer Eröffnungsrede einen Wortwitz, als sie betonte, dies sei ein „Panel, kein Manel“.

Hillary Clinton als Paradebeispiel

Hillary Clintons Niederlage in der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl 2016 gibt Anlass, ihre feministische Glaubwürdigkeit zu hinterfragen. 1995 hatte sie in einer berühmten Rede bei der 4. Weltfrauenkonferenz der UNO erklärt, dass Frauenrechte ein für alle mal als Menschenrechte anzusehen seien. Doch ihre Politik zur Unterstützung reproduktiver Rechte, etwa auf Verhütungsmittel und Abtreibungen, bleibt hinter umfassenderen Ansätzen vieler entwickelter Demokratien zurück, die zum Beispiel Regelungen zu Kinderbetreuung und Vaterschaftsurlaub als Teil der Gleichung ansehen.

Als First Lady unterstützte Clinton 1996 eine Sozialreform, die US-amerikanische Frauen mit niedrigen Einkommen in die Prekarität drängte. Als Außenministerin unter Barack Obama traf sich ihr aggressiver Ansatz in der Außenpolitik mit dem von Rechten wie Robert Kagan. Sie war Feuer und Flamme für den Irakkrieg, der für eine ganze Generation irakischer Frauen tiefgreifende körperliche und wirtschaftliche Schäden mit sich brachte. US-Interventionen im Mittleren Osten destabilisierten die Region und bereiteten damit unter anderem jenem fremdenfeindlichen Backlash in den USA den Boden, der uns heute wieder dazu bringt, mit so verzweifelter Dringlichkeit für die Gleichheit von Frauen zu kämpfen.

In ihren Wahlkampf-Memoiren What Happened gibt Clinton die Schuld für ihre Niederlage einer jungen Frau, die nicht gewählt hat. Danach verschwand sie von der Bühne, wenn sie nicht gerade Kritikerinnen zurückwies, die auf ihr enges Verhältnis zum Serienvergewaltiger Harvey Weinstein hinwiesen oder die Verteidigung einer ihrer Wahlkampfberater beklagten, den man der sexuellen Belästigung beschuldigt hatte.

Du musst dich reinhängen!

Liberaler Feminismus stützt sich vor allem auf den Appell an Einzelne, ihr Verhalten zu ändern – zum Beispiel sich mehr ‚reinzuhängen‘, To Lean In, wie die Geschäftsführerin von Facebook, Sheryl Sandberg, Frauen empfiehlt. Sandberg hat sich mit anderen mächtigen Frauen, wie der früheren US-Außenministerin Condoleeza Rice und der Leiterin der Pfadfinderinnen, Anna Maria Chavez, zusammengetan, um die Nachricht des Selbst-Empowerment von Frauen zu verbreiten.

Tatsächlich passt das Aufrücken von Frauen in die Führungsetagen bestens mit dem Profitstreben der Unternehmen zusammen. Die Zusammenarbeit von arbeitenden Frauen hingegen beginnt oft unter großen persönlichen Risiken an Arbeitsplätzen, die es nicht honorieren, wenn Arbeiterinnen sich ‚reinhängen‘.

Eine globale Elite

Kehren wir noch einmal zum Weltwirtschaftsforum zurück: Wer waren die Frauen, die hier die Leitung übernahmen und was sind ihre politischen Positionen? Neben Christine Lagarde waren die prominentesten Ko-Vorsitzenden die Geschäftsführerin des High-Tech-Konzerns IBM, Ginni Rometty, und die norwegische Premierministerin Erna Solberg.

Ginni Rometty wurde 2011 die erste weibliche Chefin von IBM. Unter ihrer Leitung wurden 130.000 Jobs, ein Drittel aller Stellen des Konzerns, in indische Auskopplungen verschoben, die einen Bruchteil der amerikanischen Löhne zahlen. 2017 kam sie für ihre Mitgliedschaft in Donald Trumps Strategie und Policy Forum in die Kritik, auch weil sie sich – anders als andere Mitglieder des Forums – nicht von dessen verharmlosenden Kommentaren zu den tödlichen Neonazi-Attacken auf Demonstrantinnen in Charlottesville, Virginia distanzierte.

Die fehlende Reaktion von IBM, auch bezüglich der Forderung Trumps, alle Muslime in den USA in einer Datenbank zu erfassen, schien besonders deswegen schwach, weil der erste Geschäftsführer von IBM, Thomas J. Watson, das Nazi-Regime Adolf Hitlers mit der Technologie für maschinenbetriebene Personendatenbänke beliefert hatte. Heute vermarktet Rometty das – nach Watson benannte – Künstliche Intelligenz-Programm der Firma als Werkzeug zur Verteidigung der nationalen Sicherheit.

»Die Funktion des IWF besteht hauptsächlich darin, verschuldete Länder zur Austerität zu zwingen und Sparmaßnahmen im sozialen Bereich durchzusetzen, unter denen Frauen überdurchschnittlich stark leiden«

Christine Lagardes Aufgabe als Leiterin des Internationalen Währungsfonds IWF ist es, „Volkswirtschaften auf den Zahn zu fühlen“, um ihre strukturellen Probleme zu diagnostizieren. Lagarde rief wiederholt zu Maßnahmen im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit auf. Doch die Funktion des IWF in seiner Geschichte bestand hauptsächlich darin, verschuldete Länder zur Austerität zu zwingen und Sparmaßnahmen im sozialen Bereich durchzusetzen, unter denen Frauen überdurchschnittlich stark zu leiden hatten. 2015 protestierten feministische Wirtschaftswissenschaftlerinnen öffentlich gegen die vom IWF mitgetragenen Austeritätspakete, die der Regierung Griechenlands aufgezwungen wurde und unter anderem dazu führten, dass Frauen sich zur Prostitution gezwungen sahen. Zwar revidierte der IWF in der Folge seinen Ansatz in Teilen, doch Lagarde entzog vor kurzem einem Plan die Unterstützung, der Griechenlands Schuldenlast erleichtert hätte.

Die norwegische Premierministerin Erna Solberg ist die zweite Frau an der Spitze des Landes. Seit 2013 regiert sie, seit 2004 ist sie Vorsitzende der mitte-rechten Konservativen Partei. Sie führt eine Koalition an, der auch die rechtspopulistische Fortschrittspartei angehört, die durch Anti-Einwanderungskampagnen von sich reden macht. Ihre Regierungszeit war bisher geprägt durch wirtschaftliche Liberalisierung, Steuerkürzungen und Teilprivatisierungen in Form von Public-Private Partnerships. Immerhin: Solberg führt Policy-Initiativen fort, die die Geschlechtergerechtigkeit durch ein starkes soziales Sicherheitsnetz stärken, anstatt Gender-Rhetorik fürs Abräumen des Sozialstaats zu missbrauchen, wie Hillary Clinton es als First Lady tat.

Die 99%

Das Abschluss-Panel des Weltwirtschaftsforums von 2018 unterstrich noch einmal den Graben zwischen dem Feminismus der Reichen und jenen Millionen von Frauen und Männern, für deren missachtete Menschenrechte dieser 1%-Feminismus sich selbst zum Anwalt macht. Auf dem Künstlerinnen-Panel präsentierte der britische Fotograf Planton Antoniou seine Aufnahme einer Frau aus der Demokratischen Republik Kongo, wo Vergewaltigungen zur Waffe im Kampf um Mineralien geworden sind, die für die Produktion vor allem westlicher Konsumgüter gebraucht werden.

»Sie sah die Möglichkeit, einen Raum von Menschen zu erreichen, in dem einzelne Personen über einen persönlichen Reichtum verfügen, der das Bruttosozialprodukt ihres Heimatlandes übersteigt«

„Sehen sie sich Sandra ganz genau an. Ist sie nicht schön? Sandra wurde mit extremer Brutalität vergewaltigt“, begann Antoniou seinen Votrag, um sein still zuhörendes Publikum dann zu erinnern: „Wir alle sind mit diesem Problem seltsam verflochten“.

Die Rolle der Kunst ist zentral in unserer verzerrten Zeit. Sandra, die Überlebende, bat Antoniou persönlich, ihre Nachricht zu verbreiten, vielleicht weil sie die Möglichkeit sah, damit einen Raum von Menschen zu erreichen, in dem einzelne Personen über einen persönlichen Reichtum verfügten, der das Bruttosozialprodukt ihres Heimatlandes übersteigt. Solange die globalen Systeme des Kapitalismus – seien sie auch geleitet von rein weiblichen Führungsriegen – die extreme Ungleichheit weiter vertiefen, solange wird der Mainstream-Feminismus nicht imstande sein, jene Verhältnisse zu beseitigen, die die Männer und die Frauen von Davos schufen. Der Fotograf beendete seinen Vortrag mit dem Appell: „Da draußen tobt eine moralische Schlacht. Und wir müssen dagegen etwas tun: Indem wir die Lücke schließen, zwischen jenen Menschen, denen gegenüber wir Empathie aufbringen, und denen, die wir vergessen“.

Sanfter Applaus regte sich im Saal.

 

Dieser Text ist zuerst auf dem Blog „Africa is a country“ erschienen. Übersetzung: Linus Westheuser

Rose Worden

Rose Worden lebt in New York und forscht zu Entwicklung und Sicherheit am Horn von Afrika und der MENA-Region (Nordafrika und Naher Osten).